{"id":20465,"date":"2026-03-19T13:21:13","date_gmt":"2026-03-19T12:21:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=20465"},"modified":"2026-03-19T13:21:46","modified_gmt":"2026-03-19T12:21:46","slug":"rezension-chinas-oekonomische-entwicklung-seit-1978-aus-schumpeterianischer-perspektive","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-253\/publikation\/rezension-chinas-oekonomische-entwicklung-seit-1978-aus-schumpeterianischer-perspektive\/","title":{"rendered":"REZENSION: Chinas \u00f6konomische Entwicklung seit 1978 aus schumpeterianischer Perspektive"},"content":{"rendered":"<p>Mit seiner Monografie <em>Chinas gelenkte Marktwirtschaft. Hintergr\u00fcnde eines Booms<\/em> verfolgt der freiberufliche Wirtschaftswissenschaftler Rainer Land zwei aus seiner Sicht miteinander zusammenh\u00e4ngende Anliegen: Zum einen geht es ihm darum, die Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung von Joseph Schumpeter im Kontext des 21. Jahrhunderts zu betrachten und damit st\u00e4rker in den Fokus der \u00d6ffentlichkeit zu r\u00fccken. Zum anderen verfolgt er das Ziel, die \u00f6konomische Entwicklung der Volksrepublik China (im Folgenden: China) seit Beginn der wirtschaftlichen Reform- und \u00d6ffnungspolitik im Jahr 1978 nachzuzeichnen. Der Zusammenhang beider Anliegen bestehe darin, dass ebendiese Entwicklung mithilfe von Schumpeter deutlich besser nachvollzogen werden k\u00f6nne als anhand neoklassischer und keynesianischer Ans\u00e4tze (S. 7).<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Im Zuge seiner dahingehenden Argumentation macht Land keinen Hehl aus seiner \u00f6konomisch dezidiert linken Haltung. In dieses Bild f\u00fcgt sich ein, dass Land im Rahmen seiner Darstellung \u00f6konomischer Zusammenh\u00e4nge prim\u00e4r an die Positionen linker \u00d6konom*innen ankn\u00fcpft, wie Yanis Varoufakis oder Heiner Flassbeck. Trotz des mitunter sehr subjektiven und pers\u00f6nlichen Charakters des Buches sei angemerkt, dass sich die Auseinandersetzung mit Lands theoretisch und empirisch fundiertem Werk lohnt.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Das Buch ist in f\u00fcnf \u00fcbergeordnete Kapitel sowie ein Vorwort und ein kurzes Schlusskapitel gegliedert. Dabei sind die Kapitel eins und f\u00fcnf jeweils theoretischer Natur und bilden damit eine konzeptionelle Klammer f\u00fcr die chinabezogenen Kapitel zwei bis vier, in denen Chinas \u00f6konomische Entwicklung beschrieben und analytisch betrachtet wird. Die gew\u00e4hlte Struktur tr\u00e4gt dabei positiv zum Verst\u00e4ndnis seiner Argumentationslinie bei, da s\u00e4mtliche f\u00fcr die Analyse zentralen theoretischen Begriffe und Konzepte ausf\u00fchrlich erl\u00e4utert und pr\u00e4zise definiert werden, bevor sie auf China angewendet werden. Exemplarisch hierf\u00fcr steht das theoretische Kapitel eins, in dem der Terminus der <i>gelenkten Marktwirtschaft<\/i> durch eine klare und \u00fcberzeugende Abgrenzung von der Planwirtschaft einerseits und der freien respektive regulierten Marktwirtschaft andererseits umfassend erl\u00e4utert wird (insb. S. 13-19\/85-98). Konkret definiert Land das oberste Ziel der gelenkten Marktwirtschaft folgenderma\u00dfen: \u201e[\u2026] <i>[<\/i><i>D<\/i><i>]<\/i><i>ie wirtschaftliche Entwicklung durch die Gesellschaft zu gestalten, statt sie den M\u00e4rkten oder der Dominanz kleiner, aber m\u00e4chtiger Interessengruppen zu \u00fcberlassen!