{"id":9127,"date":"2010-12-20T16:47:00","date_gmt":"2010-12-20T15:47:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/menschenwuerde-und-sozialstaat-messlatten-fuer-die-neue-gesetzgebung-zu-den-regelleistungen-nach-dem\/"},"modified":"2021-08-30T15:40:59","modified_gmt":"2021-08-30T13:40:59","slug":"menschenwuerde-und-sozialstaat-messlatten-fuer-die-neue-gesetzgebung-zu-den-regelleistungen-nach-dem","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/211\/publikation\/menschenwuerde-und-sozialstaat-messlatten-fuer-die-neue-gesetzgebung-zu-den-regelleistungen-nach-dem\/","title":{"rendered":"Menschenw\u00fcrde und Sozialstaat: Messlatten f\u00fcr die neue Gesetzgebung zu den Regelleistungen nach dem Sozialgesetzbuch (SGB) II und XII"},"content":{"rendered":"<p>Mitteilungen Nr. 211 (4\/2010), S. 5-7<\/p>\n<div><span class=\"migrated-image\"><a href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/wuerde-1.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-3392 size-medium\" src=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/wuerde-1.jpg\" alt=\"Menschenw&uuml;rde und Sozialstaat: Messlatten f&uuml;r die neue Gesetzgebung zu den Regelleistungen nach dem Sozialgesetzbuch (SGB) II und XII\" width=\"600\" height=\"399\" srcset=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/wuerde-1.jpg 600w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/wuerde-1-450x299.jpg 450w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><\/span><\/p>\n<p class=\"news-single-imgcaption\">\n<\/div>\n<p><i>(Red.) Die Humanistische Union hat sich in diesem Jahr intensiv mit den Fragen der Existenzsicherung und der Teilhabe armer Menschen in Deutschland besch&auml;ftigt &#8211; auf verschiedenen Tagungen in Marburg, Berlin und Rastatt. Aus dieser Arbeit gingen mehrere Stellungnahmen und Positionspapiere zur Neuregelung der sogenannten Hartz IV-Regels&auml;tze und dem Bildungspaket hervor, deren zentrale Argumentation wir an dieser Stelle zusammenfassen. Die vollst&auml;ndigen Texte sind &uuml;ber den Link am Ende des Beitrags abrufbar. <\/i><\/p>\n<p>Das Bundesverfassungsgericht hat in seinem Urteil vom 9. Februar 2010 (Az. 1 BvL 1\/09 u. a.) klargestellt, dass es ein Grundrecht auf Gew&auml;hrleistung eines menschenw&uuml;rdigen Existenzminimums in Form eines Leistungsanspruchs jedes\/r Hilfebed&uuml;rftigen gegen&uuml;ber dem Staat gibt. Dieses folge aus der Menschenw&uuml;rdegarantie (Artikel 1 Absatz 1 Grundgesetz) in Verbindung mit dem Sozialstaatsprinzip (Artikel 20 Absatz 1 Grundgesetz). Die bisherigen Vorschriften zu den Regelleistungen f&uuml;r Erwachsene und Kinder nach dem Sozialgesetzbuch 2 hat das Gericht f&uuml;r verfassungswidrig erkl&auml;rt.<\/p>\n<p>Mit der Anerkennung eines Grundrechts auf Gew&auml;hrleistung eines menschenw&uuml;rdigen Existenzminimums greift das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) Bestimmungen des Internationalen Paktes &uuml;ber wirtschaftliche, soziale und kulturelle Menschenrechte (Sozialpakt) auf, bei dem Deutschland Vertragspartei ist. In Artikel 11 des Sozialpaktes ist das Recht auf einen angemessenen Lebensstandard enthalten, der ausreichenden Zugang zu Nahrung, Kleidung, Unterkunft und auch Wasser umfasst: &#8222;<i>Die Vertragsstaaten erkennen das Recht eines jeden auf einen angemessenen Lebensstandard f&uuml;r sich und seine Familie an, einschlie&szlig;lich ausreichender Ern&auml;hrung, Bekleidung und Unterbringung<\/i>&#8222;. Zudem enth&auml;lt der Artikel 9 des Sozialpaktes das Recht auf soziale Sicherheit. Das