{"id":20598,"date":"2026-07-09T13:00:29","date_gmt":"2026-07-09T11:00:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=20598"},"modified":"2026-07-09T13:00:29","modified_gmt":"2026-07-09T11:00:29","slug":"der-schwabenspiegel-in-einer-neuedition","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-161\/publikation\/der-schwabenspiegel-in-einer-neuedition\/","title":{"rendered":"Der Schwabenspiegel in einer Neuedition"},"content":{"rendered":"<p>Die Rezeption des r\u00f6mischen Rechts begann in Deutschland relativ sp\u00e4t, erst im ersten Viertel des 13. Jahrhunderts. Sie erfolgte zun\u00e4chst vor allem in privaten Rechtsaufzeichnungen. Deren ber\u00fchmteste ist der Sachsenspiegel des Sch\u00f6ffen Eike von Repgow, dessen Urfassung zwischen den Jahren 1221 und 1224 in Latein niedergeschrieben und danach in eine niederdeutsche Fassung gebracht wurde. Dieses Rechtsbuch ist zweifellos die bedeutendste Rechtsquelle des Mittelalters und es ist wissenschaftlich in allen Einzelheiten erforscht. Weniger bekannt und von der rechtshistorischen Forschung geringer beachtet ist der ein halbes Jahrhundert j\u00fcngere Schwabenspiegel, der jetzt in einer modernen Neuedition erschienen ist.<\/p>\n<p><em>Harald Rainer Derschka<\/em> (Hg.): Der Schwabenspiegel. \u00dcbertragen in heutiges Deutsch mit Illustrationen aus alten Handschriften und einer Einf\u00fchrung des Verfassers versehen, C.H. Beck: M\u00fcnchen 2002, 505 S. mit 95 Abb., ISBN 3-406-49293-2; 48,00 Euro<\/p>\n<p>Der Band gibt den aus dem Mittelhochdeutschen ins Neuhochdeutsche \u00fcbertragenen Rechtstext des Schwabenspiegels wieder: den in drei Teile gegliederten Landrechtsteil, die Zusatzartikel zum Landrecht sowie das Lehenrecht. In einem zweiten Teil werden Illustrationen aus unterschiedlichen Schwabenspiegel-Handschriften abgedruckt und kommentiert. Ein umfangreicher Registerteil dient als Erschliessungshilfe. Diese ist auch zum Verst\u00e4ndnis der Texte dringend erforderlich, weil Derschka zu Recht mittelhochdeutsche Rechtsbegriffe, f\u00fcr die es keine Entsprechung im modernen Deutsch gibt, un\u00fcbersetzt gelassen hat, so dass ihre Bedeutung anhand der Glossare ermittelt werden muss. Auch k\u00f6nnen mittelhochdeutsche Rechtsbegriffe unterschiedlichen modernen Rechtsbegriffen entsprechen: das Wort &#8222;geziuc&#8220; kann sowohl Zeuge, wie Zeugenbeweis, wie Zeugnis bedeuten; das Wort &#8222;hant&#8220; kann sowohl die Hand bezeichnen wie auch Zustimmung oder einen Rang in der Lehensordnung.<\/p>\n<p>Der Schwabenspiegel hat diese Bezeichnung erst im 17. Jahrhundert erhalten. Die Zeitgenossen bezeichneten die Aufzeichnung als &#8222;kayserlich Rechtsbuch&#8220; oder &#8222;Kaiserrecht&#8220;, auch &#8222;Kaiser Karls Rechtsbuch&#8220;. Wie auch in anderen mittelalterlichen Kompilationen wurde das gute alte Recht einer daf\u00fcr geeigneten Autorit\u00e4t zugeschrieben, in diesem Falle Karl dem Grossen. Der Schwabenspiegel baut auf einer \u00dcbersetzung des Sachsenspiegels in das Oberdeutsche auf, auch &#8222;Augsburger Sachsenspiegel&#8220; genannt, aus dem ein nie fertig gewordener Deutschenspiegel entwickelt wurde, der weitgehend im Schwabenspiegel aufgegangen ist. Der oder die Verfasser werden auch von Derschka im Augsburger Franziskanerkloster verortet. Das Verbreitungsgebiet des Schwabenspiegels war vor allem S\u00fcd- und Westdeutschland bis nach Hessen, er gelangte aber auch in die Schweiz, nach \u00d6sterreich, M\u00e4hren, Schlesien, das Deutschordensland, nach Tschechien und Frankreich, denn es existieren eine altfranz\u00f6sische und zwei tschechische \u00dcbersetzungen. F\u00fcr L\u00fcneburg wurde der Schwabenspiegel sogar ins Nieders\u00e4chsische \u00fcbersetzt. Die Leistung Derschkas ist umso bemerkenswerter, als bis vor kurzem eine einheitliche Edition f\u00fcr unm\u00f6glich gehalten wurde (vgl. Trusen 1990: 1549). Denn die fast vierhundert erhaltenen Schwabenspiegel-Handschriften oder Fragmente davon weichen in der Textanordnung und dem Grad ihrer Vollst\u00e4ndigkeit voneinander ab.