{"id":8595,"date":"2018-08-01T20:00:00","date_gmt":"2018-08-01T18:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/der-demokrat-aufklaerer-geheimdienstkontrolleur-und-friedenspolitiker\/"},"modified":"2021-08-30T15:42:57","modified_gmt":"2021-08-30T13:42:57","slug":"der-demokrat-aufklaerer-geheimdienstkontrolleur-und-friedenspolitiker","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/223\/publikation\/der-demokrat-aufklaerer-geheimdienstkontrolleur-und-friedenspolitiker\/","title":{"rendered":"Der Demokrat, Aufkl\u00e4rer, Geheimdienstkontrolleur und Friedenspolitiker"},"content":{"rendered":"<p>Laudatio auf Hans-Christian Str&ouml;bele zur Verleihung des Fritz-Bauer-Preises 2018. In: vorg&auml;nge Nr. 223 (3\/2018), S. 143-150<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" border=\"1\" alt=\"\" src=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/DSCF1163-1sepia.jpg\" width=\"380\" height=\"225\"><i>Am 9. Juni 2018 zeichnete die Humanistische Union den langj&auml;hrigen Bundestagsabgeordneten Hans-Christian Str&ouml;bele f&uuml;r sein politisches und anwaltliches Lebenswerk mit dem Fritz-Bauer-Preis aus. Bei der Preisverleihung: Werner Koep-Kerstin, Hans-Christian Str&ouml;bele und Klaus Eschen (v.l.n.r.).<\/i><\/p>\n<p>Lieber Hans-Christian Str&ouml;bele,<br \/>verehrte Damen und Herren,<br \/>liebe Mitglieder und Freunde der Humanistischen Union,<\/p>\n<p>ich freue mich, dass Sie heute so zahlreich erschienen sind, um an der Verleihung des Fritz Bauer-Preises an Hans-Christian Str&ouml;bele teilzunehmen. Mein Name ist Werner Koep-Kerstin, ich bin Vorsitzender der B&uuml;rgerrechtsorganisation Humanistische Union. Diese Organisation wurde im Jahr 1961 gegr&uuml;ndet. Ihre zentrale Aufgabe versteht die Humanistische Union darin &ndash; ich zitiere &ndash; &bdquo;<i>f&uuml;r die Wahrung oder Wiederherstellung unserer Grundrechte zu sorgen, die gemeinschaftlichen Werte und Einrichtungen unseres Staates zu verteidigen, f&uuml;r eine freie und weltoffene Erziehung, Bildung und Forschung einzutreten &#8230;<\/i>&ldquo;, so der Gr&uuml;ndungsaufruf der HU.<\/p>\n<p>Zu den Mitbegr&uuml;ndern der Humanistischen Union z&auml;hlte der damalige hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer. Sein Wirken bei der Aufkl&auml;rung und Verfolgung nationalsozialistischen Unrechts ist in den letzten Jahren dank mehrerer Filme besser bekannt geworden. Weniger bekannt ist dagegen, dass sich Fritz Bauer auch f&uuml;r eine Modernisierung des Strafrechts, f&uuml;r eine rationale Kriminalpolitik und eine Humanisierung bzw. &Uuml;berwindung des Strafvollzugs einsetzte &ndash; alles Anliegen, die die Gr&uuml;ndungsgeneration der Humanistischen Union antrieb und die wir auch heute weiterhin verfolgen.<\/p>\n<p>Der Fritz Bauer Preis wurde im Juli 1968 &ndash; unmittelbar nach dem Tod des Namensgebers &ndash; von der Humanistischen Union (HU) gestiftet. Zur Begr&uuml;ndung hie&szlig; es damals:<\/p>\n<p><i>&bdquo;Zum Gedenken an ihr Gr&uuml;ndungs- und Vorstandsmitglied Fritz Bauer, Generalstaatsanwalt in Hessen von 1955 bis 1968, stiftet die HU einen Preis f&uuml;r besondere Verdienste um die Demokratisierung, Liberalisierung und Humanisierung der Rechtsordnung in der Bundesrepublik Deutschland. Dieser Preis wird &hellip; an Pers&ouml;nlichkeiten oder Institutionen verliehen, die sich im Sinne der &Uuml;berzeugungen Fritz Bauers (und der Bestrebungen der HU) darum bem&uuml;ht haben, der Gerechtigkeit und Menschlichkeit in unserer Gesetzgebung, Rechtsprechung und im Strafvollzug Geltung zu verschaffen.