{"id":20312,"date":"2025-12-01T16:10:04","date_gmt":"2025-12-01T15:10:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=20312"},"modified":"2025-12-01T16:10:24","modified_gmt":"2025-12-01T15:10:24","slug":"grusswort-zur-verleihung-des-fritz-bauer-preises-2025-an-gabriele-heinecke-berlin-6-september-2025","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-252\/publikation\/grusswort-zur-verleihung-des-fritz-bauer-preises-2025-an-gabriele-heinecke-berlin-6-september-2025\/","title":{"rendered":"Gru\u00dfwort zur Verleihung des Fritz-Bauer-Preises 2025 an Gabriele Heinecke, Berlin, 6. September 2025"},"content":{"rendered":"<p class=\"v-absatz-ohne-western\">Sehr verehrte Frau Heinecke,<\/p>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">liebe Mitglieder der Humanistischen Union,<\/p>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">liebe G\u00e4ste,<\/p>\n<p class=\"v-absatz-ohne-western\">die Geschichte der juristischen Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen in der Bundesrepublik kann wohl auch mit gr\u00f6\u00dftem Wohlwollen nur als eine Geschichte des organisierten institutionellen Versagens gelesen werden. Viele T\u00e4terinnen und T\u00e4ter, die teilweise unvorstellbare Verbrechen begangen hatten, lebten nach dem Krieg v\u00f6llig unbehelligt oder wurden in Gerichtsverfahren \u2013 teilweise mit l\u00e4cherlichen Begr\u00fcndungen \u2013 freigesprochen oder zu geringen Strafen verurteilt. Manche Verantwortliche stiegen gar in hohe Positionen in Beh\u00f6rden und Wirtschaft, einzelne in h\u00f6chste Regierungs\u00e4mter auf. Die Namen sind bekannt.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Es war Fritz Bauer, der sich in Braunschweig und vor allem in Frankfurt als Hessischer Generalstaatsanwalt dem entgegenstellte. Bekannt wurde Fritz Bauer vor allem durch seine Rolle im Remer-Prozess, in dem die Widerstandsk\u00e4mpfer vom 20. Juli 1944 rehabilitiert wurden, durch den Auschwitz-Prozess in Frankfurt und \u2013 dies wurde erst viel sp\u00e4ter bekannt \u2013 bei der Verhaftung Adolf Eichmanns. Er traf damals auf erheblichen Widerstand in den damaligen Justizbeh\u00f6rden und in der Politik \u2013 bis hin zur Bundesregierung. Bekannt wurde das ihm zugeschriebene Zitat: \u201eWenn ich mein [Dienst-]Zimmer verlasse, betrete ich feindliches Ausland.\u201c Die damaligen gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse in der Bundesrepublik lie\u00dfen eine konsequente Verfolgung von Verbrechen des Nationalsozialismus offenbar nicht zu. Viele Juristen hatten kein Interesse daran \u2013 einige wohl auch deswegen, weil sie ihre Karriere unter der Nazi-Herrschaft begonnen und vielleicht selbst an Unrechtsurteilen mitgewirkt hatten.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Bekanntlich war Fritz Bauer Gr\u00fcndungsmitglied der Humanistischen Union. Nach seinem unerwarteten Tod 1968 stiftete die Humanistische Union den Fritz-Bauer-Preis, mit dem wir Pers\u00f6nlichkeiten auszeichnen, die sich im Sinne von Fritz Bauer um die Humanisierung, Liberalisierung und Demokratisierung des Rechtswesens verdient gemacht und engagiert und unerschrocken der Gerechtigkeit und Menschlichkeit Geltung verschafft haben. Ihnen, liebe Frau Heinecke, wollen wir heute diesen Preis verleihen.