{"id":20253,"date":"2025-11-27T15:29:14","date_gmt":"2025-11-27T14:29:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=20253"},"modified":"2025-11-28T11:49:07","modified_gmt":"2025-11-28T10:49:07","slug":"nachruf-fritz-sack-1931-2025","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/mitt-256\/publikation\/nachruf-fritz-sack-1931-2025\/","title":{"rendered":"Nachruf: Fritz Sack (1931\u20132025)"},"content":{"rendered":"<p>Fritz Sack ist am 18. August 2025 im Alter von 94 Jahren in Berlin verstorben. Mit ihm verliert die deutschsprachige \u2013 und weit dar\u00fcber hinaus reichend auch die internationale \u2013 Kriminalsoziologie eine ihrer pr\u00e4genden Stimmen. Er war Wegbereiter einer kritisch-soziologischen Kriminologie, die Kriminalit\u00e4t nicht als Eigenschaft von Personen, sondern als Ergebnis sozialer Zuschreibungen und institutioneller Praktiken begreift. Sein Denken hat Generationen von Studierenden, Forschenden und Praktiker*innen gesch\u00e4rft, irritiert \u2013 und ermutigt.<\/p>\n<p>Fritz Sack hat seine Laufbahn selbst als \u201ekontingent\u201c beschrieben \u2013 gepr\u00e4gt von Abzweigungen und Gelegenheiten, die sich auch anders h\u00e4tten ergeben k\u00f6nnen. Geboren 1931 in Neumark\/Stare Czarnowo, wuchs er in einer b\u00e4uerlichen Welt auf, erlebte Flucht und sozialen Bruch nach 1945 und entwickelte dar\u00fcber jenen n\u00fcchternen Blick, der seine sp\u00e4tere Kriminalsoziologie tragen sollte: Wirklichkeit als Ergebnis geschichtlicher Zuf\u00e4lle, sozialer Lagen und institutioneller Bahnen \u2013 nicht als Natur der Dinge. Fr\u00fch erfuhr er soziale Milieus als \u201ezwei Schichtungssysteme\u201c (agrarisch und nicht-agrarisch). Er wuchs zwischen unterschiedlichen Sprach- und Weltcodes auf; sp\u00e4ter f\u00fchrten ihn Umwege \u00fcber eine Finanzbeamtenausbildung ins Studium und weiter in die K\u00f6lner Soziologie um Ren\u00e9 K\u00f6nig \u2013 mit der Erfahrung, dass intellektuelle Haltung aus durchlebter Disruption und harter Disziplin erw\u00e4chst. Diese Biografie erkl\u00e4rt auch seinen beharrlichen Widerspruchsgeist: Er suchte keine glatten Etiketten, sondern tragf\u00e4hige Perspektiven auf Gesellschaft, Macht und Kriminalisierung.<\/p>\n<p>Sacks wissenschaftliches Programm war fr\u00fch und klar konturiert: Kriminologie geh\u00f6rt in die Soziologie, nicht in den administrativen Arm des Rechts. Wer verstehen will, warum Menschen als \u201eabweichend\u201c gelten, muss die Mechanismen der Kriminalisierung untersuchen: Wer definiert welches Verhalten als strafw\u00fcrdig? Unter welchen politischen, sozialen und medialen Bedingungen gewinnen diese Deutungen Geltung? Damit verschob Sack die Leitfrage der Disziplin \u2013 weg vom \u201eWarum wird jemand kriminell?\u201c hin zum \u201eWie und warum wird jemand als kriminell bezeichnet?\u201c. Der Labeling-Ansatz war f\u00fcr ihn keine Pose, sondern ein ernsthaftes empirisches Forschungsprogramm.<\/p>\n<p>Gepr\u00e4gt wurde sein Blick durch internationale Erfahrungen. Aufenthalte in den USA Mitte der 1960er Jahre \u2013 unter anderem in Columbus und Berkeley \u2013 \u00f6ffneten seinen Horizont f\u00fcr die Chicagoer Schule und die Ethnomethodologie. Aus dieser Reibung gewann er Ideen f\u00fcr ein deutschsprachiges Gegenmodell zur normativ-juristischen Kriminologie. Sein beruflicher Weg f\u00fchrte ihn \u00fcber Professuren in Regensburg und Hannover 1984 an die Universit\u00e4t Hamburg. Dort gr\u00fcndete er das Aufbau- und Kontaktstudium Kriminologie, aus dem sp\u00e4ter das Institut f\u00fcr Kriminologische Sozialforschung hervorging \u2013 der erste und \u00fcber Jahre einzige soziologische kriminologische Lehrstuhl in Deutschland. Er engagierte sich in Netzwerken, gr\u00fcndete mit Kolleg*innen die Gesellschaft f\u00fcr inter-disziplin\u00e4re wissenschaftliche Kriminologie (GiwK) und war publizistisch pr\u00e4sent, unter anderem im Kriminologischen Journal und in den <em>vorg\u00e4ngen<\/em>. Nach seiner Emeritierung (1996) pr\u00e4gte er bis 2012 das Institut f\u00fcr Sicherheits- und Pr\u00e4ventionsforschung (ISIP) als Ort des Transfers zwischen Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Institutionen.