{"id":8666,"date":"2020-08-12T17:30:00","date_gmt":"2020-08-12T15:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/judith-und-reiner-bernstein-antisemiten\/"},"modified":"2020-08-12T12:00:00","modified_gmt":"2020-08-12T10:00:00","slug":"judith-und-reiner-bernstein-antisemiten","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/242\/publikation\/judith-und-reiner-bernstein-antisemiten\/","title":{"rendered":"Judith und Reiner Bernstein &#8211; Antisemiten?"},"content":{"rendered":"<p>In: Mitteilungen 242 (12\/2020), S. 22 &#8211; 25<\/p>\n<p>Anmerkungen von Prof. Dr. Johannes Feest, Bremen<\/p>\n<p>Im Januar 2018 wurde dem Ehepaar Judith und Reiner\u00a0Bernstein\u00a0der Preis &#8222;Aufrechter Gang&#8220; verliehen. Und zwar f\u00fcr ihr jahrelanges Engagement im Nahost-Friedensprozess (&#132;Genfer Initiative&#147;) und f\u00fcr den Dialog zwischen Israelis und Pal\u00e4stinensern. Aber auch f\u00fcr den Kampf gegen das Verbot der Stolpersteine in M\u00fcnchen.<\/p>\n<p>Die Verleihung dieses Preises hat regelm\u00e4\u00dfig im Kulturzentrum Gasteig stattgefunden, einer GmbH, die zu 100% der Stadtgemeinde M\u00fcnchen geh\u00f6rt. Diesmal musste sie in einem Kino stattfinden, weil die Stadt den Raum verweigerte. &#132;Tolldreist&#147; nannte der Laudator die Begr\u00fcndung, wonach die Preistr\u00e4ger Antisemiten seien (HU-Mitteilungen #236). Dass zwei \u00fcber jeden Antisemitismusverdacht erhabene Personen dennoch so bezeichnet werden k\u00f6nnen, beruht auf der Erfindung des &#132;israelbezogenen Antisemitismus&#147; und einem darauf gest\u00fctzten Stadtratsbeschluss (vgl. Johannes Feest in VORG\u00c4NGE #220, 121 ff). Dagegen l\u00e4uft eine Klage vor den Verwaltungsgerichten. Es besteht Hoffnung, dass das OVG M\u00fcnchen diesem Spuk ein Ende macht.<\/p>\n<p>Leider hat es damit nicht sein Bewenden gehabt. In einem seither erschienenen Buch wird Reiner Bernstein als &#132;neu-deutscher Antisemit&#147; und als &#132;Judenhasser&#147; bezeichnet (Arye Sharuz Shalicar: Der neu-deutsche Antisemit. Berlin\/Leipzig 2018). Man m\u00f6chte meinen, dass man gegen derart grobe Beleidigungen und \u00fcble Nachreden gerichtlichen Rechtsschutz erhalten kann. Nein, sagt die Berliner Justiz, in Gestalt ihrer h\u00f6chsten Instanz: es handle sich &#132;um zul\u00e4ssige Meinungs\u00e4u\u00dferungen, die ungeachtet ihrer teilweise scharfen Polemik die Grenze zur Schm\u00e4hkritik nicht \u00fcberschreiten&#147;( Kammergericht Berlin, 10. Zivilsenat, 19.05.2020 &#150; 10 W 94\/19). Das erinnert an den Fall Renate K\u00fcnast, wo erst die \u00f6ffentliche Diskussion die Berliner Justiz dazu brachte, ihre Einsch\u00e4tzung zu \u00e4ndern. Die \u00f6ffentliche Diskussion \u00fcber Reiner Bernsteins angeblichen Antisemitismus hat mit dem hier abgedruckten Offenen Brief gerade erst begonnen.<\/p>\n<p>Offener Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel.<\/p>\n<blockquote>\n<blockquote>\n<blockquote>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\">Berlin24.Juli 2020<\/p>\n<\/blockquote>\n<\/blockquote>\n<\/blockquote>\n<\/blockquote>\n<p>Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin Merkel,<\/p>\n<p>\u00a0mit diesem Schreiben wenden sich besorgte deutsche und israelische B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger an Sie. Unsere Sorge gilt der drohenden Annexion pal\u00e4stinensischer Gebiete durch Israel sowie dem inflation\u00e4ren, sachlich unbegr\u00fcndeten und gesetzlich unfundierten Gebrauch des Antisemitismus-Begriffs, der auf die Unterdr\u00fcckung legitimer Kritik an der israelischen Regierungspolitik zielt. Unsere Sorge ist besonders gro\u00df da, wo diese Tendenz mit politischer und finanzieller Unterst\u00fctzung des Antisemitismusbeauftragten