{"id":8950,"date":"2012-12-18T23:50:00","date_gmt":"2012-12-18T22:50:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/humanistische-union-verteidigt-das-trennungsgebot-im-informationszeitalter\/"},"modified":"2021-08-30T15:41:33","modified_gmt":"2021-08-30T13:41:33","slug":"humanistische-union-verteidigt-das-trennungsgebot-im-informationszeitalter","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/195\/publikation\/humanistische-union-verteidigt-das-trennungsgebot-im-informationszeitalter\/","title":{"rendered":"Humanistische Union verteidigt das Trennungsgebot im Informationszeitalter"},"content":{"rendered":"<p>Anh&ouml;rung des Bundesverfassungsgerichts zur Antiterrordatei.<\/p>\n<p>Mitteilungen 218\/219 (III\/IV) &#8211; Dezember 2012, Seite 1-3<\/p>\n<p><i>(Red.) Das Antiterrordateigesetz trat im Dezember 2006 in Kraft. Fast sechs Jahre sp&auml;ter, am 6. November 2012, verhandelte der Erste Senat des Bundesverfassungsgerichts &uuml;ber eine Verfassungsbeschwerde gegen das Gesetz zur Errichtung der zentralen Antiterrordatei. Allein das zeigt schon, wie schwierig der Rechtsschutz gegen diese Datei und den damit verbundenen Systemwechsel in der &bdquo;Sicherheitspolitik&ldquo; ist.<br \/>Die Humanistische Union (HU) war zur m&uuml;ndlichen Verhandlung vor dem Bundesverfassungsgericht als sachverst&auml;ndige Auskunftsperson geladen. Rosemarie Will, die f&uuml;r die HU auftrat, verteidigte dabei die vom Beschwerdef&uuml;hrer als verletzt ger&uuml;gten Grundrechtspositionen. Neben der HU wurde der Beschwerdef&uuml;hrer in seinem Begehren von den Datenschutzbeauftragten des Bundes und der L&auml;nder, dem Chaos Computer Club, dem Deutschen Institut f&uuml;r Menschenrechte und der Deutschen Vereinigung f&uuml;r Datenschutz unterst&uuml;tzt. Ihnen gegen&uuml;ber verteidigten die Vertreter der Bundesregierung, angef&uuml;hrt von Innenminister Friedrich und den Chefs der wichtigsten Sicherheitsbeh&ouml;rden dieser Republik, den Datenaustausch. Rosemarie Will berichtet hier von der Verhandlung in Karlsruhe.<\/i><\/p>\n<p>Das Antiterrordateigesetz markiert eine Wende in der bundesrepublikanischen Sicherheitspolitik: Auf seiner Grundlage wurde die erste Verbunddatei zwischen Geheimdiensten und Polizeien errichtet. Neben der eigentlichen Antiterrordatei (ATD) enth&auml;lt das Gesetz weitere Regelungen zur &bdquo;projektbezogenen Zusammenarbeit&ldquo; aller beteiligten Beh&ouml;rden (derzeit ca. 40), und damit eine gesetzliche Vorschrift zur engen Zusammenarbeit zwischen Geheimdiensten und Polizeibeh&ouml;rden. Erstmals d&uuml;rfen die f&uuml;r Strafverfolgung zust&auml;ndigen Beh&ouml;rden die gleichen Informationen und Datenbest&auml;nde nutzen wie jene Stellen, deren Aufgabe darin besteht, m&ouml;glichst viele Verd&auml;chtigungen anzustellen und die dazu auch &bdquo;im Tr&uuml;ben fischen&ldquo;.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"aufbau-und-inhalt-der-antiterrordatei\">Aufbau und Inhalt der Antiter&shy;ror&shy;datei<\/span><\/h2>\n<p>Die Antiterrordatei (ATD) besteht aus zwei Teilen: zum einen den so genannten Grunddaten zu den gespeicherten Personen und Organisationen; andererseits aus einem Index, in dem verzeichnet ist, welche anderen Beh&ouml;rden in welchen Dateien weitere Informationen &uuml;ber diese Personen besitzen. In der ATD wurden seit ihrer Errichtung Personalien aus &uuml;ber 100 verschiedenen Datenbanken der beteiligten Sicherheitsbeh&ouml;rden erfasst und miteinander