{"id":20611,"date":"2026-08-04T13:26:09","date_gmt":"2026-08-04T11:26:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?post_type=publikation&#038;p=20611"},"modified":"2026-08-04T13:46:45","modified_gmt":"2026-08-04T11:46:45","slug":"gemeinsame-stellungnahme-zu-den-gesetzentwuerfen-zur-staerkung-digitaler-ermittlungsbefugnisse-in-der-polizeiarbeit-u-a","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/mitt-258\/publikation\/gemeinsame-stellungnahme-zu-den-gesetzentwuerfen-zur-staerkung-digitaler-ermittlungsbefugnisse-in-der-polizeiarbeit-u-a\/","title":{"rendered":"Gemeinsame Stellungnahme zu den Gesetzentw\u00fcrfen zur St\u00e4rkung digitaler Ermittlungsbefugnisse in der Polizeiarbeit u.a."},"content":{"rendered":"<p class=\"\"><em>Gemeinsame Stellungnahme im Rahmen der Verb\u00e4ndebeteiligung zu den Gesetzentw\u00fcrfen zur St\u00e4rkung digitaler Ermittlungsbefugnisse in der Polizeiarbeit sowie zum Gesetzentwurf zur St\u00e4rkung digitaler Ermittlungsbefugnisse zur Abwehr von Gefahren des internationalen Terrorismus zu den Gesetzentw\u00fcrfen betreffend \u00a7\u00a7 98d, 98e StPO sowie \u00a7\u00a7 9a, 9b, 22a,39a, 39b, 63b, 63c BKAG, \u00a7\u00a7 46, 58a, 58b BPolG, \u00a7 15b AsylG<\/em><\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"i-einleitung-und-gegenstand-der-stellungnahme\">I. Einleitung und Gegenstand der Stellung&shy;nahme<\/span><\/h3>\n<p>Die unterzeichnenden Verb\u00e4nde nehmen gemeinsam Stellung zu den zwei vorliegenden Gesetzentw\u00fcrfen, die einen automatisierten biometrischen Abgleich mit \u00f6ffentlich verf\u00fcgbaren Internetdaten sowie die automatisierte Datenanalyse &#8211; wie etwa durch Systeme wie PimEyes und von Palantir &#8211; f\u00fcr Bundes- und Landespolizeibeh\u00f6rden erm\u00f6glichen sollen. Das Vorhaben umfasst einen Entwurf des Bundesinnenministeriums zum Gefahrenabwehrrecht sowie einen Entwurf des Bundesjustizministeriums zur Strafverfolgung. Wir lehnen die Regelungen aus grunds\u00e4tzlichen verfassungs- und menschenrechtlichen Erw\u00e4gungen ab \u2013 und zwar sowohl f\u00fcr den strafprozessualen als auch f\u00fcr den gefahrenabwehrrechtlichen Bereich.<\/p>\n<p>Die Bundesregierung tr\u00e4gt Verantwortung daf\u00fcr, dass die Grundrechte der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger auch im Zeitalter automatisierter Massen\u00fcberwachung wirksam gesch\u00fctzt bleiben. Die vorgesehene Einf\u00fchrung dieser \u00dcberwachungsinstrumente steht dieser Verantwortung diametral entgegen.<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"ii-grundsaetzliche-ablehnung-der-vorhaben\">II. Grund&shy;s&auml;tz&shy;liche Ablehnung der Vorhaben<\/span><\/h3>\n<p>Der automatisierte biometrische Abgleich mit \u00f6ffentlich zug\u00e4nglichen Internetdaten \u2013 wie er durch Systeme wie PimEyes oder Clearview AI erm\u00f6glicht wird \u2013 stellt einen qualitativen Sprung in der \u00dcberwachungsinfrastruktur dar. Mit enormer Streubreite greift er in das Recht auf informationelle Selbstbestimmung aller Menschen ein, die im Internet Fotos, Videos und andere Inhalte mit biometrischen Merkmalen ver\u00f6ffentlichen, ohne dass diese daf\u00fcr einen Anlass gegeben h\u00e4tten. Betroffen sind ferner Personen, die auch ohne ihr Wissen und Wollen etwa im Hintergrund auf einem Foto abgebildet sind. Auch &#8222;Nicht-Treffer&#8220; stellen einen Grundrechtseingriff dar. [1] Da Meinungs- und Versammlungsfreiheit heute wesentlich auch im digitalen Raum ausge\u00fcbt werden \u2013 etwa \u00fcber die Publikation von Aufnahmen von Versammlungen in den sozialen Medien, um auf das eigene Anliegen aufmerksam zu machen \u2013 geht mit der Befugnis zudem auch ein m\u00f6glicher Abschreckungseffekt auf die Aus\u00fcbung dieser Rechte einher.