{"id":9051,"date":"2012-06-04T13:15:00","date_gmt":"2012-06-04T11:15:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/vergegenwaertigung-des-vergangenen\/"},"modified":"2021-08-30T15:41:26","modified_gmt":"2021-08-30T13:41:26","slug":"vergegenwaertigung-des-vergangenen","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/215-216\/publikation\/vergegenwaertigung-des-vergangenen\/","title":{"rendered":"Vergegenw\u00e4rtigung des Vergangenen"},"content":{"rendered":"<p>Bericht &uuml;ber eine Lesung mit Text, Bild und Musik. Mitteilungen 215\/216 (Heft 1\/2012), S. 38f.<\/p>\n<div><span class=\"migrated-image\"><a href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/ffm01.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-4068 size-medium\" src=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/ffm01-600x400.jpg\" alt=\"Vergegenw&auml;rtigung des Vergangenen\" width=\"600\" height=\"400\" srcset=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/ffm01-600x400.jpg 600w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/ffm01-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/ffm01-450x300.jpg 450w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/ffm01.jpg 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><\/span><\/p>\n<p class=\"news-single-imgcaption\">\n<\/div>\n<p>Die Entdeckung einer neofaschistischen Terrorzelle, die jahrelang unerkannt mordend und raubend durch die Bundesrepublik zog, hat in schockierender Weise wieder deutlich gemacht, wie gro&szlig; das Protest- und Gewaltpotenzial auf der rechten Seite des politischen Spektrums geworden ist. Zugleich sind rechtspopulistische Denkmuster bis weit in die &#8222;Mitte&#8220; der Gesellschaft vorgedrungen, wie der Erfolg des Bestsellers von Thilo Sarrazin &uuml;ber das &#8222;T&uuml;rken-Gen&#8220; und die Verbreitung islamophober Internetseiten wie &#8222;Politically Incorrect&#8220; beweisen. In dieser Situation erscheint es geboten, sich immer wieder auch mit dem historischen Faschismus auseinander zu setzen, um zu verstehen und dar&uuml;ber aufzukl&auml;ren, wie er an die Macht kommen und sie bis zum bitteren Ende aufrecht erhalten konnte.<\/p>\n<p>Bei der Veranstaltung, &uuml;ber die hier berichtet wird, ging es um ein spezifisches, eingegrenztes Thema, an dem aber viel &uuml;ber den Ungeist und die Herrschaftsmethoden des Nationalsozialismus deutlich wurde: Die Besetzung Polens durch deutsche Truppen im Zweiten Weltkrieg und das verbrecherische Hausen des von Hitler eingesetzten Generalgouverneurs Hans Frank, der mit Recht als &#8222;Schl&auml;chter von Krakau&#8220; bezeichnet wurde.<\/p>\n<p>Es handelte sich um eine Lesung aus dem 2010 erschienenen Buch von Dieter Schenk: &#8222;<i>Krakauer Burg. Die Machtzentrale des Generalgouverneurs Hans Frank 1939-1945<\/i>&#8222;. Musikalisch begleitet wurde sie von dem Kontrabassisten Vitold Rek mit eigenen Kompositionen. Sie fand am 9. Dezember 2011 im Frankfurter Club Voltaire statt. Veranstalter waren die Humanistische Union Frankfurt a.M. und die KunstGesellschaft &#8211; ein gemeinn&uuml;tziger Verein, der sich seit 30 Jahren mit dem Verh&auml;ltnis von Kunst und Gesellschaft befasst. Sachkundig und einf&uuml;hlsam moderiert wurde die Veranstaltung von Peter Menne.<\/p>\n<p>Dieter Schenk ist als Autor kein Unbekannter. Seit er Ende der 1980er Jahre seine Stelle als Kriminaldirektor im Bundeskriminalamt aufgab, schreibt er B&uuml;cher zu brisanten Themen. So als erster &uuml;ber die &#8222;braunen Wurzeln des BKA&#8220;, dessen Gr&uuml;nder und leitende Mitarbeiter in der Nachkriegszeit ehemalige Nazis waren, die sich zum Teil selbst an Kriegsverbrechen beteiligt hatten. &Uuml;ber die Naziherrschaft in Polen ver&ouml;ffentlichte Schenk mehrere B&uuml;cher, darunter 2006 im Fischer-Verlag: &#8222;<i>Hans Frank. Hitlers Kronjurist und Generalgouverneur<\/i>&#8222;. Dieter Schenk ist Honorarprofessor an der Universit&auml;t Lodz. 2003 erhielt er den Fritz-Bauer-Preis der Humanistischen Union f&uuml;r sein publizistisches Wirken.<\/p>\n<p>Die als &#8222;Konzertlesung&#8220; angek&uuml;ndigte Veranstaltung hielt, was die Bezeichnung versprach. Keinesfalls war die Musik nur eine Beigabe zur Vorstellung des Buches. Dieter Schenk und Vitold Rek haben f&uuml;r die Lesung eine Form gefunden, die selbst an ein klassisches dreis&auml;tziges Musikst&uuml;ck erinnert.