{"id":20162,"date":"2025-09-15T16:50:12","date_gmt":"2025-09-15T14:50:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=20162"},"modified":"2025-09-15T16:50:12","modified_gmt":"2025-09-15T14:50:12","slug":"die-unterpraesentation-von-ostdeutschen-eine-rezension","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-250\/publikation\/die-unterpraesentation-von-ostdeutschen-eine-rezension\/","title":{"rendered":"Die Unterpr\u00e4sentation von Ostdeutschen: Eine Rezension"},"content":{"rendered":"<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Der Sammelband behandelt die Unterrepr\u00e4sentation von Ostdeutschen und von Menschen mit Migrationshintergrund und pr\u00e4sentiert auf der Grundlage von langj\u00e4hrigen Forschungen und Datensammlungen wichtige Aussagen dazu. In der vorliegenden Rezension werden aber nur die Teile des Buches besprochen, die Ostdeutsche betreffen.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\"><i>Ferne Eliten<\/i><i> <\/i>ist in neun Kapitel gegliedert, denen ein Vorwort vorangestellt ist. Aus ihm erf\u00e4hrt man, wie die Herausgeber*innen und Autor*innen sich seit vielen Jahren mit der sozialwissenschaftlichen Erforschung von Eliten der Bev\u00f6lkerungsgruppen der Ostdeutschen und der Menschen mit Migrationshintergrund befassen. Seit etwa 2009\/2010 haben sie den Bedarf einer systematischen Analyse dieser Unterrepr\u00e4sentationen artikuliert, konnten aber erst 2018 das Projekt <i>Soziale Integration ohne Eliten? Ausma\u00df, Ursachen und Folgen personeller Unterrepr\u00e4sentation der ostdeutschen und migrantischen Bev\u00f6lkerung in den bundesdeutschen Eliten<\/i> unter Leitung und Tr\u00e4gerschaft von Naika Foroutan und Sabrina Zajak (DeZIM-Institut, Berlin), Lars Vogel (Universit\u00e4t Leipzig) und Raj Kollmorgen (Hochschule Zittau\/G\u00f6rlitz) starten. Bis 2021 wurde das Projekt umgesetzt und der vorliegende Band pr\u00e4sentiert dessen Ergebnisse.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Im ersten Kapitel f\u00fchrt Kollmorgen in das Problem der Unterrepr\u00e4sentation Ostdeutscher in den Eliten \u00fcbersichtlich ein. Er zeigt, dass eine deutliche Mehrheit der politischen Klasse in der Bundesrepublik erst die sozialen Ungleichheiten, die soziokulturellen Asymmetrien und das Anerkennungsgef\u00e4lle zwischen Ost und West f\u00fcr Probleme von abnehmender gesellschaftspolitischer Relevanz hielt, da sie sich mittelfristig von selbst erledigen w\u00fcrden. Erst mit der Fluchtmigration 2015\/2016 und der in Ostdeutschland anschwellenden Fremdenfeindlichkeit \u00e4nderte sich dies. Angesichts der Wahlerfolge der AfD wurde gefragt, ob dies mit der Unterrepr\u00e4sentation Ostdeutscher in den Eliten der Bundesrepublik zu tun habe und ob es ostdeutsche Eliten braucht, damit ostdeutsche Interessen durchgesetzt werden (k\u00f6nnen).<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Dann werden begriffliche und konzeptuelle Grundlagen der Repr\u00e4sentation, Rekrutierung und Integration von Eliten behandelt. Die Autor*innen wollen Eliten aus den Perspektiven von Herrschaft, Repr\u00e4sentation und sozialer Ungleichheit untersuchen. Folgt man Kollmorgen, so hat die Unterrepr\u00e4sentation Ostdeutscher in den Eliten f\u00fcr das demokratische System folgende vier Wirkungen:<\/p>\n<ol>\n<li>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\" align=\"justify\">Unterrepr\u00e4sentation stelle die Repr\u00e4sentation und damit die Wahrnehmung, Vermittlung und Durchsetzung der besonderen Ideen und Interessen der Ostdeutschen in Frage oder beschr\u00e4nke sie.<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\" align=\"justify\">Sie unterminiere die symbolische Repr\u00e4sentation der Ostdeutschen und damit deren Identifikationschancen mit den herrschenden Eliten und sozialen Ordnungen.<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\" align=\"justify\">Sie f\u00fchre hinsichtlich der Funktionalit\u00e4t demokratischer Eliten nach innen (a) f\u00fcr ostdeutsche Eliteangeh\u00f6rige zu sozialisatorischer Anverwandlung an die dominierenden Eliten. Nach au\u00dfen (b) steige mit der Unterrepr\u00e4sentation das Risiko gesellschaftlicher Desintegration.<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\" align=\"justify\">Dadurch w\u00fcrden die Ressourcen, Ideen und Gestaltungsvorschl\u00e4gen von Ostdeutschen marginalisiert. Zudem m\u00fcnde deskriptive Unterrepr\u00e4sentation in die Schw\u00e4chung der Legitimit\u00e4t sozialer Ordnungen.<\/p>\n<\/li>\n<\/ol>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Diese Wirkungen von Unterpr\u00e4sentation sind einleuchtend und scheinen auf der Hand zu liegen. Allerdings wird die darin liegende Dramatik von Kollmorgen stark versachlicht, sodass Lesende das Gef\u00fchl beschleicht, sie wird heruntergespielt. Hinzu kommt, dass die von ihm beschriebenen Wirkungen zwar alle f\u00fcr Ostdeutschland im Vergleich zu Westdeutschland nachweisbar sind, man fragt sich aber, wie der behauptete Kausalzusammenhang bewiesen werden kann.