{"id":8477,"date":"2020-10-14T15:23:00","date_gmt":"2020-10-14T13:23:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/ueber-literatur-aus-dem-osten-die-kartoffelkantante-und-kafka\/"},"modified":"2024-02-22T14:30:13","modified_gmt":"2024-02-22T13:30:13","slug":"ueber-literatur-aus-dem-osten-die-kartoffelkantante-und-kafka","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/230\/publikation\/ueber-literatur-aus-dem-osten-die-kartoffelkantante-und-kafka\/","title":{"rendered":"\u00dcber Literatur aus dem Osten, die Kartoffelkantante und Kafka*"},"content":{"rendered":"<p>in: vorg\u00e4nge Nr. 230 (2\/2020), S. 75-87<\/p>\n<p><i>Fels mit Feinsinn<br \/>\nEs gibt intelligenteste Formen der Rache. Da kommt einer, Ende der siebziger Jahre, ins Mahlwerk eines Parteiverfahrens an der Berliner-Humboldt-Universit\u00e4t und in den Ruch des \u201eKonterrevolution\u00e4ren\u201c, weil er den Dichter Heiner M\u00fcller preist \u2013 und Jahrzehnte sp\u00e4ter ist just er der forschende, findende, fundierte, kurz: brillanter Herausgeber der Heiner-M\u00fcller-Gesamtausgabe im Suhrkamp Verlag: Germanist Frank H\u00f6rnigk (1944-2016).<br \/>\nEr schrieb ein Buch \u00fcber den legend\u00e4r proletarischen Schauspieler Erwin Geschonneck. \u201eEine deutsche Biografie\u201c. Ein Buch \u00fcber die sch\u00f6ne schwere Arbeit, mittels Kunst eine Hoffnung zu sch\u00fcren: Die profitablen Pl\u00e4ne zur Steigerung des sozialen, gesellschaftlichen Ungl\u00fccks auf der Welt k\u00f6nnten durch eine neue Gesellschaftsidee erfolgreich behindert werden. Kunst als \u201eProvokation der wirklichen Verh\u00e4ltnisse\u201c &#8211; so schrieb er in einem Text, gemeinsam mit seiner Frau Therese H\u00f6rnigk, ebenfalls Germanistin, viele Jahre Leiterin des Literaturforums im Brecht-Haus. Rebellion also \u201egegen die alten Gewissheiten, die eigenen wie die fremden\u201c. Also gegen \u201efestschreibende Aufkl\u00e4rungsmodelle\u201c. Aber auch gegen falsche neue G\u00f6tter \u2013 Zuversicht bezog der Sozialist H\u00f6rnigk aus der Wahrscheinlichkeit, dass der Kapitalismus an seiner \u201eaufs K\u00e4ufliche reduzierten Utopie ersticken\u201c werde.<br \/>\nJahrzehnte war H\u00f6rnigk Lehrer an der Humboldt-Universit\u00e4t, war Forschungsdirektor, Dekan, musste sich, als alles Westen geworden war, auf seine eigene Stelle neu bewerben, wurde f\u00fcr f\u00fcnf Jahre eingestellt, \u201eallerdings mit der unversch\u00e4mten Begr\u00fcndung, man sei sich nicht sicher, ob ich tats\u00e4chlich auf dem Boden des Grundgesetzes stehe\u201c. Erst neun Jahre nach dem Mauerfall wird H\u00f6rnigk \u2013 \u201eentfristet\u201c. Das Vokabular der Anma\u00dfung.<br \/>\nDieser Wissenschaftler, dieser Deutungsenthusiast, gelernter Stahlwerker, wirkte kraftvoll, ein Typ zwischen Seewolf und Bergsteiger, wei\u00dfer Bart, wei\u00dfes Haar, verwegen und vergeistigt zugleich. Fels mit Feinsinn.<\/i><\/p>\n<p><em>PAUL WERNER WAGNER: Frank H\u00f6rnigk hat &#8211; was f\u00fcr seine und meine Generation nicht so selten ist &#8211; auch Erfahrungen in der Produktion gesammelt. Er hat n\u00e4mlich neben seinem Abitur eine Berufsausbildung absolviert &#8211; und also die Arbeiterklasse hautnah kennengelernt, im Stahl- und Walzwerk Riesa. Und: Frank H\u00f6rnigk war mein Dozent, w\u00e4hrend meines Fernstudiums der Kultur- und Literaturwissenschaft an der Humboldt-Universit\u00e4t zu Berlin. Er hat DDR-Literatur mit Schwerpunkt Gegenwartsdramatik gelehrt. Er war ein sehr inspirierender Dozent &#8211; in einer Lebendigkeit und vor allen Dingen mit einer Offenheit, dass es einem als Student eine Freude war.<\/em><\/p>\n<p><em>Wenn wir \u00fcber DDR-Literatur reden, sollten wir zun\u00e4chst \u00fcber das Jahr 1945 reden. F\u00fcr die einen war diese Niederlage des faschistischen Deutschlands eine Kapitulation, f\u00fcr andere bedeutete es Befreiung. Auf jeden Fall leitet dieses Jahr eine Neuaufteilung des bisherigen Landes ein. Zun\u00e4chst entstehen drei westliche und eine sowjetische Besatzungszone. Was war das Besondere am literarischen Aufschwung in der sowjetischen Zone? Welche Schriftsteller aus dem Exil gehen bewusst ins Gebiet der sp\u00e4teren DDR, aus klaren politischen Gr\u00fcnden? Welche Rolle spielen andere Motive?<\/em><\/p>\n<p><strong>Frank H\u00f6rnigk<\/strong>: Ich gestehe zun\u00e4chst, ich bin einigerma\u00dfen ber\u00fchrt und sehr gl\u00fccklich, dass so viele hier, in diesem sch\u00f6nen Raum, zusammengekommen sind. Es ist fast wie eine Vorlesung. Also, normalerweise stellt man sich als Dozent jetzt hin und rennt mit dem Mikrofon ein bisschen durch die G\u00e4nge &#8211; und erz\u00e4hlt was &#8230; Aber zu deiner Frage: Sie ist geradezu weichenstellend f\u00fcr eine ganze geschichtliche Epoche. 1945 kommt, so k\u00f6nnte man sagen, eine Literatur zur\u00fcck nach Deutschland. Oder sie tritt wieder auf. Oder sie versteckt sich endg\u00fcltig. Oder sie flieht aufs Neue. Alle diese M\u00f6glichkeiten werden real. Es ist eine ganz und gar ungenaue, verschwommene Situation damals, die freilich bald schon programmatisch beschrieben werden wird &#8211; aber so klar, wie sie es gar nicht war. Es kommt zu Beschreibungen, die sich im Osten sehr von den westlichen Interpretationen unterscheiden werden.