{"id":20142,"date":"2025-09-15T14:53:35","date_gmt":"2025-09-15T12:53:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=20142"},"modified":"2025-09-15T14:53:35","modified_gmt":"2025-09-15T12:53:35","slug":"editorial-95","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-250\/publikation\/editorial-95\/","title":{"rendered":"Editorial"},"content":{"rendered":"<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Der Schwerpunkt des vorliegenden Heftes handelt vom aktuellen Stand der deutschen Einheit. Dabei ist das Heft als Alternativbericht zu dem seit 1994 von der Bundesregierung beziehungsweise dem Ostbeauftragten des Bundes j\u00e4hrlich herausgegebene Bericht zum Stand der deutschen Einheit konzipiert. Im Bundestagswahlkampf 2025 hatten CDU\/CSU get\u00f6nt, den Ostbeauftragten und den Bericht abschaffen zu wollen. Noch ist es anders gekommen, aber die Abwendung von den Problemen der deutschen Einheit geht in Westdeutschland immer weiter. Einzig das stetige \u00fcberproportionale Wachsen der AfD in Ostdeutschland zwingt herrschende Eliten, den Osten in den Blick zu nehmen. Diesen Mechanismus gilt es zu durchbrechen. Dazu m\u00fcssen die andauernde soziale und \u00f6konomische Unterlegenheit des Ostens und die Unterrepr\u00e4sentanz Ostdeutscher in der bundesdeutschen Gesellschaft analysiert werden, um das damit einhergehende Macht- und Verantwortungsgef\u00e4lle zu ver\u00e4ndern. Die demokratische Entwicklung des Ostens h\u00e4ngt von der \u00dcberwindung dieser defizit\u00e4ren Zust\u00e4nde ab. Im Unterschied zum Regierungsbericht ist unser Alternativbericht deshalb keine schnell zu vergessene Feierstunde, sondern eine sachliche Analyse des Unerreichten.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Wir sammelten keine pathetischen Jubelartikel zum 35. Jahrestag der Wiedervereinigung von einflussreichen politischen Personen, sondern versuchen, die ostdeutsche Entwicklung seit der friedlichen Revolution 1989 an Hand von Daten und Fakten m\u00f6glichst systematisch zu skizzieren.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Dazu beginnt dieses Heft notwendiger Weise mit der \u00f6konomischen Entwicklung von Ostdeutschland. Unerl\u00e4sslich ist es dabei, den Ausgangspunkt der \u00f6konomischen Umgestaltung Ostdeutschlands zu erl\u00e4utern, weil dieser bis heute die wirtschaftliche Entwicklung im Osten scheinbar alternativlos pr\u00e4gt. Die \u00f6konomischen Umw\u00e4lzungen im Osten begannen mit der Wirtschafts- und W\u00e4hrungsunion und wurden durch die Privatisierungen durch die Treuhandanstalt in den 1990ern vollendet. <i>Ulrich Busch<\/i> beschreibt in seinem Eingangsartikel eindringlich, welche Folgen die am 1. Juli 1990 in Gang gesetzte W\u00e4hrungsunion f\u00fcr die DDR-Wirtschaft hatte. Den schockartigen Modus der Einf\u00fchrung der kapitalistischen Markt- und Geldwirtschaft durch die W\u00e4hrungsunion h\u00e4lt er nicht nur f\u00fcr den Untergang der DDR-Betriebe f\u00fcr urs\u00e4chlich, sondern auch daf\u00fcr, dass die Angleichung der Lebensverh\u00e4ltnisse in Ostdeutschland an jene des Westens bis heute nicht gelingt. Zu den Privatisierungen durch die Treuhand k\u00f6nnen wir nach dem 2020 erschienenen Standardwerkwerk <i>Die Treuhand. Idee \u2013 Praxis \u2013 Erfahrung 1990-1994<\/i> von Marcus B\u00f6ick nichts grunds\u00e4tzlich Neues pr\u00e4sentieren. Wir haben deshalb einen Beitrag von <i>Paul Seibicke<\/i> \u00fcber die Treuhand als der Untoten in der ostdeutschen Erinnerungspolitik aufgenommen. Darin wird gezeigt, wie die Treuhand im Bewusstsein der Ostdeutschen als Gespenst umgeht und immer wieder den politischen Diskurs pr\u00e4gt. Kontrastierend dazu wird anhand aktueller Wirtschaftsdaten von <i>Oliver Holtem\u00f6ller<\/i> beschrieben, wie sich die ostdeutsche Wirtschaft seit der Wiedervereinigung entwickelt hat. Er vergleicht die ostdeutsche Wirtschaft mit der Westdeutschlands und der restlichen EU. F\u00fcr ihn ist der Aufholprozess Ostdeutschlands eine Erfolgsgeschichte, die jedoch hinter den Erwartungen und Versprechungen der Wiedervereinigungszeit zur\u00fcckgeblieben ist.