zust&auml;ndige &Uuml;berwachungsgremium, das Komitee der Vereinten Nationen f&uuml;r wirtschaftliche, soziale und kulturelle Menschenrechte (WSK-Komitee), hat seit 1999 einige Rechtskommentare zur Interpretation der Bestimmungen des Sozialpaktes verfasst, so 1999 den Rechtskommentar zum Recht auf Nahrung, 2002 zum Recht auf Wasser und 2009 einen Kommentar zum &#8222;Recht auf soziale Sicherheit&#8220;. Im Rechtskommentar zum Recht auf Nahrung wird das Grundrecht auf Gew&auml;hrleistung eines menschenw&uuml;rdigen Existenzminimums als Teil der Staatenpflichten zur Umsetzung des Sozialpaktes beschrieben. Neben dem UN-Sozialpakt erkennt auch die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen &#8211;Deutschland ist auch hier Vertragspartei &#8211; ein Recht auf Gew&auml;hrleistung eines menschenw&uuml;rdigen Existenzminimums an. In Artikel 26 &#8222;Soziale Sicherheit&#8220; hei&szlig;t es: &#8222;<i>Die Vertragsstaaten erkennen das Recht jedes Kindes auf Leistungen der sozialen Sicherheit &#8230; an<\/i>&#8222;.<\/p>\n<p>Das BVerfG best&auml;tigt mit seinem Urteil die entsprechenden Bestimmungen des UN-Sozialpaktes und der Kinderrechtskonvention. Leider erw&auml;hnt das Gericht in seiner Entscheidung nicht die v&ouml;lkerrechtlichen Verpflichtungen Deutschlands. Das w&auml;re aus v&ouml;lkerrechtlicher Perspektive w&uuml;nschenswert gewesen, um die engen Verbindungen der menschenrechtlichen Verpflichtungen und des Grundrechtsschutzes systematisch zu nutzen.<\/p>\n<p>Der Staat ist demnach verpflichtet, allen Hilfebed&uuml;rftigen die Mittel zu gew&auml;hrleisten, die f&uuml;r ein menschenw&uuml;rdiges Dasein unbedingt erforderlich sind. Dies umfasst sowohl die physische Existenz also Nahrung, Kleidung, Unterkunft, Hausrat, Heizung, Hygiene und Gesundheit als auch eine gesicherte M&ouml;glichkeit zur Pflege zwischenmenschlicher Beziehungen und zu einem Mindestma&szlig; an gesellschaftlicher, kultureller und politischer Teilhabe.<\/p>\n<p>Das Grundrecht auf ein menschenw&uuml;rdiges Existenzminimum soll nach dem Urteil vor allem durch Verfahren gesch&uuml;tzt werden, das hei&szlig;t, der Gesetzgeber muss die H&ouml;he des Anspruchs &#8222;<i>in einem transparenten und sachgerechten Verfahren realit&auml;tsgerecht und nachvollziehbar auf der Grundlage verl&auml;sslicher Zahlen und schl&uuml;ssiger Berechnungsverfahren<\/i>&#8220; bemessen, so das Bundesverfassungsgericht. Insbesondere die Bed&uuml;rfnisse von Kindern und Jugendlichen d&uuml;rfen nun nicht mehr von den Regels&auml;tzen der Erwachsenen abgeleitet werden, sondern m&uuml;ssen eigenst&auml;ndig ermittelt werden. Eine neue gesetzliche Regelung &uuml;ber die H&ouml;he des Arbeitslosengeldes II und des Sozialgeldes muss diese Grunds&auml;tze zwingend beachten.<\/p>\n<p>Bei der Definition, welche Leistungen in welcher H&ouml;he gew&auml;hrt werden m&uuml;ssen, um ein menschenw&uuml;rdiges Existenzminimum und ein Mindestma&szlig; an Teilhabe zu gew&auml;hrleisten, m&uuml;ssen konsequenterweise auch Wertentscheidungen getroffen werden. Der Gesetzgeber darf sich bei der Festlegung jedoch nicht von sachfremden &Uuml;berlegungen leiten lassen, wie zum Beispiel Vorurteilen gegen&uuml;ber sogenannten bildungsfernen Schichten und ihren Bed&uuml;rfnisse sowie dem &#8222;Lohnabstandsgebot&#8220;, das bislang immer dazu benutzt wurde, die Regels&auml;tze im SGB unterhalb der Einkommen im Niedriglohnsektor zu halten.