{"id":8502,"date":"2020-07-13T14:00:00","date_gmt":"2020-07-13T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/stay-save-oder-stay-free\/"},"modified":"2020-07-13T12:00:00","modified_gmt":"2020-07-13T10:00:00","slug":"stay-save-oder-stay-free","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/229\/publikation\/stay-save-oder-stay-free\/","title":{"rendered":"Stay save oder stay free?"},"content":{"rendered":"<p>in: vorg\u00e4nge Nr. 229 (1\/2020), S. 153-155<\/p>\n<p><i>Edward Snowden: Permanent Record. Meine Geschichte. S. Fischer Verlag, 5. Aufl. 2019, 432 S. Geb., 22 &#128;<\/i><\/p>\n<p><i>&#132;Mein Name ist Edward Joseph Snowden. Fr\u00fcher stand ich im Dienst der Regierung, heute stehe ich im Dienst der \u00d6ffentlichkeit. Ich habe fast drei\u00dfig Jahre gebraucht, um zu erkennen, dass das nicht dasselbe ist &#133;&#147;<\/i> &#150; so beginnt die Autobiographie des wohl bekanntesten Whistleblowers des 21. Jahrhunderts. Es ist die Geschichte eines Nerds, der als Jugendlicher von der Internet-Welt fasziniert war, f\u00fcr die CIA und die NSA gearbeitet hat &#150; und am Ende alle US-Geheimdienste und andere auf seinen Fersen hatte. Denn er hat das historisch einzigartige weltweite \u00dcberwachungssystem aller in &#8211; und ausl\u00e4ndischer B\u00fcrger \u00f6ffentlich gemacht. Um einer Verurteilung wegen Spionage zu entgehen, floh er \u00fcber Hongkong nach Moskau, wo er seitdem im Asyl lebt, obgleich er ein anderes Asylland bevorzugt h\u00e4tte. Kaum ein Staat wollte ihn haben, zu sehr wurden von Regierungschefs Repressalien der US-Regierung als Konsequenz gef\u00fcrchtet.<\/p>\n<p>Das Buch ist der Versuch zu zeigen, dass Snowden ein von seinem Gewissen Getriebener war, der in seinem Weg an die \u00d6ffentlichkeit so umsichtig wie m\u00f6glich vorgegangen ist, sich auf Kontakte zu Qualit\u00e4tsmedien beschr\u00e4nkte, um Schaden f\u00fcr Dritte &#150; au\u00dfer f\u00fcr die betroffenen Geheimdienste &#150; zu vermeiden. Er war Top-Insider beim \u00dcbergang von der gezielten \u00dcberwachung einzelner Personen zur Massen\u00fcberwachung ganzer Bev\u00f6lkerungen durch die US-Geheimdienste. Unter seiner Beteiligung wurden die technischen Voraussetzungen geschaffen, <i>&#132;weltweit die gesamte digitale Kommunikation zu sammeln, sie f\u00fcr die Ewigkeit zu speichern und beliebig zu durchsuchen.&#147;<\/i> (S.\u00a09)<\/p>\n<p>Snowden war immer bem\u00fcht, bei allem Wirbel um seine Person den Fokus auf das eigentliche Ziel seiner Ver\u00f6ffentlichungen zu richten. Die Welt\u00f6ffentlichkeit sollte sensibilisiert werden f\u00fcr die Gef\u00e4hrdungen der Privatsph\u00e4re durch Massen\u00fcberwachung. Dass sich Snowden dann doch entschlossen hat, ein Buch zu schreiben, ist seiner Einsicht zu verdanken, dass sein Anliegen ein Massenpublikum erreicht, wenn es mit seiner pers\u00f6nlichen Geschichte verbunden ist. Er tat gut daran, sich neun Monate lang einem professionellen Schreiber anzuvertrauen, der in der Danksagung zum Buch auch genannt wird.