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Zum Abschluss des Einleitungskapitels werden die empirische Forschungslage und die Ursachenforschung zur Eliteunterrepr\u00e4sentation skizziert. Dabei erf\u00e4hrt man, dass sektorenu\u0308bergreifende repr\u00e4sentative Erhebungen zu den deutsch-deutschen Eliten nach 1995 \u2013 sprich nach der Potsdamer Elitestudie (B\u00fcrklin et al. 1997) \u2013 lange nicht mehr realisiert wurden. Erst 2011\/2012 gab es eine neue Repr\u00e4sentativerhebung am Wissenschaftszentrum f\u00fcr Sozialforschung Berlin, die allerdings nur eine kleinere, wirtschaftslastige Stichprobe aufwies und sich auf selektive Wert- und Einstellungsprobleme konzentrierte (Bunselmeyer et al. 2013). Die Ursachenforschung zur Unterrepr\u00e4sentation Ostdeutscher wird nur kurz referiert. Sie werden auf die hegemonialen theoretischen Ans\u00e4tze in der Ostdeutschland- und Vereinigungsforschung zur\u00fcckgef\u00fchrt, die mit der Hegemonie westdeutscher Eliten in den Sozialwissenschaften einhergehen. F\u00fcr diese Akteure sei die Besch\u00e4ftigung mit der eigenen Rolle im akademischen Vereinigungsgeschehen und der sozialen Ungleichheit zwischen Ost- und Westdeutschen bei der Besetzung von Spitzenpositionen schwierig. Dass die Ungleichheit zwischen Ost- und Westdeutschen auch Herrschaftsverh\u00e4ltnisse zwischen ihnen bei der Besetzung von Elitepositionen erzeugt, leuchtet ein, und es stellt sich hier die Frage, wie dieses Herrschaftsverh\u00e4ltnis westdeutscher Akteure durchbrochen werden kann.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Kapitel zwei von Katharina Heger und Lars Vogel zur Positionsauswahl in der Elitenstudie ist der sogenannte Sample Report, der die Erhebungslogik beschreibt. Er beginnt damit, die vorgenommene Positionsauswahl zu begr\u00fcnden. Untersucht wurden (in zw\u00f6lf gesellschaftlichen Teilbereichen): Politik, staatliche Verwaltung, Wirtschaft, Wissenschaft, Gewerkschaften, Justiz, Milit\u00e4r, Sicherheit, Medien, Kultur, Zivilgesellschaft und Religion. Es wurden sowohl der soziodemographische Hintergrund als auch die Karrierebiografien von insgesamt 3.541 Personen in 3.966 F\u00fchrungspositionen analysiert. Die verwendeten Elitebegriffe werden erl\u00e4utert, und die Erhebungssystematik f\u00fcr die einzelnen gesellschaftlichen Teilbereiche wird aufgeschl\u00fcsselt. Die Studie versteht Eliten haupts\u00e4chlich als Positionseliten (Abschn. 1.2.1). Informeller Einfluss au\u00dferhalb dieser Positionen bleibt unber\u00fccksichtigt. Zentral f\u00fcr die Identifikation dieser Eliten ist deren Position oder das Amt, die oder das zu einem besonderen Einfluss bef\u00e4higt. Damit orientiert sich Erhebung der Elitepositionen an der Erhebungslogik vorangegangener Elitestudien, insbesondere der Potsdamer Elitestudie.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Daneben konzentriert sich die Studie auf Subeliten (siehe Abschn. 1.2.3), die einflussreiche F\u00fchrungspositionen unterhalb der Ebene der Positionseliten bekleiden, weil sie meist die Ausgangsbasis f\u00fcr einen Aufstieg in Spitzenpositionen sind. Das Kapitel erl\u00e4utert dann, die Erhebungssystematik f\u00fcr alle gesellschaftlichen Teilbereiche. F\u00fcr alle Zw\u00f6lf wird die Auswahl der Positionseliten und Subeliten \u00fcbersichtlich vorgestellt.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">In Kapitel drei \u2013 <i>Ausma\u00df und Persistenz personeller Unterrepr\u00e4sentation in den Eliten Deutschlands<\/i> \u2013 gelingt es Vogel, die Unterrepr\u00e4sentation Ostdeutscher, auf Grundlage von Biografieerhebungen umf\u00e4nglich und \u00fcberzeugend darzustellen. Ost- und westdeutsche Eliten werden dabei prim\u00e4r auf Basis ihrer Herkunft unterschieden. Ostdeutsche sind demzufolge jene, die in der DDR oder in Ostdeutschland geboren sind, und Westdeutsche sind die, die in Westdeutschland geborenen sind. Von den 83,4 Millionen Einwohner*innen Deutschlands im Jahr 2019 waren nach ihrem Wohnort circa 14,9 Prozent Ostdeutsche. Die Einwohner*innen Berlins wurden dabei nicht als Ostdeutsche gez\u00e4hlt. Wegen der innerdeutschen Wanderungen und dem Sonderfall Berlin muss Vogel den Anteil der geb\u00fcrtigen Ostdeutschen sch\u00e4tzen und kommt dabei auf circa 19,4 Prozent der gesamtdeutschen Bev\u00f6lkerung. Ausgangspunkt daf\u00fcr ist die Repr\u00e4sentativbefragung des Forschungsprojekts <i>Soziale Integration ohne Eliten?<\/i> von 2019.