<\/p>\n<p>Wer mit ihm arbeitete, erinnert sich an eine besondere Gespr\u00e4chskultur. Aus dem ISIP bleibt die w\u00f6chentliche Montagsrunde in lebendiger Erinnerung. \u00dcber nahezu ein Jahrzehnt fragte Fritz schon beim Hereinkommen nicht \u201eWie geht es Dir?\u201c, sondern: \u201eWas bedeutet f\u00fcr Dich Post-moderne?\u201c oder \u201eWas versteht Ihr unter Populismus?\u201c Wenn ihn ein Thema packte, war es allgegenw\u00e4rtig: Es begleitete ihn durch Gespr\u00e4che, Memos und Randbemerkungen; er biss sich fest \u2013 nicht pedantisch, sondern aus produktiver Hartn\u00e4ckigkeit. Genauso oft lautete seine Einstiegsfrage: \u201eWas lesen Sie gerade?\u201c Diese Fragen waren Einladung und Zumutung zugleich: Sie machten deutlich, dass gemeinsame Arbeit f\u00fcr ihn immer mit gemeinsamem Denken begann \u2013 pr\u00e4zise, gegenwartsbezogen und offen f\u00fcr Widerspruch.<\/p>\n<p>Ein pr\u00e4gendes Kapitel seines Wirkens bildet die Hamburger Polizeikommission ab 1998: ein au\u00dferparlamentarisches, gesetzlich verankertes Kontrollgremium, das nach harten Auseinandersetzungen um Polizeigewalt installiert wurde, um Fehlentwicklungen zu identifizieren und \u00f6ffentlich dar\u00fcber zu berichten. Sack brachte hier seine besondere Mischung aus analytischer Strenge und b\u00fcrgerrechtlicher Haltung ein. Er insistierte auf niedrigschwellige Beschwerdewege f\u00fcr B\u00fcrger*innen wie Bedienstete, auf Einsichtsrechte in Akten, strukturierte Fallaufnahmen und transparente Jahres- und Sonderberichte. Das Gremium war umk\u00e4mpft; seine sp\u00e4tere Abschaffung wertete Sack als Symptom eines Rollbacks gegen unabh\u00e4ngige Kontrolle.<\/p>\n<p>Inhaltlich blieb Sack dar\u00fcber hinaus beweglich und streitbar. Er arbeitete zu Terrorismus und politischer Gewalt, zu Polizei und sozialer Kontrolle, zu Medien und Moralpaniken \u2013 und er benannte fr\u00fch, was sp\u00e4ter als \u201ePunitivit\u00e4t\u201c breite Debatten bestimmen sollte: die wachsende Strafbereitschaft in neoliberalen Gesellschaften, die soziale und \u00f6konomische Vorg\u00e4nge durch H\u00e4rte zu ordnen suchen. Sein Ma\u00dfstab blieb: empirische Fundierung, theoretische Klarheit, Bereitschaft zu unbequemen Schl\u00fcssen. Wissenschaft verstand er als \u00f6ffentliche Aufkl\u00e4rung.<\/p>\n<p>Besonders deutlich hat Sack dieses Programm in seinem Beitrag Die HU und der punitive turn (<em>vorg\u00e4nge<\/em> Nr. 194 aus dem Jahr 2011) ausformuliert. Der Text ist autobiografische Analyse und strafrechtspolitische Diagnose zugleich. Sack zeichnet nach, wie Sexualdelikte \u2013 insbesondere der Komplex sexueller Kindesmissbrauch \u2013 zur Speerspitze einer breiter werdenden Strafversch\u00e4rfung wurden: getrieben von Moralpaniken, medienpolitischen Dynamiken und dem Versprechen, gesellschaftliche Konflikte \u00fcber das Medium des Strafrechts zu l\u00f6sen. Er zeigt, wie unter dem Banner der sexuellen Selbstbestimmung ein umfassender Ausbau des Sexualstrafrechts vorangetrieben wurde, flankiert von Institutionen wie der Sicherungsverwahrung \u2013 ein Feld, in dem schlie\u00dflich der Europ\u00e4ische Gerichtshof f\u00fcr Menschenrechte eine exzessive Praxis zurechtr\u00fcckte. Sacks argumentative Pointe: Nicht die Verwerflichkeit einzelner Taten steht zur Debatte, sondern die politische Instrumentalisierung des Strafrechts und ihre Nebenfolgen f\u00fcr Freiheitsrechte.