&ldquo;<\/i><\/p>\n<p>Mit der Vergabe des diesj&auml;hrigen Fritz-Bauer-Preises an Hans-Christian Str&ouml;bele wollen wir die anwaltlichen wie politischen Leistungen unseres Preistr&auml;gers w&uuml;rdigen: als Demokrat, als parlamentarischer Aufkl&auml;rer und Kontrolleur wie als friedenspolitische Stimme.<\/p>\n<p>Was uns als Humanistische Union am politischen Wirken von H.C.S. in besonderer Weise beeindruckt hat, darf ich Ihnen vortragen. Wir freuen uns au&szlig;erordentlich, dass wir f&uuml;r den zweiten Teil, das anwaltliche Wirken, Klaus Eschen gewinnen konnten. Er begr&uuml;ndete mit Hans-Christian Str&ouml;bele, Horst Mahler und Ulrich K. Preu&szlig; im Mai 1969 das &bdquo;Sozialistische Anwalt-Kollektiv&ldquo; und wei&szlig; die anwaltlichen Leistungen unseres Preistr&auml;gers zu w&uuml;rdigen wie kaum ein Zweiter.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"der-demokrat\">Der Demokrat<\/span><\/h2>\n<p>Sie waren insgesamt 23 Jahre lang Mitglied des Deutschen Bundestages: zun&auml;chst von 1985 bis 1987 in Bonn, und von 1998 bis 2017 in Berlin. Von Hause aus Innen- und Rechtspolitiker arbeiteten Sie in zahlreichen parlamentarischen Gremien mit, nicht nur im Innen- und Rechtsausschuss, sondern auch dem Ausw&auml;rtigen Ausschuss und (was oft &uuml;bersehen wird) dem Entwicklungsausschuss sowie in mehreren Parlamentarischen Untersuchungsaussch&uuml;ssen &ndash; worauf ich gleich zur&uuml;ckkomme.<\/p>\n<p>Ohne &Uuml;bertreibung darf man in Ihnen einen der markantesten Abgeordneten des Deutschen Bundestages sehen. Dazu geh&ouml;rt Ihr Auftreten auch au&szlig;erhalb des Parlaments: Ihre Pr&auml;senz im Wahlkreis Friedrichshain-Kreuzberg Prenzlauer Berg Ost, das obligatorische Fahrrad, der rote Schal, vor allem aber der vier Mal direkt gewonnene Wahlkreis mit einer meist doppelt so hohen Stimmenzahl wie ihre eigene Partei zeigen, dass es sich um einen popul&auml;ren Mandatstr&auml;ger mit besonderer Bindung an seine W&auml;hlerinnen und W&auml;hler handelt (wie auch heute Abend zu sehen).<\/p>\n<p>Einer der elementarsten Ausdr&uuml;cke der Demokratie ist die F&auml;higkeit, seine Meinung, seinen Protest auf die Stra&szlig;e zu tragen. In ihren vielf&auml;ltigen Formen sind &ouml;ffentliche Versammlungen unter freiem Himmel, so schrieben Sie einmal, &bdquo;<i>lebendiges Korrektiv zum erstarrten parlamentarischen System<\/i>.&ldquo; Vor der Erstarrung brauchten Sie sich nicht zu f&uuml;rchten: Sie haben sich in besonderer Weise darum bem&uuml;ht, das vielleicht vornehmste Grundrecht der Versammlungsfreiheit zu hegen und zu pflegen. Denn Sie sind das beste Beispiel daf&uuml;r, dass sich dieses Grundrecht am wirksamsten verteidigen l&auml;sst, indem man davon regen Gebrauch macht.<\/p>\n<p>Gab es in Berlin wirklich eine linke Demo ohne Sie? Dabei waren Ihre Aktivit&auml;ten keineswegs nur auf die Stadt oder auf eigene, linke Anliegen beschr&auml;nkt: Als im vergangenen Jahr die Hamburger Polizei die zentrale Gegendemonstration gegen den G20-Gipfel schon nach wenigen Metern gewaltsam aufl&ouml;sten, waren Sie nicht nur vor Ort, sondern geh&ouml;rten anschlie&szlig;end auch zu den ersten, die sich um eine sachliche Aufkl&auml;rung des Eskalationsgeschehens bem&uuml;hten, als viele Gr&uuml;ne noch erkennbar mit ihrer Rolle als Koalitionspartner haderten.<\/p>\n<p>Als die AfD vor zwei Wochen in Berlin aufmarschierte und von vielen Tausend Gegendemonstrant*innen begleitet wurde, standen Sie wieder in der vordersten Reihe.