<\/p>\n<p>Der biometrische Abgleich erlaubt die Identifizierung von Personen im \u00f6ffentlichen Raum und im Netz auf der Grundlage biometrischer Merkmale und schafft damit die technischen Voraussetzungen f\u00fcr eine fl\u00e4chendeckende Verfolgbarkeit der Bev\u00f6lkerung. Dies ist mit dem Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung (Art. 2 Abs. 1 i.V.m. Art. 1 Abs. 1 GG) sowie dem Recht auf Schutz personenbezogener Daten (Art. 8 GRCh und Art. 8 EMRK) aus unserer Sicht unvereinbar. Eine zus\u00e4tzliche Gef\u00e4hrdung des Diskriminierungsverbots (Art. 3 Abs. 3 GG) ergibt sich aus der zahlreich empirisch belegten erh\u00f6hten Fehleranf\u00e4lligkeit biometrischer Systeme insbesondere bei People of Colour. Diese k\u00f6nnten h\u00e4ufiger zu Unrecht von polizeilichen Folgema\u00dfnahmen betroffen sein.<\/p>\n<p>Gleiches gilt f\u00fcr die automatisierte Datenanalyse mittels Systemen wie denen von Palantir. Die in den Regelungen vorgesehene Zusammenf\u00fchrung und algorithmische Auswertung massenhafter Datenbest\u00e4nde erlaubt die Erzeugung tiefgreifender Pers\u00f6nlichkeitsprofile. Sie erm\u00f6glicht Schlussfolgerungen, die weit \u00fcber die urspr\u00fcnglichen Erhebungszwecke der analysierten Daten und auch \u00fcber das Ziel der eigentlichen Suchanfrage an das Analysesystem hinausgehen. Solche Systeme sind strukturell fehleranf\u00e4llig, intransparent und diskriminierungsf\u00f6rdernd. Dies gilt in verst\u00e4rktem Ma\u00dfe f\u00fcr KI-Systeme, die auch nach Einf\u00fchrung weiterhin selbstlernend sind und in den Entw\u00fcrfen nicht ausgeschlossen werden. Ihre Funktionsweise ist f\u00fcr Betroffene und m\u00f6glicherweise auch Anwendende nicht nachvollziehbar. F\u00fcr die Bev\u00f6lkerung ist auch nicht vorhersehbar, welche grundrechtlich gesch\u00fctzten Verhaltensweisen Datenspuren hinterlassen k\u00f6nnten, die zu einem verdachtserzeugenden &#8222;Treffer&#8220; f\u00fchren (etwa eine Anzeige zu erstatten; eine Versammlung zu besuchen, bei der es zu einer Identit\u00e4tsfeststellung kommt; Kontakt zu bestimmten Personen; Social-Media-Aktivit\u00e4ten u.v.m). Dies kann zu einsch\u00fcchternden Auswirkungen auf die Grundrechtsaus\u00fcbung f\u00fchren.<\/p>\n<p>Besonders problematisch ist der Umfang der in die automatisierte Datenanalyse einbezogenen Daten. So ist etwa in \u00a7 9b BKAG-E ausdr\u00fccklich vorgesehen, dass das BKA alle Daten, auf die es im Rahmen seiner Aufgabe als Zentralstelle zugreifen darf, zur automatisierten Datenanalyse einbeziehen kann. Dies setzt ausweislich der Gesetzesbegr\u00fcndung voraus, dass die entsprechenden Datenbest\u00e4nde weitgehend zusammengef\u00fchrt und in einem einheitlichen Format und vom Einzelfall unabh\u00e4ngig vorliegen und aufbereitet sind. Angesichts der schieren Masse dieser Daten &#8211; s\u00e4mtliche im polizeilichen Informationsverbund vorliegenden Fall- und Vorgangsdaten, Daten aus Asservaten und Telekommunikations- Verkehrs- und Nutzungsdaten sowie im Einzelfall auch automatisiert abzurufende Registerdaten und Daten aus dem Internet &#8211; entsteht eine umfassende &#8222;Super-Datenbank&#8220;. Diese w\u00fcrde neben den Daten von Beschuldigten und Verd\u00e4chtigen auch die Daten von Opfern, Zeugen und sogar g\u00e4nzlich unbeteiligten Personen enthalten und zum Objekt einer automatisierten Datenanalyse werden.