{"id":9088,"date":"2011-07-26T13:56:00","date_gmt":"2011-07-26T11:56:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/sterberecht-und-sterbehilfepraxis-im-internationalen-vergleich-bericht-von-der-fachtagung-die-fre\/"},"modified":"2021-09-05T18:04:04","modified_gmt":"2021-09-05T16:04:04","slug":"sterberecht-und-sterbehilfepraxis-im-internationalen-vergleich-bericht-von-der-fachtagung-die-fre","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/213-mitteilungen\/publikation\/sterberecht-und-sterbehilfepraxis-im-internationalen-vergleich-bericht-von-der-fachtagung-die-fre\/","title":{"rendered":"Sterberecht und Sterbehilfepraxis im internationalen Vergleich &#8211; Bericht von der Fachtagung &#8222;Die Freiheit zu sterben II\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Mitteilungen Nr. 213 (2\/2011)<\/p>\n<div><span class=\"migrated-image\"><a href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/ausIMG5_10648bw-1.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-3539 size-medium\" src=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/ausIMG5_10648bw-1-600x326.jpg\" alt=\"Sterberecht und Sterbehilfepraxis im internationalen Vergleich - Bericht von der Fachtagung \" width=\"600\" height=\"326\" srcset=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/ausIMG5_10648bw-1-600x326.jpg 600w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/ausIMG5_10648bw-1-768x418.jpg 768w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/ausIMG5_10648bw-1-450x245.jpg 450w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/ausIMG5_10648bw-1.jpg 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><\/span><\/p>\n<p class=\"news-single-imgcaption\">\n<\/div>\n<p>Vor zwei Jahren verabschiedete der Bundestag eine Reform des Betreuungsrechts, mit der Patientenverf&uuml;gungen endlich als verbindlich anerkannt wurden. In der Praxis bleiben jedoch viele Fragen offen: Was darf in einer Patientenverf&uuml;gung alles festgelegt werden? Ob und wann ist ein Behandlungsabbruch zul&auml;ssig? Wie weit d&uuml;rfen eine palliativmedizinische Versorgung oder eine aktive Sterbebegleitung gehen? Bei diesen vor allem im Strafrecht zu kl&auml;renden Fragen herrscht immer noch gro&szlig;e Rechtsunsicherheit. Das zeigen nicht zuletzt die wiederkehrenden Verfahren, die sich bis vor die obersten Gerichte hinziehen und in denen selbst zwischen Fachjuristen erstaunliche Meinungsunterschiede in der Bewertung einer konkreten Behandlungssituation zutage treten, von den beteiligten &Auml;rzten und Angeh&ouml;rigen ganz zu schweigen. Dabei k&ouml;nnte bereits eine einfache &Auml;nderung des &sect; 216 Strafgesetzbuch (StGB) die Verwirrung dar&uuml;ber, ob ein &auml;rztlicher Eingriff nun passive, indirekte oder aktive Sterbehilfe sei, aufl&ouml;sen. Die HU hat einen entsprechenden Vorschlag bereits 2007 vorgelegt, er sieht auch die Legalisierung aktiver Sterbehilfe vor. Diese Forderung, obwohl in der Bev&ouml;lkerung seit langem popul&auml;r, mag bisher keine der im Bundestag vertretenen Parteien aufgreifen. Unisono warnen sie vor einem Dammbruch, der mit einer Freigabe der aktiven Sterbehilfe eingeleitet w&uuml;rde. Angesichts eines unterfinanzierten Gesundheitssystems und schwindender famili&auml;rer Bindungen f&uuml;rchte man, dass Alte und Kranke zunehmend in den Tod gedr&auml;ngt w&uuml;rden. Unter solchen Bedingungen k&ouml;nne von autonomen, selbstbestimmten Entscheidungen zum Sterben keine Rede sein.