{"id":8495,"date":"2020-07-14T15:40:00","date_gmt":"2020-07-14T13:40:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/sterben-und-sterbehilfe-nach-dem-urteil-von-karlsruhe\/"},"modified":"2021-08-30T15:43:17","modified_gmt":"2021-08-30T13:43:17","slug":"sterben-und-sterbehilfe-nach-dem-urteil-von-karlsruhe","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/229\/publikation\/sterben-und-sterbehilfe-nach-dem-urteil-von-karlsruhe\/","title":{"rendered":"Sterben und Sterbehilfe nach dem Urteil von Karlsruhe"},"content":{"rendered":"<p>12 Forderungen an Politik, Medizin und Gesellschaft. In: vorg&auml;nge Nr. 229 (1\/2020), S. 101-106<\/p>\n<p><i>Die Karlsruher Entscheidung zu &sect;&nbsp;217 StGB tr&auml;gt dazu bei, die rechtliche Zul&auml;ssigkeit und die Rahmenbedingungen f&uuml;r &auml;rztliche\/organisierte Suizidbeihilfe zu kl&auml;ren. Ob es nach dieser Entscheidung f&uuml;r Suizidwillige einfacher wird, bei &Auml;rztinnen und &Auml;rzten entsprechende Unterst&uuml;tzung zu finden, steht jedoch auf einem anderen Blatt. Neben den Risiken, die sich aus den weiterhin bestehenden berufsrechtlichen Verboten ergeben, fehlt es vielerorts schlicht an &Auml;rztinnen und &Auml;rzten, die bereit sind, Suizidwillige zu beraten und auch praktisch zu unterst&uuml;tzen.<\/i><\/p>\n<p><i>Gegen diesen Missstand haben Berliner &Auml;rzte 2015 die &#8222;Arbeitsgemeinschaft &auml;rztliche Sterbehilfe&#8220; gegr&uuml;ndet. Sie will Kolleginnen und Kollegen zusammenzubringen, die bereit sind, in begr&uuml;ndeten F&auml;llen Sterbehilfe zu leisten. Der Arbeitsgemeinschaft geh&ouml;rte auch der mittlerweile verstorbene Uwe-Christian Arnold an. Nachdem &sect;&nbsp;217 StGB vom Tisch ist, will Hanjo Lehmann die Aktivit&auml;ten der Arbeitsgemeinschaft wieder aufnehmen. Die AG richtet sich ausschlie&szlig;lich an gleichgesinnte Mediziner, die sich &uuml;ber ihre Erfahrungen zum Thema Sterbehilfe austauschen wollen. Sie vermittelt keine zur Sterbehilfe bereiten &Auml;rzte! <\/i><\/p>\n<p><i>Wir drucken im folgenden einen Aufruf Lehmanns ab, in dem dieser sich mit den nach wie vor bestehenden mentalen und praktischen Hindernisse f&uuml;r eine echte Legalisierung der Suizidbeihilfe auseinander setzt. <\/i><\/p>\n<h5><span id=\"1-den-sieg-der-vernunft-feiern-den-politikern-misstrauen\">1. Den Sieg der Vernunft feiern, den Politikern misstrauen<\/span><\/h5>\n<p>Karlsruhe hat gesprochen: Das 2015 erlassene Verbot fachkundiger Sterbehilfe ist vom Tisch. Der Zynismus des &sect;217 StGB war atemberaubend: Sterbehilfe sollte erlaubt sein, doch nur von Leuten, die sich nicht auskennen. Dass Suizidversuche missgl&uuml;cken, wurde nicht nur in Kauf genommen, sondern war geradezu erw&uuml;nscht. Also blieb es dabei, dass jedes Jahr Tausende gewaltsam aus dem Leben gingen.<\/p>\n<p>Doch in Karlsruhe hat nicht nur die Vernunft gesiegt. Sondern wir wissen auch, dass wir unseren Politikern in zentralen Fragen nicht vertrauen k&ouml;nnen. 2015 hat eine Mehrheit der Abgeordneten ihre eigene Ideologie &uuml;ber die Grundrechte aller B&uuml;rger gestellt. Das d&uuml;rfen wir nie vergessen.<\/p>\n<h5><span id=\"2-die-realitaet-sterbender-in-deutschland-zur-kenntnis-nehmen\">2. Die Realit&auml;t Sterbender in Deutschland zur Kenntnis nehmen<\/span><\/h5>\n<p>Was wissen wir &uuml;ber die Realit&auml;t Sterbender in Deutschland? Besch&auml;mende Antwort: Fast nichts.