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Im folgendem weist Vogel hinsichtlich der einzelnen Sektoren (Politik, Wirtschaft, Recht etc.), der Ebenen (Bund\/L\u00e4nder) und Elitetypen (Positions- und Reputationselite) differenziert die Unterrepr\u00e4sentation aus. In den Positionseliten sind Ostdeutsche dann personell unterrepr\u00e4sentiert, wenn ihr Anteil an den Inhaber*innen von Elitepositionen unter 17,8 Prozent liegt. Das geht auf die Minimalsch\u00e4tzung des Anteils der in Ostdeutschland geborenen Menschen zur\u00fcck.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Da Ostdeutsche nur einen Anteil von 11,2 Prozent der Positionseliten in Deutschland stellen, sind sie personell unterrepr\u00e4sentiert. Unterschieden nach politischer Ebenen ergibt sich folgendes: \u201eDer Anteil an Ostdeutschen in Elitepositionen auf Landesebene entspricht mit 18,5 % nahezu ihrem Bev\u00f6lkerungsanteil. Auf der Bundesebene f\u00e4llt er mit 8,1 % hingegen deutlich geringer aus, noch einmal weniger Ostdeutsche finden sich auf der EU- (6,7) oder der internationalen Ebene (1,3)\u201c (S. 128).<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Noch st\u00e4rker unterrepr\u00e4sentiert sind Menschen mit Migrationshintergrund, die nur 8,9 Prozent der h\u00f6chsten F\u00fchrungspositionen in Deutschland einnehmen. Das entspricht nur einem Drittel ihres Anteils in der Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">F\u00fcr alle Sektoren wird gezeigt, in welchem Ma\u00dfe Ostdeutsche personell unterrepr\u00e4sentiert sind. Zweistellig ist ihr Anteil in Staat, in Zivilgesellschaft, Sicherheit, Gewerkschaften und Verwaltung, weshalb dort von nur geringer Unterrepr\u00e4sentation gesprochen werden kann. Im oberen einstelligen Bereich finden sich Ostdeutsche in Kultur, Medien, Religion und Wirtschaft. Den niedrigsten Anteil an Ostdeutschen weisen die Sektoren Wissenschaft, Justiz und Milit\u00e4r auf. Die Differenzen ergeben sich, so Vogel, aus sektorspezifischen Rekrutierungsmechanismen. Universell wirkende Exklusions- oder allgemeine Diskriminierungsmechanismen reichen dem Autor zur Erkl\u00e4rung nicht aus. Gleichwohl ergibt sich aus den Zahlen eine strukturelle Diskriminierung von Ostdeutschen, die aber weder thematisiert noch bearbeitet wird.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Eine Ausnahme von der Unterrepr\u00e4sentation bilde der Politiksektor. Dass Ostdeutsche im Staat mit 19,8 Prozent gem\u00e4\u00df ihrem Anteil an der Gesamtbev\u00f6lkerung vertreten sind, beruhe auf der Besetzung von Elitepositionen durch Ostdeutsche in den ostdeutschen L\u00e4ndern auf Landesebenen.<\/p>\n<blockquote class=\"western\">\n<p>\u201eDass die Ostdeutschen innerhalb des politischen Bereichs i. e. S. nicht personell unterrepr\u00e4sentiert sind, ist [&#8230;] wesentlich ein Ergebnis der f\u00f6deralen Grundstruktur Deutschlands, die \u00fcber die Bundesl\u00e4nder einen regionalen Handlungsrahmen bereitstellt, innerhalb dessen regionale Anbindung als Rekrutierungsmerkmal eine gr\u00f6\u00dfere Rolle als auf Bundesebene spielt.\u201c (S. 128; vgl. auch das Fazit auf S.143)<\/p>\n<\/blockquote>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Diese Wertung verbl\u00fcfft sehr. Denn gerade die Besetzungen von ostdeutschen politischen Elitepositionen vor Ort, in den ostdeutschen L\u00e4ndern und Kommunen durch Westdeutsche ist jedem Ostdeutschen ein gel\u00e4ufiges Problem, und sie bildet den f\u00fcr jede*n sichtbaren Kern der ungleichen Repr\u00e4sentations- und Herrschaftsverh\u00e4ltnisse zwischen Ost und West. Ostdeutsche in westdeutschen L\u00e4ndern auf Elitepositionen gibt es praktisch nicht, hingegen werden in ostdeutschen Bundesl\u00e4ndern nach wie vor Elitepositionen mit Westdeutschen besetzt. Dass der Anteil Ostdeutscher an den politischen Eliten auf Landesebene an ihrem Anteil an der deutschen Gesamtbev\u00f6lkerung gemessen wird, ist falsch, denn es wird ein falscher Ma\u00dfstab zu Grunde gelegt. Damit werden die Verh\u00e4ltnisse nicht offengelegt, sondern verzerrt. Man w\u00fcrde f\u00fcr kein westliches Bundesland die Besetzung der politischen Landeselitepositionen danach beurteilen, welchen prozentualen Anteil dieses Land an der Gesamtbev\u00f6lkerung hat. Vielmehr gilt f\u00fcr das einwohnerschw\u00e4chste (Saarland) wie das einwohnerst\u00e4rkste Land (Nordrhein-Westfalen) gleicherma\u00dfen, dass seine Identit\u00e4t auch durch eine Mehrheit von Landeskindern in Elitepositionen gew\u00e4hrleistet wird. Grob gesch\u00e4tzt w\u00e4ren daf\u00fcr jeweils circa 60 Prozent (das hei\u00dft deutlich mehr als die H\u00e4lfte) der zu besetzenden Landespositionen durch Landeskinder erforderlich. Stattdessen w\u00e4re zu ermitteln gewesen, wie stark auf Landesebene in den Eliten jeweils Landeskinder vertreten sind und in welcher Weise sich dabei ostdeutsche L\u00e4nder von westdeutschen unterscheiden. Erst durch diesen Vergleich w\u00e4re beurteilbar, was in Ostdeutschland auf Landesebene tats\u00e4chlich geschehen ist.