{"id":8585,"date":"2018-08-01T23:20:00","date_gmt":"2018-08-01T21:20:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/die-lehren-aus-dem-fifa-debakel-1\/"},"modified":"2021-08-24T21:56:55","modified_gmt":"2021-08-24T19:56:55","slug":"die-lehren-aus-dem-fifa-debakel-1","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/223\/publikation\/die-lehren-aus-dem-fifa-debakel-1\/","title":{"rendered":"Die Lehren aus dem FIFA-Debakel"},"content":{"rendered":"<p>in: vorg\u00e4nge Nr. 223 (3\/2018), S. 27-29<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"wem-gehoert-der-sport\">Wem geh&ouml;rt der Sport?<\/span><\/h2>\n<p>Sport hat eine wichtige gesellschaftliche Funktion, zun\u00e4chst zur Erhaltung der eigenen Fitness. Auch f\u00fcr Passivsportler auf der Couch vor dem Fernseher oder im Stadion ist er aber bisweilen sinnstiftend:[1] Wer m\u00f6chte nicht &#8222;seinen&#8220; Club, &#8222;seine&#8220; Nationalmannschaft gewinnen sehen. Im \u00dcbrigen ist Sport ein Riesengesch\u00e4ft. Man denke an Ausstatter, Sponsoren, aber auch an die astronomischen Transferzahlungen f\u00fcr Spieler oder auch deren stattliche L\u00f6hne. Kurz: Wer Sport und Sportorganisation als Privatsache abtut, verk\u00fcrzt die Realit\u00e4t.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"die-fifa-story\">Die FIFA-Story<\/span><\/h2>\n<p>Die FIFA war zwar schon fr\u00fch ein Machtzentrum, finanziell schlingerte sie aber \u00fcber Jahrzehnte knapp am Bankrott vorbei. Erst als Adi Dassler mit Sepp Blatter (damals noch unter der Pr\u00e4sidentschaft von Jo\u00e3o Havelange) das neue Finanzsystem entwickelten, \u00e4nderte sich fast alles: Marketing-, Fernseh- und Merchandisingrechte wurden gezielt verkauft. Bei jeder WM stiegen die Einnahmen und erreichten bald die Milliarden. Blatter (nunmehr als Pr\u00e4sident) und seine Getreuen sahen aber keine Veranlassung, die Struktur der FIFA zu ver\u00e4ndern. Sie blieb ein schlichter Verein, bis 2002 noch ohne international anerkannte Buchf\u00fchrung. Geld und Pfr\u00fcnde wurden freih\u00e4ndig unter den Getreuen verteilt, das weitere Stimmvolk (die \u00fcber 200 Landesorganisationen) wurden mit j\u00e4hrlichen Millionenzahlungen an das Blatter-Regime gebunden. Erst als die Protagonisten begannen, sich gegenseitig zu bek\u00e4mpfen (erst die Herausforderung durch Hayatou, dann durch Bin Hammam) wurden Schritte zur Reorganisation auf dem Wege der Selbstregulierung eingeleitet. Als einer jener, die die Verantwortung f\u00fcr die Reorganisation von 2011 bis 2014 innehatten, habe ich miterlebt, wie sich insbesondere die UEFA (unter Platini und Infantino) gegen essentielle Reformanliegen (Amtszeitbeschr\u00e4nkung und zentrale Integrit\u00e4tspr\u00fcfung) gesperrt hat. Die Reform kam (wenn auch nur auf dem Papier) erst voran, als die staatliche Justiz (das U.S. Department of Justice [DOJ] betreffend die Vergabe von Veranstaltungen in Lateinamerika und die Schweizer Bundesanwaltschaft betreffend die WM in Russland und Katar) einschritt. Allerdings hat der neu gew\u00e4hlte Pr\u00e4sident, Gianni Infantino, sofort s\u00e4mtliches Personal &#8211; insbesondere die erst kurz zuvor bestellten unabh\u00e4ngigen Ethiker und Finanzaufseher &#8211; durch seine Freunde und durch unsch\u00e4dliche, weil inkompetente Amtstr\u00e4ger ersetzt. Man muss die Selbstreorganisation der FIFA heute (leider) als gescheitert bezeichnen.