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"der-parlamentarische-aufklaerer\">Der parla&shy;men&shy;ta&shy;ri&shy;sche Aufkl&auml;rer<\/span><\/h2>\n<p>Der Name H.C.S. steht in besonderer Weise f&uuml;r ein weiteres Identit&auml;tsmerkmal der parlamentarischen Demokratie: das Aufkl&auml;rungs- und Kontrollrecht des Parlaments, das sich vor allem in den parlamentarischen Untersuchungsaussch&uuml;ssen manifestiert. Sie haben als Abgeordneter an insgesamt f&uuml;nf solchen Aussch&uuml;ssen teilgenommen &ndash; allein diese Zahl ist schon rekordverd&auml;chtig: In Ihrem ersten Untersuchungsausschuss &ndash; in der 10. Wahlperiode (1985\/86) &ndash; deckten Sie u.a. mit auf, wie der Verfassungsschutz vom damaligen BMI-Staatssekret&auml;r Spranger als Wahlkampfhelfer gegen die Gr&uuml;nen benutzt wurde, indem etwa ein Dossier &uuml;ber ihren Parteikollegen Otto Schily angefordert wurde. Dass das Bem&uuml;hen um Aufkl&auml;rung im parlamentarischen Alltag schnell in einer Schlammschlacht nach dem Motto &bdquo;Wie Du mir, so ich Dir &#8230;&ldquo; zu versinken droht, erkannten Sie bereits beim ersten Mal, nachzulesen in Ihrem Sondervotum von 1986. Diese Einsicht best&auml;tigte sich vollends in ihrem zweiten Untersuchungsausschuss zur CDU-Spendenaff&auml;re unter Helmut Kohl (14. Wahlperiode). Hier konnten Sie in z&auml;her Flei&szlig;arbeit die jahrzehntelangen illegalen Geldfl&uuml;sse innerhalb der CDU rekonstruieren &ndash; die sich zugleich alle M&uuml;he gab, auch der SPD illegale Parteienfinanzierungen nachzuweisen. Obwohl dieser Ausschuss vor mittlerweile 16 Jahren beendet wurde, ist f&uuml;r Sie &ndash; wie wir geh&ouml;rt haben &ndash; das Thema noch nicht abgehakt: zwar wurden die Finanztransfers und ihr m&ouml;glicher Einfluss auf politische Entscheidungen der Bundesregierung ausgewertet &ndash; welche Rolle diese Gelder aber im innerparteilichen Machtkampf spielten, das wollen Sie noch einmal aufarbeiten. Wir sind gespannt auf Ihr dazu angek&uuml;ndigtes Buch.<\/p>\n<p>Es folgten weitere Untersuchungsaussch&uuml;sse zur Verstrickung des BND in die Renditions und Folterpraktiken amerikanischer Sicherheitsbeh&ouml;rden im Anti-Terror-Kampf (2006-2009), bei dem sich auch herausstellte, dass Deutschland zumindest indirekt (durch die im Irak ans&auml;ssigen BND-Mitarbeiter) und entgegen aller &ouml;ffentlichen politischen Beteuerungen am Irakkrieg beteiligt war.<\/p>\n<p>Weitere Aussch&uuml;sse befassten sich mit dem systematischen Versagen von Verfassungsschutz und Polizeibeh&ouml;rden bei der Aufkl&auml;rung der NSU-Mordserie (2012\/13) und den von Edward Snowden aufgedeckten geheimdienstlichen &Uuml;berwachungsprogrammen der NSA und der Mitwirkung des BND daran (2014-2017). Welche &uuml;berraschenden, aber auch erschreckenden Einsichten die Arbeit solcher Untersuchungsaussch&uuml;sse hervorbringt, zeigt gerade der letzte Fall, der NSA-Ausschuss. In welchem Ausma&szlig; westliche Geheimdienste die digitale Kommunikation &uuml;berwachen, wie geschickt sie dabei zusammen arbeiteten, um nationale H&uuml;rden zu umgehen, und mit welchen sprachlichen und juristischen Tricksereien sie ihr Tun jahrelang gegen&uuml;ber Kontrollgremien, Parlament und &Ouml;ffentlichkeit verschleierten &ndash; das konnte sich im Vorfeld kaum jemand vorstellen und das haben wir alle im Laufe dieses Ausschusses lernen m&uuml;ssen.