{"id":8556,"date":"2019-07-17T11:34:00","date_gmt":"2019-07-17T09:34:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/konfliktfeld-religionen-und-weltanschauungen\/"},"modified":"2021-08-30T15:43:07","modified_gmt":"2021-08-30T13:43:07","slug":"konfliktfeld-religionen-und-weltanschauungen","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/225-226\/publikation\/konfliktfeld-religionen-und-weltanschauungen\/","title":{"rendered":"Konfliktfeld Religionen und Weltanschauungen"},"content":{"rendered":"<p>in: vorg&auml;nge Nr. 225\/226 (1-2\/2019), S. 149-151<\/p>\n<p><i>Gerhard Czermak\/Eric Hilgendorf, Religions- und Weltanschauungsrecht. Eine Einf&uuml;hrung. 2. Aufl., Springer-Verlag Berlin 2018, 396 S., ISBN 978-3-662-56077-8.<\/i><\/p>\n<p>Den gro&szlig;en christlichen Religionsgesellschaften in Deutschland laufen die Mitglieder weg: W&auml;hrend 1950 noch &uuml;ber 96&nbsp;% der Bev&ouml;lkerung einer der beiden gro&szlig;en christlichen Kirchen angeh&ouml;rten, waren es 2014 noch knapp 60&nbsp;%, etwa 34&nbsp;% galten als &#8222;konfessionsfrei&#8220; (S.&nbsp;23&nbsp;f.). Daraus k&ouml;nnte geschlossen werden, dass das recht ungenau als &#8222;Staatskirchenrecht&#8220; bezeichnete Fach stetig an Bedeutung verliert. Aber weit gefehlt: Die Konflikte in diesem Bereich haben eher zugenommen; sie werden h&auml;ufig auch in sch&auml;rferer Form ausgetragen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass es f&uuml;r die &#8222;Amtskirchen&#8220; um Geld und Einfluss geht; aber auch die Zuwanderung insbesondere muslimischer B&uuml;rger und B&uuml;rgerinnen hat f&uuml;r neuen Konfliktstoff gesorgt (&#8222;Kopftuchdebatte&#8220;).<\/p>\n<p>In dieser Situation ist ein Lehrbuch von gro&szlig;em Nutzen, dass die rechtlichen Grundlagen der Einzelfragen um Religion und Weltanschauung systematisch darstellt und dabei die bisher vorherrschende, die christlichen &#8222;Amtskirchen&#8220; privilegierende Perspektive bewusst vermeidet. Das Werk des ehemaligen Verwaltungsrichters Gerhard Czermak und des Strafrechtlers Eric Hilgendorf informiert zun&auml;chst kurz &uuml;ber die Geschichte der Religionsfreiheit sowie &uuml;ber die religionssoziologische Situation in Deutschland. Den Hauptteil des Buches bildet die Darstellung der auf den Normen des Grundgesetzes fu&szlig;enden Rechtsgrundlagen f&uuml;r die Aus&uuml;bung der Religionen und Weltanschauungen und ihr Verh&auml;ltnis zu den staatlichen Instanzen. Ausf&uuml;hrlich abgehandelt werden dabei u.&nbsp;a. die verfassungsrechtlichen Grundlagen des Neutralit&auml;tsgebotes f&uuml;r den Staat sowie dessen &#8211; vom Grundgesetz ausdr&uuml;cklich zugelassenen (z.&nbsp;B. beim Religionsunterricht, vgl. Art.&nbsp;7 Abs.&nbsp;3 GG) oder auch contra constitutionem erfolgenden &#8211; Abweichungen. Als Beispiele f&uuml;r die letztere Variante kritisch er&ouml;rtert werden Erfindungen wie das &#8222;besondere Kirchgeld&#8220;, das seitens des Staates von den nicht kirchensteuerpflichtigen Lebenspartner_innen der Kirchenmitglieder erhoben wird (S.&nbsp;149&nbsp;f.) sowie die verschiedenartigen staatlichen Subventionen f&uuml;r die religi&ouml;sen K&ouml;rperschaften. Eingegangen wird auch auf das sog. kirchliche Arbeitsrecht, das die Besch&auml;ftigten von kirchlichen Sozialeinrichtungen (Krankenh&auml;usern, Kinderg&auml;rten etc.) unter Berufung auf das Konstrukt der &#8222;christlichen Dienstgemeinschaft&#8220; besonderen Pflichtenbindungen unterwirft (Beispiel: K&uuml;ndigung von Krankenhaus&auml;rzten wegen deren neuer Eheschlie&szlig;ung nach Scheidung, S.&nbsp;231&nbsp;ff.). W&auml;hrend das Bundesverfassungsgericht hier weitgehend der Rechtsauffassung der Kirchen folgt, hat der Europ&auml;ische Gerichtshof&nbsp; 2018 in zwei Entscheidungen diese Position mit guten Gr&uuml;nden als europarechtswidrig bem&auml;ngelt (dokumentiert auf <a href=\"http:\/\/www.weltanschauungsrecht.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.weltanschauungsrecht.de<\/a>).<\/p>\n<p>Besonders im Fokus &ouml;ffentlicher Debatten stehen seit Jahren bestimmte Formen religi&ouml;ser Bekundungen in &ouml;ffentlichen Schulen, insbesondere das Tragen &#8222;islamischer&#8220; Kopft&uuml;cher durch Lehrerinnen. Der Autor Czermak er&ouml;rtert die dazu ergangene h&ouml;chstrichterliche Rechtsprechung, insbesondere die &uuml;berraschende Kehrtwendung des Bundesverfassungsgerichts von seiner Kopftuchentscheidung im Jahre 2003 (Fall Ludin) zu &#8222;Kopftuch II&#8220; des Jahres 2015 (Bundesverfassungsgerichtsentscheidungen Bd.&nbsp;138, S.