{"id":8944,"date":"2013-05-07T14:00:00","date_gmt":"2013-05-07T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/wider-die-kleinmuetigkeit\/"},"modified":"2013-05-07T12:00:00","modified_gmt":"2013-05-07T10:00:00","slug":"wider-die-kleinmuetigkeit","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/220\/publikation\/wider-die-kleinmuetigkeit\/","title":{"rendered":"Wider die Kleinm\u00fctigkeit"},"content":{"rendered":"<p>Mitteilungen Nr. 220 (1\/2013), S. 16-18<\/p>\n<p>M\u00fcssen wir uns jetzt sogar von\u00a0 t\u00fcrkischst\u00e4mmiger Seite Kleinm\u00fctigkeit vorwerfen lassen, wie in dem Essay im SPIEGEL (51\/2012) mit dem Titel &#132;Akt der Unterwerfung&#147; von der islamkritischen Soziologin Necla Kelek geschehen? Wenn ich an den Beitrag von Jutta Roitsch-Wittkowsky denke, wohl zu recht. Nun richtet sich der Essay von Fr. Kelek an erster Stelle an unsere Politiker, aber ihr Vorwurf trifft uns noch viel massiver. Ihr grunds\u00e4tzlicher Vorwurf lautet: &#132;Es wird fortan legal sein, was bisher undenkbar war, n\u00e4mlich dass das Grundrecht auf Unversehrtheit der Person einem wie immer auch begr\u00fcndeten religi\u00f6sen Ritual und dem &#130;Kindeswohl&#146; geopfert wird.&#147;\u00a0 Sie f\u00fchrt u.a. aus, dass es den\u00a0 Politikern um eine falsch verstandene Toleranz ginge, weil &#132;man &#133; selbst nicht mehr (wei\u00df), was man will, und legt sich deshalb weder mit den j\u00fcdischen noch mit den muslimischen Funktion\u00e4ren an &#133; Au\u00dferdem stehen Wahlen vor der T\u00fcr &#133;&#147;<\/p>\n<p>Politiker wollen wieder gew\u00e4hlt werden, das hei\u00dft, sie m\u00fcssen sich allen gesellschaftlichen Gruppen als w\u00e4hlbar anbieten, wobei man sich allerdings fragen muss, ob nicht auch Politiker in der Lage sein m\u00fcssten, sich auch von \u00fcbergeordneten Gesichtspunkten leiten zu lassen.<\/p>\n<p>Mehr aber trifft der Vorwurf von Fr. Kelek uns als B\u00fcrgerrechtsunion, die sich f\u00fcr die Werte von Humanismus und Aufkl\u00e4rung einsetzt. Wir wollen nicht gew\u00e4hlt werden und m\u00fcssen nicht auf religi\u00f6se Empfindlichkeiten R\u00fccksicht nehmen. In der HU doch &#132;sollte man wissen, was man will.&#147; Ich denke nicht, dass es unsere Aufgabe ist, wie Jutta Roitsch-Wittkowsky schreibt, dar\u00fcber nachzudenken, &#132;wie aber ein Erwachsenwerden, ein Hineinwachsen in eine Religion mit und ohne feste Rituale erreicht werden kann ohne ein aktives Leben der Religion im Alltag der Familie und durch die Vermittlung der Eltern &#133;&#147; Das ist nicht unser Thema und hat uns auch gar nicht zu interessieren.<\/p>\n<p>Es gibt sicher viele Interpretationen \u00fcber Humanismus und Aufkl\u00e4rung, aber es gibt eine prinzipielle Aussage und einen Grundkonsens, die von uns allen so gesehen werden m\u00fcssen, sonst k\u00f6nnten wir uns selbst nicht mehr in die Augen sehen: Das Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen. Und daraus logisch folgend: Alle Rechte und Freiheiten des Einzelnen haben dort ihre Grenze, wo sie jemand anderen in seinem Recht und seiner Freiheit schaden und einschr\u00e4nken. Diese Kernaussage kann nicht auf Kosten eines falschen Verst\u00e4ndnisses f\u00fcr die Eigent\u00fcmlichkeiten von Religionen aufgegeben werden. Ich denke, wir haben da eine gewisse &#132;W\u00e4chterfunktion&#147;, wenn wir ernst genommen werden wollen. Die &#132;ungehinderte Entfaltung aller weltanschaulichen &#133; Auffassungen in gegenseitiger Achtung und der Gebrauch der vom GG garantierten Rechte und Freiheiten ohne Furcht von Nachteilen&#147;, hei\u00dft nicht, die Art von Religionsfreiheit zu akzeptieren, die das Selbstbestimmungsrecht (dazu geh\u00f6rt im besonderem Ma\u00dfe die k\u00f6rperliche Unversehrtheit) des Einzelnen verletzt. [1]<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang passt auch nicht der Begriff der &#132;S\u00e4kularen Vernunft&#147;. F\u00fcr mich pers\u00f6nlich ist der Begriff eine Tautologie, denn Vernunft ist per se s\u00e4kular. Allerdings gibt es Gl\u00e4ubige, f\u00fcr die Religion und Vernunft kein Widerspruch ist. Auch wenn ich dem nicht zustimme, muss ich das akzeptieren. Aber ich muss nicht akzeptieren, dass unser Grundkonsens aufgegeben oder missachtet wird.<\/p>\n<p>Eine &#132;W\u00e4chterfunktion&#147; einzunehmen, wie ich es genannt habe, hat nichts mit Arroganz und \u00dcberheblichkeit zu tun, sondern es ist eine besondere Aufgabe, auf die Einhaltung der humanistische Werte der Aufkl\u00e4rung zu &#132;achten&#147;, ohne die ein gleichberechtigtes menschliches Miteinander nicht m\u00f6glich ist, insb. in einer Zeit, in der vielleicht die &#132;posts\u00e4kulare Wende\u00a0 ja gewollt&#147; ist, wie Necla Kelek kritisch in ihrem Essay anmerkt.