<\/p>\n<p>Die Einf\u00fchrung dieser Systeme bedeutet einen fundamentalen Eingriff in Grundrechte und eine Gefahr f\u00fcr rechtsstaatliche Grunds\u00e4tze wie Transparenz, Diskriminierungsfreiheit und effektiven Rechtsschutz, der durch die im Entwurf vorgesehenen Zwecke nicht gerechtfertigt wird.<\/p>\n<p>Ferner f\u00fchren die Regelungen die M\u00f6glichkeit ein, sensible personenbezogene Daten der Bev\u00f6lkerung zum Testen und Trainieren von IT-Produkten, einschlie\u00dflich K\u00fcnstlicher Intelligenz, zu verwenden. Die erm\u00f6glichte Verwendung des nahezu gesamten Datenbestandes, auch in nicht anonymisierter Form, ist unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig. Dieser umfasst u.a. Daten von Zeug*innen, aus Ma\u00dfnahmen mit gro\u00dfer Streubreite wie etwa aus Funkzellendatenabfragen, pers\u00f6nliche Informationen aus Asservaten oder Telekommunikations\u00fcberwachung und besonders sensible Daten wie biometrische Informationen.<\/p>\n<p>Die Entw\u00fcrfe lassen die Nutzung personenbezogener Daten bereits zu, wenn der Aufwand einer Anonymisierung oder Pseudonymisierung als unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig hoch angesehen wird \u2013 und zwar selbst dann, wenn f\u00fcr das Training gar keine unver\u00e4nderten Daten ben\u00f6tigt w\u00fcrden (\u00a7 22 BKAG-E, \u00a7 46 BPolG-E). Da einerseits unbestimmt ist, wann ein Aufwand als unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig gilt, und dies andererseits der Selbsteinsch\u00e4tzung der Beh\u00f6rden \u00fcberlassen ist, besteht das Risiko, dass h\u00e4ufig nicht anonymisierte Daten zur Verwendung kommen werden.<\/p>\n<p>Zudem ist die Sicherheit der genutzten Daten und die Einhaltung ihrer L\u00f6schfristen gef\u00e4hrdet. Wie wissenschaftliche Arbeiten belegen [2], konnten Trainingsdaten oftmals wieder aus KI-Anwendungen extrahiert werden. Belegt ist die erfolgreiche Rekonstruktion von Text- und Bilddaten, etwa Namen, Telefonnummern, E-Mail-Adressen und Bildern. Nutzer*innen k\u00f6nnen sogenanntes &#8222;Data Leakage&#8220; auch unabsichtlich ausl\u00f6sen. Es besteht daher ein grunds\u00e4tzliches, in der konkreten Auspr\u00e4gung vom jeweiligen KI-System abh\u00e4ngiges Risiko, dass sensible personenbezogene Daten selbst nach Ablauf ihrer L\u00f6schvorschriften und durch Unbefugte (darunter auch private Unternehmen, die das Training durchf\u00fchren d\u00fcrfen, \u00a7 22Abs. 4 BKAG-E, \u00a7 46 Abs.4 BPolG-E) rekonstruierbar sind.<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"iii-keine-verfassungskonforme-ausgestaltung-moeglich\">III. Keine verfas&shy;sungs&shy;kon&shy;forme Ausge&shy;stal&shy;tung m&ouml;glich<\/span><\/h3>\n<p>Die von BMI und BMJV vorgeschlagene konkrete Ausgestaltung der Eingriffsbefugnisse versch\u00e4rft die grundrechtliche Problematik weiter. Im Einzelnen:<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Kein Richtervorbehalt:<\/strong> Weder \u00a7\u00a7 98d, 98e StPO noch die parallelen Regelungen im BKAG, BPolG und AsylG sehen einen Richtervorbehalt vor. Angesichts der Eingriffstiefe der biometrischen Identifizierung und der automatisierten Massenauswertung ist dies mit dem Gebot effektiven Rechtsschutzes (Art. 19 Abs. 4 GG) und dem Schutz der Grundrechte nicht vereinbar. Dies gilt erst recht, wenn die Polizei solche Ma\u00dfnahmen bei &#8211; selbst definierter &#8211; &#8222;Gefahr im Verzug&#8220; selbst anordnet.