verkn&uuml;pft. Die Speicherung in der Datei kann dabei offen oder verdeckt erfolgen. Die Art der Speicherung entscheidet dar&uuml;ber, ob die anderen Beh&ouml;rden bei einer Abfrage der Datei die &bdquo;Trefferdatens&auml;tze&ldquo; sofort einsehen k&ouml;nnen, oder ob die dateneinspeisende Beh&ouml;rde erst entscheiden muss, ob &bdquo;Treffer&ldquo; aus ihren Datenbest&auml;nden f&uuml;r die Anfragenden sichtbar werden. In der Regel speichern die Polizeibeh&ouml;rden ihre Daten offen in der ATD, die Geheimdienste meist verdeckt. Die informationelle Machtverteilung ist damit eindeutig: Die Geheimdienste entscheiden im Normalfall dar&uuml;ber, ob und wann die Polizei weitere Informationen &uuml;ber Verd&auml;chtige erh&auml;lt oder nicht.<\/p>\n<p>Nach Auskunft der Bundesregierung sind gegenw&auml;rtig ca. 16.800 Personen in der ATD erfasst. Von 2007 bis 2011 gab es 300.000 Anfragen an die Antiterrordatei, mit insgesamt 1,5 Millionen Treffern. Nicht bekannt ist, dass durch diese massenhaften Abfragen ein Terrorist entdeckt oder ein Anschlag verhindert worden w&auml;re. Bekannt geworden ist dagegen aus den Berichten der anwendenden Beh&ouml;rden, dass die meisten Anfragen an die ATD von der Polizei gestellt werden. Bei den Polizeibeh&ouml;rden besteht offenbar ein gro&szlig;es Bed&uuml;rfnis, den von ihnen ermittelten Sachstand durch Informationen aus dem geheimdienstlichen Umfeld zu erweitern. Sollte diese Einsch&auml;tzung stimmen, dann best&auml;tigt sie die von Beginn an mit der Antiterrordatei verbundene Sorge der B&uuml;rgerrechtler: dass geheimdienstliche Informationen aus ungesicherten, und damit un&uuml;berpr&uuml;fbaren Quellen in polizeiliche Entscheidungen einflie&szlig;en. Bereits bei der Erfassung der &bdquo;prim&auml;ren Terrorismusverd&auml;chtigen&ldquo; erheben Geheimdienste Informationen weit im Vorfeld von konkreten Gefahren oder konkreten Straftaten. In die ATD flie&szlig;en unter Umst&auml;nden Informationen ein, die auf blo&szlig;em H&ouml;rensagen beruhen. <br \/>Hinzu kommt, dass in der Antiterrordatei entgegen ihrem Namen weit mehr als nur Terrorverd&auml;chtige (&bdquo;Gef&auml;hrder&ldquo;) erfasst werden: dazu geh&ouml;ren auch die sog. &bdquo;Bef&uuml;rworter von Gewalt&ldquo; (selbst wenn diese nur radikale Meinungen postulieren, und keinerlei Anzeichen f&uuml;r eine geplante Anwendung der Gewalt erkennen lassen) und schlie&szlig;lich auch deren Kontaktpersonen. Bei den sog. &bdquo;dolosen Kontaktpersonen&ldquo; handelt es sich um v&ouml;llig unbescholtene B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger, die selbst weder terroristische Ziele verfolgen, noch Gewalt predigen, und meist gar nichts von den entsprechenden Gefahren in ihrem Umfeld wissen. Damit solche Kontaktpersonen in der ATD gespeichert werden, gen&uuml;gt es bereits, wenn die Beh&ouml;rden davon ausgehen k&ouml;nnen, <i>&bdquo;dass sie &uuml;ber die Kontaktpersonen in ihren Ermittlungen weiterkommen.&#8220;<\/i> (Wolfgang Wieland) So landet vielleicht auch der Zeitungsverk&auml;ufer an der Stra&szlig;enecke in der Datei.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"die-verhandlung-in-karlsruhe\">Die Verhandlung in Karlsruhe<\/span><\/h2>\n<p>In den Augen von Innenminister Friedrich war die Sache ziemlich simpel: <i>&bdquo;Die Sicherheit m&ouml;glichst Vieler zu sichern, verlangt manchmal auch, die Rechte Einiger einzuschr&auml;nken.