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"die-fifa-steht-nicht-alleine-da\">Die FIFA steht nicht alleine da<\/span><\/h2>\n<p>Aufgrund weiterer pers\u00f6nlicher Erfahrungen, nunmehr als Mitglied des &#8222;Vetting Board&#8220; (Integrit\u00e4tspr\u00fcfung) des IAAF (des weltweiten Leichtathletikverbandes), habe ich erfahren, wie andere Sportdachverb\u00e4nde mit vergleichbaren Manipulationsrisiken zu k\u00e4mpfen haben: Inzwischen ist bekannt, dass in Russland ein System des Staatsdopings etabliert wurde, das stark an die Gebr\u00e4uche zur Zeit der Sowjetunion erinnert. Bereits vor der Olympiade von London wurden etwa bei der russischen Marathonl\u00e4uferin Liliya Shobukhova extreme Blutwerte festgestellt (nach Feststellung des Britischen Unterhauses wiesen zwei Werte eine Wahrscheinlichkeit von 1:1\u00a0Milliarde auf, nat\u00fcrlich zu sein[2]). In einer ARD-Dokumentation von 2014 wurde das russische Staatsdoping ein erstes Mal blo\u00df gestellt. Die Dokumentation enth\u00fcllte auch, dass Frau Shobukhova vom Sohn des damaligen Leichtathletikpr\u00e4sidenten Lamine Diack erpresst worden sei. Der Sohn habe f\u00fcr die Geheimhaltung des Dopingbefundes 450.000 &#8364; an eine Briefkastenfirma gefordert. Als der L\u00e4uferin sp\u00e4ter seitens des Verbandes bedeutet wurde, dass man die Befunde nicht dauernd geheim halten k\u00f6nne und sie mit einer Sperre rechnen m\u00fcsse, forderte sie das Geld zur\u00fcck. Wie die Britische Unterhauskommission[3] berichtet, habe sie aber lediglich 300.000 &#8364; zur\u00fcckerhalten. Der IAAF-Pr\u00e4sident Diack ist inzwischen abgesetzt worden und befindet sich derzeit in Frankreich im Gef\u00e4ngnis. Sein Sohn ist auf der Flucht. Der Nachfolger Diacks, Lord Sebastian Coe, muss sich gegenw\u00e4rtig gegen\u00fcber dem Britischen Parlament und der \u00d6ffentlichkeit rechtfertigen, warum er mehr als ein halbes Jahr lang auf Informationen \u00fcber den Skandal nicht reagiert habe.[4]<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"staatliche-regulierung-versus-selbstregulierung\">Staatliche Regulierung versus Selbst&shy;re&shy;gu&shy;lie&shy;rung<\/span><\/h2>\n<p>Beiden oben dargestellten Beispielen ist zu entnehmen, dass die Sportdachverb\u00e4nde kaum in der Lage sind, sich selbst aus dem Sumpf zu befreien, in dem sie sich befinden. Es versteht sich, dass sich \u00f6ffentliche Instanzen einschalten, schlie\u00dflich nehmen die Sportdachverb\u00e4nde eine \u00f6ffentliche Funktion wahr.[5] So hat vor kurzem die Parlamentarische Versammlung des Europarates einen unter dem Vorsitz von Anne Brasseur ausgearbeiteten Bericht verabschiedet, in dem Sitzstaaten von Sportorganisationen zur Wahrnehmung ihrer Verantwortung aufgefordert werden.[6]<\/p>\n<p>Es liegt nahe, dass sich die Schweiz als Sitzstaat von ca. 60 Sportdachverb\u00e4nden und verwandten Organisationen (etwa das Sportgericht [CAS\/TAS] und die Welt-Anti-Doping-Beh\u00f6rde [Wada]) mit staatlichen Vorgaben zur Regulierung der Sportdachverb\u00e4nde befasst.[7] Allerdings verf\u00fcgen FIFA &amp; Co. im Schweizer Parlament \u00fcber eine starke Hausmacht, sodass es erneut gelingen wird, entsprechende Regulierungsvorst\u00f6\u00dfe abzublocken.