{"id":20501,"date":"2026-04-08T11:27:27","date_gmt":"2026-04-08T09:27:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=20501"},"modified":"2026-04-08T11:39:09","modified_gmt":"2026-04-08T09:39:09","slug":"abschied-von-einem-verfassungsschuetzer-gerhard-saborowski-1933-2026","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/mitt-257\/publikation\/abschied-von-einem-verfassungsschuetzer-gerhard-saborowski-1933-2026\/","title":{"rendered":"Abschied von einem Verfassungssch\u00fctzer: Gerhard Saborowski (1933-2026)"},"content":{"rendered":"<p>Die Nachricht war schon l\u00e4nger zu bef\u00fcrchten, immerhin war er bereits 92 Jahre alt. Und obwohl er einst in allen Redaktionen der Stadt bekannt war, fand sich in den Zeitungen Hannovers keine Nachricht dar\u00fcber. Nur eine Handvoll Menschen nahm davon Notiz, dass Gerhard Saborowski am 25. Januar 2026 verstorben ist. Herr Saborowski, oder auch liebevoll \u201eSabo\u201c, wie von manchen der Humanistischen Union genannt, war seit 58 Jahren Mitglied dieser B\u00fcrgerrechtsorganisation. Mit seinem Tod hei\u00dft es nicht nur, Abschied von einem der letzten Vertreter ihrer Gr\u00fcndungsgeneration zu nehmen. Sein Tod stellt in mancher Hinsicht eine Z\u00e4sur dar. Er, der au\u00dfer in den 1970er Jahren im nieders\u00e4chsischen Landesverband keine \u00c4mter oder Funktionen in der Humanistischen Union innehatte, verk\u00f6rperte und pr\u00e4gte die Arbeit dieser Organisation in einmaliger Weise: als ebenso leidenschaftlicher wie disziplinierter Mistreiter; als jemand, der zugleich Vergangenheit und Gegenwart verband; als m\u00fcndiger B\u00fcrger wie als institutionelles Ged\u00e4chtnis.<\/p>\n<p>Solche Zuschreibungen, wie auch jede Form der W\u00fcrdigung, hat er zu Lebzeiten stets abgelehnt. Der Versuch, ihn in eine Portr\u00e4t-Sammlung anl\u00e4sslich des 50-j\u00e4hrigen Bestehens der HU aufzunehmen, scheiterte an seiner Bescheidenheit. Deshalb folgt an dieser Stelle kein klassischer Nachruf, sondern ein pers\u00f6nlicher Abschied in f\u00fcnf Stationen und einem Verm\u00e4chtnis.<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"der-muendige-buerger\">Der m&uuml;ndige B&uuml;rger<\/span><\/h3>\n<p>In seinem Aufruf zur Gr\u00fcndung einer Humanistischen Union hatte Gerhard Szczesny 1961 \u201e<em>die Befreiung des Menschen aus den Fesseln obrigkeitsstaatlicher und klerikaler Bindungen<\/em>\u201c als Ziel dieser Organisation erkl\u00e4rt. Er kritisierte darin die klerikale wie politische Gleichschaltung in der bundes-republikanischen Gesellschaft, welche die freie Selbstentfaltung behindere. Szczesnys Aufruf adressierte vor allem Intellektuelle, Journalist*innen und Kunstschaffende. Der antiautorit\u00e4re Impuls der jungen Organisation sprach jedoch auch andere Kreise an, etwa den jungen Postbeamten Gerhard Saborowski, der im September 1967 der HU beitrat. Zwei Monate sp\u00e4ter, auf einer Mitgliederversammlung in Kassel, erlebte jener einen ersten Umschlagpunkt in der Ge-schichte der HU, die sich von einem \u201e<em>Szczesny-Freundeskreis<\/em>\u201c (Braunbehrens) und einer \u201e<em>Zweckgemeinschaft von Individualisten<\/em>\u201c (Reichling) hin zu einer demokratisch aufgestellten B\u00fcrgerrechtsorganisation entwickelte.