{"id":8580,"date":"2018-11-22T15:00:00","date_gmt":"2018-11-22T14:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/die-naechste-stufe-des-verhuellungsverbots-in-deutschen-gerichtssaelen\/"},"modified":"2021-08-30T15:43:02","modified_gmt":"2021-08-30T13:43:02","slug":"die-naechste-stufe-des-verhuellungsverbots-in-deutschen-gerichtssaelen","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/224\/publikation\/die-naechste-stufe-des-verhuellungsverbots-in-deutschen-gerichtssaelen\/","title":{"rendered":"Die n\u00e4chste Stufe des Verh\u00fcllungsverbots: in deutschen Gerichtss\u00e4len"},"content":{"rendered":"<p>in: vorg&auml;nge Nr. 224 (4\/2018), S. 148-159<\/p>\n<p>Bayern und Nordrhein-Westfalen haben einen Gesetzentwurf zur Einf&uuml;hrung eines Verh&uuml;llungsverbotes im Gerichtssaal in den Bundesrat eingebracht. Der &#8222;<i>Entwurf eines Gesetzes zum Verbot der Gesichtsverh&uuml;llung w&auml;hrend der Gerichtsverhandlung<\/i>&#8220; (BR-Drs. 408\/18 v. 27.8.2018) sieht einen neuen &sect;&nbsp;176 Abs.&nbsp;2 f&uuml;r das Gerichtsverfassungsgesetz (GVG) mit folgendem Wortlaut vor:<\/p>\n<p>&#8222;<i>Bei der Verhandlung beteiligte Personen d&uuml;rfen ihr Gesicht w&auml;hrend der Sitzung weder ganz noch teilweise verh&uuml;llen. Der Vorsitzende wirkt auf die Einhaltung des Verbots hin.<\/i>&#8220;<\/p>\n<p>Die Antragsteller wollen mit ihrem Vorschlag mehr Rechtssicherheit f&uuml;r die Prozessbeteiligten schaffen. Bisher h&auml;tte sich keine einheitliche Praxis bzw. Rechtsprechung daf&uuml;r herausgebildet, ob Vorsitzende Richter darauf bestehen sollten bzw. d&uuml;rfen, dass w&auml;hrend einer Verhandlung Niqab oder Burka abzulegen sind &#8211; und ob daf&uuml;r die bestehenden gesetzlichen Regelungen zur Sicherstellung eines ungest&ouml;rten Sitzungsablaufs (in &sect;176 GVG) eine ausreichende Rechtsgrundlage darstellen. Zu den Prozessbeteiligten, auf die sich der Entwurf bezieht, geh&ouml;ren u.a. Angeklagte, Prozessbevollm&auml;chtigte (Anw&auml;lte), Gutachter\/ Sachverst&auml;ndige und Zeugen &#8211; nicht jedoch die Zuschauer einer Verhandlung.<\/p>\n<p>Der Vorschlag bezieht sich zur verfassungsrechtlichen Legitimation auf die aus dem Rechtsstaatsprinzip abgeleitete Forderung nach einer umfassenden, alle Erkenntnism&ouml;glichkeiten einbeziehenden Ermittlung der Tatsachen w&auml;hrend einer Gerichtsverhandlung&nbsp; (Art.&nbsp;20 Abs.&nbsp;3, Art. 92 GG). In der Praxis bedeute dies: &#8222;<i>Das Gericht muss s&auml;mtliche Erkenntnismittel einschlie&szlig;lich der Mimik der bei der Verhandlung beteiligten Personen aussch&ouml;pfen k&ouml;nnen, um den Sachverhalt bestm&ouml;glich aufzukl&auml;ren. Die Beurteilung der Glaubw&uuml;rdigkeit einer Person oder der Glaubhaftigkeit einer Tatsachenbehauptung ist, wenn die Person ihr Gesicht verschleiert, nicht zuverl&auml;ssig m&ouml;glich. Die offene, auch nonverbale Kommunikation ist damit ein zentrales Element der Gerichtsverhandlung.<\/i>&#8220; (S.&nbsp;4) Zudem m&uuml;ssten die Beteiligten eindeutig identifizierbar sein.