<\/p>\n<p>Es gibt heute wohl keinen Bundestagsabgeordneten, der in Untersuchungsaussch&uuml;ssen so viel zur Aufkl&auml;rung politischer Missst&auml;nde beigetragen hat wie Sie, Herr Str&ouml;bele. Gerade in Zeiten der Politikverdrossenheit, wo manche meinen, <i>&sbquo;die stecken doch eh alle unter einer Decke&lsquo;<\/i>, sind Sie das Vorbild, dass es auch anders geht; dass sich Abgeordnete ernsthaft und redlich um die Aufkl&auml;rung systematischer Vers&auml;umnisse, Fehlentwicklungen und von Machtmissbrauch bem&uuml;hen. Und allen hier Anwesenden kann ich nur empfehlen, sich einmal die Ergebnisse dieser Arbeit genauer anzuschauen, denn in ihnen zeigen sich der n&uuml;chterne Flei&szlig; und die Raffinesse des Aufkl&auml;rers Str&ouml;bele: In den Zeugenbefragungen konnte der Anwalt, versiert darin, aus den Ungereimtheiten und Widerspr&uuml;chen in Akten die richtigen Schl&uuml;sse zu ziehen, mit dem feinen Florett seiner Fragetechniken die ausgebufftesten Politiker ins Straucheln bringen.<\/p>\n<p>Str&ouml;beles geistesgegenw&auml;rtige Zwischenrufe und seine die Befragten nervende Z&auml;higkeit haben die Grauzone von L&uuml;ge und Wahrheit manchmal schlaglichtartig aufgehellt. Ich erinnere nur an den ber&uuml;hmten Zwischenruf &bdquo;<i>Mit oder ohne Koffer<\/i>?&ldquo;- als Sch&auml;uble von seiner Begegnung mit dem Waffen-Lobbyisten Schreiber berichtete. Die von Str&ouml;bele provozierte Spontanantwort Sch&auml;ubles &bdquo;<i>ohne Koffer<\/i>&ldquo; hat sich sp&auml;ter als L&uuml;ge erwiesen. Sch&auml;uble hatte von Schreiber 100.000 DM in bar erhalten.<\/p>\n<p>Ebenso ist Str&ouml;beles Befragung Helmut Kohls im UA zur Spendenaff&auml;re am 6. Juli 2000 ein wahrer Lesegenuss. Als Kohl schon meinte, alles sei vor&uuml;ber, fragte Str&ouml;bele: <i>&bdquo;Herr Dr. Kohl, haben Sie den Leuten, die ihnen das Geld &uuml;berbracht haben, eine Quittung gegeben?&ldquo; <\/i>Kohls angewiderte Reaktion: Alles weitere dazu im Ermittlungsverfahren in Bonn. Punkt.<\/p>\n<p>Im von Str&ouml;bele mitverfassten 900-Seiten-Bericht des Ausschusses zur Spendenaff&auml;re wird die Vermutung ge&auml;u&szlig;ert, dass Kohl sein Ehrenwort und die r&auml;tselhaften Spender wahrscheinlich &bdquo;frei erfunden&ldquo; hat. Die Spenden-Legende sei wohl eine Nebelkerze, um den gr&ouml;&szlig;eren Skandal zu verdecken: n&auml;mlich, dass sich Kohl vermutlich schon seit 1982 aus den schwarzen Kassen in Liechtenstein und der Schweiz bediente.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"der-geheimdienst-kontrolleur-und-kritiker\">Der Geheim&shy;dienst-&shy;Kon&shy;trol&shy;leur und -Kritiker<\/span><\/h2>\n<p>Wenn es ein zweites Thema gibt, mit dem Sie die politische Kultur der vergangenen Jahrzehnte entscheidend gepr&auml;gt haben, dann ist es die parlamentarische Kontrolle der Geheimdienste &ndash; bzw. von dem, was unter dieser &Uuml;berschrift stattfindet. Sie geh&ouml;rten seit 2002 bis Anfang dieses Jahres dem Parlamentarischen Kontrollgremium des Deutschen Bundestags an, einem kleinen Ausschuss mit derzeit 9 Mitgliedern, der die Arbeit aller Geheimdienste des Bundes und deren Steuerung und Aufsicht durch die Bundesregierung kontrollieren soll.<\/p>\n<p>Diese Aufgabe ist &ndash; aus politischer Sicht &ndash; einer der undankbarsten Jobs, die es im Parlament zu vergeben gibt: Es ist das Schicksal dieses Gremiums, dass es die meisten Informationen und Skandale erst im Nachhinein, aus den Medien, statt von den zu Kontrollierenden erf&auml;hrt; das bisschen, was die Abgeordneten dort erfahren, unterliegt in weiten Teilen der Geheimhaltung; selbst in ihren politischen Stellungnahmen und Bewertungen sind sie stark eingeschr&auml;nkt.