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">An diesen Block zur wirtschaftlichen Entwicklung schlie\u00dft ein Block zur Sozialstruktur und Bev\u00f6lkerungsentwicklung an. <i>Karin Lohr<\/i> zeigt auf, wie sich die Sozialstruktur Ostdeutschlands in Folge der erw\u00e4hnten \u00f6konomischen Umw\u00e4lzungen ver\u00e4ndert hat. Deutlich arbeitet sie die sozialstrukturellen Unterschiede zu Westdeutschland heraus und verdeutlicht, wie sich Ostdeutschland noch lange von Westdeutschland unterscheiden wird. Ein besonderes Kapitel innerhalb der ostdeutschen Sozialstruktur ist die von <i>Hildegard Maria Nickel<\/i> beschriebene Gleichstellung und Geschlechtergerechtigkeit. Der \u201eGleichstellungsvorsprung\u201c Ostdeutschlands in Sachen Geschlechtergerechtigkeit hat heute trotz seiner Ambivalenzen teilweise Modellcharakter. Das Gegenteil gilt f\u00fcr den von <i>Jochen Fleischhacker <\/i>analysierten demografischen Wandel von 1990 bis 2023 in den neuen Bundesl\u00e4ndern. Dieser verlief strukturell entgegengesetzt und negativ im Vergleich zu den alten Bundesl\u00e4ndern.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Daran anschlie\u00dfend befassen sich eine Reihe von Artikeln mit den daraus resultierenden politischen Entwicklungen. <i>Frank Decker<\/i> betrachtet die Entwicklung der Parteiendemokratie und des Parteiensystem in Ostdeutschland. Trotz oder wegen der der \u00dcbernahme des westdeutschen Parteiensystems im Osten unterscheide sich das Wahlverhalten im Osten stark von dem des Westens, aber auch von anderen postsowjetischen Systemen. <i>Julia Brade<\/i> stellt die These auf, dass es eine strukturelle Diskriminierung Ostdeutscher und der ostdeutschen Erfahrungen im gesamtdeutschen Diskurs gibt und plausibilisiert dies soziologisch. Zu einer solchen Diskriminierung geh\u00f6rt auch die Unterrepr\u00e4sentation von Ostdeutschen in Elitepositionen. Das ist Thema des neuen Standardwerks <i>Ferne Eliten<\/i> von 2024, herausgegeben von Raj Kollmorgen, Lars Vogel und Sabrina Zajak. <i>Rosemarie Will<\/i> liefert in ihrem Beitrag eine Langrezension des Sammelbandes. Auch neueste Zahlen \u00e4ndern nichts an der Repr\u00e4sentationsl\u00fccke, die in der Rezension vorgestellt wird. <i>Dieter Segert<\/i> res\u00fcmiert zusammenfassend die Besonderheiten der Transformation des deutschen Ostens im Vergleich zu den anderen osteurop\u00e4ischen Staaten. Den Anfangsvorteilen Ostdeutschlands stellt er den gravierenden Nachteil gegen\u00fcber, dass \u2013 durch den umfassenden Eigentumstransfer von Ost nach West \u2013 in Ostdeutschland keine starke einheimische Eigent\u00fcmerklasse entstanden ist, sondern die \u00f6konomisch M\u00e4chtigen des Westens den Osten dauerhaft dominieren. <i>Philip Dingeldey<\/i> behandelt die umstrittene Frage, inwieweit Ostdeutschland eine eigenst\u00e4ndige analytische und soziale Kategorie ist, ob Ostdeutschland von Westdeutschland \u00fcberhaupt unterschieden werden kann oder muss. Er rezensiert dazu das 2024 von Lars Vogel, Astrid Lorenz und Rebecca Pates herausgegebene Buch <i>Ostdeutschland: Identit\u00e4t, Lebenswelt oder politische Erfindung?<\/i> und untersucht dabei auch die unterschiedlichen, teils sehr divergierenden Antworten.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Den Abschluss bildet ein historischer Block. <i>Rosemarie Will<\/i> interviewt <i>Dieter Grimm<\/i> und <i>Hubert Rottleuthner<\/i> zur Frage, ob die DDR ein Unrechtsstaat war. <i>Wolfram Grams<\/i> wirft ost- und westdeutsche Blicke auf den Umgang mit der faschistischen Vergangenheit nach 1945. Er erkl\u00e4rt damit nicht nur viele Unterschiede beider deutscher Teilgesellschaften bis zur Wiedervereinigung, sondern zeigt auch ihre Folgen f\u00fcr das wiedervereinigte Deutschland. <i>Werner Koep-Kerstin<\/i> rezensiert den bislang international