<\/p>\n<p>Wie viele der 900.000 Todesf&auml;lle im Jahr verlaufen friedlich und &#8222;in W&uuml;rde&#8220;? Wie viele empfinden ihr Sterben als qu&auml;lend? Wie viele bereuen am Ende, sich nicht f&uuml;r einen Suizid entschieden zu haben? Niemand wei&szlig; das, und niemand will es wissen.<\/p>\n<p>Wie viele sterben allein, wie viele in Begleitung? Wie viele sind verwirrt oder sediert, wie viele bei klarem Bewusstsein? Wie viele wurden zuletzt k&uuml;nstlich ern&auml;hrt? Keiner h&auml;lt das fest; keine Statistik verzeichnet es.<\/p>\n<p>Wie viele sterben tags&uuml;ber, wie viele nachts? Auch dazu gibt es nur Vermutungen. Selbst dar&uuml;ber, wie viele Menschen zu Hause oder anderswo sterben, gibt es nur Sch&auml;tzungen (zudem dadurch verf&auml;lscht, dass Personen in Alteneinrichtungen ihre Wohnung aufgeben m&uuml;ssen und auf dem Totenschein ein Sterben &#8222;zu Hause&#8220; vermerkt wird). Alle diese Daten k&ouml;nnten leicht erhoben und zentral dokumentiert werden &#8211; aber niemand will sie wissen. Trotz dieser besch&auml;menden Unkenntnis erkl&auml;ren Politiker und &Auml;rztefunktion&auml;re den sogenannten &#8222;nat&uuml;rlichen&#8220; Tod g&auml;nzlich unfundiert f&uuml;r &#8222;w&uuml;rdevoller&#8220; als den Suizid. Auch das geh&ouml;rt zu der Tabuisierung, mit der unsere Gesellschaft Tod und Sterben umgibt.<\/p>\n<p>Etwa das Sterben im Pflegeheim: ca. 300.000 Todesf&auml;lle j&auml;hrlich, davon gesch&auml;tzte 180.000 nachts. Vielfach gibt es dort nachts nur 1&nbsp;Pflegekraft pro 50&nbsp;Betten, zur H&auml;lfte belegt mit schwer Pflegebed&uuml;rftigen. Glaubt jemand, diese eine Pflegekraft k&ouml;nnte Stunden am Bett eines Sterbenden sitzen?<\/p>\n<p>Oder die ca. 400.000 Todesf&auml;lle im Krankenhaus, davon gesch&auml;tzte 240.000 nachts: Sterben die, w&auml;hrend eine Nachtschwester ihre Hand h&auml;lt? Eher nicht. Die meisten dieser Menschen &#8211; vermutlich mehr als die H&auml;lfte aller Sterbenden &#8211; sind in ihrer Todesstunde allein. Sie vergehen einsam, dieweil Politiker vom &#8222;Sterben in W&uuml;rde&#8220; reden: <b>ein sch&auml;ndlicher Zustand, den wir nicht l&auml;nger hinnehmen d&uuml;rfen.<\/b><\/p>\n<h5><span id=\"3-die-grenzen-der-palliativmedizin-akzeptieren\">3. Die Grenzen der Pallia&shy;tiv&shy;me&shy;dizin akzeptieren<\/span><\/h5>\n<p>Ist die Angst vieler Menschen vor dem Sterben berechtigt? Antwort: Ja, das ist sie.<\/p>\n<p>Sterben ist in der Regel eine Abfolge von Phasen, in denen die Selbstbestimmung unwiderruflich schwindet: Verlust der F&auml;higkeit zu Selbstversorgung, Fortbewegung, Nahrungsaufnahme. Nachlassende Herz- und Lungenfunktion, oft mit Atemnot. Verlust der Kontrolle &uuml;ber die Ausscheidungen. Nachlassen von Sprachverm&ouml;gen und Wahrnehmung. Nieren- und\/oder Leberversagen bewirken eine innere Vergiftung, die schlie&szlig;lich zum Herzstillstand f&uuml;hrt.<\/p>\n<p>Diese Phasen sind unterschiedlich lang und qu&auml;lend. Nur wenigen ist ein schneller Herztod verg&ouml;nnt; die meisten sterben &uuml;ber Tage oder Wochen. Viele verd&auml;mmern k&uuml;nstlich ern&auml;hrt &uuml;ber Monate im Pflegeheim. Wer &#8222;W&uuml;rde&#8220; als &#8222;Selbstbestimmung&#8220; versteht, hat Grund, sich vor dem Sterben zu &auml;ngstigen. Diese Angst, nicht die Furcht vor Schmerzen, l&auml;sst viele Menschen einen Suizid erw&auml;gen.