{"id":19838,"date":"2025-02-26T10:48:05","date_gmt":"2025-02-26T09:48:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=19838"},"modified":"2025-02-26T10:48:05","modified_gmt":"2025-02-26T09:48:05","slug":"rezension-aus-der-welt-der-maulwuerfe","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-247-248\/publikation\/rezension-aus-der-welt-der-maulwuerfe\/","title":{"rendered":"Rezension: Aus der Welt der Maulw\u00fcrfe"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em>\u201eBut I work in his factory<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>And I curse the life I&#8217;m living<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>And I curse my poverty<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>And I wish that I could be<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Oh, I wish that I could be<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Oh, I wish that I could be Richard Cory\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">(Simon and Garfunkel)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gegen diese weitverbreitete Vorstellung der \u00dcberlegenheit der Reichen und M\u00e4chtigen schreibt Daniel Loick an, Associate Professor f\u00fcr politische Philosophie und Sozialphilosophie an der Universit\u00e4t Amsterdam. Ich kannte von ihm bisher nur seine Kritik der Polizei (\u201eabolish the police\u201c) und seinen (mit Vanessa Thompson) herausgegebenen Reader zum Abolitionismus. Sein neues Buch beruht auf Essays, die zum Teil bereits auf Deutsch und oder Englisch in Fachzeitschriften erschienen sind und f\u00fcr die vorliegende Ver\u00f6ffentlichung \u00fcberarbeitet wurden. Er hat diese Vorarbeiten um zwei Kapitel erg\u00e4nzt, sowie um eine Einleitung (<em>Im Reich der Maulw\u00fcrfe<\/em>) und ein Schlusswort zur Politik der Maulw\u00fcrfe.<\/p>\n<p>Worum geht es bei den Maulw\u00fcrfen? Es sind \u201edie Helden dieses Buches\u201c (45). Die Metapher geht auf Georg W. F. Hegel zur\u00fcck (der seinerseits Shakespeare zitiert), und sie wurde von Karl Marx \u00fcbernommen und sp\u00e4ter auch von Rosa Luxemburg, um zu verdeutlichen, dass pl\u00f6tzliche Umbr\u00fcche zumeist auf langen m\u00fchseligen, verborgenen Vorarbeiten beruhen. Diese Metapher taucht im Buch immer wieder auf und belebt ein ansonsten, wie die vielen Fu\u00dfnoten und das lange Namensverzeichnis hinl\u00e4nglich zeigen, durchaus gelehrtes und intellektuell anspruchsvolles Buch. Aber warum spricht der Autor von Maulw\u00fcrfen und nicht einfach, wie Marx, von der Arbeiterklasse? Ganz einfach, weil der Autor sich durch Marx hindurchgew\u00fchlt und festgestellt hat, dass es auch andere, miteinander verschr\u00e4nkte Formen von Herrschaft zu beseitigen gilt: neben der kapitalistischen Ausbeutung auch die patriarchale Unterdr\u00fcckung und die rassistische Ausgrenzung (213). \u201eKlassenkampf ist nur einer unter mehreren sozialen K\u00e4mpfen, die mit einander auf komplexe Weise verkn\u00fcpft sind\u201c (270). Die Metapher der Maulw\u00fcrfe deckt also die verschiedensten Formen der Unterdr\u00fcckung und Unterlegenheit ab.<\/p>\n<p>Die titelgebende These behauptet die grunds\u00e4tzliche \u00dcberlegenheit dieser verschiedenen Klassen von Unterlegenen. Ausformuliert wird sie in der Weise, dass jemand \u201epolitisch, \u00f6konomisch, sozial oder kulturell unterdr\u00fcckt sein\u201c, aber dennoch einen \u201eepistemischen, normativen, \u00e4sthetischen oder affektiven Vorteil haben\u201c kann (8). Diese Vorteile sind allerdings nicht per se vorhanden, sondern m\u00fcssen erarbeitet werden. Das Medium daf\u00fcr sind \u201eGegengemeinschaften\u201c (16). Damit meint Loick \u201eGegenkulturen des Respekts\u201c (in Anlehnung an Axel Honneth), das hei\u00dft solche, die die von spezifischen Regeln der Verantwortung und der Achtung gepr\u00e4gt sind. Das m\u00f6gen Familien, Gangs, Jugendkulturen, aber auch breitere politische oder soziale Bewegungen sein (47). Das Buch illustriert diese These in vier zentralen Kapiteln:<\/p>\n<ul>\n<li>Das Wissen von Gegengemeinschaften (Was Maulw\u00fcrfe wissen).<\/li>\n<li>Die Normativit\u00e4t von Gegengemeinschaften (Die Freiheit der Maulw\u00fcrfe).<\/li>\n<li>Die \u00c4sthetik von Gegengemeinschaften (Die Sch\u00f6nheit der Maulw\u00fcrfe).