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Der Anteil Ostdeutscher an politischen Elitepositionen in den L\u00e4ndern kann deshalb nicht nach ihrem prozentualen Anteil an der Gesamtbev\u00f6lkerung bewertet werden. Vielmehr m\u00fcssen die in den 5,5 L\u00e4ndern (f\u00fcnf neue Bundesl\u00e4nder und knapp die H\u00e4lfte des Landes Berlin) vorhandenen politischen Elitepositionen ins Verh\u00e4ltnis zur Gesamtzahl aller zu besetzenden politischen Elitepositionen im Bund <i>und<\/i> in den 16 Bundesl\u00e4ndern gesetzt werden. Insgesamt werden im Sektor Politik 717 Elitepositionen, besetzt von 619 Personen, und 480 Subelitepositionen, besetzt von 390 Personen, identifiziert und untersucht. Abz\u00fcglich von 19 EU-F\u00fchrungspositionen geh\u00f6ren davon 379 zum Bund und 627 zu den L\u00e4ndern. Aufgeteilt auf 16 L\u00e4nder sind das f\u00fcr jedes Land 23,6 Positionen im Bund, und in den 16 L\u00e4ndern jeweils etwa 39 Positionen. Im Bund k\u00f6nnte man eine Vertretung Ostdeutscher nach ihrem Anteil an der Gesamtbev\u00f6lkerung f\u00fcr richtig halten, nicht aber auf Landesebene. Hier muss anders gerechnet werden, und es m\u00fcssen die ostdeutschen L\u00e4nder in ihrem Umgang mit den Landeskindern mit den westdeutschen L\u00e4ndern verglichen werden. Insbesondere f\u00fcr politischen Elitepositionen auf Landesebene kann nicht einfach vom ostdeutschen Bev\u00f6lkerungsanteil an der deutschen Gesamtbev\u00f6lkerung ausgegangen werden. Von 39 Positionen w\u00e4ren das etwa 21 Positionen, die mit Ostdeutschen zu besetzen sind. F\u00fcr 5,5 L\u00e4nder w\u00e4ren das 115,5 Positionen. Durch die von Vogel angewandte Berechnung wird aber die Beherrschung durch Westdeutsche in den ostdeutschen Bundesl\u00e4ndern gerade nicht offengelegt. Stattdessen wird im entscheidenden Politikbereich suggeriert, Ostdeutsche seien auf Elitepositionen ad\u00e4quat vertreten.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Das vierte Kapitel von Lars Vogel, Volker Brandy und Justus Junkermann zu <i>Bildung und Beruf in der Elitenrekrutierung als Ursache f\u00fcr personelle Unterrepr\u00e4sentation<\/i> analysiert die Bildungsniveaus und -wege sowie die Berufsprofile der ostdeutschen Eliteangeh\u00f6rigen. Der These vom nachholenden Aufstieg zufolge soll mit bildungs- und berufsbezogener Anpassung der Ostdeutschen die personelle Unterrepr\u00e4sentation abgebaut werden. Die vorgelegten Analysen zeigen einen geringeren Akademisierungsgrad der ostdeutschen (altersadjustierten) Bev\u00f6lkerung und eine st\u00e4rkere Verbreitung mittlerer Schulabschl\u00fcsse. Auch das Berufsprofil sp\u00e4terer Eliten unterscheide sich bereits fr\u00fchzeitig von dem der (altersadjustieren) Bev\u00f6lkerung. Die ostdeutsche Bev\u00f6lkerung ist eher in technischen Bereichen (MINT) als (Fach-)Arbeiter*in oder in beruflichen Laufbahnen t\u00e4tig, die \u00fcblicherweise nicht zu F\u00fchrungspositionen in Management und Verwaltung f\u00fchren.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Die Ursachen daf\u00fcr verorten die Autoren in der Bildungs- und Berufsstruktur der DDR, den \u00f6konomischen Unsicherheiten nach 1990, den geringeren finanziellen Ressourcen, der Sozialstruktur in Ostdeutschland und der kulturellen Tradierung von Bildungs- und Berufsorientierungen, die an die Facharbeiterkultur der DDR angelehnt sind. Die These des nachholenden Aufstiegs besitze eine gewisse G\u00fcltigkeit, da Westdeutsche durch ihre Bildung und ihren Beruf auch gegenw\u00e4rtig und mittelfristig noch Vorteile f\u00fcr den Aufstieg in Elitepositionen besitzen.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Auf der empirischen Basis von 2.783 Biografien zeigt sich, dass Ostdeutsche ebenso wie Menschen mit Migrationshintergrund in den bundesdeutschen Positionseliten rund drei\u00dfig Jahre nach der Wiedervereinigung weiterhin seltener in Elitepositionen vertreten sind als nach ihrem jeweiligen Bev\u00f6lkerungsanteil zu erwarten w\u00e4re. Wiederholt wird, dass sektorale Unterschiede zu beobachten sind, die auf bereichsspezifische Rekrutierungsmechanismen, Aufstiegskriterien und -hindernisse verweisen. Eine einfache und universelle Erkl\u00e4rung (wie gruppenspezifische Diskriminierung) sei damit weder belegt noch ausgeschlossen. Sie sei aber als einziger Erkl\u00e4rungsfaktor unplausibel, weil sonst keine ausgepr\u00e4gten sektorspezifischen Unterschiede erkennbar sein d\u00fcrften. K\u00fcnftig m\u00fcssten die Rahmenbedingungen untersucht werden, unter denen eine solche Diskriminierung und andere Exklusionsmechanismen wirksam sind.