&#8220; <\/i>Das sah der Beschwerdef&uuml;hrer nat&uuml;rlich anders. Er r&uuml;gte einen unverh&auml;ltnism&auml;&szlig;igen Eingriff&nbsp; in sein Recht auf informationelle Selbstbestimmung, weil die Regelung des Gesetzes viel zu unbestimmt seien. Ebenso wandte er sich gegen eine Verletzung des Fernmeldegeheimnisses (Artikel 10 GG), weil die weitgehenden, den Nachrichtendiensten einger&auml;umten Eingriffsm&ouml;glichkeiten in die Kommunikation durch die Antiterrordatei nun auch von anderen Beh&ouml;rden genutzt werden k&ouml;nnen. Nicht zuletzt sah der Beschwerdef&uuml;hrer im angegriffenen Gesetz auch einen unverh&auml;ltnism&auml;&szlig;igen Eingriff in die Unverletzlichkeit seines Wohnraums (Artikel 13 GG), weil die im Rahmen sog. Gro&szlig;er Lauschangriffe erhobenen Daten aus den eigenen vier W&auml;nden ebenfalls in der Antiterrordatei landen und damit anderen Beh&ouml;rden zur Verf&uuml;gung gestellt werden k&ouml;nnen. Insgesamt versto&szlig;e das Antiterrordateigesetz mit seinen Regelungen gegen das verfassungsrechtliche Gebot einer Trennung von Polizei und Geheimdienst, das sich aus dem Rechtsstaatsprinzip und dem Grundrechtsschutz ergebe. Durch die ATD bestehe die Gefahr einer uferlosen Ausweitung polizeilicher Befugnisse, ihre rechtsstaatliche Entgrenzung, weil die Polizei mit ihrer Hilfe an Daten komme, die sie selbst nicht erheben d&uuml;rfte.<\/p>\n<p>Welchen Stellenwert das Trennungsgebot f&uuml;r Polizei und Geheimdienste einnimmt und ob es sich aus dem Grundgesetz ableiten l&auml;sst, wird immer wieder bestritten; so auch vom Prozessvertreter der Bundesregierung in der m&uuml;ndlichen Verhandlung und in seinen Schrifts&auml;tzen zum Verfahren. Das Trennungsgebot geht auf die Erfahrungen mit der &bdquo;geheimen Staatspolizei&ldquo; (Gestapo) w&auml;hrend der NS-Diktatur zur&uuml;ck. Die Gestapo vereinte die Befugnisse einer Polizeibeh&ouml;rde und eines Nachrichtendienstes und nutzte sie zur systematischen &Uuml;berwachung und Verfolgung politischer Gegner. Vor diesem Hintergrund erteilten die drei Alliierten Milit&auml;rgouverneure in ihrem &bdquo;Polizeibrief&#8220; an den Parlamentarischen Rat vom 14.4.1949 die Auflage, dass bundespolizeiliche und geheimdienstliche Aufgaben in getrennten Beh&ouml;rden zu verfolgen seien, und speziell die geheimdienstliche Beh&ouml;rde keinerlei polizeiliche Befugnisse erhalte.<\/p>\n<p>Ich habe mich in meiner Stellungnahme f&uuml;r die Humanistische Union f&uuml;r ein verfassungsrechtliches Trennungsgebot stark gemacht. Bereits die klassische Interpretation des Trennungsgebots &ndash; die klare Abgrenzung von Organisation und Aufgaben bei Polizei und Geheimdiensten &ndash; wird bei der Terrorbek&auml;mpfung durch &uuml;berlappende Zust&auml;ndigkeiten und gemeinsame &bdquo;Abwehrzentren&ldquo; infrage gestellt. Mit der zunehmenden Digitalisierung von Ermittlungsarbeit muss dass Trennungsgebot aber auch auf den Informationsaustausch zwischen Polizei und Geheimdiensten bezogen werden. Die Regulierung des Informationsflusses zwischen diesen Beh&ouml;rden wird im digitalen Zeitalter zum wichtigsten Anwendungsfall des Trennungsgebotes. Ein ungebremster Austausch w&uuml;rde zuallererst das Recht auf informationelle Selbstbestimmung ad absurdum f&uuml;hren. Es geh&ouml;rt zu den Voraussetzungen dieses Grundrechts, dass der Gesetzgeber den Verwendungszweck personenbezogener Daten bereits festlegt, bevor er diese erhebt und verarbeitet. Eine Verbunddatei, in der die Informationen ungehindert zwischen Polizei und Geheimdiensten ausgetauscht werden, kommt einer dauerhaften, kontinuierlichen Zweckentfremdung von Daten gleich. Dar&uuml;ber hinaus k&ouml;nnen mit den in der ATD gespeicherten Informationen beh&ouml;rdliche Entscheidungen und &ndash; im Falle der Polizei &ndash; sogar repressive Handlungen verbunden sein. Mit der Informationsweitergabe sind mittelbar also auch Zugriffe auf fremde Befugnisse m&ouml;glich &ndash; etwa wenn durch die gezielte Freigabe oder Nichtfreigabe von Informationen Entscheidungen anderer Beh&ouml;rden getriggert werden.