{"id":8542,"date":"2019-07-16T22:30:00","date_gmt":"2019-07-16T20:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/zahlen-zur-anwendungspraxis-des-netzwerkdurchsetzungsgesetzes\/"},"modified":"2021-08-24T21:57:22","modified_gmt":"2021-08-24T19:57:22","slug":"zahlen-zur-anwendungspraxis-des-netzwerkdurchsetzungsgesetzes","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/225-226\/publikation\/zahlen-zur-anwendungspraxis-des-netzwerkdurchsetzungsgesetzes\/","title":{"rendered":"Zahlen zur Anwendungspraxis des Netzwerk\u00addurchsetzungs\u00adgesetzes"},"content":{"rendered":"<p>in: vorg\u00e4nge Nr. 225\/226 (1-2\/2019), S. 57-59<\/p>\n<p>Am 1. Oktober 2017 trat das Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) in Kraft. Im Kontrast zu den breiten \u00f6ffentlichen Debatten um das Gesetz steht die Zahl der davon betroffenen Netzwerkanbieter, f\u00fcr die die Vorschriften des Gesetzes gelten: in Deutschland sind es ganze drei! Nach der Definition in \u00a7\u00a01 Abs.\u00a02 NetzDG sind davon n\u00e4mlich nur Anbieter von bestimmten Telemediendiensten betroffen, die hier mindestens 2 Millionen angemeldete Nutzer*innen vorweisen k\u00f6nnen. Dies gilt derzeit nur f\u00fcr Facebook, Google+ und YouTube.<\/p>\n<p>Nach \u00a7\u00a02 Abs.\u00a01 NetzDG sind die unter die Anwendung des Gesetzes fallenden Anbieter von Dienstleistungen verpflichtet, aller sechs Monate einen &#8222;<i>Bericht \u00fcber den Umgang mit Beschwerden \u00fcber rechtswidrige Inhalte auf ihren Plattformen<\/i>&#8220; zu ver\u00f6ffentlichen, erstmals zum Ende des ersten Halbjahres 2018. Bis zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe der vorg\u00e4nge lagen von den betroffenen Betreibern &#8211; dazu z\u00e4hlen bisher in Deutschland nur Facebook, Google und Youtube &#8211; jeweils zwei solcher Berichte vor. Deren wichtigste Angaben \u00fcber gemeldete bzw. gel\u00f6schte Beitr\u00e4ge dokumentieren wir auf den folgenden Seiten.<\/p>\n<p>Die mit dem NetzDG vorgeschriebenen Berichte sollen die Zahl der Beschwerden und der darauf erfolgenden L\u00f6schungen dokumentieren, u.a. aufgeschl\u00fcsselt nach dem Beschwerdegrund. Das Gesetz selbst benennt in \u00a7\u00a01 Abs.\u00a03 eine Liste an Straftatbest\u00e4nden (s. \u00dcbersicht 1), bei deren Vorliegen die Provider zur umgehenden L\u00f6schung der Beitr\u00e4ge verpflichtet werden. An dieser Liste ist zun\u00e4chst einmal auff\u00e4llig, dass sie nicht nur Schutzg\u00fcter aus dem Bereich der Pers\u00f6nlichkeitsrechte enth\u00e4lt, sondern auch eine ganze Reihe von Staatsschutzdelikten (die mit <i>Hate Speech <\/i>wenig zu tun haben). Auf der anderen Seite fehlen in dieser Liste einige Tatbest\u00e4nde, die f\u00fcr den Pers\u00f6nlichkeitsschutz in der digitalen Sph\u00e4re durchaus eine Rolle spielen und die man &#8211; den Intentionen des Gesetzes folgend &#8211; an dieser Stelle erwartet h\u00e4tte. Dazu z\u00e4hlen etwa die Anleitung zu Straftaten (\u00a7\u00a0130a StGB), die falsche Verd\u00e4chtigung (\u00a7\u00a0164 StGB) oder das Cybergrooming (\u00a7\u00a0176 Abs.\u00a04 Nr.\u00a03).