<br \/>Es stimmt: Die meisten Schmerzen k&ouml;nnen heute wirksam bek&auml;mpft werden, wenn auch vielfach um den Preis kompletter Verstopfung. Weitaus mehr Probleme bereitet Atemnot, insbesondere bei Wasser in der Lunge aufgrund von Herzinsuffizienz. Doch wie steht es mit der Angst der Sterbenden, und mit dem Wunsch, alles m&ouml;ge schnell vorbei sein?<\/p>\n<p>Die Realit&auml;t kann niemand aus der Welt schaffen: Tod ist Frieden, aber Sterben ist oftmals qu&auml;lend. Die Angst davor kann die Palliativmedizin nur nehmen, indem sie Sterbende dauerhaft sediert, falls n&ouml;tig bis zur Bewusstlosigkeit. F&uuml;r viele ist das zu Recht eine Horrorvision.<\/p>\n<p>Palliativmedizin und Hospize sind segensreich &#8211; aber nur f&uuml;r den, der sie will. Sie als Allheilmittel zu propagieren, ist Selbstbetrug. <b>Wer selbstbestimmt sterben will, muss das Recht dazu haben, auch auf dem Sterbebett.<\/b><\/p>\n<h5><span id=\"4-die-lebensunlust-vieler-aelterer-respektieren\">4. Die Leben&shy;s&shy;un&shy;lust vieler &Auml;lterer respek&shy;tieren<\/span><\/h5>\n<p>Oft wird so getan, als sei die Lebensunlust vieler &Auml;lterer eine medizinisch behandelbare Depression. Doch das ist sie nicht. Sie ist im Gegenteil medizinisch, psychologisch, sozial und philosophisch begr&uuml;ndet.<\/p>\n<p><b>Medizinisch und psychologisch:<\/b> Zu den 5 Sterbephasen nach K&uuml;bler-Ross geh&ouml;rt die Phase &#8222;Depression&#8220;, gefolgt von &#8222;Akzeptanz&#8220;. Diese Phasen betreffen sowohl den biologischen Sterbeprozess als auch die innere Einstellung dazu. Vielfach geht das Akzeptieren des Todes &uuml;ber in den Wunsch, schnell zu sterben. Dies als behandelbare &#8222;Depression&#8220; zu interpretieren, ist unberechtigt.<\/p>\n<p><b>Sozial:<\/b> Zur Realit&auml;t der Alten geh&ouml;rt: 50% der &uuml;ber 80-J&auml;hrigen (&uuml;ber 2 Millionen) leben allein. Von den 14 Millionen &uuml;ber 70-J&auml;hrigen haben 20% keine oder nur eine Bezugsperson mit regelm&auml;&szlig;igem Kontakt. 4&nbsp;Millionen haben weniger als 1x im Monat Besuch von Freunden oder Bekannten. 1,5 Millionen alte Menschen haben keine sozialen Kontakte mehr. Diese Zust&auml;nde sind beklagenswert. Sie sind aber &#8211; weil logisches Ergebnis einer auf Freiheit und Autonomie beruhenden Gesellschaft &#8211; auch bei gutem Willen nur begrenzt zu beeinflussen.<\/p>\n<p><b>Philosophisch:<\/b> Den Tod nicht zu f&uuml;rchten und sich innerlich vom Leben zu verabschieden (&#8222;ars moriendi&#8220;), geh&ouml;rt seit jeher zum Kern von Philosophie. Zu erkennen, dass fr&uuml;here Ziele, Erfolge und Gen&uuml;sse &#8222;eitel und Haschen nach Wind&#8220; waren, ist nicht krankhaft, sondern im Gegenteil erstrebenswert. Die Gesellschaft muss lernen, das zu verstehen und zu respektieren.