<\/p>\n<p>Herausgekommen ist ein lesenswertes 428-Seiten-Opus, das uns mit <i>Cliffhangern<\/i>, die wir aus Filmserien kennen, Appetit aufs st\u00e4ndige Weiterlesen macht. Dieser Programmierer ohne Studienabschluss schafft es, mit hoch entwickelter Verstellungskunst und \u00fcberschie\u00dfendem Selbstwertgef\u00fchl ins Zentrum der \u00dcberwachungs-Programmentwicklung von CIA und NSA zu gelangen. Dass dabei kein lineares Heldenepos geschildert wird, liegt an Snowdens Souver\u00e4nit\u00e4t, bei hohem Unterhaltungswert auch noch recht peinliche Episoden seiner Vita mitzuteilen.<\/p>\n<p>Nach den Anschl\u00e4gen vom 11. September 2001 auf das <i>World Trade Center<\/i> in New York kommt ganz der Patriot in ihm zur Geltung: Er will als Elitesoldat Terroristen jagen; daraus wird nichts wegen einer schweren Verletzung, die er sich im Milit\u00e4rdienst zuzieht. Stattdessen beginnt seiner Karriere als Cyberspion mit h\u00f6chster Geheimhaltungsstufe.<\/p>\n<p>Seitdem werden Einfallsreichtum und unerm\u00fcdliche Ausdauer auch nachts in menschenleeren Geb\u00e4uden, gepaart mit \u00e4u\u00dferster Vorsicht, die entscheidenden Voraussetzungen f\u00fcr das akribische Sammeln all der Dokumente, die im Fr\u00fchjahr 2013 Schlagzeilen in aller Welt machten. <i>&#132;Auf der Hierarchieleiter stand ich nahezu auf der untersten Stufe, aber was den Zugang anging, war ich ganz oben im Himmel.&#147;<\/i> (S.\u00a0347) Seine automatisierte Readboard-Plattform f\u00fcr Dokumente, die ihm sammelnswert erschienen, <i>&#132;sp\u00e4hte nicht nur in das NSA Netzwerk NSAnet, sondern dar\u00fcber hinaus auch in die Netzwerke von CIA und FBI sowie in das Joint Worldwide Intelligence Communicationssystem (JWICS), das streng geheime Intranet des Verteidigungsministeriums.&#147;<\/i> (S. 280).<\/p>\n<p>Snowden hat teuer bezahlt: mit epileptischen Anf\u00e4llen wohl als Folge von Dauerstress, dem zeitweisen Ruin seiner Liebesbeziehung und der Aussicht, sein Heimatland nicht wieder betreten zu d\u00fcrfen, jedenfalls solange er nicht aufgrund des <i>Spionage Acts<\/i> von 1917 (!) zu langj\u00e4hriger Haftstrafe oder gar der Todesstrafe verurteilt werden wollte.<\/p>\n<p>Die Arbeit an sp\u00e4ter bekannt gewordenen \u00dcberwachungsprogrammen wie <i>XKeyscore<\/i> oder <i>Prism<\/i> haben Snowden nach und nach begreifen lassen, welche eigentlichen Ziele die US-Geheimdienste verfolgten: die weltweite \u00dcberwachung des gesamten digitalen Kommunikationsverkehrs.<\/p>\n<p>Snowdens Autobiographie wird ein Sachbuch, wenn er in Details geht. Das macht die Lesbarkeit schwerer, gibt aber unvergleichliche Einblicke in die Entwicklung und Funktionsweise der staatlichen \u00dcberwachungsprogramme sowie die Strukturen der amerikanischen Geheimdienste.<\/p>\n<p>Snowden meinte nach seinen Enth\u00fcllungen, es w\u00e4re am Schlimmsten f\u00fcr ihn, wenn diese folgenlos blieben. Der Titel seines Buches &#132;<i>Permanent Record<\/i>&#147; bedeutet, dass wir in unserer digitalen Kommunikation dauer\u00fcberwacht und gespeichert werden. Dass Whatsapp beispielsweise auf der individuellen Ebene durch End-zu-End-Verschl\u00fcsselung sicherer geworden ist, d\u00fcrfte eine Konsequenz der Snowden-Enth\u00fcllungen sein. Und dass gr\u00f6\u00dfere Daten-Souver\u00e4nit\u00e4t durch eine europ\u00e4ische Datencloud-L\u00f6sung in der politischen Diskussion\u00a0 gefordert wird, ist ebenso Ergebnis der Enth\u00fcllungen Snowdens wie der Hinweis auf die unbedingt notwendige weitere Implementierung der europ\u00e4ischen Datenschutzgrundverordnung, von der Snowden viel h\u00e4lt.