{"id":20191,"date":"2025-09-17T13:24:32","date_gmt":"2025-09-17T11:24:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=20191"},"modified":"2025-09-17T13:24:32","modified_gmt":"2025-09-17T11:24:32","slug":"der-reichste-deutsche-zwei-gedankenspiele","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-250\/publikation\/der-reichste-deutsche-zwei-gedankenspiele\/","title":{"rendered":"Der reichste Deutsche: Zwei Gedankenspiele"},"content":{"rendered":"<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Klaus Michael K\u00fchne ist nach Angaben des Magazins Forbes der reichste Mann Deutschlands. Nun gibt sich der Milliard\u00e4r auch noch als gro\u00dfz\u00fcgiger M\u00e4zen, denn er schenkt der Freien und Hansestadt Hamburg ein neues Opernhaus. Gott \u2013 muss der reich sein! Und wie spendabel! Nebenbei ist er noch der wichtigste Sponsor des HSV. Solche gro\u00dfherzigen Menschen brauchen wir. Soll man die mehr besteuern? Ist das gerecht?<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Die Debatte um eine gerechte Besteuerung von Superreichen in Deutschland ist schon vor einigen Jahren auf zivilgesellschaftliche Initiativen hin entfacht und wird nun durch das Steuerpaket der neuen Bundesregierung wieder befeuert. Gleichzeitig bleiben die Debatten abstrakt und das Steuersystem kompliziert. Bei der Diskussion \u00fcber Reichtum (und was eine gerechte Besteuerung von Reichtum w\u00e4re) habe selbst ich als Mathematiker manchmal Probleme, die Dimensionen zu erkl\u00e4ren. Versuchen wir es einmal:<\/p>\n<h3 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \" align=\"left\"><span id=\"wie-viel-reichtum-ist-gerecht\">Wie viel Reichtum ist gerecht?<\/span><\/h3>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Ein*e Facharbeiter*in verdient pro Jahr netto etwa 27.000 Euro. Der Bundeskanzler verdient netto (ohne seine vielen Nebeneink\u00fcnfte) etwa 150.000 Euro. Das ist fast das Sechsfache. Arbeitet er so viel? Ist das gerecht? Die meisten Menschen finden: Ja! Das ist ok.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Jedoch Michael Blume, der VW-Vorsitzende und zugleich der bestbezahlte Manager Deutschlands verdient 5,4 Millionen Euro netto. Das ist 36 Mal (!) so viel wie das Gehalt des Bundeskanzlers und \u00fcber zweihundertmal so viel wie jenes eines Facharbeiters. Kann man so viel \u00fcberhaupt ausgeben? Ist das gerecht? Macht das gl\u00fccklicher? Da trennen sich die Meinungen.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Und Herr K\u00fchne, der reichste Mann Deutschlands? Er verdient netto 3,3 Milliarden Euro. Diese Zahl ist so hoch, das sie niemandem mehr etwas sagt. Das \u00fcber 600-mal so viel wie der superreiche VW-Vorsitzende Blume verdient oder so viel wie 20.000 Bundeskanzler verdienen w\u00fcrden!<\/p>\n<h3 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \" align=\"left\"><span id=\"huehnerei-und-koelner-dom\">H&uuml;hnerei und K&ouml;lner Dom<\/span><\/h3>\n<p class=\"v-zwischen\u00fcberschrift-2-western\" align=\"left\">Um das zu veranschaulichen, versuchen wir es zun\u00e4chst mit einer r\u00e4umlichen Gr\u00f6\u00dfenordnung zum Vergleich: Nehmen wir an, das Nettoeinkommen eines Facharbeiters entspr\u00e4che sieben Zentimeter \u2013 etwa der Gr\u00f6\u00dfe eines H\u00fchnereis. Folglich entspr\u00e4che das Einkommen des Bundeskanzlers 42 Zentimeter, was der Gr\u00f6\u00dfe eines Blumentopfes mit einer Blume drin entspricht. Das Einkommen von Herrn Blume entspr\u00e4che bereits dem gro\u00dfen Fenster links unten im Portal des K\u00f6lner Doms \u2013 das Fenster ist 15 Meter hoch.