{"id":20018,"date":"2025-05-22T14:48:06","date_gmt":"2025-05-22T12:48:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=20018"},"modified":"2025-05-22T14:48:06","modified_gmt":"2025-05-22T12:48:06","slug":"rezension-chancen-verpasst-das-verhaeltnis-des-westens-zum-postsowjetischen-russland","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-249\/publikation\/rezension-chancen-verpasst-das-verhaeltnis-des-westens-zum-postsowjetischen-russland\/","title":{"rendered":"Rezension: Chancen verpasst: Das Verh\u00e4ltnis des Westens zum postsowjetischen Russland."},"content":{"rendered":"<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Katharina Bluhm, Professorin f\u00fcr Soziologie mit dem Schwerpunkt Osteuropa an der Freien Universit\u00e4t Berlin, war bei Aufnahme ihrer Arbeit am Buch eine Kritikerin der im Westen verbreiteten \u201ePutinologie\u201c. Diese sieht die Entwicklung Russlands wesentlich als Werk eines Mannes, der mit kleiner Gefolgschaft die Macht an sich gerissen habe. Ironisch-kritisch notiert Bluhm: \u201eJetzt tummeln sich auf dem B\u00fcchermarkt schlanke Schriften \u00fcber die Imperiums- und Gewaltgeschichte Russlands von Iwan dem \u201aSchrecklichen\u2018 bis Putin \u201adem Entr\u00fcckten\u2018\u201c (S. 383) Diese \u201ePutinologie\u201c habe den Blick auf Russland verengt.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Es sind allerdings nicht nur \u201eschlanke Schriften\u201c, die sich auf dem Buchmarkt \u201etummeln\u201c. Hier seien erw\u00e4hnt Gwendolyn Sasse, die eine Gesamtschau der Bedingungsfaktoren des Krieges gegen die Ukraine liefert. Zu nennen sind auch Michael Thumanns <i>Revanche. Wie Putin das bedrohlichste Regime der Welt geschaffen hat<\/i> (2023), Sabine Fischers <i>Die chauvinistische Bedrohung. Russlands Kriege und Europas Antworten<\/i> (2023) oder auch Gesine Dornbl\u00fcths und Thomas Frankes <i>Jenseits von Putin. Russlands toxische Gesellschaft<\/i> (2023).<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Bluhms Arbeit bewegt sich im Feld der historischen Soziologie. Das hei\u00dft, sie hat sich die Aufgabe gestellt,<\/p>\n<blockquote class=\"western\">\n<p>\u201eeine wichtige ideologische Str\u00f6mung Ru\u00dflands nach 1989 im Kontext sozio\u00f6konomischer Entwicklung und politischer Ereignisse zu betrachten sowie deren Einfluss auf die schrittweise Herausbildung einer neuen Staatsideologie und eines oligarchischen Staatskapitalismus zu analysieren\u201c (S. 11).<\/p>\n<\/blockquote>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Diese kritische Analyse sei wichtig, da man ohne sie weder die \u201edirekte und indirekte Beteiligung des \u201aWestens\u2018 an der neuerlichen Abkehr Russlands von ihm\u201c begreifen noch einen Zugang zu dem finden kann, was nach Putin kommen wird (S. 383).<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Das Buch gliedert sich in vier Kapitel: Liberalismus in Jelzins hybridem Regime, die konservative Gegenbewegung, politische Motive, Ideen und Konzepte und Metamorphosen des russischen Staatskapitalismus. Unter dem Eindruck der russischen Gro\u00dfinvasion in die Ukraine hat die Autorin ein weiteres Kapitel angef\u00fcgt, das kl\u00e4ren will, \u201einwieweit der Kriegsf\u00fchrungsstaat eine neuerliche Metamorphose des russischen Staatskapitalismus bedeutet\u201c (S. 25). Das Verst\u00e4ndnis von \u201eWesten\u201c meint heute aus russischer Sicht \u201eweder die L\u00e4nder Europas noch die USA an sich, sondern die sie verkn\u00fcpfende komplexe transnationale Struktur\u201c, die es den USA erlaubt, als globaler Hegemon zu agieren (S. 8). Die Europ\u00e4ische Union wie die NATO geh\u00f6ren zu dieser Struktur.