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"was-ist-zu-erwarten\">Was ist zu erwarten?<\/span><\/h2>\n<p>Die in der Verhandlung kritisch fragenden Verfassungsrichter werden mehr oder weniger gro&szlig;e Korrekturen an der Antiterrordatei fordern. Wahrscheinlich werden sie den Kreis der erfassten Personen verkleinern, das d&uuml;rfte insbesondere die Kontaktpersonen betreffen. Vielleicht k&ouml;nnen sich die Richter sogar dazu durchringen, die im Klartext enthaltenen Grunddaten aus der ATD herauszul&ouml;sen und jene in eine reine Indexdatei umzugestalten. Das w&uuml;rde die Informationsfl&uuml;sse auch im einzelnen rechtsstaatlich ordnen. Ob sich das Bundesverfassungsgericht allerdings daran wagt, das Trennungsgebot verfassungsrechtlich auszuformulieren, muss eher skeptisch beurteilt werden. K&auml;me es im Urteil dazu, w&auml;re dies ein gro&szlig;er Erfolg f&uuml;r den Beschwerdef&uuml;hrer und auch f&uuml;r uns. Dar&uuml;ber wird nach der Entscheidung in der ersten Ausgabe unserer neuen <i>vorg&auml;nge<\/i> zu berichten sein.<\/p>\n<p><i>Rosemarie Will<\/i><\/p>\n<p><i>Weitere Informationen zum Thema:<br \/>Rosemarie Will: Das Ende des Trennungsgebotes f&uuml;r Nachrichtendienste und Polizei. Anti-Terror-Datei verst&ouml;&szlig;t gegen Trennungsgebot und Recht auf informationelle Selbstbestimmung, in: Mitteilungen Nr. 195, S. 1-5<\/i><\/p>\n<p><i>Fredrik Roggan &amp; Nils Bergemann: Stellungnahme zu den Gesetzentw&uuml;rfen Anti-Terror-Datei und TBEG (BT-Drs. 16\/2950, 16\/2921) anl&auml;sslich der Anh&ouml;rung des BT-Innenausschuss vom 6.11.2006, abrufbar unter <\/i><a href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/themen\/innere_sicherheit\/terror\/\"><i>https:\/\/www.humanistische-union.de\/terror\/<\/i><\/a><i>. (Die Einladung des Bundesverfassungsgerichtes zur m&uuml;ndlichen Verhandlung &uuml;ber die ATD geht auf diese Stellungnahme zur&uuml;ck &ndash; den Autoren sei nochmals ausdr&uuml;cklich f&uuml;r ihre Arbeit gedankt.)<\/i><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[46,49],"tags":[739,666,706,672],"autoren":[137],"publikationen":[918],"class_list":["post-8950","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","category-anti-terror-kampf","category-polizei","tag-anti-terror-kampf","tag-datenschutz-als-grundrecht","tag-geheimdienste","tag-polizei","autoren-rosemarie-will","publikationen-918"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Humanistische Union verteidigt das Trennungsgebot im Informationszeitalter - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/195\/publikation\/humanistische-union-verteidigt-das-trennungsgebot-im-informationszeitalter\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Humanistische Union verteidigt das Trennungsgebot im Informationszeitalter - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Anh&ouml;rung des Bundesverfassungsgerichts zur Antiterrordatei. 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