<\/p>\n<p>Wenn die HU sich in der Tradition der Aufkl\u00e4rung sah, deren Leitbild die Urteils-kraft eines m\u00fcndigen B\u00fcrgers darstellte, dann kann Herr Saborowski sicherlich als ihr idealtypisches Mitglied gelten. So vielf\u00e4ltig die Themen sind, mit denen sich die Organisation seit ihrer Gr\u00fcndung befasst hat \u2013 zu fast allen davon hat er sich informiert und aktiv eingebracht: Das galt f\u00fcr die Medienpolitik, wo er sich in den 1980er Jahren gegen die drohende Zerschlagung des \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunks (speziell des NDRs) engagierte und vor den drohenden Folgen einer Privatisierung warnte; das galt f\u00fcr die Sicherheitsgesetzgebung der Polizei und Geheimdienste, die seit den 1970er Jahren zu einer b\u00fcrgerrechtlichen Dauerbaustelle wurde und immer neue Grundrechtseinschr\u00e4nkungen mit sich brachte; das galt aber auch f\u00fcr die Rechte von schwangeren Frauen, von Kranken und Sterbenden. Am meisten aber galt das sicherlich f\u00fcr die Trennung von Staat und Kirche, f\u00fcr die er \u00fcber viele Jahre im entsprechenden Arbeitskreis mitwirkte, sich f\u00fcr die Aufhebung der religi\u00f6sen Verpflichtungen aus dem Reichskonkordat, die Abl\u00f6sung der j\u00e4hrlichen Staatsleistungen an die Kirchen oder die Aufhebung der Sonderregeln im kirchlichen Arbeitsrecht einsetzte \u2013 immer darauf bedacht, dabei von der Gegenseite nicht in die gottlose Atheisten-Ecke gestellt zu werden. Auch in diesem Bereich eignete er sich \u00fcber die Jahre ein betr\u00e4chtliches Wissen an, besorgte sich Fachliteratur zu kirchenrechtlichen Spezialfragen, die sonst nur ausgewiesene Expert*innen zur Kenntnis nahmen, und scheute sich nicht, mit seinem gesunden Menschenverstand die Selbstgewissheiten und Verdrehungen des religi\u00f6s gepr\u00e4gten Staatskirchenrechts in Frage zu stellen.<\/p>\n<p>Dass er sich in all diese Themen eingearbeitet hat \u2013 obwohl er weder durch seine Ausbildung, noch beruflich oder aus privaten Gr\u00fcnden dazu Veranlassung hatte \u2013, um sich dar\u00fcber ein eigenes Urteil zu bilden; dass er auch nicht davor zur\u00fcckschreckte, eine Position gegen den wissenschaftlichen Mainstream und den politischen Zeitgeist einzunehmen, all das zeichnete ihn als einen durch und durch politischen wie m\u00fcndigen B\u00fcrger aus.<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"der-aus-der-zeit-gefallene\">Der aus der Zeit Gefallene<\/span><\/h3>\n<p>Der erste Kontakt mit Herrn Saborowski konnte schnell den Eindruck hinterlassen, es mit einem \u201eMann von gestern\u201c zu tun zu haben: Ein kleiner, \u00e4lterer Herr, Jahrgang 1933, der jede und jeden in seinem Umfeld siezte, selbst wenn man sich schon viele Jahre kannte. Dabei war es nicht das strenge, autorit\u00e4re, sondern eher das h\u00f6fliche, auf einen respektvollen Abstand bedachte \u201eSie\u201c, das er pflegte. In einem Verein, der sich gegen \u00fcberkommene Moralvorstellungen und f\u00fcr die Liberalisierung von Liebesbeziehungen, f\u00fcr antiautorit\u00e4re Erziehung, Kinderl\u00e4den und die Politisierung des Privaten stark gemacht hatte, wirkte das ein wenig anachronistisch. Aber es verlieh ihm eine eigene W\u00fcrde.<\/p>\n<p>Auch der weitere Kontakt mit ihm war eigen: Seine bevorzugten Medien waren das Telefon (nat\u00fcrlich Festnetz), eine Schreibmaschine (Marke Olympus), ein Faxger\u00e4t \u2013 und nat\u00fcrlich die Briefpost. Wenn am Wochenende ein neuer politischer Skandal auftauchte, dann lag am Montagvormittag p\u00fcnktlich zu \u201eDienstbeginn\u201c ein ausf\u00fchrliches Fax in der HU-Gesch\u00e4ftsstelle vor: Informationen dar\u00fcber, was passiert war; Vorschl\u00e4ge, wie man dagegen vorgehen k\u00f6nne, wer die richtigen Adressaten sind, was dabei zu beachten sei und welche Journalist*innen daf\u00fcr ansprechbar sind. Die erste Welle. In den n\u00e4chsten Tagen folgten umfangreiche Briefkuverts: lesenswerte Zeitungsbeitr\u00e4ge zum Thema, aber