<\/p>\n<h3 class=\"v-absatz-einzug-western \"><span id=\"von-der-chaos-dekade-zum-illiberalen-konservatismus\">Von der &bdquo;Chaos-&shy;De&shy;kade&ldquo; zum &bdquo;illi&shy;be&shy;ralen Konser&shy;va&shy;tismus&ldquo;<\/span><\/h3>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Beim Versuch, auf den Tr\u00fcmmern der sowjetischen Planwirtschaft eine leistungsf\u00e4higere marktregulierte Wirtschaft zu errichten, folgten Pr\u00e4sident Boris Jelzin und Ministerpr\u00e4sident Egor Gaidar den neoliberalen Empfehlungen des Washington Consensus. Dieser bezieht sich auf die in Washington ans\u00e4ssigen Organisationen der internationalen Entwicklungspolitik, die Finanzhilfen an bestimmte Bedingungen gekn\u00fcpft hatten (S. 35). Dementsprechend wurden in Russland Staatsbetriebe privatisiert, die Preise freigegeben, der Binnenmarkt und der Au\u00dfenhandel liberalisiert. Die Politik der \u201eSchocktherapie\u201c endete schlie\u00dflich im russischen Staatsbankrott von 1998. Die Schocktherapie, so hat Jelzin sp\u00e4ter formuliert, sei eine \u201eNotoperation ohne Narkose\u201c gewesen (S. 70).<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Diese Liberalisierung der Wirtschaft und der \u00dcbergang zur Demokratie unter Jelzin waren in Russland mit Hyperinflation und dem sozialen Niedergang weiter Bev\u00f6lkerungsteile verbunden \u2013 w\u00e4hrend Profiteure des Umbruchs als Oligarchen ungeheuren Reichtum anh\u00e4uften.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Die 1990er Jahre pr\u00e4gten in Russland somit die Erfahrungen mit Liberalismus und Demokratie. Sie waren<\/p>\n<blockquote class=\"western\">\n<p>\u201edas Laboratorium f\u00fcr die <i>illiberal-konservative Gegenbewegung<\/i> zu Liberalismus und Westintegration. Diese Bewegung, beginnend in den 2000er Jahren, nahm sukzessive Gestalt an und war eine breite gesellschaftlich-politische Bewegung, die nicht einfach von oben, einer Person oder einem kleinen Kreis von Leuten mit ein paar Spindoktoren ausging\u201c (S. 12).<\/p>\n<\/blockquote>\n<h3 class=\"v-absatz-einzug-western \"><span id=\"der-neue-russische-konservatismus\">Der neue russische Konser&shy;va&shy;tismus<\/span><\/h3>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Der <i>neue russische Konservatismus<\/i> lebte von einem Zerrbild des Liberalismus und der Globalisierung. Dies war aber nicht nur Ergebnis dieser Erfahrungen, sondern hat mit einer Dominanz eines spezifischen (Neo-)Liberalismus zu tun, der durch Antikommunismus und Antietatismus gepr\u00e4gt war. Die \u201e\u00dcberrumpelung\u201c der Gesellschaft im Zuge der Transformation von der Plan- zur Marktwirtschaft suggerierte Zeitknappheit und Alternativlosigkeit, die wichtige langsamere Wege und Schritte des Umbaus der Wirtschaft verhinderten und die neu geschaffenen demokratischen Institutionen besch\u00e4digten (S. 384).<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Es ist verdienstvoll, dass Bluhm eine Darstellung all jener Str\u00f6mungen und deren Tr\u00e4ger leistet, die zeitgen\u00f6ssisch um die Haltung zur nationalen Frage, um die angemessene Wirtschaftspolitik und die \u201egeopolitische Identit\u00e4t Russlands\u201c miteinander rangen (S. 121). Dazu geh\u00f6rten sogenannte Neo-Eurasier*innen, gro\u00dfrussische Nationalist*innen, russische Ethnonationalist*innen, orthodoxe Imperialist*innen, Monarchist*innen, Nationalbolschewist*innen oder auch patriotische Kommunist*innen. Dazu kam die russisch-orthodoxe Kirche, die die Universalit\u00e4t der Menschenrechte ablehnte und sich stattdessen f\u00fcr die Verteidigung \u201etraditioneller Werte\u201c stark machte. F\u00fcr diese Str\u00f6mungen war klar, dass Jelzin und die Reformer ausgedient hatten, liberale Vorstellungen f\u00fcr Russland sch\u00e4dlich waren und Russland Gro\u00dfmacht sein und bleiben m\u00fcsse.