<\/p>\n<h5><span id=\"5-die-politik-muss-alten-menschen-die-angst-nehmen-andern-zur-last-zu-fallen\">5. Die Politik muss alten Menschen die Angst nehmen, andern zur Last zu fallen<\/span><\/h5>\n<p>Es gibt hierzulande eine skandal&ouml;se Ungerechtigkeit: Menschen mit Kindern tragen nicht nur Entbehrungen und ein erh&ouml;htes Armutsrisiko. Im Alter werde sie zus&auml;tzlich dadurch bestraft, dass sich der Staat die Pflegeheim-Kosten von ihren Kindern holt, wenn die Alten es nicht haben. Wer dagegen auf Kinder verzichtet, sein Geld verjubelt und sich ein sch&ouml;nes Leben macht, f&uuml;r den &uuml;bernimmt der Staat alle Kosten. Wen es schmerzt, die Zukunft seiner eigenen Kinder zu beeintr&auml;chtigen, den mag auch das an Suizid denken lassen. Diesen unw&uuml;rdigen Zustand zu beenden, ist Sache der Politik.<\/p>\n<h5><span id=\"6-ueber-suizid-zu-reden-muss-zur-normalitaet-werden\">6. &Uuml;ber Suizid zu reden, muss zur Normalit&auml;t werden<\/span><\/h5>\n<p>Kaum war das Urteil von Karlsruhe verk&uuml;ndet, da erkl&auml;rten schon einige Politiker, Selbstt&ouml;tung d&uuml;rfe nicht zur Normalit&auml;t werden. Das zeigt, dass sie aus dem Urteil nichts gelernt haben. Denn die Entscheidung, wie jemand sterben will &#8211; und ob also Suizid zur Normalit&auml;t wird &#8211; ist allein Sache jedes einzelnen.<\/p>\n<p>Man darf w&uuml;nschen, dass Suizid eine Ausnahme bleibt. Doch das Nachdenken dar&uuml;ber war und ist normal, seit Menschen wissen, dass sie sterben werden. Ebenso normal sollte auch das Reden dar&uuml;ber sein. Das gilt nicht nur f&uuml;r das Gespr&auml;ch unter Freunden und Verwandten. Ebenso normal muss es werden, mit dem Arzt dar&uuml;ber zu reden, wie wir sterben wollen.<\/p>\n<h5><span id=\"7-aerzte-brauchen-nicht-nur-medizin-sondern-auch-philosophie\">7. &Auml;rzte brauchen nicht nur Medizin, sondern auch Philosophie<\/span><\/h5>\n<p>Der wichtigste Kurs zu Beginn des Medizinstudiums ist der Pr&auml;parierkurs: je zehn Studenten sezieren die Studierenden eine Leiche und lernen Anatomie. Alle sind mehr oder weniger aufgeregt, nur der tote Mensch auf dem Tisch strahlt Gelassenheit aus.<br \/>Doch bald vergessen die Studenten dieses friedliche Bild. In den Jahren danach erleben sie den Tod als Feind. Sie erlernen die Medizin als Kampf, den sie gewinnen m&uuml;ssen. Wenn ein Patient auf der Intensivstation stirbt, hei&szlig;t es: <i>&#8222;Wir haben ihn verloren&#8220;<\/i>.<i> <\/i>Dabei liegt es auf der Hand, dass die Medizin im Kampf gegen den Tod immer nur zeitweilig siegen kann, und dass der Arzt am Ende die Waffen strecken muss.<\/p>\n<p>Wie geht man gelassen mit dem Sterben um? Das lehrt nicht die Medizin, sondern die Philosophie. Die aber fehlt den meisten &Auml;rzten &#8211; am allermeisten ihren Standesvertretern und den &Auml;rztekammern. Kein Mediziner lernt im Studium, wann er den Kampf aufgeben muss. Genauer gesagt: wann er die Entscheidung &uuml;ber das, was geschieht, zur&uuml;ck in die H&auml;nde des Patienten legen muss.<\/p>\n<p>Damit &Auml;rzte damit umgehen k&ouml;nnen, muss die Philosophie endlich wieder Eingang ins medizinische Curriculum finden.<\/p>\n<h5><span id=\"8-aerzteschaft-und-politiker-muessen-lernen-den-willen-der-buerger-zu-akzeptieren\">8. &Auml;rzteschaft und Politiker m&uuml;ssen lernen, den Willen der B&uuml;rger zu akzeptieren<\/span><\/h5>\n<p>Viele &Auml;rzte geben an, dass sie von ihren Patienten selten oder nie wegen &auml;rztlicher Sterbehilfe angesprochen werden. Sie merken nicht, dass dies im Grunde ein Armutszeugnis f&uuml;r die &Auml;rzteschaft ist:<\/p>\n<p>a) Viele &auml;ltere Patienten sind zwar bei mehreren Spezialisten in Behandlung, haben aber keinen echten &#8222;Vertrauensarzt&#8220; mehr &#8211; schon gar keinen, mit dem sie &uuml;ber existenzielle Probleme sprechen k&ouml;nnten.