<\/p>\n<p><em>Immer im Nachhinein scheint alles eindeutig und schl\u00fcssig abgelaufen zu sein. Die Unlogik der Geschichte l\u00f6st sich auf in der Logik der Geschichtsschreibung.<\/em><\/p>\n<p>Ja, so ist es oft. Ich will zuerst vom Osten sprechen. Im Osten gab es jedenfalls keine Stunde null im Selbstverst\u00e4ndnis der hierher zur\u00fcckkommenden Autoren. Die Literatur dieser Leute war zum Teil weit gereist. Die wesentlichen Stimmen kamen aus dem Exil, wohin die Autoren aus politischen oder sogenannten rassischen Gr\u00fcnden verbannt worden waren. Jedenfalls kamen in den ersten Jahren nach dem Krieg gro\u00dfe deutsche Dichter, wenn sie denn \u00fcberhaupt nach Deutschland zur\u00fcckkehrten, vorrangig in die Ostzone. Und zwar nicht nur, weil sie Kommunisten oder Marxisten waren, sondern auch, weil sie wussten oder zumindest sp\u00fcrten, dass sie in der Noch-nicht-Bundesrepublik keinesfalls erwartet wurden. Ja, es gab in den Westzonen eine gro\u00dfe Reserviertheit gegen\u00fcber diesem politischen und literarischen Exil. Das hatte zum Teil ganz vordergr\u00fcndige \u00f6konomische Gr\u00fcnde. Arnold Zweig zum Beispiel. Er hatte in Berlin-Dahlem ein Haus, das er wiederhaben wollte. Aber er kriegte es nicht wieder. So ging er in den Osten, und so tat sich ein komplexes Feld auf von materiellen Interessen und politischen Erwartungen, oder umgekehrt gesagt: von politischen Interessen und materiellen Erwartungen.<\/p>\n<p><em>\u00dcberzeugung ist niemals nur alles.<\/em><\/p>\n<p>Zur Wahrheit geh\u00f6rt: Im Osten wurden Leute auch gekauft. Zum Beispiel Brecht oder der erw\u00e4hnte Arnold Zweig. Bestimmte Autoren w\u00e4ren nicht ohne Weiteres in die Ostzone gegangen, wenn man ihnen nach so langer Leidenszeit des Verstummens nicht gro\u00dfz\u00fcgige editorische Angebote gemacht h\u00e4tte. Das war f\u00fcr viele doch eine gewaltige Chance: sich endlich wieder gedruckt zu sehen und, wenn man so will, in einer Atmosph\u00e4re gro\u00dfer P\u00e4dagogik wieder Sprache vermitteln zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><em>P\u00e4dagogik?<\/em><\/p>\n<p>Ja, f\u00fcr ein einheitliches, gesamtdeutsches, demokratisches Land! Genau diese Chance aber er\u00f6ffnete auch das Konfliktfeld f\u00fcr sp\u00e4tere Debatten: Wie etwa verbindet sich das Neue mit den Traditionsbegriffen deutscher Literatur vor dem Krieg?<\/p>\n<p><em>Es ist die Frage: Wie vollziehen sich \u00dcbernahmen und Z\u00e4suren?<\/em><\/p>\n<p>Ja. Das war genau der Punkt, an dem die Gr\u00fcndungsmythen der beiden deutschen Literaturen nach 1945 ihre auseinanderstrebenden Anf\u00e4nge nahmen. Wie dieses Erbe jeweils verwaltet und entworfen, wie es fruchtbar gemacht und auch verschenkt wurde, ist eine andere Frage. Aber wenn wir \u00fcber die Ausgangssituation reden, dann ist das im Osten sehr vernehmlich ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr eine Literatur, die von Grund auf anders sein wollte, um Anna Seghers zu zitieren \u2013 eine Literatur, die sich befreien wollte vom Benutztwerden f\u00fcr falschen Patriotismus. Anfang der sechziger Jahre, kurz vor seinem Tod, hat Hanns Eisler in Gespr\u00e4chen mit Hans Bunge, unter dem Titel \u201eFragen Sie mehr \u00fcber Brecht\u201c ver\u00f6ffentlicht, daran erinnert, wie nach dem Krieg, unmittelbar nach der R\u00fcckkehr aus den USA, eine Vorstellung von engagierter Literatur und engagierter Musik aussah. Es sei Brecht und ihm um unmittelbare gesellschaftspolitische Wirkung gegangen, also: In einem Moment, da es ums Einbringen und die Sicherung der Kartoffelernte ginge, sei es logisch und sinnvoll, weil lehrreich gewesen, eine \u201eKartoffelkantate\u201c zu schreiben. Das war sie: die \u00c4sthetik der Erziehung! Es ist dies, von heute aus gesehen, ein r\u00fchrendes, aber \u00e4sthetisch nicht unproblematisches Konzept. Dar\u00fcber hat Eisler \u2013 im Nachhinein \u2013 keineswegs nur selbstironisch gesprochen. Denn es war doch auch das durchaus ernstzunehmende, unerschrockene Engagement f\u00fcr eine Kunst, die verst\u00e4ndlich sein wollte, die unmittelbar benutzbar sein sollte, auch f\u00fcr die Erh\u00f6hung der Leistungen in der Produktion. Dass Eisler damit \u2013 f\u00fcr gewisserma\u00dfen effiziente Wirksamkeit \u2013 einen hohen k\u00fcnstlerischen Preis zahlte, er, der schon in den zwanziger Jahren zur europ\u00e4ischen Avantgarde geh\u00f6rt hatte &#8230;<\/p>\n<p><em>&#8230; und sich nun gewisserma\u00dfen selber reduzierte f\u00fcr Propaganda &#8230;<\/em><\/p>\n<p>&#8230; traurig, ja. Und dennoch ist es nicht nur zum Lachen. Denn das Beispiel der \u201eKartoffelkantate\u201c ist ein fast naiv anmutendes Zeichen des ehrlichen Engagements.<\/p>\n<p><em>Es ist Zuarbeit f\u00fcr ein weltneues Gr\u00fcndungsmodell.<\/em><\/p>\n<p>Ja, es soll gesellschaftlich etwas ver\u00e4ndert werden, und wir K\u00fcnstler m\u00fcssen dabei sein.