gef\u00f6rdert wird. Ein Beispiel, welches menschenverachtende Ausma\u00df solche Aktivit\u00e4ten annehmen k\u00f6nnen, ist die F\u00f6rderung der Publikation \u00bbDer neu-deutsche Antisemit\u00ab von Arye Sharuz Shalicar, laut Angaben des Verlags seit 2017 Direktor f\u00fcr Ausw\u00e4rtige Angelegenheiten im Ministerium f\u00fcr Nachrichtendienste im B\u00fcro des israelischen Ministerpr\u00e4sidenten, und dessen anschlie\u00dfende Vortragsreise durch deutsche St\u00e4dte. In diesem 2018 im Verlag Hentrich &#038;Hentrich erschienenen Buch wird der Historiker und Publizist Dr. Reiner Bernstein als Antisemit geschm\u00e4ht. Seit Jahrzehnten setzt sich Reiner Bernstein unerm\u00fcdlich f\u00fcr eine gerechte und gewaltfreie L\u00f6sung des Israel-Pal\u00e4stina Konflikts ein, z. B. im Rahmen der Genfer Friedensinitiative(2003). Dass gerade ein sorgf\u00e4ltig differenzierender Historiker auf diese Weise verunglimpft wird, zeigt paradigmatisch die zunehmend auch in Deutschland wirksame Strategie der israelischen Regierung, jegliche Kritik der v\u00f6lkerrechtswidrigen Besatzungs- und Siedlungspolitik als antiisraelisch und antisemitisch zu brandmarken. Reiner Bernsteins Engagement, der, anders als von Shalicar behauptet, kein Jude ist, gr\u00fcndet in seiner historischen Verantwortung als Deutscher. Mit seiner ethischen Haltung steht er dar\u00fcber hinaus in einer knapp hundertj\u00e4hrigen Tradition der Bem\u00fchungen um eine gerechte L\u00f6sung f\u00fcr den j\u00fcdisch-arabischen bzw. israelisch-pal\u00e4stinensischen Konflikt, wie sie bereits in den 1920er Jahren von Mitgliedern von Brit-Shalom (Friedensbund) entworfen wurde. Zu den Mitgliedern von Brit-Shalom geh\u00f6rten auch Martin Buber und Gershom S cholem. Die Hoffnung auf Frieden blieb bis zur Ermordung Jitzchak Rabins ein zentrales Anliegen der israelischen Gesellschaft und Politik. Ermordet wurde Rabin von einem Einzelt\u00e4ter, dessen politische Haltung seither immer wirkungsm\u00e4chtiger geworden ist und heute wesentliche Z\u00fcge der israelischen Regierungspolitik zu bestimmen scheint. Wir fragen uns, welchen Kr\u00e4ften im heutigen Israel die Unterst\u00fctzung der Bundesregierung gilt. Mit der F\u00f6rderung zweifelhafter Publikationen, deren aggressiv-populistische Machart nicht faktengest\u00fctzt ist, wird jedenfalls geduldet, dass Stimmen des Friedens und des Dialogs diffamiert und mundtot gemacht werden sollen. Frieden kann nur durch gegenseitigen Respekt erreicht werden. Wo kritischer Dialog notwendiger denn je ist, schafft die missbr\u00e4uchliche Verwendung des Antisemitismusvorwurfs zunehmend auch in Deutschland eine Stimmung der Brandmarkung, Einsch\u00fcchterung und Angst. In dieser Atmosph\u00e4re wundert es nicht, dass das Berliner Kammergericht Bernsteins Klage gegen seine Verleumdung zur\u00fcckgewiesen hat. Mit der Unterst\u00fctzung rechtspopulistischer israelischer Stimmen lenkt der Beauftragte der Bundesregierung gegen Antisemitismus die Aufmerksamkeit von realen antisemitischen Gesinnungen und Ausschreitungen ab, die j\u00fcdisches Leben in Deutschland tats\u00e4chlich gef\u00e4hrden. Mit der EU-Ratspr\u00e4sidentschaft und dem Vorsitz im UN-Sicherheitsrat der Vereinten Nationen kommt Deutschland aktuell eine besondere Verantwortung zu. Wesenskern deutscher Staatsraison ist auch und vor allem die Verpflichtung gegen\u00fcber den universellen Menschenrechten und dem V\u00f6lkerrecht. Die Sicherheit Israels kann nur im Einklang mit diesen dauerhaft sein. Wir erwarten, dass die Bundesregierung ihre Verantwortung im Sinn der Friedenskr\u00e4fte wahrnehmen wird, die immer schon Teil der j\u00fcdischen Gemeinschaft waren und sind. Wir erwarten eine entschiedene Bek\u00e4mpfung des Antisemitismus dort, wo er sich