{"id":8698,"date":"2019-12-04T16:05:00","date_gmt":"2019-12-04T15:05:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/die-menschenwuerde-doch-antastbar\/"},"modified":"2021-08-30T15:43:13","modified_gmt":"2021-08-30T13:43:13","slug":"die-menschenwuerde-doch-antastbar","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/240\/publikation\/die-menschenwuerde-doch-antastbar\/","title":{"rendered":"Die Menschenw\u00fcrde, doch antastbar"},"content":{"rendered":"<p>In: Mitteilungen 240 (3\/2019), S. 6-9<\/p>\n<p>Es ist schon erstaunlich, mit welcher Schnelligkeit und Leichtigkeit &uuml;ber das j&uuml;ngste Urteil des Bundesverfassungsgerichts zu den Sanktionen in der Grundsicherung (volkst&uuml;mlich Hartz IV genannt) hinweggegangen und hinweggeschrieben worden ist. &#8222;Breite Zustimmung&#8220; titelt &#8222;Zeit Online&#8220; kurz nach der Verk&uuml;ndung am 5. November. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) spricht von einem &#8222;sehr weisen&#8220; und &#8222;ausgewogenen&#8220; Urteil, das &#8222;eine Chance auf gesellschaftliche Befriedung&#8220; biete und Rechtssicherheit in der 15-j&auml;hrigen Debatte. Wenn er sich da nicht t&auml;uscht.<br \/>So empfiehlt sich ein genauer Blick in das Urteil 1 BvL 7\/16 und seine beiden Vorg&auml;nger-Urteile aus dem Jahr 2010 und 2012. Alle drei Urteile f&auml;llte der 1. Senat, der &uuml;ber die Grundrechte wacht. Vor neun Jahren ging es um das Geld in der Grundsicherung, zwei Jahre sp&auml;ter um die Frage, was Asylbewerbern zusteht. Nun im, dritten Urteil, um die Strafen, wenn sich Arbeitslose verweigern, zumutbare Arbeit oder andere Angebote der Jobcenter anzunehmen. Die Richterinnen und Richter haben inzwischen gewechselt: Nur noch ein Richter, Johannes Masing, war an allen drei Urteilen beteiligt. Zumindest er h&auml;tte sich an dem einstimmigen Urteil nicht beteiligen und in einem Sondervotum auf einen Widerspruch hinweisen sollen: Denn in seiner nun fast zehnj&auml;hrigen Rechtsprechung verf&auml;ngt sich das h&ouml;chste Gericht in seiner eigenen Setzung zur unantastbaren Menschenw&uuml;rde.<br \/>So las sich in dem Urteil vom 9. Februar 2010 im ersten Leitsatz in aller Deutlichkeit und Klarheit: &#8222;Das Grundrecht auf Gew&auml;hrleistung eines menschenw&uuml;rdigen Existenzminimums aus Art.1 GG in Verbindung mit dem Sozialstaatsprinzip des Art. 20 Abs. 1 GG sichert jedem Hilfebed&uuml;rftigen diejenigen materiellen Voraussetzungen zu, die f&uuml;r seine physische Existenz und f&uuml;r ein Mindestma&szlig; an Teilhabe am gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Leben unerl&auml;sslich sind.&#8220; Dieses Grundrecht, so hei&szlig;t es in dem zweiten Leitsatz weiter, &#8222;ist dem Grunde nach unverf&uuml;gbar und muss eingel&ouml;st werden, bedarf aber der Konkretisierung und stetigen Aktualisierung durch den Gesetzgeber, der die zu erbringenden Leistungen an dem jeweiligen Entwicklungsstand des Gemeinwesens und den bestehenden Lebensbedingungen auszurichten hat. Dabei steht ihm ein Gestaltungs-pielraum zu.