<\/p>\n<p><em>F\u00fcr westliche Vorstellungen von moderner Kunst &#8211; einfach unvorstellbar?<\/em><\/p>\n<p>Ja, aber es gab auch gute Gr\u00fcnde, das unvorstellbar zu finden. Es ist doch keineswegs ausgemacht, dass in der Preisgabe eines hohen \u00e4sthetischen Anspruchs zugunsten gesellschaftlicher Einflussnahme nicht auch etwas sehr Problematisches begr\u00fcndet wurde.<\/p>\n<p><em>Schlie\u00dflich wird der Begriff \u201eDDR-Literatur\u201c eingef\u00fchrt &#8211; Chance und Verengung gleicherma\u00dfen?<\/em><\/p>\n<p>Der Begriff gilt bis etwa Ende der sechziger Jahre, bis in die sp\u00e4te Ulbricht-\u00c4ra hinein. Es ist die programmatisch vorgegebenen Vorstellung von einer deutschen Nationalliteratur der DDR. Eine Repr\u00e4sentationsvorstellung. Brecht sagte 1956, in seiner Rede auf dem 4. Schriftstellerkongress, dieser Kongress finde in dem Teil Deutschlands statt, in dem der Kampf um eine bessere zuk\u00fcnftige Gesellschaft im Interesse ganz Deutschlands gef\u00fchrt werde.<\/p>\n<p><em>Ganz Deutschlands &#8230; Das klingt, als habe sich Brecht nicht im engen Sinne als DDR-Autor begriffen.<\/em><\/p>\n<p>Stimmt. Als solcher hat er sich in einem engeren, in einem einengenden Sinne nie empfunden, Becher \u00fcbrigens ebenso wenig. Bei diesen Gro\u00dfen gab es immer eine Option auf eine deutsche Nationalliteratur. Selbst der grotesk wirkende Propagandaspruch Ulbrichts \u2013 das, was die deutschen Imperialisten geteilt h\u00e4tten, w\u00fcrde die deutsche Arbeiterklasse wieder einen \u2013 geht auf einen Nationenbegriff zur\u00fcck, der im Osten den Anspruch erhob, f\u00fcr ganz Deutschland zu sprechen. Es ist in einer merkw\u00fcrdigen Projektion, in den f\u00fcnfziger Jahren, das Gegenmodell zum Alleinvertretungsanspruch der Bundesrepublik.<\/p>\n<p><em>Ab wann gab es DDR-Literatur institutionell?<\/em><\/p>\n<p>Als Lehrstuhl?<\/p>\n<p><em>Zum Beispiel.<\/em><\/p>\n<p>Ab 1972. Also, alle Leute, die in den sechziger Jahren Germanistik studierten, hatten als Fach deutsche Gegenwartsliteratur nach 1945, das schloss Heinrich B\u00f6ll genauso ein wie Erwin Strittmatter &#8211; nat\u00fcrlich mit einer deutlichen Option f\u00fcr eine sozialistische fortschrittliche Literatur, zu der aber zum Beispiel auch B\u00f6ll gez\u00e4hlt wurde.<\/p>\n<p><em>Wie war das denn unmittelbar vor Gr\u00fcndung der DDR?<\/em><\/p>\n<p>Auf dem ersten gesamtdeutschen Schriftstellerkongress 1947 gab es eine ganz deutliche, programmatisch offene Orientierung der gerade gegr\u00fcndeten SED darauf, dass Literatur zur St\u00e4rkung des ersten Zwei-Jahr-Plans innerhalb der Ostzone beizutragen habe. Das hat ein bisschen mit Hanns Eisler und seiner schon erw\u00e4hnten \u201eKartoffelkantate\u201c zu tun. Also mit der Vorstellung von P\u00e4dagogisierung und Erziehungsfunktion der Literatur. Wir kommen, so lautete die These, aus Verh\u00e4ltnissen und Biografien, durch die wir legitimiert sind, die durch den Faschismus verirrten Leute neu zu orientieren, neu zu justieren \u2013 also diese Erziehungsfunktion spielte eine gro\u00dfe Rolle. Die Ankn\u00fcpfungspunkte im Osten lagen interessanterweise ausdr\u00fccklich bei der klassischen deutschen b\u00fcrgerlichen Literatur. Anders als in den Westzonen. Zum Beispiel die Reden zum Goethe-Jubil\u00e4um 1949, die Thomas Mann in Frankfurt am Main und in Weimar hielt: Sie spielten in Frankfurt kaum eine Rolle. Im Osten aber hatten sie eine geradezu kanonische Bedeutung. Nat\u00fcrlich hat die SED einiges getan, um dieser Rede einen gro\u00dfen Resonanzboden zu verschaffen \u2013 aber das, was Mann dort sagte, kam einer Orientierung auf klassische b\u00fcrgerliche Vorstellungen entgegen. Es ist ja auch kein Zufall gewesen, dass am Deutschen Theater 1946 die Spielzeit mit \u201eNathan der Weise\u201c begonnen hatte. Die Ringparabel! Die haben alle \u00e4lteren, in der DDR sozialisierten Leute nicht vergessen! Das wurde uns regelrecht eingebl\u00e4ut \u2013 und das war durchaus in Ordnung!<\/p>\n<p><em>Aber das Ankn\u00fcpfen an b\u00fcrgerliche Literatur &#8230;<\/em><\/p>\n<p>Ich ahne, was du sagen willst. In der Tat: Es war nicht so reibungslos, wie es klingt. Denn das Konzept der \u00d6ffnung schloss die Ausgrenzung all dessen ein, was nicht in den Kanon klassischer deutscher Literatur passte.<\/p>\n<p><em>Zum Beispiel die Romantik?<\/em><\/p>\n<p>Ja, die war vor dem Hintergrund dieser Entscheidung jahrzehntelang nicht nur verp\u00f6nt, sondern sie wurde als eine dekadente, zutiefst b\u00fcrgerlich problematische, auf Abseitigkeit gegr\u00fcndete Kunstperiode betrachtet. Und abgelehnt!<\/p>\n<p><em>Gelehrt, aber verachtet.<\/em><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich haben wir die Romantik an der Universit\u00e4t gelesen! Aber sie stand unter dem Diktum, eine Krankheit zu sein \u2013 wie Goethe das in die Welt gesetzt hat. Seine Auffassung ist auf fatale Weise politisch instrumentalisiert worden. Diese Polemik ging ja, bitte sch\u00f6n, bis zum eleganten Peter Hacks. Zu dessen Hinterlassenschaften der Eindruck geh\u00f6rt, die Romantik sei eine gro\u00dfe Katastrophe gewesen.