<\/p>\n<p>b) Patienten haben die Signale verstanden, die in der Vergangenheit nicht nur von &Auml;rztefunktion&auml;ren ausgesandt wurden, sondern ebenso von vielen Palliativmedizinern. Die n&auml;mlich besagten:<i> &#8222;Egal wie dringend ihr uns um Mittel f&uuml;r einen sanften Tod bittet &#8211; wir wollen, k&ouml;nnen und werden euch auf keinen Fall helfen!&#8220;<\/i> Warum sollte der Patient (zumal auf dem Sterbebett) sich einem Arzt anvertrauen, dessen Ablehnung von Anfang an feststeht?<\/p>\n<p>c) In F&auml;llen, wo jemand dennoch den Wunsch &auml;u&szlig;erte, Suizid zu begehen, kam es immer wieder zu Einweisungen in die Psychiatrie. Das geschah sogar bei 90-J&auml;hrigen, die das Pflegeheim verlie&szlig;en und offen erkl&auml;rten, sterben zu wollen. Die Angst, vom Arzt in die &#8222;Klapsm&uuml;hle&#8220; geschickt zu werden, lie&szlig; viele Patienten ihren Sterbewunsch verschweigen. Gesetzgeber und &Auml;rzteschaft m&uuml;ssen daf&uuml;r sorgen, dass sich solche Vorf&auml;lle nicht wiederholen.<\/p>\n<h5><span id=\"9-sterbehilfe-als-aerztliche-aufgabe\">9. Sterbehilfe als &auml;rztliche Aufgabe<\/span><\/h5>\n<p>Dem Verbot fachkundiger Sterbehilfe lag ein auff&auml;lliges Missverh&auml;ltnis zugrunde. Es gab in Deutschland j&auml;hrlich einige Dutzend Sterbewilliger, die mit Hilfe von &Auml;rzten oder Vereinen aus dem Leben gingen. Dem stehen pro Jahr ca. 100.000 einsame Suizidversuche gegen&uuml;ber, von denen etwa 10.000 gelingen.<br \/>Die Mehrzahl davon erfolgt gewaltsam: 5.000 im Jahr erh&auml;ngen oder ersticken sich. 1.000 st&uuml;rzen sich aus gro&szlig;er H&ouml;he. 500 erschie&szlig;en sich wie Gunter Sachs. 1000 st&uuml;rzen sich vor Autos oder Eisenbahnen wie der Torwart Robert Enke.<\/p>\n<p>Jeder dieser Suizide traumatisiert andere: den Lokf&uuml;hrer, der einen Menschen &uuml;berf&auml;hrt; die Mitarbeiter, die danach die Fleischfetzen bergen m&uuml;ssen; die Frau, die ihren erschossenen Ehemann mit zerplatztem Kopf vorfindet; das Kind, das den Vater am Strick h&auml;ngen sieht. Fast alle leiden lebenslang daran. Nicht jeder dieser Sterbewilligen h&auml;tte gegebenenfalls einen sanften Weg gew&auml;hlt, aber die gro&szlig;e Mehrheit mit Sicherheit. Dies zu erm&ouml;glichen, ist ein Gebot der Humanit&auml;t.<\/p>\n<p>Im Prinzip m&uuml;ssten das nicht die &Auml;rzte sein. Doch solange nur sie verschreibungspflichtige Mittel verordnen d&uuml;rfen, kommt keine andere Berufsgruppe in Frage.<\/p>\n<h5><span id=\"10-rahmenbedingungen-fuer-aerztliche-sterbehilfe-schaffen\">10. Rahmen&shy;be&shy;din&shy;gungen f&uuml;r &auml;rztliche Sterbehilfe schaffen<\/span><\/h5>\n<p>Kein Arzt kann verpflichtet werden, Sterbewilligen zu helfen. Doch &auml;hnlich wie bei Abtreibungen muss das denen erlaubt sein, die dazu bereit sind. Daf&uuml;r muss der Gesetzgeber rechtliche Rahmenbedingungen schaffen. Vorbilder daf&uuml;r &#8211; z.B. Oregon &#8211; f&uuml;hrt das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes auf. Falls ein Patient dem Arzt nicht langfristig bekannt ist, kann dazu geh&ouml;ren, dass ein weiterer Mediziner oder Psychologe Gr&uuml;nde und Ernsthaftigkeit des Sterbewunsches beurteilen soll, und dass zwischen dem Gutachten und der Verwirklichung des Sterbewunsches ein angemessener Zeitraum liegen muss.