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Zum nachholenden Aufstieg wird zusammengefasst: Der Vergleich mit fr\u00fcheren Studien zeige keinen systematischen Anstieg des Anteils der Ostdeutschen in Elitepositionen, vielmehr Schwankungen und teilweise sogar R\u00fcckg\u00e4nge. Ein nachholender Aufstieg, der zu einem Abbau der Unterrepr\u00e4sentation f\u00fchre, sei auf Ebene der Positionseliten bisher nicht zu erkennen. Zudem setzt ein nachholender Aufstieg voraus, dass die Ostdeutschen das f\u00fcr einen baldigen Einstieg notwendige Kompetenz- und Qualifikationsprofil seit 1990 erworben haben. Auch diese Vermutung k\u00f6nnen die Autoren nur f\u00fcr den politischen Sektor best\u00e4tigen. Sie res\u00fcmieren: \u201eInsgesamt sprechen damit wenige Anhaltspunkte f\u00fcr die These, dass sich die personelle Unterrepr\u00e4sentation der Ostdeutschen in naher Zukunft von allein verringert\u201c (S. 144.). Ein Zusammenhang zur unterscheidbaren Sozialstruktur zwischen Ost und West wird leider nicht hergestellt. Ein solcher k\u00f6nnte aber \u00fcberzeugend erkl\u00e4ren, warum die Unterrepr\u00e4sentation fortbesteht und nur schwer \u00fcberwunden werden kann.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Kapitel f\u00fcnf von Katharina Heger und Kathleen Heft untersucht nur das intersektionale Geschlechterverh\u00e4ltnis von Personen mit und ohne Migrationshintergrund in den h\u00f6chsten F\u00fchrungspositionen. Das ist schade, weil hier h\u00e4tte gezeigt werden k\u00f6nnen, was aus dem Emanzipationsvorsprung ostdeutscher Frauen nach der Wiedervereinigung geworden ist.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Kapitel sechs von Kathleen Heft, Susanne Lerche und Jan Schaller \u2013 <i>Ich guck mir den Chef an und denke: Was der kann, kann ich auch!<\/i> \u2013 beschreibt auf Basis von 16 leitfadengestu\u0308zten Interviews, wie Eliteangeh\u00f6rige ihre Rekrutierungswege und -mechanismen wahrnehmen und beurteilen und welche Voraussetzungen und Hindernisse sie dabei beschreiben. Von den 16 Personen sind sieben aus Ostdeutschland, die selbst als junge Erwachsene die DDR miterlebt haben. F\u00fcr die Autor*innen ist die soziale Herkunft der wichtigste Grund f\u00fcr die Eliterekrutierung. Damit folgen sie den letzten beiden gro\u00dfen Elitestudien. Diese h\u00e4tten gezeigt, dass \u201eh\u00f6here soziale Herkunftsgruppen \u00fcberproportional, niedere soziale Herkunftsgruppen unterproportional vertreten [sind]\u201c (S. 237). Dies gelte auch f\u00fcr die Unterrepr\u00e4sentation Ostdeutscher.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">In einer theoretisch-konzeptuellen Einleitung wird prim\u00e4r auf Pierre Bourdieus Kapital-, Habitus- und Sozialraumtheorie verwiesen. Sie erm\u00f6gliche, die Erz\u00e4hlungen der Interviewten in die strukturelle Ungleichverteilungen von Ressourcen und Chancen einzuordnen und zu analysieren. Der Schwerpunkt wird dabei auf das soziale und kulturelle Kapital der Interviewten gelegt, dessen Vorhandensein oder Fehlen. Das wird ausf\u00fchrlich erl\u00e4utert und erg\u00e4nzt mit Ans\u00e4tzen der Milieuforschung.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Daran anschlie\u00dfend werden die Auffassungen zur Legitimit\u00e4t dieser Ressourcen, des sozialen Kapitals, durch die Interviewten vorgestellt. Die Kritik an der Abgeschlossenheit von Netzwerken f\u00fcr Ostdeutsche und Frauen sowie die Infragestellung von (famili\u00e4ren) Beziehungen als Grundlage und Treiber von Karrieren bem\u00e4ngele vor allem die Aussetzung des \u201emeritokratischen Versprechens\u201c und der meritokratischen Legitimation von Eliten. Wenn Elitepositionen \u00fcber (famili\u00e4res) soziales Kapital und Beziehungen, statt pers\u00f6nliche Leistung rekrutiert werden, bleibt Chancengleichheit ein leeres Versprechen. In diesen Kritiken trete zutage, dass und wie Chancen entlang von Zugeh\u00f6rigkeiten und Herk\u00fcnften ungleich verteilt sind. Auch wenn soziale Herkunft und Geschlecht nach wie vor zentrale Faktoren in der Eliterekrutierung darstellen und es typisierbare Merkmale von Elitekarrieren gibt (Abschn. 6.4), greife eine Beschr\u00e4nkung darauf als Erkl\u00e4rung zu kurz und werde auch durch die Interviewten teils abgelehnt. Es g\u00e4be Elitekarrieren \u201eentgegen aller Wahrscheinlichkeit\u201c (Abschn. 6.5). Sagt das mehr als die Volksweisheit, dass Ausnahmen die Regel best\u00e4tigen?<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">In Kapitel sieben von Vogel und Zajak zur <i>Eliten und Unterrepr\u00e4sentation aus Sicht der Bev\u00f6lkerung \u2013 Wahrnehmung, Bewertung, Folgen<\/i> wird auf Grundlage einer repr\u00e4sentativen Bev\u00f6lkerungsumfrage beschrieben, welches Wissen, welche Einsch\u00e4tzungen und Beurteilungen der Unterrepr\u00e4sentation bei Ostdeutschen und Personen mit Migrationshintergrund vorliegen und ob diese mit politischen Einstellungen zu Demokratie und Institutionenvertrauen korrelieren. Zun\u00e4chst geht es um die Wahrnehmung und Bewertung personeller Unterrepr\u00e4sentation von Ostdeutschen in Elitepositionen. Die Befragungen zeigen, dass die Unterrepr\u00e4sentation mehrheitlich von Ostdeutschen wahrgenommen wird.