<\/i> [Hervorhebung im Original]\u201c (S. 91). Wirtschaftliche Entwicklung begreift er dabei im Sinne Schumpeters nicht zwangsl\u00e4ufig beziehungsweise nicht allein als Wirtschaftswachstum, sondern vielmehr als \u201e[\u2026] <b>Entdeckung bzw. Erfindung<\/b> und [die] <b>selektive Durchsetzung neuer Produktionsfunktionen, neuer Produkte und Verfahren<\/b> [Hervorhebung im Original], die mit neuen Produktionsmitteln, Arbeitsweisen und Erkenntnissen verbunden sind\u201c (S. 21).<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">W\u00e4hrend Lands Auseinandersetzung mit Schumpeters \u00f6konomischer Theorie im Kontext des 21. Jahrhunderts \u2013 insgesamt betrachtet \u2013 \u00fcberzeugt, f\u00e4llt die Analyse der wirtschaftlichen Entwicklung Chinas, an deren Schluss Chinas Einordnung als gelenkte Marktwirtschaft steht, hingegen stellenweise zu oberfl\u00e4chlich aus beziehungsweise erfolgt teils weder auf Basis hinreichend belegter noch \u00fcberzeugend erl\u00e4uterter Grundannahmen. Denn Land zufolge sind die drei essenziellen Komponenten einer gelenkten Marktwirtschaft \u201eGeteilte Ziele\u201c, \u201eGesellschaftlicher Grundkonsens\u201c und \u201eInstrumente der Lenkung des Wirtschaftsprozesses\u201c (S. 94-98). Die Herstellung eines gesellschaftlichen Grundkonsenses und damit auch geteilter Ziele erfolge in der Realit\u00e4t allerdings nicht allein durch einen pluralistisch demokratischen Diskurs, sondern in Kombination mit meritokratischen und autokratischen Elementen (S. 96f.). In China sieht Land zwar letztere beiden Elemente als dominant an, er geht nichtsdestotrotz grunds\u00e4tzlich von der Existenz eines demokratischen Diskurses oder der langsamen Entstehung eines solchen \u2013 wenn auch nicht im parlamentarischen Sinne \u2013 aus (S. 188\/194-196).<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Der zentrale Kritikpunkt diesbez\u00fcglich ist, dass Land in seiner Analyse des gegenw\u00e4rtigen Chinas die aktuelle politikwissenschaftliche Forschungsdebatte hinsichtlich der M\u00f6glichkeiten und des Einflusses (zivil-)gesellschaftlicher Akteure am und auf den politischen Prozess in China nicht hinreichend w\u00fcrdigt, obwohl er die Widerspr\u00fcche zwischen den Elementen <i>Demokratie<\/i>, <i>Meritokratie<\/i> und <i>Autokratie<\/i> erkennt (S. 190). Zwar belegt er seine Ausf\u00fchrungen zu China gr\u00f6\u00dftenteils mit relevanter und meist aktueller Fachliteratur. Doch setzt er sich insbesondere im Zuge seiner Betrachtung der Entstehung und Existenz eines vermeintlichen gesellschaftlichen Grundkonsenses sowie geteilter Ziele kaum mit den zahlreichen Stimmen im Forschungsdiskurs auseinander, die unter Xi Jinpings F\u00fchrung (seit 2012) einen signifikanten Abbau (zivil-)gesellschaftlicher Beteiligungsformen und Diskursr\u00e4ume beobachten, die es unter Xis Vorg\u00e4ngern in Ans\u00e4tzen bisweilen gab. Eine tiefergehende Auseinandersetzung mit dieser von vielen Sinolog*innen und Politikwissenschaftler*innen vertretenen Position w\u00e4re essenziell gewesen, insofern Lands These von China als gelenkter Marktwirtschaft unter anderem auf der Annahme basiert, dass in China ein gesellschaftlicher Grundkonsens und geteilte Ziele hinsichtlich der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes prinzipiell nach wie vor vorhanden sind (S. 97\/187-189). Doch inwieweit diese Voraussetzungen in China in den vergangenen Jahrzehnten und derzeit tats\u00e4chlich gegeben sind, ist mindestens fragw\u00fcrdig. Eine tiefergehende kritische Auseinandersetzung mit dieser zentralen Frage w\u00e4re daher notwendig gewesen. In Anbetracht dessen steht Lands ansonsten weitgehend schl\u00fcssige Darstellung von China als gelenkter Marktwirtschaft gem\u00e4\u00df seiner Definition schlussendlich auf einem wackeligen Fundament.