{"id":20185,"date":"2025-09-17T12:37:42","date_gmt":"2025-09-17T10:37:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=20185"},"modified":"2025-09-17T12:37:42","modified_gmt":"2025-09-17T10:37:42","slug":"was-war-und-zu-welchem-ende-kam-die-politische-energie-der-ostdeutschen-rede-vor-der-akademie-der-kuenste-vom-8-11-2019","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-250\/publikation\/was-war-und-zu-welchem-ende-kam-die-politische-energie-der-ostdeutschen-rede-vor-der-akademie-der-kuenste-vom-8-11-2019\/","title":{"rendered":"Was war und zu welchem Ende kam die politische Energie der Ostdeutschen? Rede vor der Akademie der K\u00fcnste vom 8.11.2019"},"content":{"rendered":"<h3 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \"><span id=\"i\">0.<\/span><\/h3>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Drei Jahrzehnte nach dem gro\u00dfen Umbruch sollte man meinen, die tragenden Linien, die zu ihm f\u00fchrten und seine Form bestimmten, w\u00fcrden sichtbar werden, ins \u00f6ffentliche Bewusstsein treten. Das Gegenteil ist der Fall. Die Bundesrepublik spinnt ihr altes Selbstgespr\u00e4ch \u00fcber Ostdeutschland fort und fort \u2013 doch inzwischen h\u00f6rt dort niemand mehr zu.<\/p>\n<h3 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \"><span id=\"1\">1.<\/span><\/h3>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Wie kamen wir heran? Am Anfang stehen ein ganz pr\u00e4zises Datum und sogar eine einzelne Person. Es ist der 10. September 1989, die Person hei\u00dft B\u00e4rbel Bohley. Ein Jahr lang hatte diese kleine Frau das Treffen von 30 Oppositionellen aus den 15 Bezirken der DDR vorbereitet, auf dem jetzt die B\u00fcrgerbewegung \u201eNeues Forum\u201c gegr\u00fcndet wird. (Es war \u00fcbrigens der Grundgedanke, sie jenseits der Kirche und au\u00dferhalb der Opposition zu verankern.) \u2013<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Nat\u00fcrlich, ein solcher weltgeschichtlicher Wirbel, wie er sich nun im Herbst 1989 entfaltet, hat 100 Bedingungen und 1000 Randbedingungen \u2013 die <i>Form des Handelns<\/i> aber, in denen die Menschen agieren (werden), die wurde hier gesetzt. <b>Dialog. Generalaussprache aller politischen Str\u00f6mungen im Lande.<\/b> <b>Basisdemokratie der eigenen Bewegung. Gewaltlosigkeit von beiden Seiten.<\/b> Das war der Tanzpunkt der ostdeutschen Demokratie, und das blieb der Grundgestus ihres Handelns bis gegen Ende 1993.<\/p>\n<h3 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \"><span id=\"2\">2.<\/span><\/h3>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Wo genau im Spektrum der politischen Haltungen in der DDR entstand der Durchbruch zur Demokratisierung? \u2013 Man kann diese Einstellungen grunds\u00e4tzlich in vier Viertel teilen, um sie zu verstehen. Jedes Viertel entwickelte zu verschiedenen Zeiten verschiedene Ausstrahlungs-, Absto\u00dfungs- oder Bindekr\u00e4fte. Von links nach rechts erz\u00e4hlt, ergibt sich: das erste Viertel unterst\u00fctzte den sozialistischen Versuch aktiv, das zweite Viertel sympathisierte ihm passiv, das dritte lehnte ihn passiv ab, das vierte Viertel lehnte ihn mehr oder weniger aktiv ab.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Fragt man nach der Akzeptanz des sozialistischen Projekts in dieser Einteilung, dann f\u00e4llt auf, dass es je eine linke und eine konservative H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung gab.