<\/p>\n<p><em>Und au\u00dfer der Romantik?<\/em><\/p>\n<p>Aus meiner Perspektive, also einer Perspektive des gro\u00dfen, vorurteilsfreien Interesses an der Moderne, war die begleitende Tendenz im Osten, die gesamte klassische Moderne des 20. Jahrhunderts zu selektieren und herauszunehmen aus dem Kanon, von Kafka bis Joyce. Also alles, was auch das Leid und die Geworfenheit des Individuums im 20. Jahrhundert vor Augen f\u00fchrte. Das wurde editorisch nicht nur sehr nachl\u00e4ssig behandelt, sondern geradezu zum Feindbild stilisiert. In der Literatur, auf dem Theater, in der bildenden Kunst. Die Verweigerung der Moderne, der ideologische Kampf gegen sie \u2013 das ist eine der schlimmsten Verarmungsmomente sozialistischer Kulturpolitik. Dass es dennoch eine Rezeption dieser Moderne gab und sie die Kunst der DDR bereicherte, das sagt etwas aus \u00fcber den Reichtum und \u00fcber die Potenziale und die Widerstandskr\u00e4fte dieser ostdeutschen Literatur. Daf\u00fcr stehen Namen wie Heiner M\u00fcller oder Christa Wolf oder Sarah Kirsch und Rainer Kirsch. Oder der leise Gert Neumann, gewisserma\u00dfen ein Fortsetzer von Kafka. Also: immer diese Gleichzeitigkeit: Ideologische Vorgabe und zugleich subversive kritische Kunst.<\/p>\n<p><em>In den f\u00fcnfziger Jahren treten Autoren auf \u2013 Johannes Bobrowski, Erwin Strittmatter, Franz F\u00fchmann -, die kommen aus der Erfahrung des Krieges. Sie versuchen, das schriftstellerisch zu verarbeiten. Sie empfinden, wie etwa Bobrowski, den Heimatverlust. Sind die Arbeiten dieser Autoren dennoch erste origin\u00e4re Zeugnisse von spezifischer, also DDR-Literatur?<\/em><\/p>\n<p>Ich wei\u00df es nicht genau. Ich z\u00f6gere. Die Schriftsteller, die du jetzt genannt hast &#8211; wenn sie noch befragbar w\u00e4ren, w\u00fcrden sie es dir nicht best\u00e4tigen. Davon bin ich \u00fcberzeugt. Also: Ich ma\u00dfe mir kein Urteil an. Der sp\u00e4te Franz F\u00fchmann hat die Jahre noch erlebt, die Bobrowski nicht mehr hatte, und er ist immer st\u00e4rker in Konflikte gekommen mit der DDR. Ich glaube, ich darf das sagen: Es ist einer der gr\u00f6\u00dften Schriftsteller, die ich in diesem Raum der DDR-Literatur erlebt habe.<\/p>\n<p><em>Du sagst: Raum der DDR-Literatur &#8211; das klingt wie eine bewusste Umgehung des Begriffs \u201eDDR-Schriftsteller\u201c.<\/em><\/p>\n<p>Er war ein Mann, der einen so weiten Horizont poetischer Sensibilit\u00e4t und Reflektion besa\u00df, dass die Begrenzung auf DDR geradezu absurd erscheint. Andererseits aber wird er \u2013 bis heute \u2013 im internationalen Kontext weit weniger wahrgenommen als andere. Also: F\u00fchmann ist DDR-Autor \u2013 und nicht DDR-Autor. Sp\u00e4testens Anfang der siebziger Jahre haben die kl\u00fcgsten Kollegen, Freunde und Leser in der Bundesrepublik und in Westeuropa begriffen, dass es hinter dem Eisernen Vorhang, im Osten Deutschlands, eine Literatur gab, die keinesfalls nur als Arbeit im Staatsdienst reflektiert werden durfte. Nat\u00fcrlich war das Interesse im Westen immer auch darauf gerichtet, Zeichen der Dissidenz zu entdecken. Aber das Interesse an Christa Wolf beispielsweise offenbarte mehr: Leserinnen und Leser in der Bundesrepublik, jene Studenten zum Beispiel, die zu Hunderten in ihre Frankfurter Vorlesung zur \u201eKassandra\u201c kamen, Anfang der achtziger Jahre \u2013 sie nahmen diese Schriftstellerin als eine Autorin wahr, in deren Werk sie das Eigene entdeckten.<\/p>\n<p><em>Weltliteratur?<\/em><\/p>\n<p>Klingt anma\u00dfend. Aber warum eigentlich nicht. Ja, wir reden von einer international relevanten k\u00fcnstlerischen Dimension. Die Literatur der DDR ist 1990 nicht beigetreten, und sie ist auch nicht abgewickelt. Sie ist da, wo sie gelesen wird. Und sie wird gelesen.<\/p>\n<p><em>Wenn wir uns Schriftsteller in der DDR anschauen, die eine hohe literarische Qualit\u00e4t besa\u00dfen, so bleibt doch der Eindruck, dass sich alle sehr gerieben haben. Angetreten mit Hoffnung, geendigt mit Entt\u00e4uschung.<\/em><\/p>\n<p>Die DDR ging in eine Falle, die sie sich selber gelegt hat: Es ging um Anspruch. Sturm und Drang zum Beispiel, das waren Anspruchshelden. Das waren Leute, die sich durchsetzen wollten. Sie sind gescheitert. Es waren die jungen Typen, an denen man sich orientieren wollte, wie das Ulrich Plenzdorf dann mit den \u201eNeuen Leiden des jungen W.\u201c vorgegeben hat. Die Anspruchshaltung wuchs, war gewollt \u2013 und wirkte zugleich als etwas Unertr\u00e4gliches f\u00fcr die herrschende Politik. Denn: Jemand, der heraustrat aus dem vorgegebenen Raum erlaubter Diskurse, war f\u00fcr sie ein St\u00f6rfall. So besa\u00df kritische Literatur ein immanent subversives Moment \u2013 im \u00dcberschreiten von vorgegebenen Begrenzungen. Das war also Chance und Gefahr, und dort, wo das Ich nicht nur aufging in einem allgemeinen einstimmigen Chor irgendwelcher Kollektive, entstand Bedeutendes. Insofern geriet die Orientierung auf eine Utopie immer auch, wenn man so will, zu einer h\u00f6chstgef\u00e4hrlichen Geschichte. Gute Autoren und ihre klugen Leser haben ernst genommen, was die Gesellschaft ideologisch proklamierte \u2013 und das hat die Gesellschaft nicht ausgehalten.