<\/li>\n<li><strong>Ungen\u00fcgende Transparenz f\u00fcr Betroffene:<\/strong> Die Entw\u00fcrfe sehen zwar [teilweise] eine Benachrichtigungspflicht gegen\u00fcber den von dem biometrischen Abgleich betroffenen Personen vor. Ohne Kenntnis eines Eingriffs ist es den Betroffenen faktisch unm\u00f6glich, ihre Rechte geltend zu machen. Angesichts der enormen Streubreite der vorgesehenen Ma\u00dfnahmen ist davon auszugehen, dass das Problem der unzureichenden Benachrichtigung Betroffener [3] sich weiter versch\u00e4rfen wird. In Bezug auf die vorgesehene automatisierte Datenanalyse ist eine Benachrichtigung der betroffenen Personen gar nicht erst vorgesehen. Beides verletzt das Recht auf effektiven Rechtsschutz.<\/li>\n<li><strong>Unzureichende Dokumentation:<\/strong> Zwar sehen die Entw\u00fcrfe im Grundsatz Protokollierungspflichten nach \u00a7 76 BDSG vor. Allerdings wird der Vorgang der automatisierten Datenanalyse respektive des biometrischen Abgleichs dadurch nicht aktenkundig. Es wird offenbleiben, wie genau die eingesetzten Programme arbeiten; das Black-Box-Problem, das mit derartigen Systemen einhergeht, wird nicht gel\u00f6st. Ohne belastbare Dokumentation sind parlamentarische, gerichtliche und unabh\u00e4ngige datenschutzrechtliche Kontrolle strukturell ausgeh\u00f6hlt.<\/li>\n<li><strong>Kaum Einschr\u00e4nkung von Art und Umfang der in die automatisierte Analyse einbezogenen Daten:<\/strong> Wie das BVerfG festgestellt hat, stellt die Verarbeitung bereits erhobener Daten im Rahmen einer automatisierten Datenanalyse einen eigenen Eingriff in die informationelle Selbstbestimmung dar. Dieser wiegt umso schwerer, je weniger die in die Analyse einbezogenen Daten ihrer Art und ihrem Umfang nach eingeschr\u00e4nkt werden. [4] Die Entw\u00fcrfe erlauben die automatisierte Analyse kaum eingeschr\u00e4nkter, enormer Datenmengen. Dazu geh\u00f6ren Daten aus Eingriffen mit gro\u00dfer Streubreite wie Funkzellenabfragen, besonders sensible Daten wie biometrische Daten, Daten von Personen, die keinen Anlass zu polizeilicher Beobachtung gegeben haben wie Zeug*innen aus Vorgangsdaten, Daten pers\u00f6nliche Natur aus Telekommunikations\u00fcberwachung oder Asservaten oder gesondert hinzugef\u00fcgte Daten aus Social Media u.v.m. Positiv zu werten ist, dass nach \u00a7 98e Abs.2 StPO-E einige Datenbest\u00e4nde explizit ausgew\u00e4hlt werden m\u00fcssen, um in die Analyse einbezogen zu werden, und dies nur zul\u00e4ssig ist, &#8222;soweit dies erforderlich ist&#8220;. Diese Regelung findet sich in den Entw\u00fcrfen zu BPolG und BKAG jedoch nicht und hat ohnehin keinen tats\u00e4chlich einschr\u00e4nkenden Charakter. Im Umkehrschluss zeigt sich zudem, dass die umfangreichen sonstigen Datenbest\u00e4nde offenbar auch dann in die Analyse einbezogen werden, wenn dies nicht erforderlich ist und keine Anhaltspunkte daf\u00fcr vorliegen, dass die einzubeziehenden Daten in Verbindung zum konkreten Suchanlass stehen k\u00f6nnten. Die Einf\u00fchrung der automatisierten Datenanalyse birgt im polizeilichen Alltag die Gefahr, dass Daten weniger verdachtsgeleitet und deutlich zahlreicher ausgewertet werden, da dies in sehr kurzer Zeit mit geringem Aufwand automatisiert m\u00f6glich ist.