{"id":8471,"date":"2020-10-14T16:02:00","date_gmt":"2020-10-14T14:02:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/wie-es-1990-wegen-der-einheitsfeier-fast-zum-eklat-kam\/"},"modified":"2024-02-19T12:44:11","modified_gmt":"2024-02-19T11:44:11","slug":"wie-es-1990-wegen-der-einheitsfeier-fast-zum-eklat-kam","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/230\/publikation\/wie-es-1990-wegen-der-einheitsfeier-fast-zum-eklat-kam\/","title":{"rendered":"Wie es 1990 wegen der Einheitsfeier fast zum Eklat kam"},"content":{"rendered":"<p>in: vorg\u00e4nge Nr. 230 (2\/2020), S. 15-17<\/p>\n<p><i>Dass der Festakt zur Feier der deutsch-deutschen Wiedervereinigung ein historisch bedeutsamer Moment werden w\u00fcrde, war den Beteiligten bewusst. Um die Frage, wo und wie diese Feier inszeniert werden soll, wurde deshalb bereits im Vorfeld intensiv gerungen. Die Auseinandersetzung war nicht frei von pers\u00f6nlichen Animosit\u00e4ten und parteipolitischen Rivalit\u00e4ten. Vor allem aber \u00fcberschattete der Streit um die k\u00fcnftige deutsche Hauptstadt hinter den Kulissen die Vorbereitungen der Einheitsfeier am 3. Oktober 1990, wie Werner Kolhoff in seinem Erlebnisbericht schildert.<\/i><\/p>\n<p>Als im Sp\u00e4tsommer 1990 der Wiedervereinigungstermin feststand, der 3. Oktober, machten wir uns an die Vorbereitungen. Ich bekam vom Regierenden B\u00fcrgermeister Walter Momper (SPD) Anfang September den Auftrag, daf\u00fcr zusammen mit Vertretern der Senatskulturverwaltung ein Konzept zu erarbeiten. Von vornherein war klar, dass es sich um zwei miteinander verwobene Veranstaltungen handeln w\u00fcrde. Zum einen die offiziellen Staatsakte, allen voran die so genannte Null-Uhr-Zeremonie in der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober, der eigentliche Moment der Wiedervereinigung. Zum anderen ein Volksfest f\u00fcr Millionen von Berlinern und G\u00e4sten.<\/p>\n<p>Wir konzipierten dieses \u201eFest der Einheit\u201c als ein betont unkommerzielles Fest. Deutschland sollte sich auf 26 B\u00fchnen an der Stra\u00dfe Unter den Linden bis hinauf zum Alexanderplatz als ein Land der Vielfalt, der Zivilgesellschaft und des B\u00fcrgerengagements darstellen. Kein Brimborium, sondern viel lokale Kultur, auch Beitr\u00e4ge von Migranten. <em>\u201eOhne falsches Pathos\u201c<\/em>, wie Walter Momper sagte. Die Oper und die Humboldt-Universit\u00e4t \u00f6ffneten ihre S\u00e4le f\u00fcr eigene Veranstaltungen. Chris de Burgh und Wolf Biermann waren Highlights der zweit\u00e4gigen Veranstaltung, ebenso ein gemeinsames Konzert der Milit\u00e4rkapellen der vier alliierten Streitkr\u00e4fte im Lustgarten, bei dessen Er\u00f6ffnung zu den Kl\u00e4ngen des Marsches \u201eBerliner Luft\u201c Walter Momper den Taktstock schwang. Zwei Millionen Menschen flanierten gelassen und fr\u00f6hlich \u00fcber die Festmeile, \u00fcber der zwei Tage lang Musik lag. Das Wetter spielte mit. Die Bundesl\u00e4nder reagierten auf unser Angebot, sich jeweils an einem eigenen Stand mit ihren regionalen Besonderheiten zu pr\u00e4sentieren, allerdings nicht.<\/p>\n<p>Weniger einfach war es mit der Nulluhr-Zeremonie. Ich traf mich im September in Berlin mit Abgesandten von Innenminister Wolfgang Sch\u00e4uble (CDU), angef\u00fchrt von einem Ministerialdirektor. Was wir zu unserem \u201eFest der Einheit\u201c vorzutragen hatten, interessierte die Vertreter der Bundesregierung \u00fcberhaupt nicht. Das sei Angelegenheit Berlins, hie\u00df es, und demnach auch von Berlin zu finanzieren. F\u00fcr die Null-Uhr-Zeremonie, die weltweit beobachtet werden w\u00fcrde, hatte das Innenministerium uns vorher ein Konzept \u00fcbersandt, das wir strikt ablehnten.