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Die Aussage, dass personelle Unterrepr\u00e4sentation kein Problem ist, weil Ostdeutsche und Menschen mit Migrationshintergrund ja gar nicht aufsteigen wollten, lehnten \u00fcber 80 Prozent ab. Von den Befragten sehen 64 Prozent Ostdeutsche als unterrepr\u00e4sentiert an. Sie sch\u00e4tzen ihren Anteil sogar auf nur 10,4 Prozent, w\u00e4hrend die Westdeutschen die Unterrepr\u00e4sentation der Ostdeutschen mit 13,5 Prozent weniger ausgepr\u00e4gt wahrnehmen. Fast drei Viertel der Befragten halten den geringen Anteil an den Eliten f\u00fcr problematisch, weil Ostdeutsche die Interessen und Bed\u00fcrfnisse der eigenen Gruppe am besten vertreten k\u00f6nnen. Die Autor*innen betonen zu Recht, dass damit die eingeschr\u00e4nkte substanzielle und inhaltliche Repr\u00e4sentation von den meisten Befragten als Folge personeller Unterrepr\u00e4sentation beurteilt wird. Weniger, aber immer noch etwa 60 Prozent, halten Unterrepr\u00e4sentation f\u00fcr ein Problem der Funktionalit\u00e4t und der Legitimit\u00e4t von Eliten. Die Gesellschaft k\u00f6nnte von ostdeutschen Ideen und Erfahrungen profitieren (Funktionalit\u00e4t), und die unzureichende Vertretung einzelner Bev\u00f6lkerungsgruppen in den Eliten sei ungerecht (Legitimit\u00e4t). Noch weit \u00fcber die H\u00e4lfte problematisieren das Ostdeutsche B\u00fcrger*innen zweiter Klasse seien (symbolische Repr\u00e4sentation).<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Gegenma\u00dfnahmen wurden wie folgt bef\u00fcrwortet: Mit 68,4 Prozent bef\u00fcrworten die meisten Befragten Ma\u00dfnahmen, die den Stimmen von Ostdeutschen mehr Geh\u00f6r in der \u00f6ffentlichen Debatte verschaffen sollen. Eine Mehrheit ist ebenfalls daf\u00fcr, dass Menschen mit Migrationshintergrund in der \u00d6ffentlichkeit st\u00e4rkere Aufmerksamkeit zuteilwird. Dieser Wunsch f\u00e4llt jedoch signifikant geringer aus als f\u00fcr Ostdeutsche. Die Autor*innen halten fest, dass die politische Unterst\u00fctzung der Befragten vor allem dann geringer ist, wenn sie Unterrepr\u00e4sentation der Ostdeutschen als Probleme von Legitimit\u00e4t und symbolischer Repr\u00e4sentation wahrnehmen. Dem gegen\u00fcber spielten Aspekte eingeschr\u00e4nkter Funktionalit\u00e4t der Interessenvertretung (substantielle Repr\u00e4sentation) kaum eine Rolle. Dieses Kapitel ist eines der aufschlussreichsten, liest sich aber wegen der soziologischen Fachsprache schwer.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Das achte Kapitel \u2013 <i>Elitenskepsis im Osten. Befunde einer Distanz<\/i> \u2013 von Lerche und Schaller untersucht, wie Ostdeutsche Eliten wahrnehmen, bewerten und welche Assoziationen damit verbunden sind. In neun Gruppendiskussionen in Berlin, G\u00f6rlitz und Magdeburg hinterfragten die Autor*innen simplifizierende Vorstellungen ostdeutscher Elitefeindschaft. Auch dieses Kapitel beginnt mit semantisch-historischen Einordnungen des Elitebegriffs. Dabei wird auf die besondere Verwendung des Begriffs in der ehemaligen DDR eingegangen (Abschn. 8.1). In der Folge wird berichtet \u00fcber die Assoziationen und Bewertungen des Elitebegriffs durch die Befragten (Abschn. 8.2). Leben in der DDR und Ablehnung des Elitebegriffs sei kein Automatismus: Etwa wird Wissenschaftler*innen und Sportler*innen ein Status als positive oder \u201eechte\u201c Elite zugestanden. Die Autor*innen gehen so weit festzustellen, dass neutrale und positive \u00c4u\u00dferungen nur dann \u00fcberraschen, wenn man simplifizierenden Vorstellungen \u00fcber \u201edie Ostdeutschen\u201c anh\u00e4nge. Sodann werden Anspr\u00fcche an die Eliten beziehungsweise Konzeptionen einer Idealelite der Befragten vorgestellt und verdeutlicht, dass es eine pauschale Eliteablehnung nicht gibt. Die Bewertungen sind vielf\u00e4ltig, ambivalent und unterscheiden sich stark. Es zeige sich zudem, dass Ostdeutsche in einigen Bereichen h\u00f6here Erwartungen und st\u00e4rker idealisierte Vorstellung davon haben, wie Eliteangeh\u00f6rige agieren und sein sollten. Hier klaffe \u2013 im Vergleich zu Westdeutschen \u2013 eine gr\u00f6\u00dfere L\u00fccke f\u00fcr potenzielle Entt\u00e4uschung und Entfremdung. F\u00fcr den Politiksektor sei nachgewiesen, dass eine als nicht ausreichend wahrgenommene Responsivit\u00e4t und Repr\u00e4sentativit\u00e4t politischer Entscheidungstr\u00e4ger*innen dazu f\u00fchre, dass deren Legitimit\u00e4t infrage gestellt wird. In der Konsequenz k\u00f6nne das zu einer Distanzierung vom politischen System per se, mindestens aber von den als etabliert geltenden Organisationen und Institutionen f\u00fchren (Abschn. 