<\/p>\n<p>Der Vergleich der Transparenzdaten der drei Anbieter ist trotz der ausf\u00fchrlichen gesetzlichen Vorgaben zu den Berichten leider nicht einfach. Im Gegensatz zu Facebook, das die Beschwerden und L\u00f6schvorg\u00e4nge nach dem Katalog des NetzDG aufschl\u00fcsselt, werden die Daten f\u00fcr Google und YouTube nur in aggregierter Form (f\u00fcr verschiedene Deliktsgruppen) ver\u00f6ffentlicht. Deshalb wurde in der \u00dcbersicht versucht, die Facebook-Zahlen in vergleichbarer Weise zu aggregieren. Dies ist jedoch nur eingeschr\u00e4nkt m\u00f6glich, da Google auf Nachfrage keine Angaben dazu machen konnte, welche der Normen unter welcher Kategorie zusammengefasst wurden: Angeblich erfasse \/ wisse die Firma nicht, nach welchen Regeln die Zuordnung in den Beschwerdezentren vorgenommen wird.[1] Das wirft nebenbei ein bezeichnendes Licht auf das Beschwerdeverfahren bei Google, denn es stellt sich die Frage, wie Google sicher stellen kann, dass eine Beschwerde zu den im NetzDG geregelten F\u00e4lle geh\u00f6rt, wenn sie sich eindeutig unter einen der im Gesetz genannten Straftatbestand subsummiert wird.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\">&Uuml;bersicht 1: Rechts&shy;wid&shy;rige Inhalte gem&auml;&szlig; &sect; 1 Abs. 3 NetzDG<\/h2>\n<p>\u00a7 86 Verbreiten von Propagandamitteln verfassungswidriger Organisationen<\/p>\n<p>\u00a7 86a Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen<\/p>\n<p>\u00a7 89a Vorbereitung einer schweren staatsgef\u00e4hrdenden Gewalttat<\/p>\n<p>\u00a7 91 Anleitung zur Begehung einer schweren staatsgef\u00e4hrdenden Gewalttat<\/p>\n<p>\u00a7 100a Landesverr\u00e4terische F\u00e4lschung<\/p>\n<p>\u00a7 111 \u00d6ffentliche Aufforderung zu Straftaten<\/p>\n<p>\u00a7 126 St\u00f6rung des \u00f6ffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten<\/p>\n<p>\u00a7 129 Bildung krimineller Vereinigungen<\/p>\n<p>\u00a7 129a Bildung terroristischer Vereinigungen<\/p>\n<p>\u00a7 129b Kriminelle und terroristische Vereinigungen im Ausland; Einziehung<\/p>\n<p>\u00a7\u00a0130 Volksverhetzung<\/p>\n<p>\u00a7 131 Gewaltdarstellung<\/p>\n<p>\u00a7 140 Belohnung und Billigung von Straftaten<\/p>\n<p>\u00a7 166 Beschimpfung von Bekenntnissen, Religionsgesellschaften und Weltanschauungsvereinigungen<\/p>\n<p>\u00a7 184b Verbreitung, Erwerb und Besitz kinderpornographischer Schriften i.V.m. \u00a7 184d Zug\u00e4nglichmachen pornographischer Inhalte mittels Rundfunk oder Telemedien; Abruf kinder- und jugendpornographischer Inhalte mittels Telemedien<\/p>\n<p>\u00a7 185 Beleidigung<\/p>\n<p>\u00a7 186 \u00dcble Nachrede<\/p>\n<p>\u00a7 187 Verleumdung<\/p>\n<p>\u00a7 201a Verletzung d. h\u00f6chstpers\u00f6nlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen<\/p>\n<p>\u00a7 241 Bedrohung<\/p>\n<p>\u00a7 269 F\u00e4lschung beweiserheblicher Daten<\/p>\n<p>Was l\u00e4sst sich aus den dokumentierten Zahlen nun ablesen? Auf den ersten Blick zumindest folgende Erkenntnisse:<\/p>\n<ul>\n<li>Es werden sehr viele Hinweise auf vermeintlich rechtswidrige Inhalte an die Anbieter gemeldet (vor allem wenn man ber\u00fccksichtigt, dass es sich um eine neue gesetzliche Vorgabe handelt).