<\/p>\n<p>Die Bundesregierung wollte den Wiedervereinigungsakt auf dem Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor feiern. Das Tor war seit dem 9. November 1989 international das deutsche Symbol schlechthin. Die Prominenz, angef\u00fchrt von Bundeskanzler Helmut Kohl, sollte laut diesem Konzept auf der Ostseite auf einer Trib\u00fcne sitzen, davor das Volk und eine Pressetrib\u00fcne, und dann sollten am Tor um Mitternacht feierlich drei Deutschlandfahnen gehisst werden. Je eine Fahne links und rechts, eine weitere quer unterhalb der Quadriga. Ganz abgesehen davon, dass die Quadriga auf dem Tor fehlte, weil sie gerade restauriert wurde \u2013 wir empfanden die Inszenierung als eine v\u00f6llig falsche Symbolik. Auf dem Tor hatten nie Fahnen geflattert, au\u00dfer bei Hitler und eine Zeitlang nach Ulbrichts Anordnung eine rote Fahne der DDR. Das war einer unserer Einw\u00e4nde. Au\u00dferdem wiesen wir darauf hin, dass die Fahnen am Tor nicht\u00a0 h\u00e4ngen bleiben k\u00f6nnten, schon aus Gr\u00fcnden des Denkmalschutzes nicht. Wie aber s\u00e4he es aus, wenn man sie kurz darauf wieder entfernen m\u00fcsste \u2013 vor den Augen der internationalen Journalisten?<\/p>\n<p>Der Plan war zum einen eine nationale \u00dcberfrachtung. Am wichtigsten aber: Er war gef\u00e4hrlich. Auf den Platz passten 15.000 bis maximal 30.000 Leute. Weil aber bis zu eine Million Menschen erwartet wurden, w\u00fcrde es an den Absperrgittern Sicherheitsprobleme und unsch\u00f6ne Szenen geben. Zumal Rechtsradikale und Autonome St\u00f6rungen angek\u00fcndigt hatten. An Silvester erst war ein Mensch auf dem Pariser Platz umgekommen, als im Gedr\u00e4nge ein Ger\u00fcst einst\u00fcrzte. Und hier sollte die gesamte Spitze des Staates sitzen, samt hochrangigen internationalen G\u00e4sten? Heute, nach dem Ungl\u00fcck bei der Love Parade in Duisburg, h\u00e4tte man wohl nicht lange reden m\u00fcssen, aber damals hielten die Vertreter der Bundesregierung eisern an ihrem Vorhaben fest. Und zwar auch noch, als leitende Beamte der Berliner Polizei in der Besprechung massiv auf die Sicherheitsprobleme hinwiesen. Am Ende drohte ich, der Berliner Senat werde der Bundesregierung zwar alle gew\u00fcnschten Polizeikr\u00e4fte zur Verf\u00fcgung stellen, aber \u00f6ffentlich jede Verantwortung f\u00fcr eine solche Veranstaltung ablehnen. Die Einheit w\u00e4re so mit einem erheblichen Missklang eingel\u00e4utet worden.<\/p>\n<p>Unser Gegenvorschlag lautete, die Flagge vor dem Reichstag zu hissen. Auf dem Platz der Republik, einst Ort der gro\u00dfen Freiheitskundgebungen mit Ernst Reuter, hatten problemlos Hunderttausende Platz, die Politiker konnten sicher auf der Balustrade des Reichstages stehen und sich hinterher zum Empfang ins Innere zur\u00fcckziehen. Ich skizzierte auf einer Karte, die ich noch heute habe, wo der 23 Meter hohe Fahnenmast genau stehen und wo die Kameratrib\u00fcne aufgebaut werden sollte. Die Fahne k\u00f6nne als \u201eFlagge der Einheit\u201c dann dauerhaft dort wehen und zum Symbol f\u00fcr diesen Tag werden. Die Bonner lehnten diesen Vorschlag ab. Sp\u00e4ter schickten die Beamten des Innenministeriums uns eine Alternatividee, die noch schr\u00e4ger war als ihre erste: Die Polit-Prominenz aus Ost- und West sollte abends im Schauspielhaus am Gendarmenmarkt auf Ost-Berliner Seite den Abschied von der DDR feiern und von dort dann auf einer Videoleinwand um Mitternacht beobachten, wie die Fahne \u00fcber dem einstigen Staatsratsgeb\u00e4ude der DDR gehisst wurde.