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Die Demokratiebewegung begann im zweiten Viertel des politischen Spektrums; hier war die Opposition der \u201980er Jahre zu Hause. Ihr Aufbruch sprang augenblicklich sowohl nach links als auch nach rechts \u00fcber, also in das erste und zum dritten Viertel, weil auch hier jener Grundgestus den angestauten demokratischen Bed\u00fcrfnissen entsprach.<\/p>\n<h3 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \" align=\"left\"><span id=\"3\">3.<\/span><\/h3>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Da war sie pl\u00f6tzlich, die gro\u00dfe Zeit, das Wunderjahr. Sofort daran zu erkennen, dass die Menschen den Kopf h\u00f6her trugen, im Betrieb wie auf der Stra\u00dfe, sie sahen einander ins Gesicht und lie\u00dfen sich ansprechen. Offenheit begann als eigene Handlung. Was da als Neues Forum gegr\u00fcndet worden war, breitete sich innerhalb von 8 Wochen auf 200.000 Teilnehmer aus und diente im ganzen Land als Anfangsposition der realen politischen Differenzierung. Und das war nur die politische Bewegung. Fl\u00e4chendeckend wie in keinem anderen Land Osteuropas breitete sich Selbst\u00e4ndigkeit exponentiell aus, ging in allen Lebensbereichen vor, drang in allen Sozialstrukturen durch. Anfangs waren es die Demonstrationen, bald aber schon die Absetzung von B\u00fcrgermeistern, die Neuwahl von Werkleitungen durch Belegschaftsversammlungen, die Bildung spontaner B\u00fcrgerkomitees, welche eigenm\u00e4chtig Tore von Kasernen \u00f6ffnen lie\u00dfen, oder eben jene Erfurter Frauen, die am 4. Dezember die erste Bezirksverwaltung des MfS schlossen und versiegelten. Am 7. Dezember begann der Zentrale Runde Tisch in Berlin als oberste Instanz der \u00dcbergangszeit, ihm folgten hunderte kommunale und fachspezifische Runde Tische, an denen reale Verwaltungsentscheidungen getroffen wurden, noch bis weit in das Jahr \u201990 hinein. Es gab keine F\u00fchrung, es war Selbstorganisation. Hier handelten B\u00fcrger in Selbstbestimmung \u2013 landauf und landab!<\/p>\n<h3 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \"><span id=\"4\">4.<\/span><\/h3>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">\u201eWo hatten sie das gelernt?\u201c, fragte spitz und treffend der ostdeutsche Soziologe Wolfgang Engler schon vor 20 Jahren. Offensichtlich konnte dies nur in der DDR geschehen sein. Aber wodurch? Durch die Erfahrung sozialer Gleichstellung der \u00fcberwiegenden Mehrheit der B\u00fcrger dort. Das war f\u00fcr westliche Augen wohl weniger offensichtlich.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Seit den 70er Jahren trat ein Umschwung im innergesellschaftlichen Gleichgewicht der DDR ein. Auf die wie in Stein gemei\u00dfelten Verstaatlichungen antwortete ein neues Sozialverhalten. Die Gleichstellung der Menschen bei Stillstellung der Eigentumsverh\u00e4ltnisse hatte reale Folgen. In den Betrieben l\u00f6sten sich mindestens die untersten 3, 4 Stufen der alten Hierarchie auf, Arbeiter und Angestellte waren auf gleich gestellt, noch der Meister war von der ausf\u00fchrenden Brigade abh\u00e4ngig; Ingenieure, Wissenschaftler, \u00c4rzte galten als Teilarbeiter unter anderen Arbeitern. Die Menschen orientierten sich aneinander statt an Hierarchien und Aufstiegschancen.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Es entstand eine soziale Eigendynamik, die zur Umkehr der Hierarchien tendierte und die politisch gesetzten Rahmen arbeitsallt\u00e4glich erweiterte, tats\u00e4chlich ver\u00e4nderte und f\u00fcr individuelle Lebensr\u00e4ume ausnutzen konnte. Das Gegenteil von westlicher Sozialisation \u00fcber Marktchancen. Das war die lange Vorgeschichte und Vorbereitung von 1989. Zuletzt hockte nur noch die Regierung in einer \u201eNische\u201c, keineswegs die Mehrheitsbev\u00f6lkerung. Und die so oft bem\u00fchte \u201efriedliche Revolution\u201c wurde in Wahrheit die kr\u00e4ftige Erbschaft, welche die DDR ihren B\u00fcrgern auf den Weg mitgab.