<\/p>\n<p><em>Das genau war diese Falle, die sich das System selber stellte und die du beschrieben hast: Die Gesellschaft schreibt sich etwas auf die Fahnen &#8211; will und kann es aber gar nicht realisieren mit den Leuten, die daf\u00fcr ihren Eigensinn entwickeln.<\/em><\/p>\n<p>Ja, das ist der Grunddissens gewesen, immer st\u00e4rker werdend, bis junge Leute in den achtziger Jahren die propagierten Utopien g\u00e4nzlich abgeschrieben hatten. Bei Brecht hei\u00dft es nach dem 17. Juni 1953, die Ber\u00fchrung zwischen den Arbeitern und dem Staat sei die Ber\u00fchrung eines Faustschlags gewesen. Aber immerhin, sagt er: Es ist eine Ber\u00fchrung. Die Gesellschaft k\u00f6nnte daraus lernen. Das war seine Hoffnung. Sie hat nicht daraus gelernt. F\u00fcr die Jungen, Jahrzehnte sp\u00e4ter, war solche Ber\u00fchrung mit der Gesellschaft nicht mehr relevant. Sie haben sich nicht mehr interessiert. Das war die Abschiednahme von einem urspr\u00fcnglichen Credo des Engagements.<\/p>\n<p><em>Nach den Utopien zu fragen, das war f\u00fcr die Generation der Alten, die aus dem Exil kamen, och eine v\u00f6llig andere Frage.<\/em><\/p>\n<p>Also Anna Seghers und Christa Wolf sind unter diesem Aspekt nicht zusammenzudenken. Die eine ist zur\u00fcckgekommen und glaubte lange, jetzt endlich dort zu sein, wo ihre Tr\u00e4ume des Exils h\u00e4tten gedeihen\u00a0 k\u00f6nnen. Es war dann im Lebens- und Energieraum dieser Generation keine Kraft mehr da, das noch mal infrage zu stellen. Das \u00e4nderte sich in den folgenden Generationen \u2013 erst m\u00e4hlich, dann immer abrupter und konsequenter.<\/p>\n<p><em>Wenn wir \u00fcber Literatur sprechen, m\u00fcssen wir nat\u00fcrlich auch die Rahmenbedingungen bedenken: die Enth\u00fcllungen der Verbrechen Stalins, mit der die DDR-F\u00fchrung nur sehr, sehr schwer umgehen konnte; in Ungarn der Volksaufstand und dessen Niederschlagung. In der DDR die Verhaftung von Leuten, die Reformen angemahnt hatten \u2013 Walter Janka, Wolfgang Harich; sp\u00e4ter das Vorgehen gegen Ernst Bloch in Leipzig. Das nahm viel von Freiheit und Hoffnung.<\/em><\/p>\n<p>Zweifellos. Ich bin allerdings skeptisch bei der zum Klischee gewordenen Hin-und-Her- Kommentierung all dieser Vorg\u00e4nge: mal Tauwetter, mal Vereisung, dann wieder Tauwetter, dann wieder Vereisung. Ich halte davon wirklich nicht viel. Der Machtanspruch der Kommunistischen Partei in der Sowjetunion und der Parteien in den anderen sozialistischen L\u00e4ndern war und blieb immer ein absoluter. Er diktierte die Taktik, nichts sonst. Auch jedes sogenannte Tauwetter blieb eine Methode zum Erhalt des absoluten Machtanspruchs. Darauf hat sich jede Kunst\u00a0 einlassen m\u00fcssen und hat sich eingelassen. Also jedenfalls viele Jahre. Ich behaupte nachdr\u00fccklich: Literatur und Kunst in der DDR hatten zu keinem Zeitpunkt einen wirklich autonomen Stellenwert in der Gesellschaft. \u201eTauwetter\u201c war immer dann m\u00f6glich, wenn es kompensatorisch g\u00fcnstig war, die Leine mal lang laufen zu lassen. Heute wird in der Bewertung gern Grobheit praktiziert: Es gab entweder Opposition oder Anpassung. Punkt. Die meisten wollen nat\u00fcrlich Oppositionelle gewesen sein. Das kann man verstehen \u2013 aber die Wenigsten waren es wirklich. Diese Wenigen aber sind wichtig. Denn gro\u00dfe Kunst entstand nicht als Betriebsunfall, weil mal irgendein Lektor nicht hingeguckt hat oder am Theater gepennt wurde. Es gab kritisches Denken, Mut, Anstand, z\u00e4hes Bem\u00fchen, den Raum zu \u00f6ffnen. Warum? Um die Gesellschaft zu reformieren, zu erweitern, sie zu emanzipieren. Vielleicht kann man sagen. Unsere \u2013 jedenfalls meine \u2013 Illusion bestand darin, an diese Reformierbarkeit zu glauben, und zwar innerhalb der gesellschaftlichen Struktur. Diese Illusion wurde 1989 Hoffnung \u2013 und schnell historisch.<\/p>\n<p><em>Kommen wir vielleicht noch auf einen anderen Aspekt. Er wird von manchen so ein bisschen bel\u00e4chelt. Es geht um die erste Bitterfelder Konferenz 1959, nicht weit von hier fand sie im Kulturpalast statt. Der Mitteldeutsche Verlag war der Organisator, und Walter Ulbricht hat das instrumentalisiert oder instrumentalisieren lassen. Es gab auf dieser Konferenz die Verk\u00fcndung des sogenannten Bitterfelder Weges: Einerseits sollten die Schriftsteller die Produktion kennenlernen, sollten m\u00f6glichst mitarbeiten, um die realen Probleme f\u00fcr ihre Literatur nutzbar machen zu k\u00f6nnen. Und andererseits ging es um den gebildeten Arbeiter, er sollte mit Kultur konfrontiert werden, daran wachsen und selber gestaltend aktiv werden: \u201eGreif zur Feder, Kumpel!\u201c hie\u00df das Programm \u2013 die Losung stammte von Schriftsteller Werner Br\u00e4unig. Wie ist das heute zu betrachten?