auch Fachaufs\u00e4tze und pers\u00f6nliche Erl\u00e4uterungen zu einzelnen Hintergr\u00fcnden. Die zweite Welle. Dazwischen immer wieder Telefonate mit der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung, Vorstandsmitgliedern, anderen aktiven Mitgliedern \u2013 ob die Nachrichten angekommen, erste Schritte schon unternommen worden seien. Schnell wurde klar: Der Mann nahm seine Anliegen wirklich ernst, er war gut organisiert und blieb beharrlich am Ball. Das konnte im Tagesgesch\u00e4ft manchmal nerven \u2013 nicht jeder hatte so viel Zeit wie er \u2013 aber es pr\u00e4gte die Beziehung. Daraus entstanden zum Teil langj\u00e4hrige Freundschaften (so zur fr\u00fcheren HU-Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin Helga Killinger) und eine fast famili\u00e4re Bindung, vor allem zur Familie Haupt.<\/p>\n<p>Wie ernst Herr Saborowski sein Engagement f\u00fcr die B\u00fcrgerrechte nahm, wurde sp\u00e4testens deutlich, wenn er sich in seinen j\u00e4hrlichen Urlaub nach Ramsau (Hotel R\u00f6sselhof) verabschiedete \u2013 nat\u00fcrlich mit Schreibmaschine, um seine Korrespondenzen fortsetzen zu k\u00f6nnen, inklusive Abmeldung in der HU-Gesch\u00e4ftsstelle mit seiner Erreichbarkeit per Telefon und Fax im Hotel. Dass dieses politische Engagement f\u00fcr ihn allm\u00e4hlich bedeutsamer als seine T\u00e4tigkeit als Oberinspektor bei der Deutschen Bundespost wurde, zeigte sein Versuch, w\u00e4hrend der letzten Berufsjahre einen unbezahlten Sonderurlaub oder zumindest eine Teilzeitbesch\u00e4ftigung zu erwirken (die \u201eAltersteilzeit\u201c war 1986 noch nicht eingef\u00fchrt). Er wollte die gewonnene Zeit nutzen, um sich mehr in der HU zu engagieren. Das wurde ihm verwehrt. Der offensichtliche Groll dar\u00fcber findet sich in seinem Schreiben an den Amtsvorsteher des Postamts, in dem er sich jegliche Anteilnahme des Arbeitgebers nach seinem Tod verbat. Die verpasste Zeit holte er sp\u00e4ter mehr als auf, mit den vielen Jahren, in denen er als \u201eRuhest\u00e4ndler\u201c in der HU aktiv war.<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"der-moderne-mann\">Der moderne Mann<\/span><\/h3>\n<p>Doch wie so oft: Der erste Eindruck tr\u00fcgt. Ein Blick zur\u00fcck auf die 1970er Jahre, in denen Herr Saborowski das Gesicht und die Stimme des nieders\u00e4chsischen Landesverbandes der HU war, zeigt ein anderes Bild: Als im Zuge der neuen Frauenbewegung das absolute strafrechtliche Verbot des Schwangerschaftsabbruchs immer mehr in die Kritik ger\u00e4t, einigte sich die HU nach internen Diskussionen auf eine Reform des \u00a7 218 StGB mit einer dreimonatigen Fristenregelung. Nachdem ein erster Liberalisierungsversuch 1974 am Bundesverfassungsgericht scheiterte, engagierten sich vor allem die Frauen in der HU f\u00fcr einen zweiten Versuch einer liberaleren Regelung. Und mittendrin Herr Saborowski: Er verteilte in der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone Hannovers Flugbl\u00e4tter, in denen f\u00fcr die Liberalisierung des Schwangerschaftsabbruchs geworben wurde; warb gegen\u00fcber dem Vorstand daf\u00fcr, die Aufrufe so anzupassen, dass sie auch M\u00e4nner ansprechen und f\u00fcr die Proteste mobilisieren; setzte sich f\u00fcr eine bundesweite Kampagne der HU ein. All das von einem Mann, der selbst nie in einer festen Partnerschaft lebte, f\u00fcr den Familienplanung kein pers\u00f6nliches Thema war. Sich f\u00fcr die Rechte der Schwangeren einzusetzen, entsprach seinem Verst\u00e4ndnis von Selbstbestimmung und Autonomie, von Gleichberechtigung und Solidarit\u00e4t. Daf\u00fcr bedurfte es keiner eigenen Betroffenheit.