<\/p>\n<h3 class=\"v-absatz-einzug-western \"><span id=\"das-werben-um-den-westen\">Das Werben um den Westen<\/span><\/h3>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Putin galt anfangs als Pragmatiker und nicht als Antiwestler. Er war an einer Ann\u00e4herung an die USA und einer Zusammenarbeit mit der EU interessiert. Die Idee des Freihandels von Lissabon bis Wladiwostok \u2013 das Konzept von Gro\u00dfeuropa \u2013 war in seiner ersten Amtszeit (2000-2004) pr\u00e4sent und wurde in Russland intensiv diskutiert, im Westen dagegen kaum, so Bluhm.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Im Aufsatz <i>Russland an der Jahrtausendwende<\/i> von 1999 k\u00fcndigte Putin an, die \u201eideologische Spaltung des Landes\u201c \u00fcberwinden zu wollen (S. 171). Damit hat er, so Bluhm, eine ideologische Neuausrichtung der russischen Eliten formuliert. Er betont, dass Russland seinen eigenen Weg finden m\u00fcsse, um mit den USA und China mithalten zu k\u00f6nnen. Das setze einen \u201estarken Staat\u201c als \u201eHaupttriebkraft jeder Ver\u00e4nderung\u201c voraus. Der russische Weg sollte \u201ekeine Alternative zur liberalen Marktwirtschaft und keine Abkopplung vom Westen bedeuten\u201c (S. 171). Putin lehnte kategorisch eine \u201eStaatsideologie\u201c ab. Er galt als \u201eliberaler Konservativer\u201c mit Interesse am US-amerikanischen Konservatismus.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Nach dem 11. September 2001 bot sich Putin \u201eals gleichberechtigter Partner im Kampf gegen den globalen Terrorismus an der Seite der USA an\u201c (S. 174). In seiner Rede vor dem Deutschen Bundestag, 14 Tage nach dem 11. September, bezeichnete Putin Russland als europ\u00e4isches Land und warb f\u00fcr eine enge Zusammenarbeit:<\/p>\n<blockquote class=\"western\">\n<p>\u201eNiemand bezweifelt den gro\u00dfen Wert der Beziehungen Europas zu den Vereinigten Staaten. Aber ich bin der Meinung, dass Europa seinen Ruf als m\u00e4chtiger und selbst\u00e4ndiger Mittelpunkt der Weltpolitik langfristig nur festigen wird, wenn es seine eigenen M\u00f6glichkeiten mit den russischen menschlichen, territorialen und Naturressourcen sowie mit den Wirtschafts-, Kultur- und Verteidigungspotentialen Russlands vereinigen wird.\u201c (S. 174)<\/p>\n<\/blockquote>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">In der R\u00fcckschau ist es erkl\u00e4rungsbed\u00fcrftig, was sich zwischen Putins Positionen 2001 und dem Angriff auf die Ukraine 2022 ereignet hat.<\/p>\n<h3 class=\"v-absatz-einzug-western \"><span id=\"die-abwendung-vom-westen\">Die Abwendung vom Westen<\/span><\/h3>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Die Ann\u00e4herung an die USA und die Zusammenarbeit mit der EU sind von einer in Stufen erfolgenden Eskalationsdynamik abgel\u00f6st worden, die mit innen- und au\u00dfenpolitischen Ereignissen verbunden war. Die Orangene Revolution in der Ukraine 2004, die einsetzende Westorientierung der Ukraine und die Ausweitung von NATO und EU, verbunden mit dem nur z\u00f6gerlichen Eingehen des Westens auf das Projekt Gro\u00dfeuropa, f\u00fchrten zur Entt\u00e4uschung und Entfremdung der russischen Eliten und auch Putins gegen\u00fcber dem Westen.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Auf der M\u00fcnchner Sicherheitskonferenz 2007 ging Putin mit der US-amerikanischen <i>unilateralen<\/i> Au\u00dfenpolitik ins Gericht, die souver\u00e4ne Au\u00dfenpolitik Russlands betonend. Die Open-Door-Politik der USA und Gro\u00dfbritanniens gegen\u00fcber Georgien und der Ukraine auf dem NATO-Gipfel in Bukarest 2008, der mit einer prinzipiellen Beitrittszusage ohne Datum endete, f\u00fchrte mehr noch als die Position auf der M\u00fcnchener Sicherheitskonferenz zu einer \u201estrategischen Neubewertung der Beziehung Russlands zum Westen und war somit ein entscheidender Schritt in dieser Eskalationsgeschichte\u201c (S. 187).