&nbsp;296&nbsp;ff.). Danach sind pauschale Kopftuchverbote ohne den Nachweis einer konkreten Gef&auml;hrdung des Schulfriedens mit dem Grundrecht der Glaubensfreiheit der Lehrerin unvereinbar. Czermak kritisiert an diesem Beschluss, &#8222;dass keine akzeptable Abw&auml;gung der Religionsfreiheit der Lehrerin mit dem Neutralit&auml;tsgebot als verfassungsunmittelbare Schranke vorgenommen wurde &#8230; Viele Sch&uuml;ler werden Schwierigkeiten haben, zwischen der Lehrerin als Privatperson und der Lehrerin als Amtsperson zu unterscheiden. Die M&ouml;glichkeit einer Sch&uuml;lerbeeinflussung bleibt.&#8220; (S.&nbsp;186). Das gilt besonders, so w&auml;re hinzuzuf&uuml;gen, f&uuml;r j&uuml;ngere Sch&uuml;ler_ innen, welche die Lehrerin meist noch als Respektsperson, vielleicht sogar als Elternersatz wahrnehmen, w&auml;hrend mit zunehmendem Alter die Differenzierung zwischen der Rolle der Lehrerin als Amtsperson und ihren &#8222;privaten&#8220; Glaubens&uuml;berzeugungen leichter fallen d&uuml;rfte. An solchen Erw&auml;gungen mangelt es der genannten Verfassungsgerichtsentscheidung von 2015 in der Tat.<\/p>\n<p>Auf die aktuellen Kontroversen um die Vollverschleierung von Musliminnen durch Burka oder Niqab wird hier leider nicht eingegangen. Zu fragen bleibt zum Beispiel, ob gegen&uuml;ber einer Sch&uuml;lerin, deren Gesicht nicht erkennbar ist, eine effektive p&auml;dagogische Arbeit einschlie&szlig;lich der Leistungskontrolle usw. &uuml;berhaupt noch m&ouml;glich ist. Jedenfalls bei minderj&auml;hrigen Sch&uuml;lerinnen dr&auml;ngt sich in solchen F&auml;llen der Verdacht auf, dass die Berufung auf die Glaubensfreiheit letztlich nur zur Legitimierung patriarchalischer Herrschaftsanspr&uuml;che vorgeschoben wird und das Selbstbestimmungsrecht der jungen Sch&uuml;lerin dabei auf der Strecke bleibt.&nbsp;<\/p>\n<p>Auch bestimmte Tatbest&auml;nde des Strafrechts beziehen sich explizit auf den Schutz religi&ouml;ser Anschauungen. Die Probleme eines solchen &#8222;Religionsstrafrechts&#8220; behandelt Hilgendorf. Kritikw&uuml;rdig in den Augen des Rezensenten ist insbesondere der Ende 2012 als Reaktion auf ein mutiges Urteil des Landgerichts K&ouml;ln geschaffene &sect;&nbsp;1631d BGB, wonach die Beschneidung von m&auml;nnlichen S&auml;uglingen oder Kindern unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt ist, w&auml;hrend nach &sect;&nbsp;226a StGB die Verst&uuml;mmelung (nur!) weiblicher Genitalien mit Strafe bedroht ist. Wie Hilgendorf richtig schreibt, ist diese Ungleichbehandlung &#8222;schwer nachvollziehbar&#8220; und verst&ouml;&szlig;t gegen den Gleichheitssatz (S.&nbsp;289 &#8211; einschl&auml;gig ist hier indessen nicht der allgemeine Gleichheitssatz des Art.&nbsp;3 Abs.&nbsp;1 GG, sondern die speziellen und damit auch strikteren Gleichheitss&auml;tze in Art.&nbsp;3 Abs.&nbsp;2 und 3 GG). Es erscheint ihm als &#8222;erstrebenswert, den Schutz der k&ouml;rperlichen Unversehrtheit und des auch Kindern zustehenden Selbstbestimmungsrechts auch gegen&uuml;ber tradierten Vorstellungen von der Notwendigkeit einer Genitalbeschneidung durchzusetzen.&#8220; (S.&nbsp;290) Verfassungsrechtlich pr&auml;ziser ausgedr&uuml;ckt: Dem Grundrecht auch der m&auml;nnlichen Kinder auf k&ouml;rperliche Unversehrtheit &#8211; immerhin ist die Entfernung der Vorhaut ein irreversibler Eingriff! &#8211; sollte gegen&uuml;ber der Glaubensfreiheit und dem Erziehungsrecht der Eltern der Vorrang einger&auml;umt werden, wie es auch das Landgericht K&ouml;ln entschieden hat.&nbsp;<\/p>\n<p>Insgesamt betrachtet, stellt das Werk von Czermak und Hilgendorf eine Fundgrube f&uuml;r die kompetente rechtliche Beurteilung einer Vielzahl von Fragen im Hinblick auf Religion und Weltanschauung dar und ist deshalb gerade aus b&uuml;rgerrechtlicher Sicht nachdr&uuml;cklich zu empfehlen.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[791,667],"autoren":[150],"publikationen":[878],"class_list":["post-8556","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-rezension","tag-vorgaenge-artikel","autoren-martin-kutscha","publikationen-225-226"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Konfliktfeld Religionen und Weltanschauungen - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/225-226\/publikation\/konfliktfeld-religionen-und-weltanschauungen\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Konfliktfeld Religionen und Weltanschauungen - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"in: vorg&auml;nge Nr. 225\/226 (1-2\/2019), S. 149-151 Gerhard Czermak\/Eric Hilgendorf, Religions- und Weltanschauungsrecht. 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