&nbsp;<\/p>\n<p>Doch wie gro&szlig; ist die Gefahr eines solchen Dammbruchs&nbsp; wirklich? Welche Formen von Sterbehilfe sind mit dem deutschen Verfassungsrecht vereinbar? Und welche Bedeutung hat das Recht &uuml;berhaupt, wenn es um humane Bedingungen des Sterbens geht? Das waren Fragen, denen sich die Tagung &#8222;Die Freiheit zu sterben II&#8220; widmete. Sie fand am 14. April 2011 in Berlin statt und setzte eine unter gleichem Titel vor vier Jahren begonnene Kooperation zwischen Heinrich-B&ouml;ll-Stiftung und Humanistischer Union fort. Diesmal wurde die Veranstaltung gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft f&uuml;r Humanes Sterben ausgerichtet.<\/p>\n<h5><span id=\"das-toetungstabu-eine-legitime-rechtfertigung\">Das T&ouml;tungstabu &ndash; eine legitime Recht&shy;fer&shy;ti&shy;gung?<\/span><\/h5>\n<p>J&ouml;rg Antoine stellte den verfassungsrechtlichen Konflikt um die Sterbehilfe als Abw&auml;gung vor zwischen dem Selbstbestimmungsrecht des Sterbewilligen und der Schutzpflicht des Gesetzgebers f&uuml;r das Leben, welches durch die Aufweichung des T&ouml;tungstabus bedroht werde. Hierbei gehe es um Leben und Tod. Da k&ouml;nne niemand vom Gesetzgeber verlangen, &#8222;das Experiment einer Freigabe der T&ouml;tung auf Verlangen&#8220; einzugehen, wenn das Risiko eines Missbrauchs vorab nicht zu erfassen ist. Doch ein solches Experiment braucht es nicht, dazu gen&uuml;gt ein Blick &uuml;ber die Landesgrenzen: In der Schweiz und den Benelux-Staaten werden verschiedene Formen der Sterbehilfe praktiziert, die damit verbundenen Risiken sind also empirisch kontrollierbar &#8211; genau das hatte sich die Tagung vorgenommen.<\/p>\n<p>Zuvor wies Reinhard Merkel noch auf einige Missverst&auml;ndnisse in der normativen Begr&uuml;ndungslogik des Sterbehilfe-Verbotes hin: Der &sect; 216 StGB sch&uuml;tze nicht das Lebensrecht (Artikel 2 Grundgesetz) des Sterbewilligen &#8211; in dieses Grundrecht werde bei einer T&ouml;tung auf Verlangen n&auml;mlich gar nicht eingegriffen: &#8222;Wohl zerst&ouml;rt ein Suizident sein biologisches Leben. Aber sein Recht auf Leben verletzt er nicht dabei. Das kann er gar nicht verletzen. Das sch&uuml;tzt Ihn gegen Andere, nicht gegen sich selbst.&#8220; Das gleiche gelte f&uuml;r den Fall, dass er einen Anderen ausdr&uuml;cklich mit seiner T&ouml;tung beauftrage. Ebenso zweifelhaft ist f&uuml;r Reinhard Merkel aber auch die Begr&uuml;ndung, der &sect; 216 StGB diene der Aufrechterhaltung des T&ouml;tungstabus. Mit dem Dammbruch-Argument werde ein &#8222;strikter Utilitarismus auf Kosten des Individuums&#8220; gepflegt, den er f&uuml;r &#8222;moralisch verwerflich&#8220; h&auml;lt.<\/p>\n<p>Der rationale Kern und damit der eigentliche legitime Grund des Verbots einer T&ouml;tung auf Verlangen (f&uuml;r dessen Erhalt sich Merkel &uuml;brigens aussprach) liege vielmehr im Schutz des &#8222;biologischen Am-Leben-Seins des Menschen&#8220; vor &uuml;bereilten, irreversiblen Suizid-Entscheidungen. Der &sect; 216 StGB ziele auf den 19-j&auml;hrigen Jugendlichen, der heute aus Liebeskummer aus dem Leben scheiden will und seinen Freund bittet: &#8216;Schie&szlig; mir eine Kugel