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Als lange nach Fritz Bauer die juristische Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen endlich Fahrt aufnahm \u2013 fast schon zu sp\u00e4t \u2013 waren Sie es, die durch Ihr Engagement beim Verfahren gegen die T\u00e4ter des Massakers von Sant\u2019Anna die Stazzema einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet haben. Das Verfahren um den brutalen Mord von M\u00e4nnern der Waffen-SS am 12. August 1944 an \u00fcber 500 Menschen wurde noch im 21. Jahrhundert verschleppt und durch die Staatsanwaltschaft Stuttgart \u2013 ironischerweise der Geburtsort Fritz Bauers \u2013 2012 eingestellt. Ab 2002 waren 14 Beschuldigte wegen Mordes oder wegen Beihilfe zum Mord angeklagt worden; einige von ihnen wurden bereits 2005 in La Spezia angeklagt und verurteilt. Die Strafen sind freilich nie vollstreckt worden. Das von Ihnen angestrengte Klageerzwingungsverfahren gegen die Einstellung des Verfahrens war vor dem Oberlandesgericht Karlsruhe \u2013 mit Beschluss vom 5. August 2014 \u2013 erfolgreich. Dort hei\u00dft es:<\/p>\n<blockquote class=\"western\">\n<p>\u201eGegenstand des Klageerzwingungsverfahrens ist das Massaker von Sant\u2019Anna di Stazzema \/ Italien am 12.8.1944, begangen u.\u00a0a. durch Soldaten der 7. Kompanie des II. Bataillons des 35. Regiments der 16. SS-Panzergrenadierdivision \u201eReichsf\u00fchrer SS\u201c, durch welches mehrere hundert Zivilisten, vornehmlich Frauen und Kinder, ermordet wurden. Unter den Opfern waren viele Familienangeh\u00f6rige des Antragstellers, u.\u00a0a. seine Eltern und zwei Schwestern; der (damals 10-j\u00e4hrige) Antragsteller \u00fcberlebte das Massaker in einem Versteck.\u201c<\/p>\n<\/blockquote>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Und weiter:<\/p>\n<blockquote class=\"western\">\n<p>\u201eDer Antrag f\u00fchrt hinsichtlich des Beschuldigten S. zur Aufhebung der Einstellungsverf\u00fcgung der Staatsanwaltschaft Stuttgart vom 26.9.2012 und des Bescheids des Generalstaatsanwalts in Stuttgart vom 15.5.2013.<\/p>\n<\/blockquote>\n<blockquote class=\"western\">\n<p>1. Das Ergebnis der Ermittlungen gibt f\u00fcr sich genommen gen\u00fcgenden Anlass zur Erhebung der \u00f6ffentlichen Klage. Nach vorl\u00e4ufiger Bewertung ist aufgrund der Aktenlage eine Verurteilung des Beschuldigten S. wegen gemeinschaftlich begangenen Mordes (u.\u00a0a. \u201egrausam\u201c) oder wegen Beihilfe zum Mord zu erwarten. Es ist hinreichend wahrscheinlich, dass der Beschuldigte S. [\u2026] an den T\u00f6tungshandlungen am 12.8.1944 in Sant\u2019Anna di Stazzema \/ Italien beteiligt war.\u201c<\/p>\n<\/blockquote>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Doch Ihr Engagement im Verfahren von Sant\u2019Anna di Stazzema ist nur ein kleiner Ausschnitt aus Ihrem Wirken: Seit Jahrzehnten vertreten Sie Akteure antifaschistischer politischer Kunst im Spannungsfeld von Verwaltungsrecht, Verfassungsrecht und Strafrecht und erwirken in diesem Zusammenhang grundlegende Entscheidungen der Justiz, beispielsweise zum politischen Stra\u00dfentheater \u201eAnachronistischer Zug\u201c. Sie verteidigten den des zehnfachen Mordes angeklagten Safwan Eid im Lu\u0308becker Brandanschlagsprozess (1996\u20131999), dessen Freispruch am Ende die Staatsanwaltschaft selbst gefordert hatte. Sie vertraten die Eltern des ersten Todesopfers eines gewaltsamen Brechmitteleinsatzes in Hamburg, Achidi John (2001) im Klageerzwingungsverfahren. Im Prozess gegen den Dienstgruppenleiter Andreas Schubert vor dem Landgericht Magdeburg vertraten Sie die guineische Familie von Oury Jalloh, der am 7. Januar 2005 am helllichten Tag in der Zelle Nr. 5 des Gewahrsamstrakts des Polizeireviers Dessau verbrannte (2011\u20132012). Im Entsch\u00e4digungsverfahren (2004\u20132012) gegen die Bundesrepublik Deutschland als Rechtsnachfolgerin des Deutschen Reiches waren Sie an der Vertretung von \u00dcberlebenden beteiligt, die Opfer und Zeugen des von SS-Angeh\u00f6rigen am 10. Juni 1944 in Distomo in Griechenland begangenen Massakers wurden. Sie vertraten \u00dcberlebende und Angeh\u00f6rige von Ermordeten im Prozess gegen den Wehrmachtsoffizier Josef Scheungraber vor dem Landgericht Mu\u0308nchen I (2008\u20132010), der nach einem Partisanenangriff den Befehl zum Massaker der Wehrmacht gegen Bewohner des toskanischen Dorfes Falzano di Cortona gab. Er endete mit der Verurteilung Scheungrabers zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe, die freilich wegen des hohen Alters des Verurteilten nicht vollstreckt wurde. In seiner Laudatio wird J\u00f6rg Arnold auf einzelne der Verfahren noch ausf\u00fchrlicher eingehen.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Frau Heinecke, Ihr Einsatz f\u00fcr die Opfer des brutalen Kriegsverbrechens von Sant\u2019Anna, fu\u0308r die Ermordeten, ihre Angeh\u00f6rigen und die \u00dcberlebenden ist beispielhaft und steht zudem f\u00fcr eine lange Reihe vergleichbarer Engagements, zu Menschenrechtsverletzungen und zu \u00dcbergriffen staatlicher Organe, die weit \u00fcber das \u00fcbliche Ma\u00df einer Mandatsaus\u00fcbung hinausgingen. Auch durch die scheinbare Aussichtslosigkeit haben Sie sich nicht von ihrem Engagement abbringen lassen und schlie\u00dflich durch einen musterg\u00fcltigen Klageerzwingungsantrag in der Sache einen Gerichtsbeschluss vor dem Oberlandesgericht Karlsruhe bewirkt, der in seiner Bedeutung weit \u00fcber den konkreten Einzelfall hinausweist.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Sie haben besonders den Menschen in Sant\u2019Anna damit gezeigt, dass es in Deutschland Juristinnen und Juristen gibt, die in ihren \u00dcberzeugungen und Motivationen an eine Ausnahmeerscheinung wie Fritz Bauer ankn\u00fcpfen und seine Arbeit fortf\u00fchren. Damit stellen Sie sich in seinem Sinne gegen eine verbreitete Tradition in der fr\u00fchen bundesdeutschen Nachkriegsjustiz, deren Vertreterinnen und Vertreter offenbar bestrebt waren, den Nazi-Terror zu verharmlosen und seine gerichtliche Verfolgung zu behindern. Erst sp\u00e4t setzte das Umdenken ein, das letztlich auch durch Ihr Engagement m\u00f6glich wurde und zu seiner juristischen Aufarbeitung f\u00fchrte. Angesichts des verst\u00e4rkten Wiederauflebens rechtsradikaler Organisationen, auch in den Parlamenten, gewinnt das in diesen Tagen zus\u00e4tzlich an Bedeutung.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Sie haben durch Ihr Wirken in zahlreichen weiteren Verfahren dazu beigetragen, die Humanisierung, Liberalisierung und Demokratisierung des Rechtswesens auch gegen Widerst\u00e4nde zu f\u00f6rdern und damit der Gerechtigkeit und Menschlichkeit Geltung zu verschaffen. Mit gro\u00dfer Freude d\u00fcrfen wir Ihnen heute daf\u00fcr den Fritz-Bauer-Preis 2025 verleihen.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":20213,"template":"","categories":[3004,2972,2992,47,2982,16,2948,2995],"tags":[],"autoren":[252],"publikationen":[4438],"class_list":["post-20312","publikation","type-publikation","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category-asylpolitik","category-bundesverfassungsgericht","category-fritz-bauer","category-lebensweisen-pluralismus","category-neonazis","category-rechtspolitik","category-verein","category-vereinsnachrichten","autoren-stefan-huegel","publikationen-vorg-252"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Gru\u00dfwort zur Verleihung des Fritz-Bauer-Preises 2025 an Gabriele Heinecke, Berlin, 6. 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