<\/p>\n<p>Ein Grundrecht auf Gew&auml;hrleistung der physischen Existenz und eines Mindestma&szlig;es an Teilhabe kann nur dann verwirklicht werden, wenn die tats&auml;chlichen Bed&uuml;rfnisse der Menschen befriedigt werden. Das Bundesverfassungsgericht f&uuml;hrt in seinem Urteil aus, dass dieses Grundrecht &#8222;<i>dem Grunde nach unverf&uuml;gbar<\/i>&#8220; ist. Es ist danach ausgeschlossen, in erster Linie die Kassenlage, Disziplinierungs- oder Ordnungsvorstellungen f&uuml;r eine Berechnung heranzuziehen. Dieses gilt gleicherma&szlig;en f&uuml;r die Ausgestaltung des Leistungsanspruchs: Diese muss Rechtssicherheit schaffen und weitestgehend stigmatisierungs- und bevormundungsfrei umgesetzt werden.<\/p>\n<p>Das am 3. Dezember 2010 vom Bundestag mit schwarz-gelber Mehrheit beschlossene Gesetz gen&uuml;gt dem jedoch nicht.<\/p>\n<h5><span id=\"nicht-transparent-und-teilweise-willkuerlich\">Nicht transparent und teilweise willk&uuml;rlich<\/span><\/h5>\n<p>Die Humanistische Union hat in ihrer Stellungnahme zum Gesetzentwurf der Koalitionsfraktionen (siehe Bundestagsdrucksache 17\/3404) kritisiert, dass der Entwurf weder transparente, nachvollziehbare noch realit&auml;tsgerechte Berechnungen liefert. Zudem sind die Wertentscheidungen, was letztendlich existenznotwendig sein soll und in welcher H&ouml;he, oftmals fragw&uuml;rdig und vorurteilsbeladen. Dar&uuml;ber hinaus ist die Bestimmung der Berechnungsgrundlage zweifelhaft. Zum einen ist die Festlegung der Referenzgruppe der zu ber&uuml;cksichtigenden Haushalte willk&uuml;rlich. Damit soll weiterhin ein Einkommensabstand zu Niedriglohngruppen gewahrt bleiben, obwohl das Lohnabstandsgebot nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts keine Rolle mehr spielen kann. Zum anderen kann ein echtes Existenzminimum gar nicht allein auf der Grundlage von Daten zum Verbrauch und Konsum festgestellt werden. Vielmehr zeigen viele Posten in der Verbrauchsstatistik, die zur Berechnung herangezogen wurde, dass in den Familien schlicht kein Geld f&uuml;r Kultur, B&uuml;cher, Bildung, Kommunikation und vieles andere vorhanden ist. Es ist daher nicht m&ouml;glich, von den tats&auml;chlichen Ausgaben auf den wirklichen, existenzminimalen Bedarf auch hinsichtlich gesellschaftlicher, kultureller und politischer Teilhabe zu schlie&szlig;en. Dadurch zementiert der Gesetzgeber vielmehr den gesellschaftlichen Ausschluss der Leistungsbezieher und ihrer Familien.<\/p>\n<h5><span id=\"bildungspaket-ist-bevormundung-und-mogelpackung\">Bildungs&shy;paket ist Bevor&shy;mun&shy;dung und Mogel&shy;pa&shy;ckung<\/span><\/h5>\n<p>In den alten Regels&auml;tzen f&uuml;r Kinder waren Ausgaben f&uuml;r Bildung schlichtweg nicht vorgesehen, da der Bund sich daf&uuml;r nicht zust&auml;ndig f&uuml;hlte. Aber auch das im August 2009 eingef&uuml;hrte &#8222;Schulstarter-Paket&#8220; von willk&uuml;rlich festgesetzten 100 Euro f&uuml;r Kinder von Leistungsbezieher\/innen lie&szlig; das Bundesverfassungsgericht nicht durchgehen. Es entschied stattdessen, dass insbesondere der altersspezifische Bedarf schulpflichtiger Kinder gedeckt werden m&uuml;sse.<\/p>\n<p>Der Gesetzgeber hat diese &#8222;Bedarfe&#8220; jedoch nicht in die Regels&auml;tze einflie&szlig;en lassen, sondern will Ausgaben f&uuml;r &#8222;Bildung und Teilhabe&#8220; extra auszahlen lassen &#8211; in Form von personalisierten Gutscheinen oder Kosten&uuml;bernahmeerkl&auml;rungen. Finanziert werden sollen damit Schulausfl&uuml;ge, Klassenfahrten und pers&ouml;nlicher Schulbedarf (wiederum mit 100 Euro, die aber nun nicht mehr komplett zum Schuljahrsbeginn ausgezahlt werden, sondern in Tranchen von anfangs 70 Euro und 30 Euro