<\/p>\n<p>Trotz dieser Widrigkeiten ist es Ihnen immer wieder gelungen, etwas Licht in das geheimdienstliche Dunkelfeld zu bringen &ndash; zuletzt etwa, als Sie die umfangreichen Ermittlungen gegen den sp&auml;teren Attent&auml;ter vom Breitscheidplatz untersuchten und feststellen mussten, dass er seine Absichten lange vorher kundgetan hatte, die den Beh&ouml;rden auch bekannt waren; oder als sie den Einsatz sogenannter Selektoren bei der Kommunikations&uuml;berwachung durch den BND untersuchten. H.C.S. hat hier geschafft was, kaum einem anderen Geheimdienstkritiker gelungen ist: Durch sein akribisches Aktenstudium, seine langj&auml;hrigen Erfahrungen, seine stets an der Sache orientierte Arbeit wurde er &ndash; bei allen Meinungsverschiedenheiten &ndash; auch von seinen politischen Gegnern hoch gesch&auml;tzt. Bis ins Bundeskanzleramt war anerkannt, dass eine von Str&ouml;bele abgegebene Einsch&auml;tzung nicht blo&szlig; politische Meinung war, sondern auf profunder Sachkenntnis beruht.<\/p>\n<p>Wenn es also jemanden in diesem Land gibt, der &uuml;ber die Schattenseiten der bundesdeutschen Demokratie, &uuml;ber die Missst&auml;nde, Rechtsbr&uuml;che und Skandale der Geheimdienste etwas wei&szlig; &ndash; dann ist es zweifelsohne H.C.S. Doch nicht allein dieses Wissen (das sich quasi von Berufs wegen einstellt, wenn man so lange in Untersuchungsaussch&uuml;ssen und im PKGR t&auml;tig ist) ist auszeichnungsw&uuml;rdig, sondern der Umstand, dass sich Str&ouml;bele von diesem Wissen nicht hat korrumpieren lassen. Denn in jedem Mit-Wissen liegt auch ein Potenzial, dazu geh&ouml;ren zu wollen. H.C.S. ist es gelungen, sich &uuml;ber die vielen Jahre seiner intensiven Besch&auml;ftigung mit den Geheimdiensten hinweg eine kritische Haltung zu bewahren, etwa zum Verfassungsschutz. Dies sch&auml;tzen wir als B&uuml;rgerrechtsorganisation umso mehr, teilen wir doch die Einsch&auml;tzung, dass eine Abschaffung des Verfassungsschutzes in seiner bisherigen Form eher ein Gewinn denn ein Verlust f&uuml;r unsere Gesellschaft w&auml;re.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"der-querkopf\">Der Querkopf<\/span><\/h2>\n<p>So wichtig Ihre Rolle als Demokrat, Aufkl&auml;rer und Kontrolleur innerhalb wie au&szlig;erhalb des Parlaments auch war &ndash; es w&auml;re unzul&auml;ssig verk&uuml;rzt, stellten wir nicht auch das Engagement des Preistr&auml;gers f&uuml;r die Gr&uuml;nen, mit den Gr&uuml;nen und gegen die Gr&uuml;nen heraus. Als Mitglied des Sozialistischen Anwaltsb&uuml;ros, als Mitbegr&uuml;nder der Berliner Alternativen Liste f&uuml;r Demokratie und Umweltschutz, des sp&auml;teren Berliner Landesverbandes der Gr&uuml;nen; als Mitbegr&uuml;nder, gelegentlicher Autor und juristischer Berater des einzigartigen Medienprojektes taz; aber auch als Verhandler f&uuml;r die erste rot-gr&uuml;ne Koalition in Berlin sind Sie unzweifelhaft eine der zentralen Figuren des 68er Aufbruchs in unserem Land.<\/p>\n<p>Dabei ist Ihnen das Kunstst&uuml;ck gelungen, sich nie von dieser Bewegung und den sich darbietenden M&ouml;glichkeiten vereinnahmen zu lassen. Ihre Eigenst&auml;ndigkeit bewiesen Sie von Anfang an: zwar geh&ouml;ren Sie zu den Mitorganisatoren und Mitbegr&uuml;ndern der AL &ndash; aber scheuten zun&auml;chst die Mitgliedschaft in der AL, denn noch war f&uuml;r Sie offen, wie stark der Einfluss der KPD\/AO sein w&uuml;rde.<\/p>\n<p>Dass sich ein freies Mandat, die Mitgliedschaft in Partei wie Fraktion und eigenst&auml;ndige Positionen keineswegs ausschlie&szlig;en, haben Sie im Laufe ihrer Abgeordnetenzeit zigfach unter Beweis gestellt: Sie waren oft in Distanz zur Mehrheit Ihrer Partei: sei es beim Staatsvertrag &uuml;ber die W&auml;hrungs-, Wirtschafts- und Sozialunion oder in der Frage des EMS-Rettungsfonds f&uuml;r die Banken und den Fiskalpakt.