8.3). Als eine wichtige Ursache f\u00fcr diese Ambivalenzen werden hohe Anspr\u00fcche seitens der Befragten (insbesondere der Ostdeutschen) an eine Idealelite, bei gleichzeitig wahrgenommenen M\u00e4ngeln hinsichtlich Responsivit\u00e4t und Legitimation angef\u00fchrt (Abschn. 8.4).<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">In Kapitel neun, <i>Wege aus der Unterrepr\u00e4sentation: Resu\u0308mee und gesellschaftspolitische Handlungsempfehlungen,<\/i> von Kollmorgen, Vogel und Zajak werden acht Thesen beziehungsweise Handlungsempfehlungen aufgestellt, die zwar \u00fcberzeugen, aber sehr verklausuliert formuliert sind:<\/p>\n<ol>\n<li>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\" align=\"justify\"><i>Relevanz des Elitethemas<\/i>: Es beginnt banal: \u201eDie (personelle) Repr\u00e4sentation wichtiger sozialer Gro\u00dfgruppen in den bundesdeutschen Eliten stellen ein hochrelevantes gesellschaftspolitisches Thema und Handlungsfeld dar\u201c (S. 360). F\u00fcr die Autor*innen hei\u00dft dies, dass sich dar\u00fcber, welche sozialen Gruppen und Personen, mit welchen Herk\u00fcnften und unter welchen Aufstiegsbedingungen oder -chancen in den (sektoralen) Eliten \u00fcberhaupt oder \u00fcberwiegend vertreten sind, demokratische Teilhabe, gesellschaftlicher Zusammenhalt, Akzeptanz der politischen Ordnung und Zukunftsf\u00e4higkeit des Landes entscheiden.<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\" align=\"justify\"><i>Deskriptive Unterrepr\u00e4sentation \u2013 differenzierte Befundlage und komplexe Herausforderungen<\/i>: F\u00fcr beide Bev\u00f6lkerungsgruppen, Ostdeutsche und Menschen mit Migrationshintergrund, bestehe \u00fcber alle Sektoren hinweg eine signifikante deskriptive Unterrepr\u00e4sentation in den bundesdeutschen Eliten. Dieser Befund m\u00fcsse aber gruppen- und sektorbezogen differenziert werden.<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\" align=\"justify\"><i>Die Unterrepr\u00e4sentation w\u00e4chst sich nicht einfach aus:<\/i> Die personelle Unterrepr\u00e4sentation der Ostdeutschen hat sich zwischen 1995 und 2022 nicht verringert. Zuw\u00e4chsen, etwa in den Bereichen Verwaltung und Justiz, stehen gleichbleibende oder sogar sinkende Anteile in den Bereichen Wirtschaft und Medien gegen\u00fcber.<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\" align=\"justify\"><i>Die Wahrnehmung und Beurteilung der Unterrepr\u00e4sentation in der Bev\u00f6lkerung erzeugt einen politischen Handlungsdruck: <\/i>Die Bev\u00f6lkerung nimmt mehrheitlich die Formen der Unterrepr\u00e4sentation wahr \u2013 etwas h\u00e4ufiger die der Menschen mit Migrationshintergrund. Die Wahrnehmung der deskriptiven Unterrepr\u00e4sentation der Ostdeutschen sei dabei nicht ein Vorurteil, das aus einer distanzierten bis feindseligen Haltung gegen\u00fcber der Demokratie entsteht, sondern eine Wirklichkeitswahrnehmung. Die Unterrepr\u00e4sentation von Ostdeutschen und Menschen mit Migrationshintergrund wird \u00e4hnlich negativ beurteilt. Einzig den Handlungsdruck zum Abbau der Unterrepr\u00e4sentation stuft die Bev\u00f6lkerung f\u00fcr Menschen mit Migrationshintergrund ein wenig geringer ein. Die Bev\u00f6lkerung beurteile m\u00f6gliche Gegenma\u00dfnahmen sehr unterschiedlich, mache aber zwischen beiden Gruppen keine Unterschiede. Eine gesetzliche Quote, um den Anteil unterrepr\u00e4sentierter Gruppen in Elitepositionen zu erh\u00f6hen, findet wenig Anklang. Ma\u00dfnahmen, die auf individuelle F\u00f6rderung und die Sensibilisierung der \u00d6ffentlichkeit f\u00fcr die Unterrepr\u00e4sentation beider Gruppen zielten, f\u00e4nden dagegen breite Unterst\u00fctzung.<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\" align=\"justify\"><i>K<\/i><i>omplexe soziale Mechanismen als Ursachen f\u00fcr die Unterrepr\u00e4sentation<\/i>: F\u00fcr die Ostdeutschen handele es sich einerseits um eine Langzeitwirkung des DDR-Staatssozialismus, der demokratisch eingestellten Ober- und F\u00fchrungsschichten aus dem Land trieb und zugleich die Entwicklung und Formung elit\u00e4ren Bewusstseins konsequent bek\u00e4mpfte. Andererseits sei die Marginalisierung eine langfristige Folge der Art und Weise der deutschen Vereinigung. Diese wurde als \u201eBeitritt\u201c (nach Artikel 23 des alten Grundgesetzes) realisiert und hatte die \u00dcbernahme der Legalinstitutionen und organisierten Akteur*innen der alten Bundesrepublik zur Folge. F\u00fcr deren Eliten kamen Ostdeutsche nur selten infrage. Sie h\u00e4tten weder \u00fcber das notwendige Fachwissen noch \u00fcber ad\u00e4quate formale Berufsqualifikationen und -erfahrungen verf\u00fcgt. Insofern sei der massive Elitetransfer in den 1990er Jahren durch den Staatssozialismus vorbereitet und mit dem Modus des Beitritts gesetzt gewesen.