<\/li>\n<li><strong>Unzureichende Einschr\u00e4nkung der Analysemethode:<\/strong> Neben Art und Umfang der einbezogenen Daten wird das Eingriffsgewicht auch durch die zugelassene Methode der Datenanalyse bestimmt. [5] Zwar gibt es eine abschlie\u00dfende Aufz\u00e4hlung der erlaubten Analyseschritte, doch erlauben diese maschinelle Sachverhaltsbewertungen und gehen weit \u00fcber einen einfachen Datenabgleich hinaus (z.B. automatisierte qualitative und quantitative Klassifizierung und Analyse von Beziehungen und Zusammenh\u00e4ngen). Dabei ist auch die Nutzung von nach ihrer Einf\u00fchrung im beh\u00f6rdlichen Einsatz weiter selbstlernender KI nicht ausgeschlossen. Der Einsatz solcher KI-Systeme stellt ein inakzeptables Risiko f\u00fcr die Rechte auf Nicht-Diskriminierung und effektiven Rechtsschutz dar. Durch die insoweit fehlende Einschr\u00e4nkung stellen sich die Regelungen auch als evident unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig dar.<\/li>\n<li><strong>Schwerwiegende Grundrechtseingriffe durch private Unternehmen:<\/strong> Erkennbar wurde sich darum bem\u00fcht, den Grundrechtseingriff beim biometrischen Abgleich durch die Vorgabe zu verringern, dass hierf\u00fcr aus dem Internet erhobene Daten anschlie\u00dfend zu l\u00f6schen sind. Dieses Bem\u00fchen konterkariert, dass der Abgleich auch durch andere \u00f6ffentliche und nicht\u00f6ffentliche Stellen &#8211; also insbesondere auch private Unternehmen &#8211; und (au\u00dfer im Asylverfahren) sogar Stellen in nichteurop\u00e4ischen Drittstaaten durchgef\u00fchrt werden darf. Es bleibt offen, ob und wie die L\u00f6schpflichten durch Dritte sichergestellt werden sollen oder ob diese durch die Auslagerung der Ma\u00dfnahme umgangen werden k\u00f6nnen. Die \u00dcbermittlung biometrischer Daten an private Unternehmen birgt zudem ein Risiko f\u00fcr die Datensicherheit. Bereits aus grunds\u00e4tzlichen Erw\u00e4gungen sollten derart schwerwiegende Grundrechtseingriffe auch nicht an private Unternehmen ausgelagert werden. Dies gilt auch f\u00fcr das durch die Regelungen erm\u00f6glichte Training von IT-Produkten mit personenbezogenen Daten durch private Unternehmen.<\/li>\n<li><strong>Unzureichende Sicherstellung menschlicher Entscheidungsfindung und mangelnder Schutz vor nachteiligen Folgen automatisierter Entscheidungen:<\/strong> Die Regelungen zur automatisierten Datenanalyse sehen jeweils vor, dass &#8222;eine ausschlie\u00dflich auf der Ma\u00dfnahme (\u2026) beruhende automatisierte Entscheidungsfindung, die unmittelbar eine nachteilige Rechtsfolge f\u00fcr die betroffene Person hat oder diese erheblich beeintr\u00e4chtigt&#8220;, unzul\u00e4ssig ist (\u00a7\u00a7 9b Abs.5, 39b Abs.5, 63c Abs.5 BKAG-E, \u00a7 58b Abs.5 BPol-GE). Eine ausschlie\u00dflich automatisierte Entscheidungsfindung ist aus rechtsstaatlichen Gesichtspunkten jedoch per se inakzeptabel. Dies gilt auch, wenn diese zus\u00e4tzlich auf anderen automatisierten Ma\u00dfnahmen beruhen sollte, nur eine mittelbar nachteilige Rechtsfolge f\u00fcr Betroffene h\u00e4tte oder diese nur in einer Weise beeintr\u00e4chtigt, die noch nicht als erheblich gilt.