<\/p>\n<p>Kirsten Wiese hat f&uuml;r die Humanistische Union zu dem Gesetzentwurf Stellung genommen. Ihre Stellungnahme bezweifelt, dass f&uuml;r dieses Problem ein gesetzgeberischer Handlungsbedarf bestehe. F&uuml;r die letzten Jahre finden sich in der Rechtsprechung bzw. in den Medien nur zwei f&uuml;r Deutschland dokumentierte F&auml;lle, in denen die Verschleierung vor Gericht verfahrensrelevant war. In einem Fall einigte sich die verhandlungsf&uuml;hrende Richterin mit der betroffenen Kl&auml;gerin; im anderen Fall verweigerte ein Richter einer Zeugin die Aussagem&ouml;glichkeit, weil sie nicht bereit war, ihr Kopftuch abzulegen. Das Ausma&szlig; der von den Antragstellern behaupteten Rechtsunsicherheit lasse sich daher kaum beurteilen, auch die Begr&uuml;ndung des Antrags enthalte keine weiteren Fakten &#8211; weder dazu, wie oft Richter mit verh&uuml;llten Verfahrensbeteiligten konfrontiert sind; noch dazu, wie oft dies zum Problem werde.<\/p>\n<p>Interessanterweise konzentriert sich die Begr&uuml;ndung des Antrags weniger auf die empirische Frage, ob und wie ein generelles Verh&uuml;llungsverbot sich auf die Effektivit&auml;t der Rechtspflege konkret auswirkt, sondern arbeitet zum Teil mit kontrafaktischen Setzungen und moralischen Wertungen, mit denen das Prinzip der Kommunikation &#8222;<i>von Angesicht zu Angesicht<\/i>&#8220; legitimiert und durchgesetzt werden soll &#8211; ganz so, als sei das Ziel des Gesetzgebers die Durchsetzung dieser Form der Kommunikation (und nicht die Effektivit&auml;t des Gerichtsverfahrens). [9] Einerseits wird n&auml;mlich behauptet, die unverh&uuml;llte Kommunikation sei eine unumg&auml;ngliche Voraussetzung f&uuml;r ein effektives Verfahren (s.o.) &#8211; nur um kurz darauf zu betonen: &#8222;<i>Die Kommunikation &#8218;von Angesicht zu Angesicht&#8216; ist ein zentrales Element im rechtsstaatlichen Gerichtsverfahren auch dann, wenn der Sachverhalt vollst&auml;ndig aufgekl&auml;rt ist und nur noch Rechtsfragen zu er&ouml;rtern sind.<\/i>&#8220; (S.&nbsp;5) Ebenso unbeirrt von der faktischen Wirkung eines Verbots wird auch behauptet, ein ausnahmsloses Verbot sei f&uuml;r die Beteiligten weniger konfliktreich als eine Regelung, die bei mangelnder Relevanz f&uuml;r das Verfahren auf die Durchsetzung des Verbotes verzichte: &#8222;<i>Der Ausnahmetatbestand w&uuml;rde neues Konfliktpotential im Einzelfall schaffen, das durch die Verbotsvorschrift gerade vermieden wird.<\/i>&#8220; (S.&nbsp;4) Dabei ist den Autoren sehr wohl bewusst, dass es eine ganze Reihe von Gerichtsverfahren gibt, in denen keinerlei Zweifel am tats&auml;chlichen Handlungsablauf, an der Glaubw&uuml;rdigkeit von Zeugen oder anderen Aussagen bestehen und die Durchsetzung eines Verh&uuml;llungsverbots f&uuml;r den Erfolg des Verfahrens bedeutungslos (bzw. juristisch gesprochen: nicht erforderlich) ist. Dies gilt beispielsweise auch &#8211; so Kirsten Wiese &#8211; f&uuml;r blinde Richter, die an deutschen Gerichten t&auml;tig sein k&ouml;nnen und deren M&ouml;glichkeiten zur Beurteilung der Glaubw&uuml;rdigkeit von Prozessbeteiligten der Antrag strikt ausblendet. [10]<\/p>\n<p>Das