erfolgreichste Roman \u00fcber das Ende der DDR: Jenny Erpenbecks <i>Kairos<\/i>. Abgerundet wird dies durch <i>Klaus Wolframs<\/i> Rede zur Wiedervereinigung in der Akademie der K\u00fcnste zum 30. Jahrestag der Wiedervereinigung. Wir wissen, dass sie 2019 mehrere westdeutsche Zuh\u00f6rer*innen und kurz danach Leser*innen verst\u00f6rt hat. Gleichwohl ist sie f\u00fcr uns eine der bis heute authentischen Reden \u00fcber das Gl\u00fcck der Wiedervereinigung. Wolfram war Mitbegr\u00fcnder des Neuen Forums und musste mit der Abwicklung der Akademie der Wissenschaften der DDR seine wissenschaftliche T\u00e4tigkeit beenden.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Neben diesem umfangreichen Schwerpunkt bietet die vorliegende Ausgabe der <b>vor<\/b><i>g\u00e4nge<\/i> wie immer auch Beitr\u00e4ge, die sich mit aktuellen b\u00fcrgerrechtlichen und gesellschaftspolitischen Themen besch\u00e4ftigen. F\u00fcr den Bundesvorstand der Humanistischen Union kommentieren <i>Stefan H\u00fcgel, Johannes Feest<\/i> und <i>Wolfram Grams<\/i> den neuen Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD in Hinblick auf b\u00fcrgerrechtliche Problemstellungen. Dabei konzentrieren sie sich insbesondere auf die Aspekte Bildung, Innere Sicherheit, Kriminalpolitik und Friedenspolitik. <i>Clemens Arzt<\/i> analysiert das j\u00fcngste Urteil des Verwaltungsgerichts Berlin zu polizeilichen Schmerzgriffen gegen einen Aktivisten der \u201eLetzten Generation\u201c. <i>Franz Segbers<\/i> prognostiziert unter dem Stichwort <i>Butter oder Kanonen?<\/i> einen sich abzeichnenden Verteilungskampf im Angesicht des exorbitanten Milit\u00e4retats und stellt dabei auch die soziale Frage. <i>Lucian Krawczyk<\/i> kritisiert die geplante Einf\u00fchrung der Strafbarkeit nichtk\u00f6rperlicher sexueller Bel\u00e4stigungen in Bezug auf die Opferorientierung des Strafrechts. <i>Karl-Martin Hentschel<\/i> befasst sich mit Klaus Michael K\u00fchne, dem reichsten Deutschen, woher sein Verm\u00f6gen kommt und warum eine Verm\u00f6genssteuer f\u00fcr Milliard\u00e4r*innen n\u00f6tig ist. <i>Johann- Albrecht Haupt<\/i> zeigt die Staatsleistungen der Bundesl\u00e4nder an die Kirchen im Jahr 2025 auf und kritisiert ihren starken Anstieg sowie den mangelnden politischen Willen den Verfassungsauftrag nach Abl\u00f6sung der Staatsleistungen zu verwirklichen. Hinzu kommen noch eine Rezension von <i>Wolfram Grams <\/i>zu Reinhard St\u00e4hlings Buch <i>Schule im Brennpunkt <\/i>und <i>Johannes Feests<\/i> Nachruf auf Monika Frommel.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Wir w\u00fcnschen Ihnen im Namen der Redaktion eine anregende Lekt\u00fcre der neuen Ausgabe der <b>vor<\/b><i>g\u00e4nge<\/i>. Wir freuen uns auf Ihre Anregungen und Kritik.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\" style=\"text-align: right;\"><i>Rosemarie Will und Philip Dingeldey<\/i><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[2973,47,2982,7],"tags":[3585,4300,3406,3249,4301,3031,3557,3583,680,3024,4302,667,658,3251],"autoren":[4299],"publikationen":[4298],"class_list":["post-20142","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","category-armut","category-lebensweisen-pluralismus","category-neonazis","category-sozialpolitik","tag-3585","tag-4300","tag-afd","tag-ddr","tag-deutsche-einheit","tag-diskriminierung","tag-geschlecht","tag-ostdeutschland","tag-pluralismus","tag-rechtsstaat","tag-treuhand","tag-vorgaenge-artikel","tag-vorgaenge-ausgaben","tag-wiedervereinigung","autoren-rosemarie-will-philip-dingeldey","publikationen-vorg-250"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Editorial - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-250\/publikation\/editorial-95\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Editorial - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Der Schwerpunkt des vorliegenden Heftes handelt vom aktuellen Stand der deutschen Einheit. 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