<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\" align=\"justify\"><i>Gesellschaftliche und gesellschaftspolitische Folgen der Unterrepr\u00e4sentation<\/i>: Die gesellschaftliche und politische Relevanz deskriptiver respektive personeller Unterrepr\u00e4sentation k\u00f6nne sich in den vier Problembereichen Legitimit\u00e4t, Funktionalit\u00e4t, substanzielle (Interessen-)Repr\u00e4sentation und symbolische Repr\u00e4sentation zeigen. Da die Legitimit\u00e4t von Demokratien in modernen Gesellschaften auf politischer Gleichheit beruhe, w\u00fcrden nur Status- und Positionszuweisungen auf Basis meriokratischer Verfahren als legitim gelten. Personelle Unterrepr\u00e4sentation in Elitepositionen deutet daher auf eine Verletzung dieser Prinzipien hin.<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\" align=\"justify\"><i>Wie kann die Unterrepr\u00e4sentation <\/i><i>\u00fc<\/i><i>berwunden werden?<\/i> Ob und inwieweit Repr\u00e4sentationsdefizite und gegebenenfalls in welchen Sektoren als kritisch und zu \u00fcberwinden angesehen werden, bleibe umstritten und m\u00fcsse politisch entschieden werden. Quotierungen in der Eliterekrutierung seien grunds\u00e4tzlich denkbar. Sie bedeuteten \u2013 wie die meisten positiven Diskriminierungen \u2013 nicht nur kollektive, sondern individuell einklagbare Anspruchsrechte. Das werfe die Frage auf, wer heute im juristischen Sinne ostdeutsch ist. Rechtlich lasse sich wohl nur das Wohnort- oder Standortprinzip anwenden. F\u00f6rderprogramme zur Unterst\u00fctzung der \u00f6konomischen, kulturellen und sozialen Kapitalbildung f\u00fcr Ostdeutsche und Menschen mit Migrationshintergrund seien zwar partiell mit vergleichbaren Problemen wie die Quotierung beladen, lie\u00dfen sich aber offener und insofern vermutlich auch rechtssicher organisieren und umsetzen, k\u00f6nnten aber erst mittel- und langfristig wirken.<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\" align=\"justify\"><i>Forschungsbedarf \u2013 Monitoring und Vertiefung<\/i>: Wenn man die Entwicklung der personellen Unterrepr\u00e4sentationen beobachte und regelm\u00e4\u00dfig berichte, h\u00e4tte man ein Instrument zur Sensibilisierung von \u00d6ffentlichkeit und (Personal-)Entscheider*innen, um die Wirkung m\u00f6glicher Ma\u00dfnahmen sichtbar zu machen.<\/p>\n<\/li>\n<\/ol>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Nicht alle Thesen sind gleichgewichtig, und nicht alles wird nachvollziehbar argumentiert. Dennoch gelingt eine informative und \u00fcberzeugende Zusammenfassung zur Unterpr\u00e4sentation Ostdeutscher. Damit ist ein Standard gesetzt, an dem sich jede weitere Berichterstattung \u00fcber die Unterrepr\u00e4sentation Ostdeutscher messen lassen muss.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"v-autoreninfo-western\"><em><strong class=\"western\">Prof. Dr. Rosemarie Will<\/strong> studierte Rechtswissenschaften an der Humboldt-Universit\u00e4t zu Berlin, an der sie von 1989 bis 2014 eine Professur \u00d6ffentliches Recht, Staatslehre und Rechtstheorie inne hatte. Sie war von 1996 bis 2006 Richterin am Landesverfassungsgericht Brandenburg. Au\u00dferdem arbeitete sie am Verfassungsentwurf des Zentralen Runden Tisches der DDR mit. Zudem war sie von 2005 bis 2013 Vorsitzende der Humanistischen Union. Sie ist Mitglied des Beirats der Humanistischen Union und der Redaktion der <b>vor<\/b>g\u00e4nge.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \">Zus&auml;tzlich verwendete Literatur<\/h3>\n<p align=\"justify\"><em>Bunselmeyer, Elisabeth et al.<\/em> 2013. Projektbericht Entscheidungstr\u00e4ger in Deutschland: Werte und Einstellungen, Berlin.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>B\u00fcrklin, Wilhelm et al.<\/em> 1997. Eliten in Deutschland. Rekrutierung und Integration, Opladen.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":20143,"template":"","categories":[47],"tags":[4067,4334,3583,4335,791,4333,667],"autoren":[137],"publikationen":[4298],"class_list":["post-20162","publikation","type-publikation","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category-lebensweisen-pluralismus","tag-eliten","tag-ostdeutsche","tag-ostdeutschland","tag-repraesentationsdefizit","tag-rezension","tag-unterrepraesentation","tag-vorgaenge-artikel","autoren-rosemarie-will","publikationen-vorg-250"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Die Unterpr\u00e4sentation von Ostdeutschen: Eine Rezension - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-250\/publikation\/die-unterpraesentation-von-ostdeutschen-eine-rezension\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Die Unterpr\u00e4sentation von Ostdeutschen: Eine Rezension - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Der Sammelband behandelt die Unterrepr\u00e4sentation von Ostdeutschen und von Menschen mit Migrationshintergrund und pr\u00e4sentiert auf der Grundlage von langj\u00e4hrigen Forschungen und Datensammlungen wichtige Aussagen dazu. 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