in den Kopf&#8217; &#8211; und morgen froh sei, dass der Freund es nicht getan habe. Glaubt man der Suizidforschung, dann ist die Mehrzahl der &Uuml;berlebenden eines Suizidversuches sp&auml;ter froh dar&uuml;ber, dass ihr Versuch misslang. Nur eine Minderheit der j&auml;hrlich etwa 9.500 Suizide in Deutschland erf&uuml;lle die (umstrittenen) Kriterien eines Bilanzsuizids, bei dem man von einer freien, sp&auml;ter nicht zu widerrufenden Entscheidung ausgehen k&ouml;nne. Ein &#8222;&Uuml;bereilungsschutz&#8220; ist unter diesen Gesichtspunkten sinnvoll.<\/p>\n<p>Wenn sich der Schutzgehalt des &sect; 216 StGB jedoch auf den Schutz vor &uuml;bereilten Entscheidungen beschr&auml;nkt, weist das zugleich den Weg f&uuml;r eine begrenzte Freigabe des Verbotes: Allein schon durch ein zeitlich gestrecktes Verfahren der Sterbehilfe lie&szlig;en sich Kurzschlusshandlungen ausschlie&szlig;en. Die Pr&uuml;fung der Nachhaltigkeit eines Sterbewunsches geh&ouml;rt deshalb zu den Kriterien, die allen auf der Tagung vorgestellten oder vorgeschlagenen Verfahren der Sterbehilfe gemeinsam sind.<\/p>\n<p>Reinhard Merkel lieferte schlie&szlig;lich noch die normativen Rechtfertigungsgr&uuml;nde, unter welchen Umst&auml;nden nach seiner Auffassung die aktive Sterbehilfe bereits mit dem heutigen Strafrecht zu vereinbaren sei: den rechtfertigenden Notstand (&sect; 34 StGB). Die Erm&ouml;glichung eines w&uuml;rdevollen und schmerzfreien Todes sei u.U. ein h&ouml;herwertiges Rechtsgut als die Aussicht, unter schwersten Schmerzen noch kurze Zeit weiter leben zu m&uuml;ssen, dass nicht nur die indirekte Sterbehilfe (also die Schmerzlinderung mit Inkaufnahme des vorzeitigen Todes), sondern in extremen Situationen auch die gezielte, aktive T&ouml;tung gestatte.<\/p>\n<h5><span id=\"palliativmedizin-eine-alternative-zur-sterbehilfe\">Pallia&shy;tiv&shy;me&shy;dizin eine Alternative zur Sterbe&shy;hilfe?&nbsp; <\/span><\/h5>\n<p>Nach den verfassungsrechtlichen und normtheoretischen Er&ouml;rtungen ging die Tagung zur Praxis &uuml;ber. Hier wird den Bef&uuml;rwortern von Sterbehilfe und assistiertem Suizid immer wieder entgegengehalten, der Wunsch nach Sterbehilfe beruhe auf falschen Vorstellungen vom Krankheitserleben (&#8222;Apparatemedizin&#8220;) und einer mangelnden Kenntnis bzw. einem mangelnden Angebot palliativmedizinischer M&ouml;glichkeiten. R&uuml;cke man beides zurecht, erledige sich der Wunsch quasi von selbst. Dem widersprach der Berliner Palliativmediziner Michael de Ridder vehement: Nicht jedes Leiden lasse sich auf ein ertr&auml;gliches Ma&szlig; reduzieren, manche Patienten f&auml;nden trotz aller Bem&uuml;hungen nicht zum Lebenssinn zur&uuml;ck. &#8222;Palliativmedizin und &auml;rztlich assistierter Suizid verhalten sich eben nicht antagonistisch, sondern im Prinzip komplement&auml;r zueinander. Ich w&uuml;rde sogar so weit gehen zu behaupten, dass auch der &auml;rztlich assistierte Suizid zu einer &auml;u&szlig;ersten Ma&szlig;nahme palliativer Medizin werden kann.&#8220; Er verwies in diesem Zusammenhang auf die Erfahrungen im US-Bundesstaat Oregon. Der hatte 1997 eine gesetzliche Regelung zum &auml;rztlich assistierten Suizid erlassen. In den ersten acht Jahren nahmen 390 Patienten dieses Recht in Anspruch und unterzogen sich den vorgeschriebenen Beratungen und Begutachtungen, um sich das todbringende Barbiturat verschreiben zu lassen. &Uuml;ber ein Drittel dieser Sterbewilligen nahm das Mittel am Ende jedoch nicht ein &#8211; ihnen gen&uuml;gte offenbar die Gewissheit, jederzeit selbst &uuml;ber den richtigen Zeitpunkt ihres Sterbens bestimmen zu k&ouml;nnen.