&#8220; Diesen h&ouml;chst richterlich gesetzten Ma&szlig;stab legte der 1. Senat auch zwei Jahre sp&auml;ter an das Asylbewerberleistungsgesetz an (1 BvL 10\/10 vom 18. Juli 2012). Er wiederholte die Garantie eines &#8222;menschenw&uuml;rdigen Existenzminimums&#8220; als Grundrecht und weitete dieses als ein Menschenrecht aus, das &#8222;deutschen und ausl&auml;ndischen Staatsangeh&ouml;rigen, die sich in der Bundesrepublik aufhalten, gleicherma&szlig;en zu(steht).&#8220; Und auch migrationspolitisch nicht zu instrumentalisieren sei. Beide Urteile enthalten keine Bedingungen an die B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger, kein Wohlverhalten.<br \/>Die Richterinnen und Richter korrigieren sich selbst<br \/>Und nun das dritte Urteil zum menschenw&uuml;rdigen Existenzminimum. Setzen die Richterinnen und Richter auf die schnelle Vergesslichkeit in Politik und Medien? Oder passen sie sich der Grundstr&ouml;mung in der deutschen Bev&ouml;lkerung an, die sich emp&ouml;rt, wenn Clan-Chefs im Porsche vorfahren, um &#8222;St&uuml;tze&#8220; zu kassieren oder wohlgen&auml;hrte M&auml;nner sich &uuml;ber die Boulevard-Presse bei den Richtern bedanken, dass ihnen Hartz IV auf dem Silbertablett serviert wird?<br \/>In dem Urteil vom 5. November korrigieren sich die Richter und Richterinnen selbst, relativieren die unantastbare Menschenw&uuml;rde und machen sie antastbar. Zwar wiederholen sie im ersten Leitsatz das Grundrecht auf eine Sicherung der &#8222;physischen und soziokulturellen Existenz&#8220; und betonen, dass dieser Anspruch auch nicht durch &#8222;unw&uuml;rdiges&#8220; Verhalten verlorenginge. Dann folgt das gro&szlig;e Aber.<br \/>Dieses Aber hat einen Namen: der Nachranggrundsatz, dem das Grundgesetz nicht entgegen stehe. Danach kann der Gesetzgeber &#8222;abverlangen&#8220;, &#8222;selbst zumutbar an der Vermeidung oder &Uuml;berwindung der eigenen Bed&uuml;rftigkeit aktiv mitzuwirken&#8220;( zweiter Leitsatz). Was aber ist eine zumutbare Aktivit&auml;t? Und was verbirgt sich hinter dem Abverlangen?<br \/>Der 1. Senat windet sich, die unantastbare Menschenw&uuml;rde und die staatliche M&ouml;glichkeit, soziale Leistungen an Bedingungen und Sanktionen zu kn&uuml;pfen, irgendwie grundrechtlich abzusichern. Er verwahrt sich gegen staatliche Bevormundung und verlangt bei der aktiven Mitwirkung &#8222;Respekt vor der autonomen Selbstbestimmung des Einzelnen&#8220;. Das w&auml;re der Ansatz gewesen, sich kritisch mit der Praxis auseinanderzusetzen und die Wirkung der Sanktionen, die bei j&uuml;ngeren und &auml;lteren Arbeitslosen, bei Frauen mit Kindern oder M&auml;nnern mit Familie h&ouml;chst unterschiedlich sind, zu &uuml;berpr&uuml;fen. So blieb es bei einem vagen Schutz und dem formulierten Unbehagen der Richterinnen und Richter (Fundstelle: Randnotiz 141): Die Mitwirkungspflichten d&uuml;rften auch in der Praxis nicht &#8222;zur Bevormundung, Erziehung oder Besserung missbraucht werden&#8220;. Hier schimmert auch die Geschichte des Sozialrechts durch, die in der Weimarer Republik mit einer Gesetzgebung gegen die &#8222;Arbeitsscheuen&#8220; begann. In seinem Urteil streift der Senat dieses tr&uuml;be Kapitel.