<\/p>\n<p>Wie sehr Sie die Fairness &uuml;ber das Parteiwohl stellen, bewiesen Sie auch im deutsch-deutschen Vereinigungsprozess der gr&uuml;nen Partei mit Teilen der DDR-B&uuml;rgerbewegung. Sie hielten sich zur&uuml;ck, als andere &bdquo;freundliche &Uuml;bernahme-Angebote&ldquo; unterbreiteten und erstritten f&uuml;r die erste gesamtdeutsche Wahl 1990 vor dem Bundesverfassungsgericht die Regelung, dass West- und Ostdeutschland als getrennte Wahlgebiete behandelt wurden. Das kam nach dem Wahldebakel der Gr&uuml;nen bei der Bundestagswahl zumindest einigen ostdeutschen B&uuml;rgerbewegten zugute, die als kleine Gruppe in den Bundestag einzogen, w&auml;hrend die Gr&uuml;nen rausflogen.<\/p>\n<p>Ihren politischen Eigensinn bewahrten Sie sich auch, als sie l&auml;ngst zur gr&uuml;nen Prominenz geh&ouml;rten: In die kurze Phase ihres Sprecheramts bei der Gr&uuml;nen Partei fiel jenes verh&auml;ngnisvolle Interview mit Hendryk M. Broder, in dem sie sich zur vermeintlichen Mitverantwortung der Israelis f&uuml;r die Eskalation des Nahost-Konflikts und die irakische Raketenbedrohung &auml;u&szlig;erten. Sie hatten offensichtlich untersch&auml;tzt, welche Wirkung ihre Worte vor Ort haben &ndash; der Besuch in Israel musste vorzeitig abgebrochen werden. Sie zogen rasch die Konsequenz und traten vom Sprecheramt f&uuml;r die Gr&uuml;nen zur&uuml;ck.<\/p>\n<p>Auch bei moralisch weniger anspruchsvollen Themen haben Sie Ihren Anh&auml;ngern einiges zugemutet: Obwohl Sie famili&auml;r bedingt relativ fr&uuml;h mit der deutschen Fu&szlig;ballnationalmannschaft in Kontakt kamen &ndash; Ihr Onkel Herbert Zimmermann kommentierte das legend&auml;re Fu&szlig;ball-WM-Endspiel von 1954 Deutschland gegen Ungarn im Radio; Sie konnten als Junge Fritz Walter und einige seiner Mitspieler kennenlernen &ndash; Sie &auml;u&szlig;erten sich aber skeptisch gegen&uuml;ber den schwarz-rot-goldenen Aufwallungen bei der Fu&szlig;ball-WM 2006 hierzulande, die in Ihren Augen eine neue Stufe des Nationalismus einl&auml;uteten. Das mag manche Fu&szlig;ballfreunde unter Ihren Anh&auml;ngern irritiert haben &ndash; aber auch das ist &bdquo;typisch Str&ouml;bele&ldquo;.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"die-friedenspolitische-stimme\">Die friedens&shy;po&shy;li&shy;ti&shy;sche Stimme<\/span><\/h2>\n<p>H.C.S. politischer Eigensinn tritt am deutlichsten in einem weiteren Politikfeld hervor, mit dem ich zum letzten Grund unserer Preisentscheidung komme: seiner friedenspolitischen Aufrichtigkeit. Sie haben Ihre friedenspolitischen &Uuml;berzeugungen selbst einmal als den gr&ouml;&szlig;ten Konflikt beschrieben, den Sie mit Ihrer Partei auszutragen hatten. Die darin liegende Spannung kommt hervorragend in Ihrem vielzitierten Wahlkampfslogan von 2002 zum Ausdruck: &bdquo;Str&ouml;bele w&auml;hlen, hei&szlig;t Fischer qu&auml;len.&ldquo; Denn es war die gr&uuml;ne Partei unter der F&uuml;hrung ihres Au&szlig;enministers, die sich innerhalb weniger Jahre von der Partei der Wehrdienstverweigerer zu den Wortf&uuml;hrern einer &bdquo;<i>Resonsibilty to protect<\/i>&ldquo; entwickelte.<\/p>\n<p>Der Name Str&ouml;bele ist engstens mit der Friedensstaatlichkeit des Grundgesetzes verbunden. Ihr &bdquo;Nein&ldquo; zu fast allen Auslandseins&auml;tzen der Bundeswehr war Garant gegen die weitere Erosion des Verteidigungsbegriffes des Grundgesetzes, wie sie nach der deutschen Einheit von der Politik und vom Bundesverfassungsgericht in seinen Entscheidungen zu Auslandseins&auml;tzen betrieben wurde.