tats\u00e4chlich manifestiert. Wir erwarten den konsequenten Schutz der Meinungs- und Versammlungsfreiheit, um im \u00f6ffentlichen Diskurs kontrovers \u00fcber die L\u00f6sung des israelisch-pal\u00e4stinensischen Konflikts diskutieren zu k\u00f6nnen. Und Wir erwarten nicht zuletzt eine entschlossene Initiative der Bundesregierung und der Europ\u00e4ischen Union, um die drohende, v\u00f6lkerrechtswidrige Annexion pal\u00e4stinensischer Gebiete durch Israel zu verhindern und der israelischen und der pal\u00e4stinensischen Seite die R\u00fcckkehr an den Verhandlungstisch zu erm\u00f6glichen. Mit freundlichen Gr\u00fc\u00dfen<\/p>\n<p><i>Prof. Dr. Katajun Amirpur, K\u00f6ln; Dr. Gabriele von Arnim, Berlin; Prof. Dr. Dieter Becker, Bielefeld; PD Dr. Johannes M. Becker, Marburg; Katja Behrens, Darmstadt; Prof. Dr. Wolfgang Benz, Berlin; J\u00f6rn B\u00f6hme, Berlin; Prof. Dr. Lorenz B\u00f6llinger, Bremen; Fred Breinersdorfer, Berlin; Prof. Dr. Micha Brumlik, Berlin; Prof. Dr. Jose Brunner, Tel Aviv; Prof. Dr. Naomi Chazan, Jerusalem; Prof. Dr. Johannes Feest, Bremen; Prof. Dr. Rivka Feldhay, Jerusalem; Prof. Dr. Josef Freise, Neuwied; Prof. Dr. Gideon Freudenthal, Jerusalem; Prof. Dr. Efrat Gal-Ed, K\u00f6ln; Prof. Dr. Amos Goldberg, Jerusalem;\u00a0Ran HaCohen, Tel Aviv; Dr. Illana Hammerman, Jerusalem; Gert Heidenreich, Seefeld; Christoph Hein, Havelberg; Michal Kaiser-Livne, Berlin; Wolfgang Killinger, Gauting; Dr. Tanja Kinkel, M\u00fcnchen; Prof. Dr. Menachem Klein, Jerusalem; Dr. Annelen Kranefuss, K\u00f6ln; Ursula Krechel, Berlin; Michael Kr\u00fcger, M\u00fcnchen; Prof. Dr. Karin Kulow, Berlin; Dr. Ulrich Kusche, G\u00f6ttingen; Andreas Lesser, M\u00fcnchen; Dr. Meir Margalit, Jerusalem; Prof. Dr. Thomas Metzinger, Mainz; Brian Michaels, Bonn; Edith M\u00fcller, Berlin; Sten Nadolny, Berlin; Norbert Niemann, M\u00fcnchen; Prof. Dr. Fania Oz-Salzberger, Haifa; Rainer Ratmann, H\u00fcnstetten; Prof. Dr. Klaus Reichert, Frankfurt; Edgar Reitz, M\u00fcnchen; Prof. Dr. Luise Reddemann, K\u00f6ln; Anatol Regnier, M\u00fcnchen; Prof. Dr. Sebastian Scheerer, Hamburg; Dr. phil. habil. Claudia Schm\u00f6lders, Berlin; Ingo Schulze, Berlin; Alexandra Senfft, Fuchstal; Prof. Dr. Galili Shahar, Tel Aviv; Volker Skierka, Hamburg; Dr. Tilman Spengler, M\u00fcnchen; Prof. Klaus Staeck, Heidelberg; Christian Sterzing, Edenkoben; Johano Strasser, Berg (Starnberger See); Barbara Unm\u00fcssig, Berlin; Prof. Dr. Rolf Verleger, L\u00fcbeck; Prof. Dr. Wilhelm Vo\u00dfkamp, K\u00f6ln; Dr. Ofer Waldman, Berlin \/ Kiryat; TivonHans Well, &#132;Wellbappn&#147;, T\u00fcrkenfeld; Friedrich Wolf, K\u00f6ln; Prof. Dr. Moshe Zimmermann, Jerusalem; Rainer Zimmer-Winkel, Berlin; Prof. Dr. Moshe Zuckermann, Tel Aviv; Nachtr\u00e4glich haben unterzeichnet: Prof. Dr. Aleida Assmann, Konstanz; Prof. Dr. Jan Assmann, Konstanz; Prof. Dr. Gert Krell, Hofheim \/ Ts. (Stand 26. Juli 2020).<\/i><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[],"autoren":[220],"publikationen":[894],"class_list":["post-8666","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","autoren-johannes-feest","publikationen-894"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Judith und Reiner Bernstein - Antisemiten? - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/242\/publikation\/judith-und-reiner-bernstein-antisemiten\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Judith und Reiner Bernstein - Antisemiten? - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"In: Mitteilungen 242 (12\/2020), S. 22 &#8211; 25 Anmerkungen von Prof. Dr. Johannes Feest, Bremen Im Januar 2018 wurde dem Ehepaar Judith und Reiner\u00a0Bernstein\u00a0der Preis &#8222;Aufrechter Gang&#8220; verliehen. 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