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Und nun zu Herrn K\u00fchne: Sie vermuten sicher, dass sein Einkommen dann der H\u00f6he des Doms entspr\u00e4che. Das w\u00e4ren 157 Meter. Aber weit gefehlt! Das w\u00e4re \u201enur\u201d das zehnfache von Herrn Blume. Das reicht nicht f\u00fcr Herrn K\u00fchne.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Wie w\u00e4re es zum Vergleich mit dem h\u00f6chste Geb\u00e4ude der Welt, der Burj Khalifa in Dubai mit 828 Metern? Auch das reicht nicht aus. Ja, selbst der h\u00f6chste Berg, der Mount Everest, w\u00e4re nicht ausreichend. Man m\u00fcsste dann noch zwei K\u00f6lner Dome \u00fcbereinander obendrauf stellen. Unfassbar!<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Noch ein Vergleich, diesmal in Jahren statt H\u00f6henmetern: Wenn ein Facharbeiter sehr sparsam w\u00e4re und jedes Jahr die H\u00e4lfte seines Einkommens auf die hohe Kante legen w\u00fcrde, dann m\u00fcsste er 250.000 Jahre arbeiten, um so viel anzusparen, wie Herr K\u00fchne in einem einzigen Jahr verdient. Um aber dar\u00fcber hinaus so viel anzusparen, wie Herr K\u00fchne an Verm\u00f6gen besitzt, h\u00e4tte der Facharbeiter bereits drei Millionen Jahre sparen m\u00fcssen. Das war lange, bevor die Steinzeit begann.<\/p>\n<h3 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \" align=\"left\"><span id=\"und-woher-kommt-das-vermoegen\">Und woher kommt das Verm&ouml;gen?<\/span><\/h3>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Das ist schon irre! Aber wie hat denn K. M. K\u00fchne sein Verm\u00f6gen erarbeitet? Durch ehrliche Arbeit? Die Geschichte geht so:<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Die Br\u00fcder Alfred (Klaus Michael K\u00fchnes Vater) und Werner K\u00fchne erbten 1933 Teile der 1890 gegr\u00fcndeten kleinen Spedition K\u00fchne + Nagel. Beide waren \u00fcberzeugte Nazis, Werner auch schon NSDAP-Mitglied. Sie nutzten die Gelegenheit und dr\u00e4ngten ihren dritten Partner, Adolf Maass, der j\u00fcdischer Abstammung war und dem fast die H\u00e4lfte des Betriebs geh\u00f6rte, ohne Entsch\u00e4digung aus der Firma. Dieser kam daf\u00fcr mit seiner Frau ins KZ. Beide wurden 1945 in Auschwitz ermordet. Die Firma wurde nun ein NS-Musterbetrieb und wuchs rapide. Sie bekam n\u00e4mlich von Hitler 1942 das Monopol f\u00fcr die Entsorgung von 65.000 j\u00fcdischen Haushalten in Frankreich und den Benelux-Staaten, deren Bewohner*innen ins Ausland flohen oder gar ins Konzentrationslager deportiert wurden.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Nach dem Zweiten Weltkrieg durften die Br\u00fcder wegen ihrer Nazi-Vergangenheit zun\u00e4chst kein Gesch\u00e4ft f\u00fchren. Sie machten deshalb Dieter Liesenfeld, einen jungen Mann j\u00fcdischer Abstammung, zum Teilhaber.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Dann aber wurde K\u00fchne + Nagel f\u00fcr etwa zehn Jahre Tarnfirma der CIA-Geheimorganisation Gehlen, die zum gro\u00dfen Teil aus Mitgliedern der SS, SA, der Gestapo und den Geheimdiensten der Wehrmacht und der NSDAP bestand. Daf\u00fcr wurde Alfred K\u00fchne auf Anweisung des CIA \u201eentnazifiziert\u201c und zahlte seinen Bruder und Herrn Liesenfeld aus. Sp\u00e4ter \u00fcbergab er dann die F\u00fchrung des Konzerns nach und nach an seinen einzigen Sohn Klaus Michael.