<\/p>\n<p>Der oder die Autoren des Schwabenspiegels haben nieders\u00e4chsisches Lokalrecht, das sie im Sachsenspiegel vorfanden, nat\u00fcrlich nicht \u00fcbernommen, daf\u00fcr schw\u00e4bische Rechtstraditionen eingef\u00fcgt (Beispiel: Art. 32 des Landrechts, wo dem Herzog von Schwaben eine F\u00fchrungsrolle zugemessen wird). Wichtiger ist, dass im Vergleich zum Sachsenspiegel st\u00e4rker r\u00f6misches Recht und vor allem auch kanonisches Recht rezipiert wurde, ferner religi\u00f6se Quellen, neben der Bibel die Schriften der Franziskaner Berthold von Regensburg und David von Augsburg, worauf Derschka hinweist und wie sich auch aus dem Text unmittelbar erschlie\u00dft, so aus dem Vorwort zum Ersten Landrechtsteil.<\/p>\n<p>Im kanonischen Recht, wie es im Schwabenspiegel kodifiziert ist, wurde vor allem das Prozessrecht fortentwickelt. So wundert es nicht, dass Art. 87 des Landrechts des Schwabenspiegels von den F\u00fcrsprechen (also den Advokaten) handelt. Die Rezeption kanonischen Rechts durch den Schwabenspiegel hatte aber auch verh\u00e4ngnisvolle Folgen. So fand die \u00dcbernahme des Talion-Prinzips des mosaischen Rechts, also die Vergeltung von Gleichem mit Gleichem, Eingang in den Schwabenspiegel: &#8222;Schl\u00e4gt ein Mann den anderen zu Tode, soll man auch ihn t\u00f6ten. Wer seinen Vater oder seine Mutter t\u00f6tet, den soll man auch t\u00f6ten. [&#8230;] Man soll also Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fu\u00df um Fu\u00df richten. Verbrennt jemand den anderen an seinem Leibe, verbrenne man ihn ebenfalls. Schl\u00e4gt jemand seinem eigenen Knecht ein Auge aus oder rei\u00dft es ihm heraus, soll er ihn frei lassen. Schl\u00e4gt er ihm einen Zahn aus, soll dieser ihm dasselbe antun.&#8220; Gemildert wird dieses grausame Prinzip lediglich dadurch, dass in vielen F\u00e4llen der Richter die Leibesstrafe durch Bussgelder ersetzen kann.<\/p>\n<p>Auch die Heiligung der Sonntagsruhe (Landrecht Art. 363), Bestimmungen \u00fcber Ketzer (Landrecht Art. 313) und \u00fcber Juden (Landrecht Art. 260 ff., 322) zeigen deutlich den Einfluss geistlichen Rechts, der bis in den Rassenwahn der NS-Zeit fortwirkte (Geschlechtsverkehr zwischen Christen und Juden wird mit dem Verbrennen beider geahndet), obwohl der Schwabenspiegel selbst, wie betont werden muss, Juden nicht generell diskriminiert und auch ihre Zwangstaufe verbietet.<\/p>\n<p>Die verdienstvolle Arbeit Derschkas dokumentiert nicht nur ein lebendiges Rechtsleben in der Zeit des Hochmittelalters. Sie sollte auch Anlass f\u00fcr die Wissenschaft sein, sich mit dem Schwabenspiegel und seinen Rechtsfolgen f\u00fcr die deutsche Rechtsgeschichte gr\u00fcndlich auseinander zu setzen. Dieses Rechtsbuch ist auch Zeugnis daf\u00fcr, wie sich Recht in einem partiell herrschaftsfreien Raum, in der &#8222;kaiserlosen Zeit&#8220; in Deutschland zwischen 1237 und 1329 entwickeln, verbreiten und durchsetzen konnte.<\/p>\n<h3 class=\"\">\nLiteratur<\/h3>\n<p><em>Trusen, Winfried 1<\/em>990: Schwabenspiegel; in: Handw\u00f6rterbuch zur Deutschen Rechtsgeschichte, Band IV, Sp. 1547 ff., Berlin<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[],"autoren":[356],"publikationen":[1209],"class_list":["post-20598","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","autoren-sieghart-ott","publikationen-vorg-161"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Der Schwabenspiegel in einer Neuedition - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/vorg-161\/publikation\/der-schwabenspiegel-in-einer-neuedition\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Der Schwabenspiegel in einer Neuedition - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Die Rezeption des r\u00f6mischen Rechts begann in Deutschland relativ sp\u00e4t, erst im ersten Viertel des 13. 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