<\/li>\n<li>Die Affektivit\u00e4t von Gegengemeinschaften (Die Gef\u00fchle der Maulw\u00fcrfe).<\/li>\n<\/ul>\n<p>Dabei beeindruckt der Autor durch stupende Kenntnisse der Literatur von und \u00fcber gesellschaftliche Randgruppen und Subkulturen der unterschiedlichsten Art: anarchistische, artistische, queer-feministische, anti-rassistische, abolitionistische etc. Es erscheint unm\u00f6glich, die F\u00fclle der dabei auftauchenden praktischen und theoretischen Einsichten hier im Einzelnen wiederzugeben, aber Loick hat diesen zentralen Kapiteln jeweils drei Beispiele vorangestellt, welche die Buntheit seiner Beweisf\u00fchrung demonstrieren. Als Beispiele f\u00fcr das \u00fcberlegene Wissen der Unterlegenen erinnert er an die Erfahrung j\u00fcdischer Fl\u00fcchtlinge in den USA, aber auch an die der Schwulen w\u00e4hrend der AIDS-Hysterie. Als Beispiele f\u00fcr die normative \u00dcberlegenheit fungieren das Durchschauen moralischer Korruption aus der Perspektive der Arbeiterbewegung, der Frauenbewegung, der schwarzen und queeren Bewegung. Beispiele aus dem Bereich \u00c4sthetik belegen eher subkulturelle Unterschiedlichkeit als \u00dcberlegenheit. Beispiele affektiver \u00dcberlegenheit sind besonders einleuchtend im Zusammenhang mit der Solidarit\u00e4t in Krisen\/Katastrophen.<\/p>\n<p>Das Buch ist vielfach anregend, erhellend und randvoll mit \u00fcberraschenden Ideen. Immer wieder begegnen den Leser*innen anschauliche Beispiel und Thesen, die ein, f\u00fcr sich genommen, ein perfektes Handbuch f\u00fcr Sozialrevolution\u00e4re bilden k\u00f6nnten. Der Text demonstriert auch die enorme Belesenheit des Autors. Einschr\u00e4nkend sei aber erw\u00e4hnt, dass er stellenweise terminologisch m\u00fchselig zu lesen ist. Zwei wahllos heraus gegriffene Beispiele: \u201eDie normative Struktur von Gegengemeinschaften ist weder kompensatorisch, noch defizit\u00e4r, sondern antagonistisch und kontestatorisch\u201c (47); \u201eVor allem aber verspielt eine auf Inklusion setzende Strategie die normativen Potentiale, die gerade aus der subordinanten Position eines Herrschaftsgef\u00fcges emergieren\u201c (150). Mit der Auslegung solcher S\u00e4tze k\u00f6nnte man ganze Seminare bestreiten, die dazu allerdings auch n\u00f6tig w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Die f\u00fcr den Autor wichtigsten Quellen lassen sich anhand des Personenregisters leicht ermitteln: W. E. B. Du Bois (28 Nennungen), Angela Davis (15), Fred Moten (14), Antonio Negri (12), Ruth W. Gilmore (12), bell hooks (11). Jedoch fehlen zwei Inspirationsquellen, die hier besonders gut gepasst h\u00e4tten: der unerm\u00fcdliche Theoretiker und Inspirator von Subkulturen, Rolf Schwendter (1971), und der norwegische Soziologe Thomas Mathiesen, der mit seiner Philosophie des Unfertigen dem Strafrechts-Abolitionismus einen \u00fcber die Abschaffung einzelner Institutionen reichenden dauerhaften Drive gegeben hat. Diese Art von umfassendem Abolitionismus geh\u00f6rt n\u00e4mlich auch zu den strategischen Vorschl\u00e4gen Loicks: \u201eDer zentrale Bezugspunkt bleibt dabei die Aufhebung, nicht die Verbesserung der bestehenden Gesellschaft\u201c (250). Diese grundlegende Reformismuskritik sei aber nicht mit Quietismus im Hier und Jetzt zu verwechseln. Vielmehr pl\u00e4diert Loick f\u00fcr den Aufbau von Gegen-Institutionen:<\/p>\n<blockquote>\n<p>\u201ezur Herstellung interpersonaler Sicherheit und der Bek\u00e4mpfung von patriarchaler Gewalt in Nahbeziehungen, die Organisation von Strukturen der Gegenseitigen Hilfe, insbesondere in akuten Krisensituationen wie Naturkatastrophen, die Einrichtung freier Schulen und Bereitstellung radikaler Bildungsangebote, aber auch konfrontative Aktionen wie Platz- Haus- oder Fabrikbesetzungen\u201c (260).<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Spannend, wenn auch fragw\u00fcrdig wirken aber die Folgerungen, die Loick im Schlusskapitel (<em>Die Politik der Maulw\u00fcrfe<\/em>) aus alledem zieht. Es ist eine Art Neufassung der Randgruppentheorie, mit der Herbert Marcuse in den 1960er Jahren die Ge\u00e4chteten und Au\u00dfenseiter*innen (anstelle des Proletariats) zu Katalysatoren der gesellschaftlichen Transformation erkl\u00e4rt hatte, was damals zeitweise zur Romantisierung des Lumpenproletariats und zu \u00fcbertriebenen Hoffnungen auf die \u201eGefangenenbewegung\u201c f\u00fchrte. Diese Theorie hatte Loick am Anfang des Buches f\u00fcr defizit\u00e4r erkl\u00e4rt, weil sie die \u201eBedingungen der Befreiung\u201c nicht \u201eim Herzen der gesellschaftlichen Reproduktion verorten\u201c k\u00f6nnte (59). Da kann man ihm nur recht geben (so schon Schumanns Votum f\u00fcr eine \u201epolitische Randgruppenarbeit\u201c, in seiner Einf\u00fchrung zu Mathiesen 1979).