<\/p>\n<p>Der Abnick-Automatik der Mehrheit des Deutschen Bundestages bei Antr&auml;gen der Bundesregierung f&uuml;r Auslandseins&auml;tze setzten Sie unbeirrt Ihr &bdquo;Nein&ldquo; entgegen. Nicht weil Sie Pazifist sind, sondern weil Sie tiefste und begr&uuml;ndete Skepsis gegen&uuml;ber den vollmundigen Erfolgsgeschichten des Verteidigungsministeriums und des Ausw&auml;rtigen Amtes beispielsweise beim Afghanistan-Einsatz hatten. Wir haben vor Augen, welcher Druck angeblicher Mitverantwortung vor solchen Entscheidungen aufgebaut wurde, wie die milit&auml;rischen Eins&auml;tze als pr&auml;zise chirurgische Eingriffe verharmlost wurden, wie alternativlos die milit&auml;rische Friedenserzwingung sei &hellip; Dass Sie all dem stand gehalten haben, dass Sie das Eskalations- und Verselbst&auml;ndigungspotenzial solcher Milit&auml;reins&auml;tze immer mitbedacht haben, zeichnet Sie in besonderer Weise aus. Ihre spontane Rede im Bundestag am ersten Tag des NATO-Einsatzes im Kosovo zeigt eindrucksvoll, wie friedenspolitische Verantwortung gelebt werden kann.<\/p>\n<p>Um es ganz klar zu sagen: Ihr politischer wie menschlicher Eigensinn ist mehr als nur ein pers&ouml;nliches Markenzeichen, nicht nur Ihr individuelles Alleinstellungsmerkmal, mit dem Sie sich von anderen innerparteilichen Mitbewerbern absetzen k&ouml;nnen. Sie haben dazu beigetragen, dass viele Menschen die Hoffnung in die gr&uuml;n-alternative Bewegung nicht aufgegeben haben. Ihr klarer Blick hat uns manche kritische Reflexion auf die Leer- und Fehlstellen des gr&uuml;n-alternativen Projektes beschert. Insofern freuen wir uns auch auf ein zweites von Ihnen angek&uuml;ndigtes Buchvorhaben zur APO und der RAF, in dem Sie uns einen unverstellten Blick auf die APO-Zeit versprochen haben. Wir sind gespannt.<\/p>\n<p>Meine Damen und Herren, dass sich unser heutiger Preistr&auml;ger im Sinne Fritz Bauers f&uuml;r die Demokratisierung, Liberalisierung und Humanisierung der Rechtsordnung in besonderer Weise eingesetzt hat, d&uuml;rfte nach dem bisher Gesagten auf der Hand liegen. Dabei habe ich vieles von dem, wof&uuml;r H.C.S. in den letzten Jahren auch politisch einstand, noch gar nicht erw&auml;hnt: dass Sie sich beispielsweise gegen zahlreiche &Uuml;berwachungsma&szlig;nahmen wie den Gro&szlig;en Lauschangriff, die Vorratsdatenspeicherung oder die Online-Durchsuchung engagiert haben, versteht sich fast von selbst; aber auch ihr Engagement gegen die Kriminalisierung von Graffiti-Sprayern oder Hausbesetzern sowie von Cannabis-Konsumenten geh&ouml;ren dazu.<\/p>\n<p>In Ihrem Einsatz gegen die Abschiebehaft von unschuldigen, allein ausreisepflichtigen Asylbewerbern erkennen wir jene Kritik am Einsperren von Menschen wieder, die auch Fritz Bauer Zeit seines Lebens pr&auml;gte. Sie geh&ouml;rten zu den Ersten, die eine Mietpreisbremse forderten. Und &uuml;ber dem innenpolitischen Kleinklein haben Sie zugleich die gro&szlig;en Aufgaben der internationalen Politik nie aus den Augen verloren &ndash; die Fragen einer gerechteren Verteilung des Reichtums, einen fairen Welthandel, das Problem des Klimawandels &ndash; auch weil sie erkannten, dass all dies Ursachen f&uuml;r Konflikte und Kriege sind.<\/p>\n<p>Mit Fritz Bauer teilen sie in gewisser Weise eine weitere pr&auml;gende Erfahrung: die tiefe Verstrickung der Justiz in die NS-Verbrechen sowie die Schwierigkeiten der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft, sich dieser Verantwortung zu stellen. In die Zeit Ihrer juristischen Ausbildung Ende der 1960er Jahre fielen die beiden Verfahren vor dem Berliner Landgericht gegen den ehemaligen Richter des Volksgerichtshofes, Hans-Joachim Rehse. Dieser geh&ouml;rte ab 1934 dem Volksgerichtshof an, legte dort eine steile Karriere hin und wirkte schlie&szlig;lich als beisitzender Richter des 1. Senats u.a. neben Freisler an 231 Todesurteilen mit. Eine erste Verurteilung wegen Rechtsbeugung wurde vom Bundesgerichtshof aufgehoben, Rehse in einem zweiten Verfahren vom Landgericht Berlin schlie&szlig;lich freigesprochen.