<\/p>\n<h3 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \"><span id=\"5\">5.<\/span><\/h3>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Der Mauerfall \u00e4nderte allerdings ruckartig die Zusammensetzung und die Perspektiven der Demokratiebewegung. Nun erst trat das vierte, das konservative Viertel des politischen Spektrums aus seinem Wartestand hervor. Mit ihm und seiner Ausstrahlung auf das dritte Viertel (ablehnend, aber passiv hatte ich es charakterisiert) verschob sich das politische Nahziel vom Umbau der DDR zu nationalstaatlicher Wiedervereinigung. Ab Ende Dezember dominierte das Einheitsziel die \u00f6ffentliche Meinung in Ostdeutschland.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Jetzt aber waren tats\u00e4chlich alle vier Viertel unterwegs, s\u00e4mtliche politischen Einstellungen, sei es, sie hatten die DDR aufgebaut, mitgetragen, ertragen oder erlitten, waren nun in Bewegung geraten und standen einander gegen\u00fcber. Die Vollst\u00e4ndigkeit dieses Gesamtauftritts der Ostdeutschen kann man noch an der enormen Wahlbeteiligung am 18. M\u00e4rz 1990 erkennen; sie betrug 93, 4 Prozent.<\/p>\n<h3 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \"><span id=\"6\">6.<\/span><\/h3>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Von jenen Wahlergebnissen ist meist nur das politische Resultat bekannt: mit 47 Prozent konnte sich die b\u00fcrgerrechtlich d\u00fcnn verzierte, von Helmut Kohl aufgepumpte ostdeutsche CDU zum Sieger erkl\u00e4ren. Das entschied zugleich den Weg in die schnellstm\u00f6gliche staatliche Einheit.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Allerdings zeigen die \u00fcbrigen Wahlergebnisse noch anderes. 16 Prozent f\u00fcr die PDS, 22 f\u00fcr die SPD (Ost), 5 f\u00fcr die beiden B\u00fcrgerbewegungslisten. Da sprechen sich die politischen Haltungen aus den ersten drei Vierteln des politischen Spektrums aus. Diese Stimmen zusammen ergeben 43 Prozent. Sogar jetzt, in diesem Moment der tiefsten Erniedrigung der Reformperspektive, sieht man noch immer die zwei H\u00e4lften der DDR-Bev\u00f6lkerung, die linke und die konservative, mit 43 zu 47 Punkten durchscheinen.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Ich f\u00fcge hinzu: Nach 30 Jahren staatlich organisierter Einheit hat sich in Th\u00fcringen gerade wieder der gleiche Block von 44 Prozent Rot-Rot-Gr\u00fcn gezeigt.<\/p>\n<h3 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \"><span id=\"7\">7.<\/span><\/h3>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Inzwischen koppelt sich die Basis immer mehr ab vom Oberbau der Einheit, schl\u00e4gt sowohl nach links wie auch nach rechts aus. Woher kommt das, warum hat sie das n\u00f6tig? Es begann nicht von ihrer Seite, es begann mit der Zerst\u00f6rung der eigenen medialen \u00d6ffentlichkeit und wurde zementiert durch die radikale Privatisierungsstrategie der Treuhand.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Kaum zwei Jahre nach 1990 bestand in Ostdeutschland keine einzige TV-Station, keine Rundfunkanstalt, keine gr\u00f6\u00dfere Zeitung mit gewachsener Leser-Blatt-Bindung mehr, die nicht von einer westdeutschen Chefredaktion geleitet worden w\u00e4re. Die Generalaussprache, das politische Bewusstsein, die soziale Erinnerung, alle Selbstverst\u00e4ndigung, die sich eine ganze Bev\u00f6lkerung gerade eben erobert hatte, verwandelte sich in Entm\u00fcndigung und Belehrung. In den Betrieben gaben nicht mehr die Belegschaften den Ton an, sondern unerreichbare Eigent\u00fcmer den Takt vor. Und statt uns selber auszusprechen, sollten wir jetzt nur noch zuh\u00f6ren. Das war eine scharfe Kehre, die durchaus verstanden wurde und umgehend als L\u00e4hmung wirkte. Die politische Debatte war wieder auf die Ebene des Privatgespr\u00e4chs heruntergedr\u00fcckt. Das war gerade der Zustand, aus dem wir gekommen waren.