<\/p>\n<p>Diese Analyse war nicht nur akademisch. Sack rekonstruiert darin die heftige innerverbandliche Auseinandersetzung w\u00e4hrend seiner Zeit im Bundesvorstand der Humanistischen Union (1997\u20132005): Der Vorstand verabschiedete im Juni 2000 eine Erkl\u00e4rung zum Sexualstrafrecht, die vor einer politisch-medialen \u00dcberhitzung warnte und statt zunehmender Repression eine rationale Kriminalpolitik verlangte. Wenige Monate sp\u00e4ter wurde die Erkl\u00e4rung auf einem Verbandstag in Marburg \u2013 formal nicht zust\u00e4ndig \u2013 knapp verworfen. Es folgten Kampagnen, R\u00fccktritte und Loyalit\u00e4tspr\u00fcfungen bis in den Vorstand hinein; Ausl\u00f6ser waren unter anderem Debatten um die Skandalisierung sexualstrafrechtlicher Themen in gro\u00dfen Feuilletons und die Einordnung von Kooperationen, die pl\u00f6tzlich unter General-verdacht gerieten. Sack hielt dem die Notwendigkeit einer b\u00fcrgerrechtlich begr\u00fcndeten Strafrechtskritik entgegen \u2013 und zahlte daf\u00fcr einen Preis. F\u00fcr ihn blieb diese Episode ein Lehrst\u00fcck dar\u00fcber, wie schwer es ist, gegen Wellen moralischer Entr\u00fcstung n\u00fcchternen Verfassungsrealismus zu verteidigen.<\/p>\n<p>Wer mit ihm zusammenarbeitete, erinnert sich an eine seltene Mischung aus Direktheit und Zugewandtheit. Sack forderte informierte Debatte und schenkte zugleich weiten Vertrauensvorschuss. Er \u00f6ffnete R\u00e4ume, verkn\u00fcpfte Disziplinen, ermunterte zu riskanten Themen und st\u00e4rkte die, die sich an etablierten Gewissheiten rieben. Er stritt hart inhaltlich und blieb verbindlich; Differenzen waren ihm Antrieb f\u00fcrs Verstehen, nicht Munition f\u00fcr Lagerdenken.<\/p>\n<p>Dass sich in den vergangenen Jahren ein akademisch-professionell-politischer Backlash gegen kritische Forschungst\u00f6ne formierte, hat Sack klar diagnostiziert. Resignation war seine Sache nicht. Er hielt an der Idee einer \u00f6ffentlich verantwortlichen Kriminologie fest \u2013 offen f\u00fcr inter-nationale Impulse, konzentriert auf empirische Sorgfalt, verpflichtet einer demokratischen Streitkultur. Gerade deshalb ist sein Werk von besonderer Gegenwartsrelevanz: Wo Sicherheitsdebatten verengt werden, erinnert Sacks Perspektive daran, dass Kontrolle nie neutral ist und dass Strafrecht Konflikte nicht einfach l\u00f6st, sondern in spezifischer Weise neu ordnet \u2013 oft mit ungleichen Folgen.<\/p>\n<p>Fritz Sack hinterl\u00e4sst Spuren, keine Dogmen. Er hat Begriffe gesch\u00e4rft, Institutionen aufgebaut und Menschen gepr\u00e4gt. Vor allem aber hat er eine Haltung vorgelebt: intellektuelle Redlichkeit, Mut zur Kritik und die Lust am gemeinsamen Denken \u00fcber Grenzen hinweg. Wir werden seine Stimme vermissen \u2013 und sie h\u00f6ren, wenn wir uns die richtigen Fragen zumuten: Wer benennt Probleme? Mit welcher Macht? Aus welchem Interesse? Mit welchen Daten? Und was folgt daraus f\u00fcr eine Kriminologie, die ihrer \u00f6ffentlichen Verantwortung gerecht werden will?<\/p>\n<p>In Dankbarkeit und Trauer.<\/p>\n<p><em>Daniela Klimke<\/em><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[16,48,2957,2948,2995],"tags":[4436,2546,2528],"autoren":[4435],"publikationen":[4433],"class_list":["post-20253","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","category-rechtspolitik","category-sexualstrafrecht","category-strafvollzug","category-verein","category-vereinsnachrichten","tag-fritz-sack","tag-publikationen-hu-mitteilungen","tag-verband-nachrufe","autoren-daniela-klimke","publikationen-mitt-256"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Nachruf: Fritz Sack (1931\u20132025) - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/mitt-256\/publikation\/nachruf-fritz-sack-1931-2025\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Nachruf: Fritz Sack (1931\u20132025) - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Fritz Sack ist am 18. 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