<\/p>\n<p>Das Beispiel Oregon ist auch in anderer Hinsicht aufschlussreich, weil dort Sozialdaten und Motive der Sterbewilligen erfasst werden. Diese Daten relativieren die Bef&uuml;rchtung vor einem sozialdarwinistischen Abdr&auml;ngen der Armen in die Sterbehilfe: Zwischen 1998 und 2005 wurden in Oregon 246 assistierte Suizide tats&auml;chlich ausgef&uuml;hrt, dies entsprach einem Promille aller Sterbenden. Die Sterbewilligen lagen sowohl in ihrem Ausbildungsgrad als auch in ihrem Krankenversicherungsstatus deutlich &uuml;ber dem Bev&ouml;lkerungsdurchschnitt. Bei den Motiven f&uuml;r den Sterbewunsch spielte das unvermeidbare Leiden nur bei 22 Prozent der Betroffenen eine Rolle; weitaus wichtiger waren der drohende Autonomie- und W&uuml;rdeverlust sowie ein Verlust, jene Dinge tun zu k&ouml;nnen, die ein lebenswertes Leben ausmachen (jeweils &uuml;ber 80 Prozent, vgl. Dahl 2006).<\/p>\n<h5><span id=\"formales-recht-und-aerztliche-praxis\">Formales Recht und &auml;rztliche Praxis<\/span><\/h5>\n<p>Wenn es um die Erf&uuml;llung von Sterbew&uuml;nschen geht, blicken viele Menschen in Deutschland auf die Schweiz. Nicht erst seit Daniel Kehlmanns Erz&auml;hlung &#8222;Ruhm&#8220; ist das Problem des deutsch-schweizerischen Sterbetourismus pr&auml;sent. Worin aber unterscheiden sich die Rahmenbedingungen bei unseren Nachbarn, dass dort m&ouml;glich wird, was hierzulande nicht geht? Der von Karl-Ludwig Kunz vorgetragene Rechtsvergleich pr&auml;sentierte &Uuml;berraschendes: In strafrechtlicher Hinsicht gebe es keine Unterschiede zwischen Deutschland und der Schweiz, mit denen sich die unterschiedliche Sterbehilfepraxis erkl&auml;ren lie&szlig;e. Aktive Sterbehilfe ist hier wie dort verboten, in der Beihilfe zum Suizid ist das Schweizer Recht gar deutlich restriktiver. So ist die Anstiftung oder Verleitung zum Selbstmord in der Schweiz strafbar, sofern sie aus selbsts&uuml;chtigen Motiven erfolgt (Art. 115 StGB). Die Unterschiede finden sich au&szlig;erhalb der Gesetze: Zum einen kennt die Schweiz keine der Spruchpraxis des deutschen Bundesgerichtshofes (BGH) vergleichbare Rechtsprechung, die einen dem Suizid beiwohnenden Arzt nicht aus der Garantenstellung entl&auml;sst (&#8222;Fall Wittig&#8220;, BGH 3 StR 96\/84 v. 4.7.1984) &#8211; eine Praxis, die auch Torsten Verrel als &uuml;berholt und revisionsw&uuml;rdig bezeichnete.<\/p>\n<p>Ausschlaggebender d&uuml;rfte aber sein, dass die Schweizer &Auml;rztInnen den palliativmedizinischen Handlungsspielraum weiter auslegen als ihre deutschen KollegInnen. Sie w&uuml;rden ein gr&ouml;&szlig;eres Risiko der Lebensverk&uuml;rzung in Kauf nehmen, was in der Praxis zu einem &#8222;exzessiven Einsatz palliativer Techniken&#8220; und einer rechtlichen Grauzone f&uuml;hrt, so Kunz. Auch wenn es bereits Versuche gegeben habe, mit Hilfe von Rahmenvereinbarungen zwischen Staatsanwaltschaft und Sterbehilfeorganisationen gewisse Sorgfaltskriterien zu etablieren, fehle bisher &#8211; mit Ausnahme des o.g. Beihilfeverbotes &#8211; jede rechtliche Regulierung der Sterbehilfepraxis. Das Modell basiere auf dem Vertrauen in die &auml;rztlichen Entscheidungen. Aufgrund der weiten Auslegung ihres palliativen Auftrages kann man nach Kunz davon ausgehen, dass in der Schweiz &#8222;jeder ernsthaft Suizidwillige letztlich einen Arzt finden wird, der zur Verschreibung dieses Mittels bereit ist.