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Nun begannen die R\u00fcckf\u00e4lle in jene Mentalit\u00e4ten, aus denen man aufgebrochen war. Der \u00c4ngstliche wurde wieder \u00e4ngstlich, der Mutige wieder einsam, der Zweifler wieder sch\u00fcchtern, der Sozialist wieder steif und stur, der ehemalige Oppositionelle entweder Moralist oder Karrierist, der Spie\u00dfer wieder spie\u00dfig etc. etc.<\/p>\n<h3 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \"><span id=\"8\">8.<\/span><\/h3>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Jeder einzelne R\u00fcckfall d\u00fcnnte die ostdeutsche Demokratie aus. Bis 1993, als durch den neunmonatigen grandiosen Arbeitskampf der Kalibergleute von Bischofferode im Harz doch noch eine verzweifelte Hoffnung im Land aufkeimte, hielt die Demokratiebewegung an dem Grundgestus von 89 fest, dann war sie zerstreut und besiegt. Ihre Revolution war beendet.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Wie l\u00e4sst sich dieser Gang der Ereignisse zusammenfassen? Seit damals qu\u00e4lt sich auf unserem Territorium ein Volk, das schon einmal eine Gesellschaft geworden war \u2013 das w\u00e4re die soziologische Ausdrucksweise f\u00fcr das Ph\u00e4nomen. Man sollte vielleicht zeitgem\u00e4\u00dfer sagen: Hier qu\u00e4lt sich eine Gesellschaft, die 1989\/90 schon einmal demokratisch geworden war \u2013 das w\u00e4re dann eine politologische Beschreibung desselben Sachverhalts.<\/p>\n<h3 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \"><span id=\"9\">9.<\/span><\/h3>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Kein Ostdeutscher verachtete je die Demokratie, weder vor 1989 und erst recht nicht danach \u2013 er erkennt sie nur genauer, er nimmt sie pers\u00f6nlicher. Sie bedeutet ihm handhabbare Lebensumst\u00e4nde. Und die wollte er damals um einen vern\u00fcnftigen politischen \u00dcberbau erweitern. Alle Beteiligten mussten dann schwer dazulernen, die einen gern, die anderen weniger gern. Keiner der vier politischen Haltungen blieben dabei spezifische Entt\u00e4uschungen erspart. Wenn aber auch in drei Jahrzehnten kein reales Gespr\u00e4ch zwischen West- und Ostdeutschland entsteht, dann liegen strukturelle Gr\u00fcnde vor. Da die institutionellen Voraussetzungen f\u00fcr einen echten Dialog so gut wie s\u00e4mtlich in altbundesdeutscher Hand sind, muss die Fehlfunktion auf dieser Seite der Republik gesucht werden.<\/p>\n<h3 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \"><span id=\"10\">10.<\/span><\/h3>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Die Schlagw\u00f6rter kennen wir: totalit\u00e4r, zweite deutsche Diktatur, Unrechtsstaat, Nischengesellschaft, Mitl\u00e4ufertum, durchherrschte Gesellschaft usw. \u2013 Damit standen nun die, die allenfalls Zuschauer vom anderen Ufer aus gewesen waren, mitten in unserem Land und bewerteten Fabriken und F\u00e4higkeiten, Leute und Lebensl\u00e4ufe, die sie nicht kannten und so auch nie kennenlernen konnten.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Nehmen wir nur das eine Beispiel, den inflation\u00e4ren Gebrauch von \u201etotalit\u00e4r\u201c zur Charakterisierung der Natur der DDR-Gesellschaft.