<br \/>Eigentlich zielt diese Passage auf die Anh&ouml;rungen der Verb&auml;nde, Gewerkschaften, Institute und Wissenschaftler sowie des Ministeriums &uuml;ber die Praxis der Sanktionen (hier vor Gericht nur die Praxis f&uuml;r die &uuml;ber 25j&auml;hrigen). Ihren Unmut dar&uuml;ber dr&uuml;cken die Richter und Richterinnen deutlich aus: aus den Stellungnahmen, Studien und Begutachtungen ergebe sich kein &#8222;durch tragf&auml;hige Daten gef&uuml;lltes Bild&#8220;. Das ist eine samtig verpackte Ohrfeige f&uuml;r den Gesetzgeber (zur Erinnerung: es war die rot-gr&uuml;ne Regierungskoalition in Berlin), der eine &#8222;regelm&auml;&szlig;ige und zeitnahe&#8220; &Uuml;berpr&uuml;fung vorgegeben habe. &#8222;Doch liegt eine solche umfassende Untersuchung f&uuml;r sanktionierte Mitwirkungspflichten &#8230; nicht vor.&#8220; Auch fehlten eindeutige empirische Erkenntnisse, ob der Zweck alle Mittel heilige und die Betroffenen durch Leistungsentzug oder auch nur die Androhung motiviert w&uuml;rden, sich an der &Uuml;berwindung ihrer Hilfsbed&uuml;rftigkeit st&auml;rker zu beteiligen.<br \/>Vom Grundrecht auf ein Existenz-minimum bleibt nicht viel &uuml;brig<br \/>Nach diesen f&uuml;r Politik und die begleitende Wissenschaft vernichtenden Feststellungen w&auml;re es folgerichtig gewesen, Aufgaben an den Gesetzgeber zur&uuml;ckzugeben und die bisherige Praxis der Sanktionen vorerst zu kippen, dann wohl auch f&uuml;r alle Altersgruppen, nicht nur die &uuml;ber 25-J&auml;hrigen, um die es in diesem Fall ging. So wie es der 1. Senat vor neun Jahren mit den &#8222;freih&auml;ndig gesch&auml;tzten&#8220; Geldleistungen f&uuml;r die Erwachsenen und vor allem die Kinder getan hatte. Der jetzige Senat aber l&auml;sst sich trotz aller Bedenken gegen&uuml;ber den empirischen Erkenntnissen auf die abgestuften Sanktionen ein und w&auml;gt ab, wann das menschenw&uuml;rdige Existenzminimum nicht einzul&ouml;sen sei. Die Richterinnen und Richter geben dem Gesetzgeber einen weiten Gestaltungsspielraum und gehen in ihrem Urteil den Bef&uuml;rwortern der Sanktionen sehr weit entgegen. Zwar halten sie eine Sperre &uuml;ber drei Monate f&uuml;r &#8222;deutlich zu lang&#8220; und empfehlen mehr Flexibilit&auml;t oder die k&uuml;rzeren Sperrzeiten f&uuml;r die unter 25-J&auml;hrigen (sechs Wochen). Auch den Geldentzug bis zu 30 Prozent winken sie mit geringen Auflagen wie einer m&uuml;ndlichen Anh&ouml;rung durch. Und selbst die K&uuml;rzungen um 60 Prozent seien im Einzelfall nicht auszuschlie&szlig;en, &#8222;wenn sich dies tragf&auml;hig belegen l&auml;sst&#8220;. Da bleibt von dem Grundrecht auf ein menschenw&uuml;rdiges Existenzminimum nicht mehr viel &uuml;brig.<br \/>Vollends n&auml;hern sich die Richterinnen und Richter aber gegen Ende der Urteilsbegr&uuml;ndung der Geschichte mit den Arbeitsscheuen. Es geht im Kern um die Zumutbarkeit von Arbeit und Arbeitsangeboten f&uuml;r Menschen in der Grundsicherung. Auch diesen Punkt wollte das Sozialgericht Gotha, das dieses gesamte Verfahren angesto&szlig;en hatte, vom Bundesverfassungsgericht &uuml;berpr&uuml;fen lassen: Haben die Jobcenter das Grundrecht auf Berufswahlfreiheit zu achten? Der Fall, den das Gothaer Gericht zum Anlass f&uuml;r seinen Gang