[8]<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"grenzen-staatlicher-regulierung\">Grenzen staatlicher Regulierung<\/span><\/h2>\n<p>Die staatliche Regulierung der Sportdachverb\u00e4nde st\u00f6\u00dft in der spezifisch schweizerischen Landschaft auf typische Grenzen: Die Schweiz versteht sich als besonders liberales Land, wenn es darum geht, als Sitzstaat von multinationalen Unternehmen zu dienen. In einzelnen Branchen geht sie dabei erhebliche Risiken ein. Es ist bekannt, dass sie als Geldw\u00e4schezentrum f\u00fcr Diktatorengelder, f\u00fcr organisierte Kriminelle und Wirtschaftsverbrecher eine lange Tradition hat. In neuerer Zeit ist die Schweiz zum gr\u00f6\u00dften Rohstoffhandelsplatz der Welt avanciert. Die Konzentration der Sportdachverb\u00e4nde hat durchaus ihre Logik in diesem Umfeld.<\/p>\n<p>\u00dcber die Jahre haben die Sportdachverb\u00e4nde es auch verstanden, sich eine parlamentarische Lobby aufzubauen. Es kommt hinzu, dass die Schweiz &#8211; bei aller demokratischen Tradition &#8211; noch immer \u00fcber kein Parteienfinanzierungsgesetz verf\u00fcgt, das Parlamentarier und Lobbyisten zur Offenlegung der empfangenen Gelder verpflichten w\u00fcrde.[9] Kurz: Das Scheitern der staatlichen Regulierung der Sportdachverb\u00e4nde ist eine weitere Folge der Serie &#8222;Piratenhafen Schweiz&#8220;.<\/p>\n<p><b>MARK PIETH\u00a0<\/b><i>\u00a0 Strafrechtsprofessor an der Universit\u00e4t Basel, vormals Sektionschef Wirtschaftsstrafrecht im Schweizer Bundesamt f\u00fcr Justiz und internationaler Regulator (Gr\u00fcndungsmitglied FATF und 24 Jahre Pr\u00e4sident der OECD Working Group on Bribery), Pr\u00e4sident und Gr\u00fcnder des Basel Institute on Governance. Initiant diverser Collective Actions im Bereich Geldw\u00e4sche- und Korruptionspr\u00e4vention.<\/i><\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"anmerkungen\">Anmerkungen:<\/span><\/h2>\n<p>1. <i>Mark Pieth <\/i>(Hrsg.), Die FIFA Reform, Z\u00fcrich\/St. Gallen 2014, 7.<\/p>\n<p>2. House of Commons, Digital, Culture, Media and Sport Committee, Combatting doping in sport, Fourth Report of Session 2017&#8211;19, 5.3.2018, S. 12.<\/p>\n<p>3. Ebd., S. 13.<\/p>\n<p>4. Ebd., S. 11&#8211;15.<\/p>\n<p>5. <i>Pieth<\/i> (Endnote 1), 25 ff.<\/p>\n<p>6. SRF vom 24.1.2018: &#8222;Kampf gegen die Korruption, Europarat will FIFA extern kontrollieren lassen.&#8220;<\/p>\n<p>7. <i>Pieth<\/i> (Endnote 1), 25 ff.<\/p>\n<p>8. Noch offen aber ist die Antwort auf die Interpellation M\u00fcller Thomas (NR: 18.3285 v. 15.3.2018): &#8222;Wie sch\u00e4tzt der Bundesrat die FIFA-Resolution des Europarats ein?&#8220;.<\/p>\n<p>9. So die Kritik des Europarats (GRECO) in seiner dritten Evaluationsrunde; vgl. zur Empfehlung (Rec(2003)4).<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1520],"publikationen":[880],"class_list":["post-8585","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-mark-pieth","publikationen-880"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Die Lehren aus dem FIFA-Debakel - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/223\/publikation\/die-lehren-aus-dem-fifa-debakel-1\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Die Lehren aus dem FIFA-Debakel - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"in: vorg\u00e4nge Nr. 223 (3\/2018), S. 27-29 Wem geh&ouml;rt der Sport? 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