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Dagegen steht das Ereignis selbst: Der Herbst 1989 in Ostdeutschland weist in dem gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Ma\u00dfstab eines erfolgreichen politischen Experiments aus, dass die soziale Logik der vormaligen Produktionsverh\u00e4ltnisse eben nicht totalit\u00e4r gewesen sein kann. Und zwar gilt das f\u00fcr das Verhalten beider beteiligter Seiten. Der Auftritt \u2013 das Hervortreten \u2013 der ostdeutschen Demokratie und ebenso der Verlauf der Auseinandersetzung mit dem Machtapparat zeigen das an.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Unter solchen begrifflichen Masken ist die hier entstandene Gesellschaft nicht zu erkennen, sondern nur die Mutma\u00dfungen, die vor \u201989 und von au\u00dfen her \u00fcber uns entstanden, klappern hier weiter. Doch die alten Begriffe begreifen nicht mehr. (F\u00fcr dieses Niveau der Auseinandersetzung h\u00e4tte es eigentlich kein \u201989 gebraucht.) Deshalb nenne ich es das \u201eSelbstgespr\u00e4ch\u201c des Westens \u00fcber den Osten.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Ein zweites Beispiel. Zusammen mit der institutionellen Zerst\u00f6rung der ostdeutschen \u00d6ffentlichkeit bildet wohl das Stasi-Thema den inhaltlichen Eckstein, der ein reales Gespr\u00e4ch verhindert. Es ist der Schlagschatten, mit dem eine westdeutsche Vorstellungswelt die konkrete Erinnerung der Ostdeutschen bedr\u00e4ngt, verdr\u00e4ngt und verdunkelt. Man k\u00f6nnte auch von Missbrauch des Themas sprechen.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Woher kommt das? Aus der Pr\u00e4gung der westdeutschen Intelligenz durch die Auseinandersetzung mit dem Faschismus. Und wodurch entsteht das faktische \u00dcbergewicht der falschen Vergleiche? Es entsteht durch die vollst\u00e4ndige Abwicklung der akademischen und medialen Intelligenz, die in der DDR entstanden war. Die scheinheilige (und unsaubere) Redeweise von den \u201ezwei deutschen Diktaturen\u201c zeigt es an.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Argumentativ ist es blo\u00df ein Selbstbezug, politisch aber wirkt es als Kolonialisierung.<\/p>\n<h3 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \"><span id=\"11\">11.<\/span><\/h3>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Das sind nur zwei der Schl\u00e4ge auf die K\u00f6pfe der ostdeutschen Demokratie, also auf mindestens die H\u00e4lfte der Ostdeutschen. Wir denken noch dar\u00fcber nach. \u2013<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Welche Schl\u00e4ge es f\u00fcr die zwei anderen Viertel, also f\u00fcr die konservative H\u00e4lfte waren, das verstehen wir nicht so genau. \u2013<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Die AfD ist aber kein ostdeutsches Produkt, sondern eine ganz und gar westdeutsche Konsequenz. Sie verk\u00f6rpert die Trennung des kleinen vom gro\u00dfen B\u00fcrgertum. Diese Spaltung wird daher im politischen System auch bestehen bleiben, sie kann nicht durch argumentative oder kulturelle \u00dcberlegenheit zum Verschwinden gebracht werden. Dieser Bruch bedeutet viel f\u00fcr die Bundesrepublik, er reicht tief und ver\u00e4ndert sie zur Kenntlichkeit. Ihr Boden wird weiter nachgeben.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Ostdeutschland hat solches B\u00fcrgertum nicht. Hier flie\u00dfen die Wahlerfolge der AfD aus anderen Quellen. Es sind vielleicht 5 Prozent ihrer hiesigen W\u00e4hlerschaft, die wirklich die \u00dcberzeugungen der Parteif\u00fchrung teilen. Aber die Wunde der \u00f6ffentlichen Sprachlosigkeit schw\u00e4rt schon lang, das mag 15 Prozent ergeben. Die aktuellen 25 Prozent sind dagegen ein echtes Lernergebnis der Ostdeutschen aus den schlechten Umgangsformen der Denkzettel-Demokratie.