<\/p>\n<p>Zu diesem Bed\u00fcrfnis nach Autonomie und weitgehender Selbstbestimmung passte auch sein jahrzehntelanges Engagement f\u00fcr die Anerkennung von Patientenverf\u00fcgungen und die Liberalisierung des Sterbens. Selbstbestimmung von der Geburt bis zum Lebensende: das war f\u00fcr ihn als Alleinstehenden nicht zuletzt eine lebenspraktische Frage. Auch in seinen letzten Jahren bestand er gegen alle Empfehlungen und jeden Rat darauf, weiterhin allein zu leben und lehnte jeglichen Umzug in ein betreutes Wohnen oder ein Heim ab. Dieser Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben ging f\u00fcr ihn in Erf\u00fcllung.<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"der-sammler-und-das-institutionelle-gedaechtnis\">Der Sammler und das insti&shy;tu&shy;ti&shy;o&shy;nelle Ged&auml;chtnis<\/span><\/h3>\n<p><em>Sommer 2007<\/em>: Der versammelte juristische Sachverstand der HU traf sich in Hannover, um eine Stellungnahme zur anstehenden Reform der Strafprozessordnung zu erarbeiten. Mit dem Gesetzentwurf sollten alle verdeckten Ermittlungsma\u00dfnahmen neu geregelt \u2013 sprich: ausgeweitet \u2013 werden. Zur Runde geh\u00f6rten unter anderem Burkhard Hirsch, Till M\u00fcller-Heidelberg, Fredrik Roggan und Rosemarie Will \u2013 sowie: Gerhard Saborowski. Im Laufe der Diskussion kam die Idee auf, die neuen Befugnisse, etwa zur Verbindungsdatenabfrage und Vorratsdatenspeicherung, mit der \u00dcberwachung des klassischen Postverkehrs (der Beschlagnahmung von Briefpost) zu vergleichen. Dabei stellt sich heraus, dass jener Eingriff in das Briefgeheimnis (anders als von den meisten erwartet) unter relativ einfachen Voraussetzungen m\u00f6glich war. Dazu der Kommentar von Herrn Saborowski: \u201eDa haben wir 1968 wohl nicht richtig aufgepasst.\u201c Hier offenbarte sich nicht nur ein kleiner Schalk, sondern auch der Chronist der B\u00fcrgerrechte.<\/p>\n<p>Herr Saborowski stand f\u00fcr die Kontinuit\u00e4t der HU und ihrer Anliegen. In der 1961 gegr\u00fcndeten Organisation sammelten sich im Laufe der Jahre unterschiedliche Generationen, die in verschiedenen Phasen der Bundesrepublik (beziehungsweise zu einem kleinen Teil auch in der DDR) aufgewachsen waren und unterschiedliche Erfahrungen und Haltungen zu b\u00fcrgerrechtlichen Kernfragen entwickelt hatten. W\u00e4hrend f\u00fcr die einen die Notstandsgesetze, f\u00fcr andere die Rasterfahndung oder f\u00fcr dritte die Vorratsdatenspeicherung der ma\u00dfgebliche sicherheitspolitische Tabubruch waren, geh\u00f6rte Gerhard Saborowski zu den wenigen, die alle drei Debatten miterlebt hatten. Und nicht nur das: Im Unterschied zu vielen Vertreter*innen seiner Generation ruhte er sich nicht auf \u201eseiner\u201c Geschichte aus, sondern mischte sich auch in die Debatten der j\u00fcngeren Generationen ein, auch wenn sie ihn pers\u00f6nlich nicht mehr betrafen, etwa als es um die Onlinedurchsuchung von Computern ging.<\/p>\n<p>In diesem Engagement konnte er nicht nur auf seine Erfahrungen, sondern auch auf ein umfangreiches Wissen zu den meisten b\u00fcrgerrechtlichen Themen zur\u00fcckgreifen, das er sich \u00fcber die Jahre angeeignet hatte. Die Grundlage daf\u00fcr war sein st\u00e4ndiger Informationshunger. Um diesen zu stillen, besuchte er regelm\u00e4\u00dfig die Hannoveraner Stadtbibliothek, wo er sich juristische und wissenschaftliche Fachliteratur besorgte sowie die Zeitungen systematisch auswertete. Daneben hielt er laufend Kontakt zu Redaktionen, Abgeordnetenb\u00fcros und der Bundestagsverwaltung. Wenn er im Radio oder Fernsehen neue Aspekte aufschnappte, lie\u00df er sich die Manuskripte der Sendungen zuschicken, verteilte sie anschlie\u00dfend in der HU. So versorgte er die HU-Gesch\u00e4ftsstelle nach jeder Pr\u00e4sentation des seit 1997 erscheinenden <em>Grundrechte-Reports<\/em> mit einer Medienauswertung, die jedem professionellen Ausschnittdienst zur Ehre gereicht h\u00e4tte. All dies mit einer Beharrlichkeit und Disziplin, die ihresgleichen sucht.