zum zweiten Halbjahr). Nur in Ausnahmef&auml;llen wird Nachhilfeunterricht vom Jobcenter finanziert. Die H&uuml;rden sind hier so hoch gesteckt, dass Sch&uuml;ler\/innen im Hartz-IV-Bezug quasi von der au&szlig;erschulischen F&ouml;rderung ausgeschlossen werden. Sowohl f&uuml;r Sch&uuml;ler\/innen, die voraussichtlich nicht versetzt werden, wie auch f&uuml;r Sch&uuml;ler, die es voraussichtlich aus eigener Kraft gerade noch so schaffen werden, ist demnach Lernforderung &#8222;nicht geeignet&#8220;, ebenso wenig, um eine andere Schulartempfehlung zu erhalten. Damit scheint schon das absolute Minimum festgelegt und ein &#8218;lernschwaches&#8216; Kind dauerhaft auf die Note &#8222;ausreichend&#8220; fixiert und von h&ouml;herer Schulbildung m&ouml;glicherweise ausgeschlossen.<\/p>\n<p>Die Zielrichtung ist klar: Der Regierung geht es in erster Linie um eine neue Kontrollinstanz gegen&uuml;ber Kindern und Eltern im Hartz-IV-Bereich. Das Vertrauen in die Eltern wird dabei ersetzt durch ein Vertrauen in die Jobcenter, die, nachdem sie &#8222;Notwendigkeit&#8220; und &#8222;Erforderlichkeit&#8220; festgestellt haben, Gutscheine ausgeben oder aber die zweckgerechte Verwendung von Geldleistungen kontrollieren sollen. Dies ist die Fortsetzung einer Politik der institutionellen Bevormundung. Die Politik geht dabei offenbar von der Vorstellung aus, dass Eltern, die Leistungen nach dem SGB II oder XII beziehen, nicht in der Lage oder willens sind, ihre Kinder ausreichend zu versorgen. Untersuchungen belegen hingegen, dass die Mehrheit der Leistungsbezieher\/innen das wenige Geld, das ihnen zur Verf&uuml;gung steht, vorrangig f&uuml;r ihre Kinder verwendet und die eigenen Bed&uuml;rfnisse eher zur&uuml;ckstellt. [1]<\/p>\n<p>V&ouml;llig an der Realit&auml;t vorbei gedacht ist schlie&szlig;lich die &#8222;F&ouml;rderung&#8220; von gesellschaftlicher Teilhabe f&uuml;r Kinder und Jugendliche. In einem abschlie&szlig;enden Katalog listet das Gesetz die f&ouml;rderungsw&uuml;rdigen Besch&auml;ftigungen wie &#8222;Mitgliedsbeitr&auml;ge in den Bereichen Sport, Spiel, Kultur und Geselligkeit&#8220; und Musik- und anderen k&uuml;nstlerischen Unterricht auf, f&uuml;r die pro Monat insgesamt Kosten in H&ouml;he von 10 Euro bezahlt werden. Welcher Klavier- oder Gitarrenunterricht ist schon f&uuml;r 2,50 Euro pro Stunde zu haben? Ausdr&uuml;cklich ausgeschlossen sind laut Gesetzesbegr&uuml;ndung im &Uuml;brigen Kinobesuche, da sie vermeintlich nur der Unterhaltung dienen. Nicht finanziert werden auch die Fahrtkosten zum Verein oder Musikunterricht. Damit verkommt die &#8222;F&ouml;rderung von gesellschaftlicher Teilhabe&#8220; endg&uuml;ltig zur Farce.<\/p>\n<p>Das Gesetz sieht vor, dass die Bildungs- und Teilhabekosten k&uuml;nftig auch mit elektronischen Abrechnungssystemen, sprich: Chipkarten abgewickelt werden k&ouml;nnen. Das Arbeitsministerium kann das N&auml;here einfach per Rechtsverordnung ohne Zustimmung des Bundesrates bestimmen.<\/p>\n<p>Die Humanistische Union lehnt die Einf&uuml;hrung einer Chipkarte ab, da diese entm&uuml;ndigend, b&uuml;rokratisch, stigmatisierend, teuer und zudem unn&ouml;tig ist. Bereits ein Gutscheinsystem, aber besonders ein Chipkartensystem stellt einen eklatanten Eingriff in die Privatsph&auml;re dar: Es spricht den Eltern ab, individuelle Entscheidungen und Handlungen frei treffen und w&auml;hlen zu k&ouml;nnen und bedeutet eine Einschr&auml;nkung des Rechts auf informationelle Selbstbestimmung. Zudem beschr&auml;nkt die Bildungskarte als Zugangs-\/Kontrollmedium soziale Teilhabe mehr als sie diese bef&ouml;rdert. Sie ist datenschutzrechtlich bedenklich und bedeutet einen weiteren Schritt hin zum gl&auml;sernen Menschen (Weiteres dazu siehe bei den Literaturhinweisen).