<\/p>\n<p>Das scheint Jutta Roitsch-Wittkowsky nicht verstanden zu haben, wenn sie schreibt: &#132;Zum Respekt unter Gleichen geh\u00f6rt auch, religi\u00f6se Vorschriften, Br\u00e4uche und Traditionen erst einmal zu achten und nicht eigene Werte gegen andere Werte durchzusetzen.&#147; Es handelt sich eben nicht um Respekt unter Gleichen. Die HU ist keine Religionsgemeinschaft, f\u00fcr uns gelten allgemein menschliche Werte und nicht spezifisch religi\u00f6se. Zu diesen allgemein menschlichen Werten\u00a0 geh\u00f6rt eben auch das Recht auf Religionsfreiheit, f\u00fcr jede Religion. Das war ja nicht immer so, wie wir aus der Geschichte des sog. &#132;christlichen Abendlandes&#147; wissen. Es ist schlie\u00dflich denjenigen zu verdanken, die sich f\u00fcr die Werte der Aufkl\u00e4rung eingesetzt haben, dass es auch Religionsfreiheit gibt. Also seien wir nicht kleinm\u00fctig, sondern stolz darauf, dass wir der Tradition der Aufkl\u00e4rung angeh\u00f6ren und seien ihrer w\u00fcrdig.<\/p>\n<p>Deshalb sollten wir keinesfalls ein Gesetz akzeptieren, das die k\u00f6rperliche Unversehrtheit nicht mehr als nicht verhandelbares Menschenrecht achtet. Man muss wohl Necla Kelek recht geben, wenn sie schreibt, dass damit &#132;ein St\u00fcck der aufgekl\u00e4rten Zivilgesellschaft zu Ende&#147; geht, zumindest ist es ein eindeutiger R\u00fcckschritt.<\/p>\n<p>Auch unser Vorstand war kleinm\u00fctig und hat aus falscher Furcht, religi\u00f6se Minderheiten auszugrenzen, dem Elternrecht den Vorrang gegeben. Das ist die falsche Signalwirkung f\u00fcr all die Menschen, die es auch in den religi\u00f6sen Gemeinschaften gibt, die sich Hoffnung auf die Durchsetzung ihrer berechtigten Forderungen nach einem selbst gew\u00e4hlten und selbstbestimmten Leben in Freiheit machen. Es ist auch die falsche Signalwirkung f\u00fcr diejenigen, die sich von der HU Unterst\u00fctzung erhoffen, in der Erzielung von Fortschritten in der Trennung von Staat und Kirche.<\/p>\n<p>Wenn schon der demokratische Staat, der doch auf den Prinzipien der Menschenrechte beruhen sollte, sich auf deren Aush\u00f6hlung einl\u00e4sst, was schlimm genug ist, um so schlimmer ist es, wenn die HU, deren Ziel doch die Einhaltung und Durchsetzung der Menschenrechte ist, dem auch noch zustimmt. Im \u00dcbrigen, was die politischen Auswirkungen der Rechtswidrigkeit von Beschneidungen angeht, muss die Missachtung eines Gesetzes au\u00dferdem nicht immer und unbedingt zu einer strafrechtliche Verfolgung f\u00fchren. Am Ende ihres Essays beschreibt Necla Kelek die M\u00f6glichkeit der Duldung von Beschneidung: &#132;Eine solche Duldung von Beschneidung w\u00e4re eine M\u00f6glichkeit gewesen, die das viel zitierte Kindeswohl, die freie Aus\u00fcbung von Religion und die Unverletzlichkeit der Person die Waage gehalten h\u00e4tte. Stattdessen hat man sich entschieden, die Vorhaut des Kindes um Gottes willen zu opfern, wenn es die Eltern oder ihre Religion wollen.&#147; Dem ist nichts hinzuzuf\u00fcgen.<\/p>\n<p>Zum Schluss noch eine kurze Anmerkung zur Namensdiskussion. Aus meinen Ausf\u00fchrungen ist sicher ersichtlich geworden, dass die Erhaltung des Begriffs &#130;Humanismus&#146; in unserem Namen eine &#132;Conditio, sine qua non&#147; ist. Ich kann mir daher auch nicht vorstellen, dass im Namen unserer B\u00fcrgerrechtsorganisation der Begriff &#130;Humanismus&#146; fehlen k\u00f6nnte. Immerhin ist die Mehrheit der HU auch der Meinung. Also lassen wir es dabei.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[],"autoren":[1582],"publikationen":[917],"class_list":["post-8944","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","autoren-ulrich-gehl","publikationen-917"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Wider die Kleinm\u00fctigkeit - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/220\/publikation\/wider-die-kleinmuetigkeit\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Wider die Kleinm\u00fctigkeit - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Mitteilungen Nr. 220 (1\/2013), S. 16-18 M\u00fcssen wir uns jetzt sogar von\u00a0 t\u00fcrkischst\u00e4mmiger Seite Kleinm\u00fctigkeit vorwerfen lassen, wie in dem Essay im SPIEGEL (51\/2012) mit dem Titel &#132;Akt der Unterwerfung&#147; von der islamkritischen Soziologin Necla Kelek geschehen? 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