<\/p>\n<p>Wie gut er informiert war, konnte man immer wieder bestaunen: So wusste er oft als erster davon, wann ein Gesetzentwurf zur entscheidenden Beratung im Kabinett oder in den Bundestags-Aussch\u00fcssen auf der Tagesordnung stand, w\u00e4hrend die Journalist*innen oder Mitarbeiter*innen der HU, die sich dank des Internets im Informationsvorteil w\u00e4hnten, davon noch nichts geh\u00f6rt hatten. Seine \u00fcber die Jahre gewachsene Expertise beruhte nicht zuletzt auf einer umfangreichen Sammlung von Zeitungsartikeln, Fachliteratur, Rundfunk- und Fernsehmanuskripten; Materialien, die er im Laufe der Jahrzehnte zu den Themen der HU angelegt hat und die Teil seines Nachlasses ist. Was damit geschehen soll, ist derzeit noch offen.<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"der-verfassungsschuetzer-ein-raetsel-und-ein-vermaechtnis\">Der Verfas&shy;sungs&shy;sch&uuml;tzer, ein R&auml;tsel und ein Verm&auml;chtnis<\/span><\/h3>\n<p>In dieser Sammlung d\u00fcrften sich viele Unterlagen zu der Geschichte, den Befugnissen und politischen Skandalen des Verfassungsschutzes und anderer Geheimdienste finden \u2013 ein Themenbereich, zu dem sich Herr Saborowski immer wieder engagierte. Als Mitte der 1970er Jahre ruchbar wurde, dass der Verfassungsschutz an verdeckten \u00dcberwachungsma\u00dfnahmen beteiligt war (ohne dass es daf\u00fcr bereits gesetzliche Befugnisse gab), konfrontierte er den nieders\u00e4chsischen Innenminister immer wieder mit entsprechenden Widerspr\u00fcchen. Als sich 1980 erstmals ein Arbeitskreis der HU mit dem Verfassungsschutz befasste, aus dem schlie\u00dflich ein <em>Memorandum zur Reform des Verfassungsschutzes<\/em> hervorging (HU-Schriften Nummer 11, M\u00fcnchen 1981), geh\u00f6rte er neben Werner Holtfort, Till M\u00fcller-Heidelberg und J\u00fcrgen Seifert dazu. Und als die HU drei\u00dfig Jahre sp\u00e4ter \u2013 diese Tradition wiederaufnehmend \u2013 eine erneute Kampagne zum Verfassungsschutz aufnahm und sich f\u00fcr dessen Abschaffung einsetzte, da war er wieder dabei. Insofern ist (oder w\u00e4re) die nach seinem Tod aufgetauchte Anzeige aus der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung anl\u00e4sslich seines 50. Geburtstags eine sehr treffende Gratulation.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-20504\" src=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/1983-Anzeige-Saborowski.png\" alt=\"\" width=\"323\" height=\"148\" \/><\/p>\n<p>Ob diese Anzeige allerdings jemals erschienen ist, bleibt r\u00e4tselhaft, denn keiner der Beteiligten kann sich daran erinnern, sie aufgegeben zu haben. Dass Herr Saborowski sich damit selbst eine Ehrung verschaffen wollte, ist unwahrscheinlich. Noch r\u00e4tselhafter ist nur ein angebliches Antwortschreiben des nieders\u00e4chsischen Innenministers, der sich \u00fcber diese unrechtm\u00e4\u00dfige Verwendung des gesch\u00fctzten Begriffs bei den mutma\u00dflichen Anzeigen-Aufgebern beschwerte. M\u00f6glicherweise handelt es sich bei all dem um einen weiteren geplanten Aprilscherz auf Kosten des Verfassungsschutzes, wie sie Herr Saborowski mehrfach in Umlauf brachte.