<\/li>\n<li>Die Netzwerkanbieter l\u00f6schen aufgrund dieser Hinweise zahlreiche Inhalte, jedoch variiert die L\u00f6schquote (bezogen auf die Zahl der Meldungen) sehr stark je nach Anbieter und Thema zwischen einem Minimum von 7 % (Pornografische Inhalte bei Facebook) und einem Maximum von 61 % (Terroristische\/verfassungswidrige Inhalte bei Google). Bei den Extremwerten handelt es sich um Bereiche mit vergleichsweise niedrigen Fallzahlen &#8211; die durchschnittliche L\u00f6schquote variiert bei den Anbietern zwischen 24 % (Facebook) und 50 % (Google).<br \/>&#8226;In nahezu allen Bereichen ist der Anteil der L\u00f6schungen, bei denen ein Beitrag als Versto\u00df gegen Community-Standards gewertet wird, deutlich h\u00f6her als die Zahl der L\u00f6schungen, die als Versto\u00df gegen das NetzDG (d.h. mit Bezug auf eine der darin genannten Straftaten) gewertet werden. Die einzige Ausnahme: die Meldung bzw. L\u00f6schung terroristischer bzw. verfassungswidriger Inhalte.<\/li>\n<li>Es ist keineswegs so, dass die Hinweise offizieller Beschwerdestellen von den Netzwerken in jedem Fall als stichhaltiger angesehen werden als jene Hinweise, die von &#8222;einfachen&#8220; Nutzer*innen der Plattformen kommen. Bei YouTube etwa liegt die L\u00f6schquote f\u00fcr Beschwerdestellen unter der L\u00f6schquote f\u00fcr einfache Nutzer*innen &#8211; in beiden Berichtszeitr\u00e4umen.<\/li>\n<li>F\u00fcr die beiden Netzwerke Google+ bzw. YouTube wurden ganze 21 Meldungen auch an die Urheber*innen der inkriminierten Nachrichten weiter geleitet (was ihnen die M\u00f6glichkeit zur Stellungnahme gibt).<\/li>\n<li>Bisher haben die Anbieter die im Gesetz vorgesehene M\u00f6glichkeit einer \u00dcberweisung der Beschwerden an anerkannte Einrichtungen der Selbstregulierung nicht genutzt (auch wenn das f\u00fcr die Zukunft z.T. angek\u00fcndigt wird) &#8211; weil entsprechende Stellen noch nicht eingerichtet wurden.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Dokumentation: Sven L\u00fcders.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\">Anmerkungen:<\/h2>\n<p><i>1 Telefonische Auskunft v. Lutz Mache, Google Germany GmbH vom 7. Juni 2019. Zudem w\u00fcrden die strafrechtlichen Tatbest\u00e4nde mitunter in verschiedenen bzw. mehreren Kategorien erfasst.<\/i><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[328],"publikationen":[878],"class_list":["post-8542","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-dokumentation","publikationen-225-226"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Zahlen zur Anwendungspraxis des Netzwerk\u00addurchsetzungs\u00adgesetzes - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/225-226\/publikation\/zahlen-zur-anwendungspraxis-des-netzwerkdurchsetzungsgesetzes\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Zahlen zur Anwendungspraxis des Netzwerk\u00addurchsetzungs\u00adgesetzes - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"in: vorg\u00e4nge Nr. 225\/226 (1-2\/2019), S. 57-59 Am 1. 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