<\/p>\n<p>Loick sieht zwar kein neues revolution\u00e4res Subjekt, \u201ein dessen sozialer Position eine revolution\u00e4re Politisierung schon automatisch oder organisch angelegt w\u00e4re\u201c (280). Er findet aber in zentralen Dom\u00e4nen der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft (\u00d6konomie, Staat, Familie) \u201eSubjekte, die im Umw\u00e4lzen (und Umgew\u00e4lztwerden) ge\u00fcbt sind\u201c (281). Er sieht dieses Ver\u00e4nderungspotential bei den Eigentumslosen, bei den rassifizierten Teilen der Gesellschaft und bei den von \u201eheteropatriarchalen Verwandtschaftsregimen\u201c Ausgeschlossenen. Auf der Vereinigung dieser realen abolitionistischen Bewegungen \u201eder Armen, der Staatenlosen und der Queers\u201c gr\u00fcndet er seine Hoffnung \u201edie Welt von innen umzuw\u00e4lzen\u201c (286). Als Beispiele f\u00fcr die M\u00f6glichkeit solcher B\u00fcndnisse nennt er zwei prominente Versuche heterogener Gegengemeinschaften (285ff.): die von den Black Panthers in den 1970er Jahren initiierte Rainbow Coalition und den Zapatismo, die zapatistische Befreiungsorganisation der 1990er Jahre in Chiapas, Mexico. Er h\u00e4tte auch Occupy Wallstreet (2011) mit deren Slogan \u201eWe are the 99%\u201c nennen k\u00f6nnen, der ein klares gemeinsames Ziel f\u00fcr die \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit der Gesellschaft zu benennen versuchte. Diese Bewegungen hatten jedoch nur eine sehr kurze Halbwertszeit und sind daher als Beleg f\u00fcr das revolution\u00e4re Potential der Marginalisierten wenig \u00fcberzeugend. Dennoch k\u00f6nnen sie f\u00fcr andere str\u00f6mungs\u00fcbergreifende Versuche der Ver\u00e4nderung inspirativ und zukunftsf\u00e4hig sein. Gegen Ende des Buches erspart sich Loick jede konkretere Ausarbeitung seiner Umw\u00e4lzungsstrategie. Er kehrt stattdessen zur Metaphorik zur\u00fcck (und l\u00e4sst damit Raum f\u00fcr sozialrevolution\u00e4re Kreativit\u00e4t):<\/p>\n<blockquote>\n<p>\u201edie Maulw\u00fcrfe werden niemals aufh\u00f6ren, das zu machen, was sie am besten k\u00f6nnen. Sie k\u00f6nnen ihre G\u00e4nge ausdehnen und ihre Territorien erweitern. Sie k\u00f6nnen sich fortpflanzen und vermehren. Sie k\u00f6nnen Befestigungen anlegen und Verbindungen eingehen. Sie k\u00f6nnen Z\u00e4une ignorieren und Maschinen sabotieren. Wenn der Boden dann, so ausgeh\u00f6hlt, \u201azu beben beginnt\u2018, werden diejenigen einen Vorteil haben, die es gelernt haben, zu graben\u201c (287f.).<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Johannes Feest<\/em><\/p>\n<h3 class=\"\">Zus&auml;tzlich verwendete Literatur<\/h3>\n<p><em>Mathiesen, Thomas<\/em> 1979: \u00dcberwindet die Mauern!? Die skandinavische Gefangenenbewegung als Modell politischer Randgruppenarbeit, Darmstadt.<\/p>\n<p><em>Schwendter, Rolf<\/em> 1971: Theorie der Subkultur, K\u00f6ln.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[2973,21,47,2977,2957],"tags":[791,667],"autoren":[220],"publikationen":[4041],"class_list":["post-19838","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","category-armut","category-demokratisierung","category-lebensweisen-pluralismus","category-strafrecht-2","category-strafvollzug","tag-rezension","tag-vorgaenge-artikel","autoren-johannes-feest","publikationen-vorg-247-248"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Rezension: Aus der Welt der Maulw\u00fcrfe - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-247-248\/publikation\/rezension-aus-der-welt-der-maulwuerfe\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Rezension: Aus der Welt der Maulw\u00fcrfe - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"\u201eBut I work in his factory And I curse the life I&#8217;m living And I curse my poverty And I wish that I could be Oh, I wish that I could be Oh, I wish that I could be Richard Cory\u201c (Simon and Garfunkel) &nbsp; 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