<\/p>\n<h3 class=\"v-absatz-einzug-western \"><span id=\"die-konservative-wende-wird-staatsprojekt\">Die konser&shy;va&shy;tive Wende wird Staats&shy;pro&shy;jekt<\/span><\/h3>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">\u201eZum Machtpolitiker gesellte sich nun der Ideologe\u201c, schreibt Bluhm (S. 181) und kennzeichnet damit den \u00dcbergang zur \u201ekonservativen Wende\u201c seit 2012, in der eine konservative Bewegung in ein <i>Staatsprojekt<\/i> transformiert wird. Dieser <i>Staatskonservatismus<\/i> wird von Putin im Rahmen seiner Kampagne zur Wiederwahl nach Medwedews Interregnum als Pr\u00e4sident (2008-2012) in einer Serie von Artikeln dargelegt.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Der neue Konservatismus erh\u00e4lt somit den \u201eZulassungsstempel von der h\u00f6chsten russischen Regierungsspitze und mutiert zu einem Staatsprojekt, das sich klar gegen den Liberalismus positioniert\u201c. Das findet seinen Niederschlag in einem staatlich sanktionierten Kanon \u201etraditioneller Werte\u201c, im Eingang in die Bildungs- und Kulturpolitik, in Gesetzestexten, Strategiepapieren und in die russische Verfassung von 2020. (S. 191f.) Putins offenes Bekenntnis zum russischen Konservatismus ist im Zusammenhang und unter dem Einfluss der<i> konservativen Gegenbewegung<\/i> zu verstehen, \u201edie nun zu einer wichtigen St\u00fctze seiner Herrschaft wurde\u201c (S. 192). Die Machtressourcen des russischen Regimes, so Bluhm, beschr\u00e4nken sich nicht auf den Staats- und Sicherheitsapparat sowie die Propagandamaschinerie. Vielmehr nutze das Regime daf\u00fcr auch \u201edie neue Staatsideologie und den oligarchischen Staatskapitalismus, der den Apparat finanziert\u201c (S. 387).<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Das Echo bei den Rechtspopulist*innen in Europa und bei den amerikanischen Konservativen war entsprechend. Der US-Republikaner Patrick J. Buchanan fragte: \u201eIst Putin nicht einer von uns?\u201c, und William S. Lind, Trump-Unterst\u00fctzer, meinte: \u201eAmerikas Konservative sollten die R\u00fcckkehr eines konservativen Russlands begr\u00fc\u00dfen\u201c (S. 193).<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Putin hat die Anti-Maidan-Proteste in Odessa und im Donbass zum Anlass genommen, die Halbinsel Krim 2014 zu besetzen und die ukrainischen Separatist*-innen in der S\u00fcd- und Ostukraine zu unterst\u00fctzen. Sehr fr\u00fch schon, schreibt Bluhm, habe die Abwendung der Ukraine von Russland zu den zentralen Themen geh\u00f6rt, \u201ean denen sich die ideologische Radikalisierung der illiberal-konservativen Gegenbewegung vollzog\u201c (S. 385).<\/p>\n<h3 class=\"v-absatz-einzug-western \"><span id=\"die-nationale-frage-und-die-oekonomische-fundierung-des-konservatismus\">Die Nationale Frage und die &ouml;konomische Fundierung des Konser&shy;va&shy;tismus<\/span><\/h3>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">In der erw\u00e4hnten Artikelserie von 1999 r\u00e4umt Putin der russischen Nation eine Sonderstellung in der multinationalen F\u00f6deration ein. Sie sei die <i>staatsbildende<\/i> Nation: \u201eDas hei\u00dft, die russische [Nation] ist der Staatsgr\u00fcnder, um dann im Staatsverband als eine Art Primus inter Pares zu fungieren\u201c (S. 190). Er bezieht sich dabei auf die \u201erussische Kultur\u201c und das \u201erussische Volk\u201c, die die einzigartige russl\u00e4ndische \u201eZivilisation\u201c ausmachen. Unausgesprochen z\u00e4hle Putin die Ukraine und Belarus zur \u201estaatsbildenden\u201c russischen Nation dazu, meint Bluhm, und zitiert den Pr\u00e4sidenten: \u201eEs ist dieser Kern, den verschiedene Provokateure und unsere Gegner mit aller Macht versuchen, Russland zu entrei\u00dfen\u201c (S. 190).