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Wir betonen, dass eine grundrechtskonforme Ausgestaltung dieser Befugnisse auch durch Nachbesserungen im Verfahrensrecht nicht erreichbar w\u00e4re. Die genannten M\u00e4ngel sind keine blo\u00dfen Ausgestaltungsfehler, sondern symptomatisch f\u00fcr das strukturelle Defizit des gesamten Regelungsvorhabens. Schon dem Grunde nach fehlt es an einem verfassungsrechtlich tragf\u00e4higen Fundament.<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"iv-besondere-kritik-15b-asylg\">IV. Besondere Kritik: &sect; 15b AsylG<\/span><\/h3>\n<p>\u00a7 15b AsylG gibt Anlass zu besonderer Besorgnis. Asylsuchende befinden sich in einer strukturellen Schutzlosigkeit: Sie sind auf staatliche Verfahren angewiesen, verf\u00fcgen h\u00e4ufig \u00fcber eingeschr\u00e4nkte M\u00f6glichkeiten zur Rechtswahrnehmung und sind besonders vulnerabel gegen\u00fcber staatlichem Missbrauch. Die Erstreckung biometrischer Massenabgleiche auf diesen Personenkreis versch\u00e4rft ihre vulnerable und exponierte Situation. Sie birgt das ernste Risiko, dass biometrisch erhobene Daten f\u00fcr Zwecke genutzt werden, die dem Schutzzweck des Asylrechts diametral widersprechen.<\/p>\n<p>Gegen\u00fcber dem derzeitigen \u00a7 15b AsylG entfallen bisher explizit im Wortlaut des Gesetzes aufgenommene Schutzma\u00dfnahmen. Auch insofern sich diese aus anderweitigen gesetzlichen Vorgaben ergeben, verstie\u00dfe die Streichung der Schutzvorschriften aus der Norm selbst aus unserer Sicht gegen das Gebot der Normenklarheit und ist daher abzulehnen.<\/p>\n<p>Problematisch ist weiterhin der extrem weite Identit\u00e4tsbegriff, der der Regelung zugrunde liegt. Zur Identit\u00e4t, zu deren Feststellung der biometrische Abgleich genutzt werden darf, geh\u00f6ren ausweislich der Begr\u00fcndung &#8222;Merkmale, die einen Menschen von anderen Menschen unterscheidet [sic] und damit zu einer individuellen Pers\u00f6nlichkeit macht&#8220;. Nicht abschlie\u00dfend werden Merkmale aufgez\u00e4hlt, &#8222;die Ausdruck der physischen, physiologischen, genetischen, psychischen, wirtschaftlichen, kulturellen oder sozialen Identit\u00e4t der Person sind&#8220;, au\u00dferdem &#8222;Geburtsland, das Land des gew\u00f6hnlichen Aufenthalts, der Familienstand, die Volks- und Religionszugeh\u00f6rigkeit sowie die Sprachkenntnisse des Ausl\u00e4nders.&#8220; Dies erlaubt, sofern keine Identit\u00e4tsdokumente vorliegen, den biometrischen Abgleich als Standardma\u00dfnahme. Es erm\u00f6glicht das &#8222;Weitersuchen&#8220; und zahlreiche weitere Abgleiche auch dann, wenn zentrale Fragen bereits beantwortet und Angaben der Schutzsuchenden, wie sie sich aus einem Identit\u00e4tsdokument ergeben h\u00e4tten, bereits best\u00e4tigt sind. Eine derart umfassende Ausforschung von Asylsuchenden ist f\u00fcr die Durchf\u00fchrung eines Asylverfahrens nicht erforderlich und mit dem Recht auf Privatsph\u00e4re nach Art. 7 GRCh sowie Art. 8 EMRK nicht vereinbar. Der Entwurf reiht sich damit in eine lange Kette von Ma\u00dfnahmen zum Abbau der Rechte von Schutzsuchenden ein.