Gutachten weist darauf hin, dass f&uuml;r die in der Praxis relevanten Situationen (die Identifizierung der Beteiligten; Zweifel an der Glaubw&uuml;rdigkeit einzelner Aussagen\/Beteiligter etc.) auch grundrechtsschonendere Alternativen bestehen, die in anderen Lebensbereichen (etwa bei Personenkontrollen durch die Polizei; bei der Aussage sch&uuml;tzenswerter Zeugen) l&auml;ngst etabliert sind. Allein der Gesetzentwurf bem&uuml;ht sich nicht einmal darum, den Eingriff in die Religionsfreiheit der betroffenen Frauen (bzw. der Berufsaus&uuml;bungsfreiheit aus Artikel&nbsp;12 Abs. 1 S.&nbsp;1 GG, sofern Sachverst&auml;ndige und Anw&auml;ltinnen betroffen sind) m&ouml;glichst gering zu halten. Das spiegelt sich allein schon darin wieder, dass die mehrere Seiten umfassende Begr&uuml;ndung des Entwurfs ganze sieben Zeilen auf die Er&ouml;rterung des Eingriffs in die Religionsfreiheit verwendet, die sich im &Uuml;brigen darauf beschr&auml;nken, dass der Eingriff nur geringf&uuml;gig und hinzunehmen sei, weil er zeitlich begrenzt (f&uuml;r die Verhandlungsdauer) und vor einem geschlossenen Publikumskreis erfolge. Dies wird dem Stellenwert der Religionsfreiheit f&uuml;r die betroffenen Frauen keineswegs gerecht. (Man stelle sich nur einmal vor, mit der gleichen Argumentation w&uuml;rde ein Gebot der nackten Teilnahme an Gerichtsverhandlungen begr&uuml;ndet, dass keine R&uuml;cksicht auf die westliche Kultur der Scham nimmt.) Der Gesetzentwurf und seine Begr&uuml;ndung l&auml;sst jegliche Sensibilit&auml;t f&uuml;r die Wirkungen einer solchen Regelung bei den Betroffenen vermissen. So thematisiert der Entwurf lediglich die Folgen der Verschleierung auf andere Verfahrensbeteiligte (&#8222;Hemmungen&#8220;, S.&nbsp;5), nicht aber die Folgen eines Entschleierungsgebots f&uuml;r die zuvor verschleierten Frauen.<\/p>\n<p>Die Stellungnahme der HU weist darauf hin, dass die Wirkung des Gesetzes &#8211; jenseits der wenigen zu erwartenden Anwendungsf&auml;lle &#8211; kontraproduktiv sein kann: Ein generelles Verh&uuml;llungsverbot vor Gericht kann dazu f&uuml;hren, dass verschleierte Frauen ihre verbrieften Rechte weniger in Anspruch nehmen (wollen) und eine st&auml;rker distanzierende Haltung zum Rechtsstaat einnehmen. Ein solches Verbot baut f&uuml;r sie eine neue H&uuml;rde in ihrem Zugang zum Recht auf, was die soziale und kulturelle Diskriminierung dieser Frauen eher verst&auml;rken als abbauen d&uuml;rfte. Das Deutsche Institut f&uuml;r Menschenrechte hat vor geraumer Zeit auf die Probleme hingewiesen, die sich f&uuml;r manche Gruppen ergeben, wenn es um ihren tats&auml;chlichen Zugang zum Recht in Deutschland geht. Davon sind auch verschleierte Frauen betroffen, f&uuml;r die eine effektive Anwendung und Durchsetzung ihrer Rechte bisher nicht gew&auml;hrleistet ist: [11]<\/p>\n<p>* Sch&auml;tzungsweise nur 5 bis 11 Prozent der Frauen, die sexuelle Gewalt erfahren haben, bringen diese auch zur Anzeige.<\/p>\n<p>* Nur jeder zehnte Fall einer (mutma&szlig;lichen) Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierung oder Geschlechtsidentit&auml;t wird beh&ouml;rdlich gemeldet.