<\/p>\n<p>Am Reichstag, der auf Westgebiet liegt, habe man die Deutschlandfahne schon immer hissen k\u00f6nnen, wurde von den Bonnern argumentiert. Es gehe aber um den Beitritt der DDR. Wir wiesen das als \u201eEroberungsgeste\u201c ab; auch die DDR-Regierung unter Lothar de Maizi\u00e8re machte nicht mit. Und selbst Helmut Kohl, so h\u00f6rten wird, fand es schlecht, die Einheit als Saalveranstaltung erleben zu sollen. Die ganze Frage war so umstritten, dass Bundestagspr\u00e4sidentin Rita S\u00fcssmuth, Bundeskanzler Helmut Kohl und Walter Momper mehrfach pers\u00f6nlich eingeschaltet wurden und miteinander redeten, ehe zwei Wochen vor der Wiedervereinigung endlich klar war, wie und wo es laufen w\u00fcrde: Vor dem Reichstag, und zwar exakt entsprechend unseres Vorschlages.<\/p>\n<p>Hinter dem Streit stand nicht nur die bekannte Animosit\u00e4t zwischen Walter Momper und Helmut Kohl, sondern auch die erbitterte Hauptstadtdebatte. In den Verhandlungen um den Einigungsvertrag war die Frage letztlich offen geblieben. Vor allem das Land Nordrhein-Westfalen und die Bonner Beamten versuchten Berlin mit allen Tricks auszuhebeln. Wir versuchten dagegen, die deutsche Bev\u00f6lkerung zu mobilisieren, die mehrheitlich Berlin als Hauptstadt wollte. Prominente wie Thomas Gottschalk oder der Tagesthemen-Moderator Hajo Friedrichs traten in unseren bundesweiten Anzeigen f\u00fcr Berlin auf. Wir hatten sogar eine Anzeige mit einem Pro-Berlin-Zitat von Franz-Josef Strauss entworfen, die \u00fcberall gedruckt wurde \u2013 nur der Bayernkurier der CSU weigerte sich, die Anzeige anzunehmen.<\/p>\n<p>Bei unserem Vorschlag, die Flaggen-Zeremonie am Reichstag durchzuf\u00fchren, hatten wir nicht nur hehre Sicherheitsziele im Blick. Wir wollten an diesem historischen Tag zugleich den k\u00fcnftigen Sitz des gesamtdeutschen Bundestages in den Mittelpunkt r\u00fccken. Die Bonner wollten eben dieses Symbol um jeden Preis vermeiden. Jedenfalls die Beamten. Innenminister Wolfgang Sch\u00e4uble selbst war ja sogar ein Berlin-Bef\u00fcrworter. Schlie\u00dflich haben wir uns durchgesetzt, auch weil es praktisch gar nicht anders ging. Und immerhin haben wir am 3. Oktober, 0.00 Uhr, dann doch alle gemeinsam vor dem Reichstag <em>\u201eBl\u00fch\u2019 im Glanze dieses Gl\u00fcckes\u201c<\/em> gesungen und auf die Flagge geschaut. Berliner und Bonner. \u00dcbrigens auch Momper und Kohl.<\/p>\n<p><b>WERNER\u00a0KOLHOFF<\/b>\u00a0\u00a0 <i>Jahrgang 1956, hat in Berlin und Amsterdam Publizistik, Soziologie und Niederlandistik studiert. Nach einem Volontariat und zweij\u00e4hriger Redakteurst\u00e4tigkeit beim Berliner Tagesspiegel war er seit 1983 Pressesprecher der Berliner SPD und von 1989 bis 2001 Sprecher des Berliner Senats. Es folgten zw\u00f6lf Jahre als Lokalchef und dann Leiter des Bundesb\u00fcros bei der Berliner Zeitung. Von 2002 bis Ende 2005 war Werner Kolhoff Leiter der Gruppe Koordination im Bundespresseamt. Seit 2006 leitet er ein Korrespondentenb\u00fcro, dass f\u00fcr 19 Regionalzeitungen \u00fcber die Bundespolitik berichtet. <\/i><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1470],"publikationen":[874],"class_list":["post-8471","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-werner-kolhoff","publikationen-874"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Wie es 1990 wegen der Einheitsfeier fast zum Eklat kam - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/230\/publikation\/wie-es-1990-wegen-der-einheitsfeier-fast-zum-eklat-kam\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Wie es 1990 wegen der Einheitsfeier fast zum Eklat kam - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"in: vorg\u00e4nge Nr. 230 (2\/2020), S. 15-17 Dass der Festakt zur Feier der deutsch-deutschen Wiedervereinigung ein historisch bedeutsamer Moment werden w\u00fcrde, war den Beteiligten bewusst. 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