\u00a0<\/p>\n<p>Zus\u00e4tzlich hat sich seit Snowden die Diskussion um die Fragestellung erweitert, welche Rolle eigentlich neben der staatlichen \u00dcberwachung die Datenkonzerne Facebook, Google &#038; Co in ihren Datenzentren bei der privaten \u00dcberwachung spielen. Sie arbeiten mit vergleichbaren Algorithmen wie die staatlichen Institutionen. Auch ohne Whistleblower ist die \u00d6ffentlichkeit durch Datenleaks auf missbr\u00e4uchliche Nutzung bei Millionen von Daten dort aufmerksam geworden. Bekannt wurde zudem der staatliche Zugriff auf Daten der Konzerne &#150; mit oder auch ohne Richtererlaubnis.<\/p>\n<p>F\u00fcr Snowden sind die Gefahren der digitalen \u00dcberwachung durch ver\u00e4nderte politische Machtverh\u00e4ltnisse seit seinen Enth\u00fcllungen gewachsen. Es ist Trump, der \u00fcber die Leitlinien der \u00dcberwachung durch Geheimdienste entscheidet. Bei der Zunahme autokratischer Regierungssysteme ist davon auszugehen, dass deren technologisches Know-How nicht minder entwickelt ist als das des US- oder britischen Geheimdienstes. Wir wissen, dass Russland seit mehr als einem Jahrzehnt seine B\u00fcrger durch Programme des russischen Geheimdienstes FSB \u00fcberwacht. Chinas &#132;<i>Social Credit System<\/i>&#147; erscheint als eine totale Dystopie, in der Daten der B\u00fcrger aus unterschiedlichsten Lebensbereichen zu Aggregaten verbunden werden, die letztlich durch Sanktionen auch \u00fcber Lebenswege und &#150; m\u00f6glichkeiten entscheiden wie z.B den Zugang zu Bildung, Krediten oder auch Reiseerlaubnissen.<\/p>\n<p>Dennoch, so res\u00fcmmiert Snowden die Wirkung seiner Enth\u00fcllungen: <i>&#132;Zum ersten Mal seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs debattierten freiheitlich demokratische Regierungen auf der ganzen Welt wieder \u00fcber die Privatsph\u00e4re als nat\u00fcrliches, angeborenes Recht des Menschen, ob Mann, Frau oder Kind.&#147;<\/i> In einem 2009 per Video zwischen Berlin und Moskau gef\u00fchrten Interview meinte Snowden am Ende, es sei nicht genug zu sagen <i>&#132;stay save&#147;<\/i>, viel wichtiger sei eine Haltung, die fordert <i>&#132;stay free&#147;<\/i>.<i> <\/i>Ihm pers\u00f6nlich w\u00e4re das am meisten zu w\u00fcnschen. Inzwischen hat ein amerikanisches Gericht auf Betreiben der US-Regierung entschieden, dass Snowden \u00fcber die Erl\u00f6se aus seinem Buch nicht verf\u00fcgen darf.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[791,667],"autoren":[133],"publikationen":[875],"class_list":["post-8502","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-rezension","tag-vorgaenge-artikel","autoren-werner-koep-kerstin","publikationen-875"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Stay save oder stay free? - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/229\/publikation\/stay-save-oder-stay-free\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Stay save oder stay free? - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"in: vorg\u00e4nge Nr. 229 (1\/2020), S. 153-155 Edward Snowden: Permanent Record. 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