nach Karlsruhe nahm, ist einer der extremen Verweigerung von Mitwirkung und Eigenverantwortung. Aber die Karlsruher Richter gehen nicht auf diesen Einzelfall ein, sondern sagen allgemein: die Arbeitslosenversicherung (SGB&nbsp;III) und die Grundsicherung (SGB&nbsp;II) seien strukturell verschieden. Aus Artikel 12 des Grundgesetzes zur Berufswahlfreiheit lasse sich &#8222;kein Recht auf einen bestimmten Arbeitsplatz oder unver&auml;nderten Arbeitslohn&#8220; ableiten. Der Gesetzgeber verfolge mit den Sanktionen, mit dem &#8222;F&ouml;rdern und Fordern&#8220; ein legitimes Ziel. Daher: Wenn jemand die Aufnahme einer ihm angebotenen zumutbaren Arbeit verweigere und damit nicht mitwirke, aus der Hilfsbed&uuml;rftigkeit heraus zu kommen, dann urteilen die Richterinnen und Richter ruppig: &#8222;Wird eine solche tats&auml;chlich existenzsichernde und im Sinne des &sect; 10&nbsp;SGB&nbsp;II zumutbare Erwerbst&auml;tigkeit ohne wichtigen Grund im Sinne des &sect; 31 Abs.1 Satz 2&nbsp;SGB&nbsp;II willentlich verweigert, obwohl im Verfahren die M&ouml;glichkeit bestand, dazu auch etwaige Besonderheiten der pers&ouml;nlichen Situation vorzubringen, die einer Arbeitsaufnahme bei objektiver Betrachtung entgegenstehen k&ouml;nnten, ist daher ein vollst&auml;ndiger Leistungsentzug zu rechtfertigen.&#8220; Der &Auml;rger &uuml;ber den konkreten Fall in Gotha ist sp&uuml;rbar. Aber rechtfertigt er letztlich doch den erziehenden Staat, der &#8222;unw&uuml;rdiges&#8220; Verhalten bestraft? Und lenkt dieser Schluss nicht von Zumutungen in Jobcentern ab, &uuml;ber die es &#8222;tragf&auml;hige Daten&#8220; und Erkenntnisse gibt? Nachdenklichere Antworten auf diese Fragen w&auml;ren angebrachter als ein &#8222;Weiter so&#8220;. Sie k&ouml;nnten zur tats&auml;chlichen gesellschaftlichen Befriedung beitragen.<br \/>zun&auml;chst erschienen in Faustkultur: <a href=\"https:\/\/faustkultur.de\/4104-0-Jutta-Roitsch-ueber-das-Hartz-IV-Urteil-des-BVerfG.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/faustkultur.de\/4104-0-Jutta-Roitsch-ueber-das-Hartz-IV-Urteil-des-BVerfG.html<\/a><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[718,716],"autoren":[134],"publikationen":[896],"class_list":["post-8698","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-artikel","tag-soziale-grundrechte","autoren-jutta-roitsch","publikationen-896"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Die Menschenw\u00fcrde, doch antastbar - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/240\/publikation\/die-menschenwuerde-doch-antastbar\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Die Menschenw\u00fcrde, doch antastbar - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"In: Mitteilungen 240 (3\/2019), S. 6-9 Es ist schon erstaunlich, mit welcher Schnelligkeit und Leichtigkeit &uuml;ber das j&uuml;ngste Urteil des Bundesverfassungsgerichts zu den Sanktionen in der Grundsicherung (volkst&uuml;mlich Hartz IV genannt) hinweggegangen und hinweggeschrieben worden ist. &#8222;Breite Zustimmung&#8220; titelt &#8222;Zeit Online&#8220; kurz nach der Verk&uuml;ndung am 5. 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