<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Die konservativen Ideologen waren der Ansicht, dass Russlands Gro\u00dfmachtstatus die Existenz eines eigenen Wirtschaftsraumes im Sinne eines regional erweiterten Binnenmarktes voraussetzen. Russland k\u00f6nne auf Dauer nur souver\u00e4n bleiben, wenn es ein eigenes Wirtschaftszentrum mit einer starken Peripherie aus Anrainerstaaten aufbaue. Das Wirtschaftszentrum m\u00fcsse alle Bereiche koordinieren: \u00d6konomie, Handel, Finanzen, Recht, Politik sowie Diplomatie und Ideologie. Versuche des Westens, das \u201enahe Ausland\u201c aus dem Orbit Russlands herauszul\u00f6sen, begreifen daher die Ideologen \u201eals Leugnung des Existenzrechts Russlands und damit im wahrsten Sinne des Wortes als Kriegserkl\u00e4rung\u201c (S. 280).<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Wer in Bluhms h\u00f6chst differenzierter und \u00fcberw\u00e4ltigend detailreicher Darstellung eine b\u00fcndige Erkl\u00e4rung f\u00fcr den \u00dcberfall Russlands auf die Ukraine erwartet, wird diese nicht finden. Man erf\u00e4hrt, dass die Bev\u00f6lkerung nicht ideologisch gezielt auf einen \u201evollumf\u00e4nglichen Krieg\u201c vorbereitet war und der Staatskapitalismus mit seiner auf Sicherheit bedachten Geld- und Haushaltspolitik zur \u201eAkkumulation von Reserven f\u00fcr die Kriegsf\u00fchrung\u201c sorgte (S. 357).<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Dieser Staatskapitalismus lebt von einem starken Exportsektor bei Erd\u00f6l, Erdgas, Getreide und anderen Rohstoffen sowie auf gro\u00dfen, vertikal integrierten Industrieunternehmen und Banken.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Es sei eine Illusion des Westens gewesen, das Putin-Regime mit historisch einmaligen Wirtschaftssanktionen in die Knie zwingen und den globalen S\u00fcden politisch gewinnen zu k\u00f6nnen. Der russische Staatskapitalismus habe sich zumindest kurz- und mittelfristig als flexibler und anpassungsf\u00e4higer erwiesen als vermutet. Die Reaktionen auf die westlichen Sanktionen<\/p>\n<blockquote class=\"western\">\n<p>\u201ehaben deutlich werden lassen, dass Russland sowohl f\u00fcr China als auch f\u00fcr den sogenannten Globalen S\u00fcden einen unverzichtbaren Akteur darstellt, um Alternativen zu einer vom Westen dominierten Weltwirtschaftsordnung zu schaffen.\u201c (S. 388)<\/p>\n<\/blockquote>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Skeptisch bleibt die Autorin in Hinblick auf den Erfolg dieser Zukunftsvision Russlands. Sicher sei aber, \u201edass sich die gro\u00dfe Offenheit gegen\u00fcber dem Westen, wie sie in weiten Kreisen der russischen Eliten und der Intelligenzija Anfang der 1990er Jahre bestand, nicht wiederholen wird\u201c (S. 384).<\/p>\n<p align=\"right\"><em>Werner Koep-Kerstin<\/em><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[37,6],"tags":[4182,3790,4184,4186,4181,791,3120,4183,4185,3119,667],"autoren":[133],"publikationen":[4140],"class_list":["post-20018","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","category-europa-internationales","category-frieden","tag-katharina-bluhm","tag-konservatismus","tag-liberalismus","tag-postsowjetisch","tag-putin","tag-rezension","tag-russland","tag-russland-und-der-westen","tag-sowjetunion","tag-ukraine","tag-vorgaenge-artikel","autoren-werner-koep-kerstin","publikationen-vorg-249"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Rezension: Chancen verpasst: Das Verh\u00e4ltnis des Westens zum postsowjetischen Russland. - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-249\/publikation\/rezension-chancen-verpasst-das-verhaeltnis-des-westens-zum-postsowjetischen-russland\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Rezension: Chancen verpasst: Das Verh\u00e4ltnis des Westens zum postsowjetischen Russland. - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Katharina Bluhm, Professorin f\u00fcr Soziologie mit dem Schwerpunkt Osteuropa an der Freien Universit\u00e4t Berlin, war bei Aufnahme ihrer Arbeit am Buch eine Kritikerin der im Westen verbreiteten \u201ePutinologie\u201c. 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