<\/em><\/p>\n<p>Lacht. Na, jedenfalls differenziert. Werner Br\u00e4unig ist ein tragisches Opfer der Kulturpolitik der DDR. Ich w\u00fcrde nicht sagen, er sei vom Stalinismus in den Tod getrieben worden \u2013 f\u00fcr solch einen ideologischen Kurzschluss sind die Dinge des Lebens zu kompliziert, es gibt keine einfachen Wahrheiten. Aber die Art und Weise, wie Br\u00e4unig mit seinem gro\u00dfen Romanprojekt \u201eRummelplatz\u201c zum Gegenstand schlimmster demagogischer \u00dcbergriffe wurde, das ist schon entsetzlich. Es gibt einen Mitschnitt des 11. Plenums des Zentralkomitees der SED Ende 1965, das sp\u00e4ter \u201eKahlschlag-Plenum\u201c genannt wurde, und dort wurde Br\u00e4unig \u2013 in dessen Abwesenheit! \u2013 zum Objekt einer aufgeladenen Hetzkampagne, lauthals angef\u00fchrt von Ulbricht und dem Politb\u00fcro. Die Vorw\u00fcrfe: Verleumdung der Arbeiterklasse, Verleumdung der Sowjetunion, Verleumdung der Partei und so weiter und so weiter. Also alles, was man auf literarischem Felde nur verbrechen konnte, hatte Werner Br\u00e4unig angeblich verbrochen. Man kann in diesem Tondokument die damals noch sehr junge Christa Wolf mit zitternder Stimme h\u00f6ren, wie sie sich einsetzt f\u00fcr den Freund Br\u00e4unig. Das ist ein Dokument h\u00f6chsten Respekts, und zwar in einem Spagat: einerseits noch immer diese Gesellschaft zu verteidigen, ihr immer noch verpflichtet zu sein, aber zugleich entschieden f\u00fcr diesen Freund und f\u00fcr diese Literatur einer sich befreienden \u00c4sthetik einzutreten. Ein grandioses Beispiel f\u00fcr qu\u00e4lend widerspr\u00fcchliche Erfahrung.<\/p>\n<p><em>Bitterfeld ist Teil eines DDR-Aburteils geworden.<\/em><\/p>\n<p>Ja, bis zur Witznummer. Keiner wollte sp\u00e4ter mehr erinnert werden an \u2013 jetzt sag ich ein gro\u00dfes Wort \u2013 die Programmatik einer Kulturrevolution. Es war eine gro\u00dfe Illusion, aber sie war doch sch\u00f6n: diese Vorstellung, dass die Leute an den Maschinen Literaturkundige werden und selber schreiben, malen, filmen. Es war eine r\u00fchrende Vorstellung, die Marx&#8217;sche Vorstellung von Kommunismus. Das ist niemals eingel\u00f6st worden und konnte nicht eingel\u00f6st werden. Und ich wei\u00df auch nicht, ob es unbedingt notwendig ist, dass alle Leute gleicherma\u00dfen malen und schreiben k\u00f6nnen. Aber diese Malzirkel und Keramikzirkel und diese Zirkel lesender und schreibender Arbeiter bis Ende der achtziger Jahre \u2013 ist das so verdammenswert. Wer das niederspottet, ist herzlos.<\/p>\n<p><em>Nach dem Mauerbau wurde in der DDR auch ein neues \u00f6konomisches System versucht. Das ist wahrscheinlich die kreativste Phase Ulbrichts gewesen. Dieses System scheiterte \u2013 wohl auch, weil nach Chruschtschows Abl\u00f6sung Breschnew nichts von diesen Dingen f\u00f6rderte. Aber in dieser Zeit beginnt die \u00c4ra von Christa Wolf, Heiner M\u00fcller, Brigitte Reimann: Pl\u00f6tzlich entsteht eine Literatur, bei der Leser mehr denn je das Gef\u00fchl haben: Das geht mich an, das ist mir nah. Der Schriftsteller als Seelsorger und Lebensratgeber. Damit waren Autoren doch wohl auch sehr \u00fcberfordert.<\/em><\/p>\n<p>Das ist eine sch\u00f6ne, komplexe Fragestellung. Ja, es entstanden B\u00fccher als Beleg einer explodierenden Subjektivit\u00e4t. Das ist mein Begriff. Es sind gro\u00dfe Texte der Selbstbehauptung, h\u00e4ufig noch in der Hoffnung, Utopie sei einl\u00f6sbar im herrschenden gesellschaftlichen Raum. Wir besa\u00dfen Texte, an denen wir uns reiben konnten und auch reiben mussten. Aber so entstand die M\u00f6glichkeit, mit literarischen Texten Debatten zu f\u00fchren, die so nirgendwo anderes stattfinden konnten.<\/p>\n<p><em>Vielleicht kommen wir noch mal auf die Arbeitsbedingungen von Schriftstellern: Stichwort Zensur.<\/em><\/p>\n<p>Man lese \u201eWerktage\u201c, die Tageb\u00fccher von Volker Braun. Was f\u00fcr eine trostlose Provinz. Was f\u00fcr eine Verschwendung von Energien. Was f\u00fcr eine Trauerarbeit. Was f\u00fcr eine L\u00e4cherlichkeit. Es gibt ein Gedicht von Braun. Das assoziiert einen Besuch bei Kurt Hager. Es ist ein sehr autobiografisches Gedicht. Also, Braun geht wegen eines Lyrikbandes wieder mal zu Hager, dem Politb\u00fcromitglied. Das Gedicht offenbart ein zun\u00e4chst sehr freundschaftliches Gespr\u00e4ch mit Schulterklopfen und \u201eWie geht&#8217;s denn, Volker?