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Heute ist K\u00fchne + Nagel das drittgr\u00f6\u00dfte Logistik-Unternehmen der Welt. Seinen Firmen- und Wohnsitz hat Klaus Michael K\u00fchne aus Steuergr\u00fcnden in die Schweiz verlegt. Anfang November 2008 widersprach er bei einer Podiumsdiskussion einer m\u00f6glichen Fusion mit der d\u00e4nischen Reederei Maersk. Er wolle das K\u00e4uferkonsortium \u201em\u00f6glichst reinrassig deutsch halten\u201c, aber nat\u00fcrlich in Deutschland keine Steuern zahlen. Eine wissenschaftliche Auftragsstudie \u00fcber die Familiengeschichte wurde von K\u00fchne nicht ver\u00f6ffentlicht, da die Autoren sich weigerten, ihm nicht passende Passagen zu streichen.<\/p>\n<h3 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \" align=\"left\"><span id=\"zwei-gedankenspeile\">Zwei Gedan&shy;ken&shy;speile<\/span><\/h3>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Herr K\u00fchne schenkt nun Hamburg ein Opernhaus f\u00fcr 300 Millionen Euro. Ist das gro\u00dfz\u00fcgig? Rechnen wir einmal nach: W\u00fcrde er Abgaben bezahlen wie jeder normale Arbeitnehmende, dann w\u00e4ren das 1,7 Milliarden Euro j\u00e4hrlich. Das w\u00e4ren also f\u00fcnfeinhalb Opernh\u00e4user \u2013 und das jedes Jahr! Anders gerechnet: Der Hamburger Senat und die Bundesregierung k\u00f6nnten von seinen Steuern auch 40.000 zus\u00e4tzliche Erzieher*innen finanzieren \u2013 die in Deutschland dringend fehlen. Zudem w\u00fcrde Herr K\u00fchne trotzdem jedes Jahr um fast zwei Milliarden Euro reicher werden.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Tats\u00e4chlich ist die Familie K\u00fchne nur ein aktuelles Beispiel. Sie ist eine von insgesamt etwa 220 Milliard\u00e4rsfamilien und etwa 4000 Hektomillion\u00e4rsfamilien (mit mehr als hundert Millionen Euro Verm\u00f6gen) in Deutschland. Wenn all diese Familien prozentual so viel Steuern zahlen w\u00fcrden, wie normale Arbeitnehmende, dann w\u00fcrde das nicht nur als Gehalt f\u00fcr die fehlenden Erzieher*innen reichen, sondern beispielsweise auch f\u00fcr Folgendes:<\/p>\n<ul>\n<li>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">100.000 neue dringend ben\u00f6tigte Sozialwohnungen (zehn Milliarden Euro pro Jahr)<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Ein Programm f\u00fcr gleiche Chancen f\u00fcr alle Kinder (Kindergrundsicherung, Kitas, Schulen \u2013 30 Milliarden Euro pro Jahr)<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Die dringend n\u00f6tige Reparatur der Infrastruktur in Schulen, Krankenh\u00e4usern, Br\u00fccken und Bahn (40 Milliarden Euro pro Jahr)<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Den klimagerechten Umbau des Landes (30 Milliarden Euro pro Jahr)<\/p>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Kurzum: W\u00fcrden Superreiche Steuern in der prozentualen H\u00f6he zahlen, wie es Nichtsuperreiche tun, dann k\u00f6nnte Deutschland bei entsprechendem politischen Willen um einiges sozialer, gerechter und klimafreundlicher sein.<\/p>\n<h3 class=\"v-zwischen&uuml;berschrift-2-western \"><span id=\"fazit\">Fazit<\/span><\/h3>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Menschen, die f\u00fcr den Mindestlohn 40 Stunden in der Woche arbeiten, zahlen in Deutschland fast 50 Prozent ihres Einkommens (ausgegangen vom Arbeitgeberbrutto) in Form von Sozialabgaben, Einkommenssteuern und Verbrauchssteuern an den Staat.