<\/p>\n<h3 class=\"\"><span id=\"v-empfehlungen\">V. Empfeh&shy;lungen<\/span><\/h3>\n<p>Wir empfehlen:<\/p>\n<ul>\n<li>die R\u00fccknahme der Gesetzentw\u00fcrfe;<\/li>\n<li>ein grunds\u00e4tzliches gesetzliches Verbot des Einsatzes biometrischer Massenerkennungssysteme;<\/li>\n<li>eine transparente parlamentarische und gesamtgesellschaftliche Debatte \u00fcber den Einsatz algorithmischer Datenanalysesysteme sowie verbindliche Regelungen zu Transparenz, Kontrolle und Haftung;<\/li>\n<li>die St\u00e4rkung des Richtervorbehalts sowie effektiver Benachrichtigungs- und Protokollierungspflichten bei allen Befugnissen zur digitalen \u00dcberwachung;<\/li>\n<li>umfassende Transparenz \u00fcber den Einsatz K\u00fcnstlicher Intelligenz durch Sicherheitsbeh\u00f6rden, die \u00fcber die Anforderungen der EU KI-Verordnung hinausgeht, da diese Transparenzausnahmen f\u00fcr die Bereiche Strafverfolgung und Asyl vorsehen.<\/li>\n<\/ul>\n<h4 class=\"\"><span id=\"unterzeichnende-organisationen\">Unter&shy;zeich&shy;nende Organi&shy;sa&shy;ti&shy;o&shy;nen:<\/span><\/h4>\n<ul>\n<li>AG Kritis<\/li>\n<li>Algorithm Watch<\/li>\n<li>Amnesty International<\/li>\n<li>Chaos Computer Club<\/li>\n<li>D64 Zentrum f\u00fcr Digitalen Fortschritt<\/li>\n<li>Digitale Gesellschaft<\/li>\n<li>Humanistische Union<\/li>\n<li>LOAD e.V.<\/li>\n<li>Komitee f\u00fcr Grundrechte und Demokratie<\/li>\n<li>Neue Richter*innenvereinigung<\/li>\n<li>Pro Asyl Bundesarbeitsgemeinschaft BAG<\/li>\n<li>Republikanischer Anw\u00e4ltinnen- und Anw\u00e4lteverein<\/li>\n<li>Seebr\u00fccke<\/li>\n<li>Vereinigung Demokratischer Jurist*innen<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Hier k\u00f6nnen Sie die Stellungnahme als PDF herunterladen:\u00a0<\/strong><a href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/2026-04-01_Gemeinsame-Stellungnahme-gegen-Lex-Palantir.pdf\"><strong>https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/2026-04-01_Gemeinsame-Stellungnahme-gegen-Lex-Palantir.pdf<\/strong><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>[1] BVerfG, Urteil vom 18. Dezember 2018, 1 BvR 142\/15, Rn. 51.<\/p>\n<p>[2] Vgl. etwa Shokri et. al., Membership Inference Attacks Against Machine Learning Models, 2017 IEEE Symposium on Security and Privacy, 2017, S. 3-18; Ahmed et. al., Extracting Books from Production Language Models, 2026, online abrufbar: <a href=\"https:\/\/arxiv.org\/abs\/2601.02671\">https:\/\/arxiv.org\/abs\/2601.02671<\/a>; verschiedene Studien von Nicholas Carlini, online abrufbar: <a href=\"https:\/\/nicholas.carlini.com\/papers\/\">https:\/\/nicholas.carlini.com\/papers\/<\/a>.<\/p>\n<p>[3] Vgl. dazu nur Kahmen, Die Vorschriften zur Benachrichtigungspflicht gem\u00e4\u00df \u00a7 101 IV-VI StPO und ihre praktische Umsetzung, 2017<\/p>\n<p>[4] BVerfG, Urteil vom 16. Februar 2023, 1 BvR 1547\/19, 1 BvR 2634\/20, Rn. 78 ff.<\/p>\n<p>[5] BVerfG, Urteil vom 16. Februar 2023, 1 BvR 1547\/19, 1 BvR 2634\/20, Rn. 77, 90ff.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":20490,"template":"","categories":[4635],"tags":[739,662,4627,683,671,3418,3204,3416,3181,672,4572,2546,4223,3830,770],"autoren":[],"publikationen":[4626],"class_list":["post-20611","publikation","type-publikation","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category-gemeinsame-gutachterliche-stellungnahme","tag-anti-terror-kampf","tag-datenschutz","tag-gotham","tag-gutachten-stellungnahmen","tag-innere-sicherheit","tag-ki","tag-kuenstliche-intelligenz","tag-massenueberwachung","tag-palantir","tag-polizei","tag-privatsphaere","tag-publikationen-hu-mitteilungen","tag-stellungnahme","tag-terrorismus","tag-verbandsnachrichten","publikationen-mitt-258"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Gemeinsame Stellungnahme zu den Gesetzentw\u00fcrfen zur St\u00e4rkung digitaler 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