\u201c, und das lyrische Subjekt, Volker Braun, wird erkennbar immer kleiner. Er geht aus dem Zimmer und f\u00fchlt sich wie eine Laus. Das ist das letzte Wort in dem Gedicht. Und die offizielle Reaktion: Wegen des Begriffs \u201eLaus\u201c k\u00f6nne das Gedicht nicht erscheinen. Braun wendet einen trostlosen Trick an, er \u00e4ndert in \u201eMaus\u201c. Das geht durch. Welch eine Trostlosigkeit! Das muss in aller Sch\u00e4rfe und notwendigen Klarheit gesagt werden. Ich habe die Werke Arnold Zweigs herausgegeben, ich wei\u00df also: Es ist kaum nachvollziehbar, auf welche Weise dieser gro\u00dfe Schriftsteller bereit war, in seine eigenen Texte einzugreifen, etwa um nicht genehme Namen wie Trotzki herauszurei\u00dfen. Das wurde ihm abverlangt, er willigte ein. Der arme Zweig. In der n\u00e4chsten Generation war das dann schon anders. Heiner M\u00fcller kam als Weltautor zur\u00fcck aus dem Westen und ist dann in der DDR ver\u00f6ffentlicht worden, weil der Staat nunmehr f\u00fcrchtete, sich durch Verbote l\u00e4cherlich zu machen. Aber jahrelang war er verboten \u2013 welch ein Trauerspiel. Ein trostloses Kapitel einer reglementierenden, autorit\u00e4ren Politik. Deshalb: Was f\u00fcr ein Tag, da die Leute in der DDR endlich \u201eDie \u00c4sthetik des Widerstandes\u201c von Peter Weiss lesen konnten! In einer DDR-Ausgabe! Pl\u00f6tzlich ist da zu lesen, dass Kafka ein proletarischer Autor sei. Was f\u00fcr eine wunderbare Idee, dieses Buch herauszubringen. Welch ein sch\u00f6ner hoher Anspruch an ein proletarisches Lesepublikum! Gro\u00dfe Kunst muss man auch als \u00dcberforderung annehmen und zu ergr\u00fcnden suchen. Es war ein Ereignis, nunmehr zu wissen: Ich kann jetzt anders \u00fcber Kafka reden als vorher. Die Reglementierung des Denkens war ein Beitrag zum Untergang dieser Gesellschaft im Osten. Das war reaktion\u00e4r. Die Emanzipation der Menschen ist auch ein Prozess ihrer Befreiung von solchem Diktat.<\/p>\n<p><em>1976 erfolgt die Biermann-Ausb\u00fcrgerung. K\u00fcnstler schreiben eine Petition: Das Politb\u00fcro m\u00f6ge sich das noch mal \u00fcberlegen. Nach jenem verh\u00e4ngnisvollen 11. Plenum 1965 zogen sich K\u00fcnstler vorwiegend zur\u00fcck \u2013 jetzt aber reagieren sie anders, sie gehen weg!<\/em><\/p>\n<p>Wichtige Autoren hatten den Schritt in eine \u00d6ffentlichkeit gewagt war, die nicht mehr einseitig kontrollierbar war durch \u00f6stliche Medien. Das war ein Tabubruch. Das war, um in der Sprache der Politik zu reden; die Bildung einer konterrevolution\u00e4ren Plattform. Das wurde in den drei\u00dfiger Jahren in Moskau mit Erschie\u00dfen geahndet. Ob der K\u00fcnstler Wolf Biermann als Person diesen Tabubruch rechtfertigte, ist eine andere Frage. Das will ich jetzt nicht diskutieren. Aber es war doch ein Problem der W\u00fcrde und der politischen Kultur \u2013 sowas durfte doch kein deutscher Staat machen, nach den Erfahrungen der j\u00fcngsten Geschichte Deutschlands. Ja, die DDR h\u00e4tte das nicht machen d\u00fcrfen. Aber welche naive Vorstellung, zu glauben, dass das Politb\u00fcro eine einmal getroffene Entscheidung, \u00fcberdenken k\u00f6nnte. Hinter dieser Hoffnung steckt \u2013 wenn man ganz k\u00fchl draufblickt \u2013 die Mythisierung der eigenen Rolle als Schriftsteller. Man glaubte, ein politisches Subjekt zu sein. Die Politik jedoch zuckte nicht mal. Das ist ein vernichtendes Urteil \u00fcber die Politik, aber das Ganze zeigt auch die Machtlosigkeit der K\u00fcnstler. Fazit: Es gibt irgendwann keine Eingriffsm\u00f6glichkeiten innerhalb eines so rigide von oben nach unten organisierten Systems. Solche Erkenntnis tut weh.<\/p>\n<p><em>Du hast mit Freunden an Sarah Kirsch einen Brief geschrieben: \u201eBleib doch hier.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Ja, ganz naiv.<\/p>\n<p><em>Sarah Kirsch ging. Christa und Gerhard Wolf blieben.<\/em><\/p>\n<p>Christa Wolf hat mal vom Bund der Gl\u00fccklichen gesprochen \u2013 als einer imagin\u00e4ren Beziehung von Schreibenden und Lesenden. Ein geheimes B\u00fcndnis, eine Gemeinde. Dieses Moment ist verloren gegangen, nat\u00fcrlich. Und es sind Freundschaften zerbrochen, nicht zuletzt die zwischen Sarah Kirsch und Christa Wolf, schlimmerweise. Das ist damals eine Zerrei\u00dfprobe gewesen, die sehr fatale und weit \u00fcber den Fall Biermann hinausreichende Folgen hatte. Es wuchs sich zu einer geistige Krise gr\u00f6\u00dften Ausma\u00dfes aus, die mit zum Ende der DDR gef\u00fchrt hat.<\/p>\n<p><em>Du hast gesagt, dass in den achtziger Jahren eine Schriftstellergeneration auf den Plan tritt, die im Grunde utopie- und illusionslos lebte und schrieb. Diese Autorengeneration wurde dann aber nach der Wende von der bundesrepublikanischen \u2013 offiziellen! \u2013 Literaturwissenschaft als die eigentliche DDR-Literatur bezeichnet.<\/em><\/p>\n<p>Na ja, bis zur Wende, danach nicht mehr. So lange es die DDR gab, waren diese Jungen pl\u00f6tzlich die Eigentlichen. Und es ist ja tats\u00e4chlich eine bedeutende, mutige junge Generation gewesen. Man darf das \u00fcberhaupt nicht in Abrede stellen. Das, was in den Friedensbewegungen, in Vereinigungen innerhalb der Kirchen der DDR und in vielen anderen oppositionellen, inoffiziellen R\u00e4umen der \u00d6ffentlichkeit stattfand, ist wesentlich eine Jugendkultur gewesen. Und ihren literarischen Ausdruck, den gab es im Prenzlauer Berg, in Leipzig, den gab es in Halle. Dass eine westliche literarische \u00d6ffentlichkeit das wahrnahm und versuchte, die \u00e4sthetische Bedeutung dieser Jugendkultur prononciert zu stilisieren, ist nat\u00fcrlich auch ein Moment des Gesch\u00e4fts gewesen. Das ist ganz klar. Aber es war auch die Entdeckung einer anderen Stimme, ich gebe das gerne zu. Ich selber war damals schon in den sogenannten mittleren, also auch schon etwas abgekl\u00e4rten Jahren. Wichtige Autoren waren meine Studenten in jener Zeit \u2013 und ich gestehe stolz, dass sie \u00fcberhaupt noch zu mir kamen und mit mir redeten. Wie redeten und stritten haupts\u00e4chlich \u00fcber die Dimension von \u00d6ffentlichkeit oder Gegen\u00f6ffentlichkeit.