<\/p>\n<h5><span id=\"sanktionensystem-unterminiert-das-existenzminimum\">Sankti&shy;o&shy;nen&shy;system unter&shy;mi&shy;niert das Existenz&shy;mi&shy;nimum<\/span><\/h5>\n<p>Nach der alten wie der nun beschlossenen Regelung werden die Regelleistungen um 10, 30, 60 oder sogar um 100 Prozent gestrichen, wenn die Leistungsbezieher ihren Verpflichtungen nicht oder nicht ausreichend nachkommen, z.B. bei sogenannten Meldevers&auml;umnissen, Verst&ouml;&szlig;en gegen die Eingliederungsvereinbarung oder bei der Ablehnung einer vermeintlich zumutbaren Arbeit. Nach Auffassung der Humanistischen Union ist es mit dem Grundrecht auf ein menschenw&uuml;rdiges Existenzminimum unvereinbar, Leistungen, die genau dieses unbedingt Erforderliche abdecken, ersatzlos zu k&uuml;rzen.<\/p>\n<p>Die alte und die beschlossene neue Rechtslage sehen vor, dass der Tr&auml;ger bei K&uuml;rzungen der Regelleistungen ab 30 Prozent ersatzweise Sachleistungen oder Dienstleistungen erbringen kann. Es handelt sich hierbei um Ermessensentscheidungen der zust&auml;ndigen Sachbearbeiter. Erst wenn Kinder in der betroffenen Bedarfsgemeinschaft leben, m&uuml;ssen dem Gesetz nach Ersatzleistungen erbracht werden. Bei erwerbsf&auml;higen Jugendlichen zwischen 15 und 25 Jahren wird bei einer Pflichtverletzung der Regelsatz komplett gestrichen, bei wiederholter Pflichtverletzung werden sogar die Zahlungen f&uuml;r Unterkunft und Heizung eingestellt. Auch hier gibt es lediglich &#8222;Kann-Vorschriften&#8220;, nach denen Sach- oder Dienstleistungen erbracht werden.<\/p>\n<p>Die Gew&auml;hrleistung eines menschenw&uuml;rdigen Existenzminimums darf nicht allein vom Wohlverhalten der Betroffenen abh&auml;ngig gemacht und in das Ermessen von Sachbearbeitern gestellt werden. Entgegen dem Wortlaut des Gesetzes d&uuml;rfte der Sachbearbeiter kein Ermessen aus&uuml;ben, wenn durch die K&uuml;rzung das Existenzminimum gef&auml;hrdet w&uuml;rde, denn in diesem Bereich ist der Staat verpflichtet, Leistungen zu erbringen. Das Ermessen ist folglich auf Null reduziert. Hier ist der Gesetzgeber gefordert, eine explizite Regelung zu schaffen, die die Tr&auml;ger dazu verpflichten, bei allen K&uuml;rzungen der Regelleistung einen Ersatz in Form von Sachleistungen oder geldwerten Leistungen anzubieten. Den Betroffenen muss freistehen, dieses Angebot anzunehmen oder von anderer Seite wie Familienangeh&ouml;rigen, Freunden vor&uuml;bergehend Unterst&uuml;tzung zu erbitten.<\/p>\n<p>Bei einer vollst&auml;ndigen K&uuml;rzung der Unterkunftskosten bei Vollj&auml;hrigen, aber noch unter 25-J&auml;hrigen, droht schlimmstenfalls die Obdachlosigkeit. Dieses ist mit dem Grundrecht auf Gew&auml;hrleistung eines menschenw&uuml;rdigen Existenzminimums nicht vereinbar. Auch hier besteht gesetzgeberischer Nachholbedarf. Es ist unzumutbar, dass Betroffene bislang erst durch gerichtliche Klagen ihre Leistungen erhalten und die Sozialbeh&ouml;rden in diesen F&auml;llen zur &#8222;verfassungskonformen&#8220; Auslegung gezwungen werden m&uuml;ssen. Eine gesetzliche Klarstellung ist daher geboten.