&#8220; Eine &Auml;nderung sei jedoch mit dem noch f&uuml;r dieses Jahr erwarteten Gesetzentwurf zur organisierten Suizidbeihilfe in Sicht.<\/p>\n<p>Im Gegensatz dazu existiert in den Niederlanden seit 2002 eine detaillierte rechtliche Regelung f&uuml;r die Voraussetzungen straffreier &auml;rztlicher Sterbe- und Suizidbeihilfe. Erhard Blankenburg betonte jedoch, dass diese Praxis im vorrechtlichen Raum entstanden sei. Das niederl&auml;ndische Sterberecht sei auch nicht einfach liberal, sondern eher pragmatisch einzustufen. Es gehe auf eine Initiative der &Auml;rztInnen zur&uuml;ck, &#8222;die die Juristen aus ihren Krankenh&auml;usern heraus haben wollten&#8220;, betonte Blankenburg. Dahinter steht die Erfahrung, dass viele gerichtliche Auseinandersetzungen um die Rechte Sterbender auf sekund&auml;re Konflikte zur&uuml;ckgehen (z.B. Rivalit&auml;ten zwischen dem Personal) und die Verfahren f&uuml;r die Sterbewilligen und ihre Angeh&ouml;rigen oft eine unzumutbare Belastung sind. Um einer restriktiven Verrechtlichung des Sterbens vorzubeugen, haben sich 1995 die &Auml;rzt-Innen auf Rahmenbedingungen geeinigt, mit denen sie ihrer Sorgfaltspflicht bei der Sterbehilfe nachkommen wollen. Dazu geh&ouml;ren die Diagnose eines aussichtlosen Leidens, die Konsultation eines\/einer zweiten KollegIn, die Nachhaltigkeit des Sterbewunsches (dieser muss in mehreren Beratungen vorgetragen werden) und eine &auml;rztliche Kontrollkommission f&uuml;r Streitf&auml;lle. Diese Sorgfaltspflichten wurden 2002 in die gesetzliche Regelung &uuml;bernommen. Sie dienen seitdem oft als Vorbild f&uuml;r eine regulierte Freigabe der Sterbe(bei)hilfe, wie gegenw&auml;rtig in der Schweizer Diskussion.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Mit der Tagung wurde einmal mehr der rechtliche Gestaltungsspielraum f&uuml;r ein selbstbestimmtes Sterben abgesteckt. Kurz gesagt: Unser Grundgesetz l&auml;sst offen, ob die aktive Sterbehilfe verboten bleiben oder doch legalisiert werden kann. Beides scheint mit unserer Verfassung vereinbar zu sein. Es bleibt daher dem Gesetzgeber &uuml;berlassen, ob und welche Freir&auml;ume er f&uuml;r die individuellen Vorstellungen vom guten Sterben schafft.<\/p>\n<p>Mit ihrem internationalen Rechts- und Praxisvergleich hat die Veranstaltung zugleich deutlich gemacht, wie gro&szlig; der Gestaltungsspielraum jenseits des Rechts ist. Hierbei kommt es besonders auf das Selbstverst&auml;ndnis der &Auml;rztInnen an &#8211; wie weit sie ihren palliativen Auftrag wahrnehmen, und in welchem Ma&szlig;e sie die Entscheidung zum Sterben den W&uuml;nschen und Wertvorstellungen ihrer PatientInnen &uuml;berlassen. Die am 1. Juni verabschiedeten neuen Richtlinien der Bundes&auml;rztekammer zur Sterbebegleitung stellen einen umso gr&ouml;&szlig;eren R&uuml;ckschritt dar. Ein Berufsverband, der &Auml;rztInnen jegliche Hilfe zur Selbstt&ouml;tung untersagt, agiert gegen die Erwartungen und Vorstellungen vieler PatientInnen und &uuml;berl&auml;sst die Sterbewilligen ihrem Schicksal. Von einem toleranten Umgang mit den Sterbew&uuml;nschen scheint die deutsche Gesellschaft weit entfernt.