<\/p>\n<p><em>Was hast du favorisiert?<\/em><\/p>\n<p>Gemeinsam mit anderen habe ich immer versucht, einen Begriff von \u00d6ffentlichkeit zu erhalten und auszuweiten, der in der DDR selbst lag. Also: Wir wollten R\u00e4ume erweitern und haben zu lange geglaubt, es k\u00f6nne funktionieren. Ich wehrte mich gegen die Faszination eines solchen Begriffs wie Gegen\u00f6ffentlichkeit. Die Akzeptanz h\u00e4tte bedeutet, den Begriff \u00d6ffentlichkeit aufzugeben und die Definition dessen der herrschenden Macht zu \u00fcberlassen.<\/p>\n<p><em>Ein sch\u00f6ner Traum, da etwas beeinflussen, etwas korrigieren zu k\u00f6nnen. Mir f\u00e4llt ein, dass du dich vorhin selber als naiv bezeichnet hast.<\/em><\/p>\n<p>Ja, ja &#8230; Du sprichst den Konfliktpunkt an. Als Christa Wolfs \u201eKassandra\u201c erschien, sagten einflussreiche Wissenschaftler der DDR: Gut, die Autorin habe zwar Positionen des Marxismus verlassen, aber im Friedenskampf sei sie unsere B\u00fcndnispartnerin, und deshalb k\u00f6nne der Text erscheinen, sozusagen im Zuge einer gro\u00dfen Friedensbewegung im europ\u00e4ischen Haus &#8230; na ja, wie die Phrasen so lauteten. Das fanden Leute, die ich sch\u00e4tzte, v\u00f6llig inakzeptabel: diese taktisch begr\u00fcndete Schein-Generosit\u00e4t, diese Anma\u00dfung, dass irgendjemand definiert, was Marxismus zu sein habe und das dann anzuwenden auf Christa Wolf, der im Zuge dieser Deutungshoheit abgesprochen wurde, eine marxistische Position zu haben. Dies nahmen die J\u00fcngeren wahr, und die mehrheitliche Position an der Universit\u00e4t lautete: Abkehr von solcher Ideologie! Eine Gegen\u00f6ffentlichkeit bilden!<\/p>\n<p><em>Auch ein Beispiel f\u00fcrs existenzielle Grundgesetz: Jede neue Generation relativiert die vorangegangene.<\/em><\/p>\n<p>Ja, und das ist jetzt eine gute Gelegenheit, auf die Generationenfolge zu blicken, auf die unterschiedlichen Perspektiven von Menschen, die jeweils unterschiedliche Herk\u00fcnfte hatten, die aus unterschiedlichen Milieus kamen, jeweils andere Erfahrungen einbrachten, andere Tr\u00e4ume, andere \u00c4ngste, andere Hoffnungen. Also: Niemand soll sich hinstellen und glauben, er d\u00fcrfe aus eigener Perspektive absolute Urteile formulieren. Es geht darum, einander zuzuh\u00f6ren und voneinander zu lernen.<\/p>\n<p><em>Zum Schluss vielleicht noch der Blick von au\u00dfen auf die DDR-Literatur. Wie wurde sie in der Bundesrepublik wahrgenommen? Oder in den USA?<\/em><\/p>\n<p>Im besten Falle als eine Literatur, die aus den Kommunikationsr\u00e4umen der DDR heraus wuchs. Christa Wolf hat die Ehrendoktorw\u00fcrde der Complutense-Universit\u00e4t in Madrid erhalten. Das ist die gr\u00f6\u00dfte spanische Universit\u00e4t. Auf dem Festakt beim Botschafter Spaniens in Berlin betonte eine wichtige spanische Literaturwissenschaftlerin in ihrer Laudatio, wie wichtig die DDR-Literatur f\u00fcr das Spanien nach Franco gewesen sei. Ein Roman wie \u201eKindheitsmuster\u201c sei in Spanien noch nicht geschrieben worden. Das sagt doch einiges aus \u00fcber eine Literatur, die weiterdachte als von Kap Arkona bis zum Fichtelberg. In dieser Literatur war und blieb nicht alles gleich wichtig, und es ist letztlich vielleicht auch nur wenig wichtig \u2013 aber das Wenige reicht schon. Es reicht schon, um einen Beitrag geleistet zu haben zur Emanzipation kultureller \u00d6ffentlichkeit in dieser brodelnden Welt, in der wir leben.<\/p>\n<p>* Das Gespr\u00e4ch zwischen Frank H\u00f6rnigk und Paul Werner Wagner fand am 8. November 2010 statt. Der Text ist dem Band Paul Werner Wagner \/ Hans-Dieter Sch\u00fctt: Lebens Traum und Lebens Lauf. Zeitgenossen aus Ost und West im Gespr\u00e4ch (hrsg. f\u00fcr die Friedrich-Ebert-Stiftung von Ringo Wagner, Quintus-Verlag 2020) entnommen. Wir danken f\u00fcr die freundliche Genehmigung zum Wiederabdruck.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1475,1476],"publikationen":[874],"class_list":["post-8477","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-frank-hoernigk","autoren-paul-werner-wagner","publikationen-874"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>\u00dcber Literatur aus dem Osten, die Kartoffelkantante und Kafka* - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/230\/publikation\/ueber-literatur-aus-dem-osten-die-kartoffelkantante-und-kafka\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"\u00dcber Literatur aus dem Osten, die Kartoffelkantante und Kafka* - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"in: vorg\u00e4nge Nr. 230 (2\/2020), S. 75-87 Fels mit Feinsinn Es gibt intelligenteste Formen der Rache. 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