<\/p>\n<h5><span id=\"gesellschaftliche-aufgabe\">Gesell&shy;schaft&shy;liche Aufgabe<\/span><\/h5>\n<p>F&uuml;r die Bezieher\/innen von Leistungen nach dem SGB II und XII muss z&uuml;gig Klarheit &uuml;ber die H&ouml;he ihrer Leistungen geschaffen werden. Dennoch k&ouml;nnen Bestimmung und Berechnung des menschenw&uuml;rdigen Existenzminimums nicht &uuml;bers Knie gebrochen und schon gar nicht unbeirrt an der bisherigen H&ouml;he orientiert werden, nur weil das Bundesverfassungsgericht die bislang geltenden Regels&auml;tze &#8222;nicht als evident unzureichend&#8220; erkannt hat. Welche Aufwendungen f&uuml;r eine Existenz in W&uuml;rde und Freiheit f&uuml;r Erwachsene und Kinder notwendig sind, muss in einem transparenten und &ouml;ffentlichen Diskurs erfolgen &#8211; unter Einbeziehung insbesondere der Sozialverb&auml;nde und wissenschaftlicher Erkenntnisse.<\/p>\n<p>Dabei sollte auch ber&uuml;cksichtigt werden, dass die im BVerfG-Urteil vom 9. Februar 2010 benannten M&auml;ngel auch f&uuml;r andere Personengruppen, wie z.B. Personen, die unter das Asylbewerberleistungsgesetz fallen, zutreffen. Nicht zuletzt muss in diesem Zusammenhang auch an die (in Deutschland geborenen) Kinder mit ungesichertem Aufenthaltsstatus (der meist mit dem ungesicherten Status der Eltern verbunden ist) gedacht werden. Auch f&uuml;r diese Kinder m&uuml;ssen Regelsatz&auml;nderungen realit&auml;tsgerecht und in &Uuml;bereinstimmung mit dem Grundgesetz erfolgen. Deshalb w&auml;re ein weiter gefasstes Reformpaket sinnvoll, das allen betroffenen Gruppen gerecht wird.<\/p>\n<p>Wie f&uuml;r alle sozialen Rechte darf dabei nicht aus den Augen verloren werden, dass es in erster Linie darum gehen muss, den Menschen in Deutschland zu erm&ouml;glichen, ihre Existenz eigenst&auml;ndig sichern zu k&ouml;nnen. Dazu m&uuml;ssen unter anderem gleiche Bildungschancen verwirklicht, Erwerbsarbeit umverteilt und existenzsichernde L&ouml;hne gezahlt werden.<\/p>\n<p><i>Martina Kant<br \/>Gesch&auml;ftsf&uuml;hrerin der Humanistischen Union<\/i><\/p>\n<p><i>[1] Siehe hierzu BMFSFJ (Hg.), Monitor Familienforschung Nr. 23: Eltern wollen Chancen f&uuml;r ihre Kinder. Anhaltspunkte aus der aktuellen Forschung, Berlin 2010 sowie die Stellungnahme des Verbandes alleinerziehender V&auml;ter und M&uuml;tter (VAMV) zum Entwurf eines Gesetzes zur Ermittlung von Regelbedarfen und zur &Auml;nderung des Zweiten und Zw&ouml;lften Sozialgesetzbuches, Berlin 6.10.2010, S. 4.<\/i><\/p>\n<p><i>S&auml;mtliche Stellungnahmen und Hintergrundinformationen der Humanistischen Union zur aktuellen Hartz IV-Gesetzgebung unter: <\/i><a href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/themen\/sozialpolitik\/hartz-iv\/\"><i>https:\/\/www.humanistische-union.de\/themen\/soziales\/hartz4\/<\/i><\/a><i>.<\/i><\/p>\n","protected":false},"featured_media":3392,"template":"","categories":[],"tags":[655],"autoren":[219],"publikationen":[926],"class_list":["post-9127","publikation","type-publikation","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","tag-existenzsicherung","autoren-martina-kant","publikationen-926"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Menschenw\u00fcrde und Sozialstaat: Messlatten f\u00fcr die neue Gesetzgebung zu den Regelleistungen nach dem Sozialgesetzbuch (SGB) II und XII - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/211\/publikation\/menschenwuerde-und-sozialstaat-messlatten-fuer-die-neue-gesetzgebung-zu-den-regelleistungen-nach-dem\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Menschenw\u00fcrde und Sozialstaat: Messlatten f\u00fcr die neue Gesetzgebung zu den Regelleistungen nach dem Sozialgesetzbuch (SGB) II und XII - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Mitteilungen Nr. 211 (4\/2010), S. 5-7 (Red.) 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