<\/p>\n<h3 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \"><span id=\"12\">12.<\/span><\/h3>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Diese neue Art Widerstand von rechts hat jedenfalls zwei verschiedene soziale Herk\u00fcnfte. Die beiden deutschen Gesellschaften, wie sie aus dem Zweiten Weltkrieg hervorgegangen sind, bestehen fort. Die staatliche Vereinheitlichung hat deren Gegens\u00e4tzlichkeit bislang weder deutlich erkennen noch konstruktiv aufl\u00f6sen k\u00f6nnen. Es ist keineswegs ausgemacht, von wo die n\u00e4chsten Schritte der Demokratie ausgehen werden.<\/p>\n<h3 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \"><span id=\"13\">13.<\/span><\/h3>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Fragen wir abschlie\u00dfend. Wenn die demokratische Kompetenz von 1989 <b>heute<\/b> eine eigene Stimme, \u00d6ffentlichkeit und Handlungsf\u00e4higkeit h\u00e4tte, was w\u00fcrde sie dann, an ihrem 30. Geburtstag in dem neuen Leben, sagen und tun?<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Sie w\u00fcrde zun\u00e4chst stutzig werden \u00fcber das auff\u00e4llige und einf\u00e4ltige Gerede von der \u201efriedlichen Revolution\u201c. Sie w\u00fcrde sich dann erinnern, dass es nicht \u201efriedlich\u201c war, sondern Monate unbeschreiblicher Angespanntheit waren. Sie w\u00fcrde erkennen, dass zu der Gewaltlosigkeit, die es ja nur war, zwei Seiten geh\u00f6ren.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Sie w\u00fcrde schlie\u00dflich zu der anderen Seite sagen: Gut, wir sind noch immer anderer Meinung als Ihr \u2013 und Ihr seid es umgekehrt wahrscheinlich auch. Aber Ihr habt damals nicht geschossen, habt uns unseren Weg gehen lassen; habt Euch einer unbekannten Zukunft gebeugt. Deshalb soll von jetzt an jede verordnete Ausgrenzung enden. Also: Generalamnestie, Ende der Regelanfrage u. \u00e4. \u2013<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Das w\u00fcrde sie, denke ich, eine Generation sp\u00e4ter sagen. Und das gesch\u00e4he keineswegs aus irgendwelcher \u201eVers\u00f6hnung\u201c, sondern einzig und allein aus Selbstachtung \u2013 aus Selbstachtung der ostdeutschen Demokratie.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"v-autoreninfo-western\"><em><strong class=\"western\">Klaus Wolfram<\/strong> arbeitete im Verfassungsausschuss des Zentralen Runden Tisches mit, in dem ein Verfassungsentwurf f\u00fcr die DDR erarbeitet wurde. Er war Koordinator der Programmkommission des Neuen Forum und Mitglied im Landessprecherrat des Neuen Forums. Wolfram ist seit 1994 als Lektor f\u00fcr den BasisDruck Verlag, den er mitgegr\u00fcndet hat. Wolfram ist au\u00dferdem Mitbegr\u00fcnder der Stiftung Haus der Demokratie Berlin.<\/em><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[47,2982,16],"tags":[3584,3249,4368,3583,4302,667],"autoren":[4367],"publikationen":[4298],"class_list":["post-20185","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","category-lebensweisen-pluralismus","category-neonazis","category-rechtspolitik","tag-brd","tag-ddr","tag-dialog","tag-ostdeutschland","tag-treuhand","tag-vorgaenge-artikel","autoren-klaus-wolfram","publikationen-vorg-250"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Was war und zu welchem Ende kam die politische Energie der Ostdeutschen? 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