<\/p>\n<p>Sven L&uuml;ders<\/p>\n<p>Gesetzentwurf der Humanistischen Union <br \/>zur St&auml;rkung des Selbstbestimmungsrechts <br \/>kranker und sterbewilliger Menschen<\/p>\n<p>&sect; 216 StGB wird wie folgt ge&auml;ndert:<\/p>\n<p>&#8222;&sect; 216 Sterbehilfe<br \/>(1) &nbsp;Sofern dies dem Willen des Betroffenen entspricht, sind Handlungen nicht rechtswidrig in F&auml;llen<br \/>1. des Unterlassens oder Beendens einer lebenserhaltenden Ma&szlig;nahme oder<br \/>2. der Anwendung einer medizinisch angezeigten leidmindernden Ma&szlig;nahme, die das Leben als nicht beabsichtigte Nebenwirkung verk&uuml;rzt. <br \/>(2)&nbsp;Nicht rechtswidrig ist die T&ouml;tung eines anderen Menschen auf Grund seines ausdr&uuml;cklichen und ernstlichen Verlangens.&#8220;<\/p>\n<p>Informationen:<\/p>\n<p>Bundes&auml;rztekammer: &Auml;nderungen der (Muster-)Berufsordnung f&uuml;r die deutschen &Auml;rztinnen und &Auml;rzte. Beschluss des 114. Deutschen &Auml;rztetages in Kiel v. 31.5.-3.6.2011, unter <a href=\"http:\/\/baek.de\/downloads\/114DAETBeschlussAnlageIII-01.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/baek.de\/downloads\/114DAETBeschlussAnlageIII-01.pdf<\/a><\/p>\n<p>Edgar Dahl: Dem Tod zur Hand gehen, in: Spektrum der Wissenschaft 7\/2006, S. 116 ff., abrufbar unter <a href=\"http:\/\/www.wissenschaft-online.de\/spektrum\/pdf\/leseprobe\/SDW_06_07_S116.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.wissenschaft-online.de\/spektrum\/pdf\/leseprobe\/SDW_06_07_S116.pdf<\/a>.<\/p>\n<p>Eine gedruckte Dokumentation der Tagung ist in Vorbereitung und kann nach Erscheinen &uuml;ber die Gesch&auml;ftsstelle bzw. den Onlineshop der HU bezogen werden. Die Audiodokumentation der Referate findet sich unter: <a href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/themen\/bioethik\/freiheit-zu-sterben-ii\/\">www.humanistische-union.de\/themen\/bioethik\/sterben2<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":3539,"template":"","categories":[16],"tags":[2529,695],"autoren":[139],"publikationen":[2874],"class_list":["post-9088","publikation","type-publikation","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category-rechtspolitik","tag-sterbehilfe-rechtspolitik","tag-veranstaltungen-berichte","autoren-sven-lueders","publikationen-213-mitteilungen"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Sterberecht und Sterbehilfepraxis im internationalen Vergleich - Bericht von der Fachtagung &quot;Die Freiheit zu sterben II\u201c - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/213-mitteilungen\/publikation\/sterberecht-und-sterbehilfepraxis-im-internationalen-vergleich-bericht-von-der-fachtagung-die-fre\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Sterberecht und Sterbehilfepraxis im internationalen Vergleich - Bericht von der Fachtagung &quot;Die Freiheit zu sterben II\u201c - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Mitteilungen Nr. 213 (2\/2011) Vor zwei Jahren verabschiedete der Bundestag eine Reform des Betreuungsrechts, mit der Patientenverf&uuml;gungen endlich als verbindlich anerkannt wurden. 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