<\/p>\n<p>Wenn die Politik das Feld nicht Unternehmen oder Vereinen &uuml;berlassen will, ist die schnelle Verabschiedung solcher Regelungen unumg&auml;nglich. Dazu geh&ouml;rt auch die Freigabe der Barbiturate als den am besten geeigneten Mitteln.<\/p>\n<h5><span id=\"11-berufsordnungen-die-aerztliche-sterbehilfe-verbieten-sind-verfassungswidrig\">11. Berufs&shy;ord&shy;nungen, die &auml;rztliche Sterbehilfe verbieten, sind verfas&shy;sungs&shy;widrig<\/span><\/h5>\n<p>Das Karlsruher Urteil hat klargestellt: Selbstbestimmung am Lebensende ist keine Gnade, sondern ein Grundrecht. Doch auch im Blick auf Mediziner hat das Bundesverfassungsgericht Klarheit geschaffen: Es verst&ouml;&szlig;t gegen das Recht auf freie Berufsaus&uuml;bung, &Auml;rzten zu verbieten, Menschen mit begr&uuml;ndetem Sterbewunsch zur Seite zu stehen.<\/p>\n<p>Derzeit steht die Bestimmung <i>&#8222;&Auml;rzte d&uuml;rfen keine Hilfe zur Selbstt&ouml;tung leisten&#8220;<\/i> noch in den Berufsordnungen von 10 der 17 Landes&auml;rztekammern. Bundes&auml;rztekammer und Landes&auml;rztekammern sind aufgerufen, einen Zustand abzustellen, der nicht nur &Auml;rzte der betroffenen Bundesl&auml;nder benachteiligt, sondern auch als verfassungswidrig festgestellt wurde.<\/p>\n<h5><span id=\"12-die-kirchen-sollten-ueber-rituale-fuer-sterbewillige-nachdenken\">12. Die Kirchen sollten &uuml;ber Rituale f&uuml;r Sterbe&shy;wil&shy;lige nachdenken<\/span><\/h5>\n<p>Die Kirchen in Deutschland lehnen Selbstt&ouml;tungen generell ab. Das ist allerdings auch bei der Todesstrafe der Fall. Dennoch ist es z.B. in den USA selbstverst&auml;ndlich, Todeskandidaten vor der Hinrichtung auf Wunsch geistlichen Beistand zu leisten.<\/p>\n<p>&Auml;hnliches sollte die Kirchen auch f&uuml;r Menschen erw&auml;gen, die mit nachvollziehbaren Gr&uuml;nden aus dem Leben gehen wollen. Auch in solchen F&auml;llen sollte es Rituale geben, bei denen Sterbewillige ihren Entschluss &ouml;ffentlich bekunden und sich in W&uuml;rde vom Leben und von Nahestehenden verabschieden k&ouml;nnen.<\/p>\n<p><i>Kontakt &uuml;ber: <br \/>Arbeitsgemeinschaft &Auml;rztliche Sterbehilfe, c\/o B&uuml;ro Dr. med. Hanjo Lehmann, Cranachstr. 1, 12157 Berlin. E-Mail: <\/i><a href=\"mailto:Lehmann%40tcm.de\"><i>Lehmann@tcm.de<\/i><\/a><i>&nbsp; |&nbsp; Mobilnr. 0175-644 9006.<br \/><\/i><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[32],"tags":[743,667],"autoren":[1487],"publikationen":[875],"class_list":["post-8495","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","category-sterbehilfe","tag-sterbehilfe","tag-vorgaenge-artikel","autoren-hanjo-lehmann","publikationen-875"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Sterben und Sterbehilfe nach dem Urteil von Karlsruhe - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/229\/publikation\/sterben-und-sterbehilfe-nach-dem-urteil-von-karlsruhe\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Sterben und Sterbehilfe nach dem Urteil von Karlsruhe - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"12 Forderungen an Politik, Medizin und Gesellschaft. 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