<\/p>\n<p>Dieser Freispruch hatte es in sich &ndash; er leitete das Ende der strafrechtlichen Verfolgung aller NS-Justizjuristen ein. Den Vorsitzenden des Berliner Schwurgerichts &ndash; Ernst-J&uuml;rgen Oske &ndash; kannten Sie, Herr Str&ouml;bele, nur zu gut &ndash; er war einer ihrer Ausbilder. Oske sprach bei der Urteilsverk&uuml;ndung &ndash; so im Spiegel nachzulesen &ndash; vom &bdquo;<i>Recht des totalit&auml;ren Staates auf Selbstbehauptung<\/i>&ldquo;. Entsprechend lautstark war Ihr Protest gegen dieses Urteil, das alle juristischen Debatten &uuml;ber offensichtlich unverh&auml;ltnism&auml;&szlig;ige Strafen, &uuml;ber Rechtsbeugung, &uuml;ber das Widerstandsrecht beendete. Die Erfahrung, wie stark die bundesdeutsche Justiz in den 1960er Jahren noch personell wie ideologisch mit dem NS-Unrecht verflochten war, war f&uuml;r Sie so offensichtlich wie f&uuml;r Fritz Bauer.<\/p>\n<p>Der Pr&auml;sident des Bundesverfassungsgerichts, Prof. Vo&szlig;kuhle, hat im Vorwort zum Buch von Ronen Steinke &uuml;ber Fritz Bauer festgestellt: <i>&bdquo;Alles Recht ist Menschenwerk, f&uuml;r seine Setzung, seinen Vollzug und seine Auslegung sind immer Menschen verantwortlich. Nie geschieht Recht von selbst. Stets ist es angewiesen auf Pers&ouml;nlichkeiten, die seine Verwirklichung zu ihrer Sache machen.&ldquo;<\/i> Auch in diesem Sinne handelt es sich bei unserem heutigen Preistr&auml;ger um eine herausragende Pers&ouml;nlichkeit. H.C.S. war und ist nie nur einfacher Anwalt, sondern hat sein anwaltliches Tun gleicherma&szlig;en auch als politisches Statement und als menschliche Geste verstanden. Er wollte nicht nur Organ der Rechtspflege sein, vielmehr die Interessen seiner Mandanten umfassend vertreten.&nbsp; Was sein Wirken als Anwalt auszeichnet und welche Konsequenzen das f&uuml;r ihn hatte, dar&uuml;ber wird Ihnen jetzt Klaus Eschen, sein fr&uuml;herer Mitstreiter aus dem Sozialistischen Anwaltskollektiv, N&auml;heres berichten. Ich danke Ihnen f&uuml;r Ihre Aufmerksamkeit.<\/p>\n<p><i>Eine weitere Laudatio von Klaus Eschen, die Rede des Preistr&auml;gers sowie Bilder von der Preisverleihung finden sich im Internet unter <\/i><a href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/shortcuts\/fbp\"><i>http:\/\/humanistische-union.de\/shortcuts\/fbp<\/i><\/a><i>. <\/i><\/p>\n","protected":false},"featured_media":15047,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[139,133],"publikationen":[880],"class_list":["post-8595","publikation","type-publikation","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-sven-lueders","autoren-werner-koep-kerstin","publikationen-880"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Der Demokrat, Aufkl\u00e4rer, Geheimdienstkontrolleur und Friedenspolitiker - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/223\/publikation\/der-demokrat-aufklaerer-geheimdienstkontrolleur-und-friedenspolitiker\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Der Demokrat, Aufkl\u00e4rer, Geheimdienstkontrolleur und Friedenspolitiker - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Laudatio auf Hans-Christian Str&ouml;bele zur Verleihung des Fritz-Bauer-Preises 2018. 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