<\/p>\n<p>* Vom Menschenhandel Betroffene k&ouml;nnen h&auml;ufig ihre Anspr&uuml;che auf Entsch&auml;digung und vorenthaltenen Lohn in Deutschland nicht gerichtlich durchsetzen.<\/p>\n<p><i><br \/>Dr. Kirsten Wiese: Stellungnahme zum Gesetzesantrag der L&auml;nder Nordrhein-Westfalen, Bayern &#8222;Entwurf eines Gesetzes zum Verbot der Gesichtsverh&uuml;llung w&auml;hrend der Gerichtsverhandlung&#8220; (BR-Drs. 408\/18) vom 9.10.2018, unter <\/i><a href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/fileadmin\/hu_upload\/doku\/2018\/HU\"><i>https:\/\/www.humanistische-union.de\/fileadmin\/hu_upload\/doku\/2018\/HU<\/i><\/a><i>2018-10-09_BR-Gesichtsverhuellung.pdf.<\/i><\/p>\n<p><b>Anmerkungen:<\/b><\/p>\n<p>9 Eine vergleichbare Argumentation fand sich bereits im Gesetz zu bereichsspezifischen Regelungen der Gesichtsverh&uuml;llung, das seit Juni 2017 gilt (s. BGBl. I 2017, S. 1570), mit dem ein Verh&uuml;llungsverbot f&uuml;r Beamte, Soldat*innen, Wahlhelfer*innen sowie im Stra&szlig;enverkehr eingef&uuml;hrt wurde (vgl. vorg&auml;nge Nr. 216 [4\/2016], S. 85f.).<\/p>\n<p>10 Der Bundesgerichtshof hat sich schon mehrfach mit dem Einsatz blinder Richter befasst, so bereits 1954 (BGHSt 5, 354 &#8211; Entscheidung v. 5.3.1954, 5 StR 661) in der Weise, dass die Beteiligung blinder Richter in einem Kollegialgericht keine Verletzung des Grundsatzes der Unmittelbarkeit darstelle, weil blinde Menschen &uuml;ber kompensatorische F&auml;higkeiten verf&uuml;gen, mit denen sie den fehlenden Sehsinn ausgleichen und die Authentizit&auml;t von Aussagen beurteilen k&ouml;nnen (s. Die Zeit Nr. 18\/1954). Zur Debatte s. Jens-Uwe Voigt, Der blinde Richter in der strafprozessualen Hauptverhandlung. M&ouml;glichkeiten und Grenzen Blinder und Sehender aus der Sicht verschiedener Wahrnehmungsmodelle. Baden-Baden 2014 (Diss. Universit&auml;t Hamburg).<\/p>\n<p>11 Beispiele nach: Beate Rudolph, Rechte haben &#8211; Recht bekommen. Das Menschenrecht auf Zugang zum Recht. Hrsg. vom Deutschen Institut f&uuml;r Menschenrechte, Berlin 2014, S. 16f.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[747,667],"autoren":[139],"publikationen":[879],"class_list":["post-8580","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-religion-symbole","tag-vorgaenge-artikel","autoren-sven-lueders","publikationen-879"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Die n\u00e4chste Stufe des Verh\u00fcllungsverbots: in deutschen Gerichtss\u00e4len - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/224\/publikation\/die-naechste-stufe-des-verhuellungsverbots-in-deutschen-gerichtssaelen\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Die n\u00e4chste Stufe des Verh\u00fcllungsverbots: in deutschen Gerichtss\u00e4len - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"in: vorg&auml;nge Nr. 224 (4\/2018), S. 148-159 Bayern und Nordrhein-Westfalen haben einen Gesetzentwurf zur Einf&uuml;hrung eines Verh&uuml;llungsverbotes im Gerichtssaal in den Bundesrat eingebracht. 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