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Tatsache, dass Land an vielen Stellen seines Werks zum einen vermehrt Artikel aus der Online-Enzyklop\u00e4die Wikipedia als Belege anf\u00fchrt und zum anderen, so seine editorische Notiz, Informationen mithilfe von auf K\u00fcnstlicher Intelligenz (KI) basierenden Anwendungen wie ChatGPT und DeepSeek recherchiert und verwendet hat. Letzteres betrifft vor allem Kapitel 3.4 (S. 157-167). Dementsprechend weist dieses Kapitel auch kaum konkrete Verweise auf die den Darstellungen zugrundeliegende Prim\u00e4r- und Sekund\u00e4rliteratur auf. Wenngleich Land schreibt, s\u00e4mtliche mithilfe von KI erlangten Informationen sorgf\u00e4ltig gegengepr\u00fcft zu haben, stellt sich dennoch die Frage, warum er nicht konsequent auf aussagekr\u00e4ftige Prim\u00e4rliteratur, etablierte Standardwerke und aktuelle Forschungsliteratur zu den betreffenden Aspekten verweist, anstatt auf fehleranf\u00e4lligere Informationen.<\/p>\n<p class=\"v-absatz-einzug-western\">Obgleich beide Kritikpunkte nicht zu vernachl\u00e4ssigen sind und vor allem ersterer ein zentrales Argument des Werks kritisch hinterfragt, soll dies nicht bedeuten, dass Land nicht dennoch eine \u00fcberwiegend gelungene und anschauliche Darstellung der wirtschaftlichen Entwicklung Chinas seit 1978, basierend auf einer interessanten und intellektuell anregenden theoretischen Perspektive gelungen ist. Seine zwei eingangs erw\u00e4hnten Hauptanliegen erreicht Land damit grunds\u00e4tzlich. Das Werk bietet somit allen Leser*innen die M\u00f6glichkeit, die \u00f6konomische Entwicklung Chinas aus einer schumpeterianischen Perspektive heraus nachzuvollziehen. Es handelt sich angesichts der dargelegten Besonderheiten und Kritikpunkte jedoch nicht um ein im engeren Sinne wissenschaftliches Werk, sondern vielmehr um eine \u00fcberblicksartige Darstellung des behandelten Themas f\u00fcr ein interessiertes Publikum ohne spezifisches Vorwissen. Denn Land gelingt es durchweg, sowohl wirtschaftswissenschaftliche Begriffe und Konzepte als auch Chinas Entwicklung anschaulich zu erkl\u00e4ren und darzustellen.<\/p>\n<p align=\"right\"><em>Lars Konheiser<\/em><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[37],"tags":[4171,4569,791],"autoren":[4170],"publikationen":[4546],"class_list":["post-20465","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","category-europa-internationales","tag-china","tag-rainer-land","tag-rezension","autoren-lars-konheiser","publikationen-vorg-253"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>REZENSION: Chinas \u00f6konomische Entwicklung seit 1978 aus schumpeterianischer Perspektive - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-253\/publikation\/rezension-chinas-oekonomische-entwicklung-seit-1978-aus-schumpeterianischer-perspektive\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"REZENSION: Chinas \u00f6konomische Entwicklung seit 1978 aus schumpeterianischer Perspektive - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Mit seiner Monografie Chinas gelenkte Marktwirtschaft. 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