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Multimillion\u00e4re und Milliard\u00e4re dagegen zahlen meist weniger als zwei Prozent Steuern. Denn sie halten ihr Verm\u00f6gen \u00fcberwiegend in Stiftungen oder Privat-Holdings. Und selbst wenn man die Unternehmenssteuern ihrer Firmen mitrechnen w\u00fcrde, dann zahlen sie in der Regel nur zwischen 15 und 30 Prozent.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Wenn Herr K\u00fchne dagegen US-B\u00fcrger w\u00e4re, dann m\u00fcsste er auf Grund von Gesetzen, die Pr\u00e4sident Barack Obama durchgesetzt hat, sein Einkommen voll versteuern. Selbst Donald Trump hat das bisher nicht abgeschafft.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Um das Wachsen der Schere zu beenden, m\u00fcssten die Reichen und Superreichen einen Teil des Reichtums wieder abgeben. So war das in den Wirtschaftswunderjahren nach dem Zweiten Weltkrieg tats\u00e4chlich in Deutschland, in Gro\u00df Britannien und auch in den USA! So wurde das zerst\u00f6rte Deutschland nach dem Krieg wieder aufgebaut. Das Steuerpaket der Bundesregierung \u00e4ndert nichts an der bestehenden Ungerechtigkeit. Stattdessen wird die K\u00f6rperschaftsteuer \u2013 die in den 1950er Jahren mal bei 65 Prozent lag \u2013 und seitdem in mehreren Schritten auf zuletzt 15 Prozent reduziert wurden, nochmal um ein Drittel auf nur noch zehn Prozent reduziert. Das versch\u00e4rft die soziale Ungerechtigkeit sogar noch. Viel besser w\u00e4re es, gerechte Steuern von den \u00dcberreichen zu erheben und damit gezielt Wirtschaftsbereiche wie die IT-Wirtschaft, die Herstellung von Autobatterien oder von gr\u00fcnem Stahl zu f\u00f6rdern, damit die deutsche Industrie f\u00fcr die Zukunft gewappnet ist anstatt wilde Steuergeschenke zu verstreuen.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Es wird Zeit f\u00fcr eine finanzpolitische Kehrtwende und f\u00fcr eine st\u00e4rkere Besteuerung der Superreichen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"v-autoreninfo-western\"><em><strong class=\"western\">Karl-Martin Hentschel<\/strong> war IT-Manager in einem internationalen Konzern, Fraktionsvorsitzender der Gr\u00fcnen in der Simonis-Regierung in Schleswig-Holstein und arbeitet seitdem als freier Autor. Er sitzt als Vertreter von Attac im Vorstand des Netzwerk Steuergerechtigkeit. Sein neues Buch: Steuer-Revolution. Ein Konzept zur R\u00fcckverteilung von Reichtum, zu mehr Gerechtigkeit und Klimaschutz, VSA-Verlag, Hamburg 2024.<\/em><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[2973,5,2976,7],"tags":[],"autoren":[4389],"publikationen":[4298],"class_list":["post-20191","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","category-armut","category-bildung","category-klima","category-sozialpolitik","autoren-karl-martin-hentschel-2","publikationen-vorg-250"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Der reichste Deutsche: Zwei Gedankenspiele - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-250\/publikation\/der-reichste-deutsche-zwei-gedankenspiele\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Der reichste Deutsche: Zwei Gedankenspiele - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Klaus Michael K\u00fchne ist nach Angaben des Magazins Forbes der reichste Mann Deutschlands. 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