<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"i\">&ndash;<\/span><\/h3>\n<p>Am 19. Februar 2026 fand in Hannover die Trauerfeier f\u00fcr Herrn Saborowski statt. Sie sollte, so sein ausdr\u00fccklicher Wunsch, in bescheidenem Rahmen stattfinden, ohne religi\u00f6se Ansprachen, nur m\u00f6glichst mit einem Gru\u00dfwort der Humanistischen Union. So bescheiden er stets aufgetreten war, so bescheiden wollte er auch abtreten. Dass sein Wunsch in Erf\u00fcllung ging, daf\u00fcr sorgten an diesem Tag vor allem Hannes und Evelyn Haupt sowie deren S\u00f6hne Moritz und Felix, die f\u00fcr viele Jahrzehnte seine zweite Familie in Hannover waren. F\u00fcr die Humanistische Union sprach Wolfram Grams vom Bundesvorstand.<\/p>\n<p>Wie es der Zufall will: Wenige Tage nach der Trauerfeier meldete DIE ZEIT vom 5. M\u00e4rz 2026 einen neuen Skandal des Verfassungsschutzes. Demzufolge hatte die Berliner Hochschule f\u00fcr Wirtschaft und Recht vor zwei Jahren einer Mitarbeiterin nach Vorw\u00fcrfen des Verfassungsschutzes in der Probezeit gek\u00fcndigt. Die Verfassungssch\u00fctzer hatten die Hochschule darauf hingewiesen, dass ihre Mitarbeiterin Liv H. mehrere rechte Plattformen, unter anderem ein Datingportal sowie eine Kinderwunsch-Plattform f\u00fcr wei\u00dfe Rassist*innen betreibe, und sich in Interviews juden- und islamfeindlich sowie gewaltbef\u00fcrwortend \u00e4u\u00dfere. Die Hochschule entlie\u00df ihre Mitarbeiterin daraufhin kurzfristig, ohne vorher mit ihr \u00fcber die Vorw\u00fcrfe gesprochen oder ihr Gelegenheit zur Erwiderung gegeben zu haben. So blieb ihr nur, im Nachhinein die Verrufserkl\u00e4rung des Verfassungsschutzes korrigieren zu lassen. Als sie das endlich erreicht hatte \u2013 der Verfassungsschutz musste mittlerweile selbst einr\u00e4umen, dass eine Dritte einfach den fremden Namen f\u00fcr ihre Online-Aktivit\u00e4ten genutzt hatte \u2013 war sie bereits ein Jahr lang arbeitslos und ihre Stelle an der Hochschule l\u00e4ngst wieder besetzt.<\/p>\n<p>F\u00fcr Herrn Saborowski, der in seinem Umfeld mehrere solcher \u201eMissgeschicke\u201c erlebt hatte und die Wirkung solcher \u201eVerrufserkl\u00e4rungen\u201c nur zu gut kannte, w\u00e4re dieser Fall ein weiterer Baustein in der Skandal-Chronik des Verfassungsschutzes gewesen. Ein Fax mit entsprechenden Empfehlungen, was gegen solche Ungerechtigkeit zu tun ist, w\u00e4re eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit gewesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Sven L\u00fcders<\/em><\/p>\n","protected":false},"featured_media":20503,"template":"","categories":[47,3,2995,3003,42],"tags":[4575,2546,2528,770],"autoren":[139],"publikationen":[4574],"class_list":["post-20501","publikation","type-publikation","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category-lebensweisen-pluralismus","category-staat-religion-weltanschauung","category-vereinsnachrichten","category-verfassungsschutz","category-weg-mit-dem-vs","tag-gerhard-saborowski","tag-publikationen-hu-mitteilungen","tag-verband-nachrufe","tag-verbandsnachrichten","autoren-sven-lueders","publikationen-mitt-257"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Abschied von einem Verfassungssch\u00fctzer: Gerhard Saborowski (1933-2026) - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/mitt-257\/publikation\/abschied-von-einem-verfassungsschuetzer-gerhard-saborowski-1933-2026\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Abschied von einem Verfassungssch\u00fctzer: Gerhard Saborowski (1933-2026) - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Die Nachricht war schon l\u00e4nger zu bef\u00fcrchten, immerhin war er bereits 92 Jahre alt. 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