<\/p>\n<p>Im ersten Teil wurden unkommentierte Bilder der Krakauer Burg, des Wawel, gezeigt, Zeichnungen seiner Architektur, Stadtpl&auml;ne von Krakau und ihre Ver&auml;nderung durch die Eindeutschung von Stra&szlig;ennamen, die historischen Kunstsch&auml;tze und prunkvollen S&auml;le des Sitzes der polnischen K&ouml;nige. Vitold Rek begleitete die Bilderschau mit dunkel-melancholischen Akkorden.<\/p>\n<p>Im Mittelteil las Dieter Schenk Passagen aus seinem Buch und erl&auml;uterte die einzelnen Bilder. Hier sah man die martialischen Appelle und hohlen Feiern der deutschen Okkupanten im Burghof, die Posen des Statthalters Frank, seine Vorliebe f&uuml;r kulturelle Zerstreuung, f&uuml;r die gro&szlig;e Oper, um die Besatzer und ihre Frauen bei Laune zu halten.<\/p>\n<p>Schenks Verdienst ist es, in der Figur von Hans Frank exemplarisch die normale Schizophrenie eines deutschen Kulturb&uuml;rgers aufzuzeigen, der in seiner Freizeit Klavier und Schach spielt, Nietzsche liest, mit K&uuml;nstlern wie Gerhart Hauptmann und Richard Strau&szlig; Umgang pflegt, und in seiner Dienstzeit Befehle gibt, die Hunderttausenden von Polen das Leben kosten und die Vernichtung der Juden vorantreiben. Frank sorgte daf&uuml;r, dass ein gro&szlig;er Teil der polnischen Intelligenz liquidiert und f&uuml;r die &uuml;brige Bev&ouml;lkerung das faschistische Motto verwirklicht wurde: &#8222;Slawen sind Sklaven&#8220;. Eine Million Zwangsarbeiter wurde ins &#8222;Reich&#8220; deportiert.<\/p>\n<p>W&auml;hrend Hans Frank in der Herrscherloge der Krakauer Oper zusammen mit festlich gekleideten deutschen Volksgenossen einem klassischen Ballett zuschaute, wurde nur eine Eisenbahnstunde entfernt in einem KZ das Morden fortgesetzt. Aber nicht nur als Schreibtischm&ouml;rder war der &#8222;furchtbare Jurist&#8220; Frank rastlos t&auml;tig, sondern auch als durch und durch korrupter und raffgieriger Sammler von Kunstwerken. Er und seine Frau bereicherten sich schamlos, nicht nur am Verm&ouml;gen der verfolgten Juden. Das ging so weit, dass Franks Frau in den Ghettos erschien und mit dem falschen Versprechen von Schutz und Rettung Pelze und Schmuck f&uuml;r ein paar Zloty an sich raffte.<\/p>\n<p>Wenn im mittleren Teil der Konzertlesung Reks Musik eher eine unterst&uuml;tzende, den Text erg&auml;nzende Funktion hatte, so &auml;nderte sich das im dritten Teil, in dem wieder nur eine rasche Abfolge von Bildern gezeigt wurde. Rek brachte dem Publikum den polnischen Widerstand nahe, indem er Volksmelodien aus seiner Heimat, Elemente j&uuml;discher musikalischer Tradition und harte Rhythmen aus dem Jazz aufgriff und transformierte. Auch wenn die Teilnehmer die von ihm gesungenen polnischen Worte und S&auml;tze nicht verstanden, verstanden sie doch deren Bedeutung.<\/p>\n<p>F&uuml;r alle TeilnehmerInnen war es ein bewegender Abend, an dem in einer &uuml;berraschenden Weise Text, Bild und Musik kombiniert wurden. Der Applaus war entsprechend lang und herzlich. In der anschlie&szlig;enden Diskussion wurde das Bed&uuml;rfnis nach solch plastischen und emotional wirksamen Darstellungen deutlich &#8211; sie fehlen in den Schulb&uuml;chern und im Unterricht. Es ist zu w&uuml;nschen, dass Dieter Schenks und Vitold Reks Konzertlesung, die zuerst im Dezember 2010 in Krakau stattfand, dort mitveranstaltet vom Deutschen Generalkonsulat, auch in anderen St&auml;dten ihr Publikum findet.<\/p>\n<p><i>Reiner Diederich<\/i><\/p>\n<p><i>Dieter Schenk: Krakauer Burg : die Machtzentrale des Generalgouverneurs Hans Frank ; 1939 &#8211; 1945 \/&nbsp; Berlin : Christoph-Links-Verlag, 1. Aufl., 2010, 206 S., 29,90 Euro ISBN 978-3-86153-575-1 <\/i><\/p>\n","protected":false},"featured_media":4068,"template":"","categories":[2634],"tags":[750],"autoren":[1595],"publikationen":[921],"class_list":["post-9051","publikation","type-publikation","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category-veranstaltungsberichte","tag-frankfurt-veranstaltungsberichte","autoren-reiner-diederich","publikationen-215-216"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Vergegenw\u00e4rtigung des Vergangenen - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/215-216\/publikation\/vergegenwaertigung-des-vergangenen\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Vergegenw\u00e4rtigung des Vergangenen - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Bericht &uuml;ber eine Lesung mit Text, Bild und Musik. 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