{"id":9134,"date":"2010-12-20T07:22:00","date_gmt":"2010-12-20T06:22:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/unverletzlich-und-doch-schuetzenswert-ein-themenheft-zur-menschenwuerde-in-politik-wissenschaft-und\/"},"modified":"2021-08-30T15:41:01","modified_gmt":"2021-08-30T13:41:01","slug":"unverletzlich-und-doch-schuetzenswert-ein-themenheft-zur-menschenwuerde-in-politik-wissenschaft-und","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/211\/publikation\/unverletzlich-und-doch-schuetzenswert-ein-themenheft-zur-menschenwuerde-in-politik-wissenschaft-und\/","title":{"rendered":"Unverletzlich und doch sch\u00fctzenswert \u0096 ein Themenheft zur Menschenw\u00fcrde in Politik, Wissenschaft und Praxis"},"content":{"rendered":"<p>Mitteilungen Nr. 211 (4\/2010), S. 19\/20<\/p>\n<div><span class=\"migrated-image\"><a href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/zfmr2010-1.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-4111 size-medium\" src=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/zfmr2010-1-319x450.jpg\" alt=\"Unverletzlich und doch sch&uuml;tzenswert &#8211; ein Themenheft zur Menschenw&uuml;rde in Politik, Wissenschaft und Praxis\" width=\"319\" height=\"450\" srcset=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/zfmr2010-1-319x450.jpg 319w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/zfmr2010-1-531x750.jpg 531w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/zfmr2010-1-425x600.jpg 425w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/zfmr2010-1-239x337.jpg 239w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/zfmr2010-1.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 319px) 100vw, 319px\" \/><\/a><\/span><\/p>\n<p class=\"news-single-imgcaption\">\n<\/div>\n<p><i>&#8222;Menschenw&uuml;rde&#8220;. <br \/>Zeitschrift f&uuml;r Menschenrechte (zfmr), <br \/>4. Jahrgang, Heft 1\/2010 <br \/>Wochenschau-Verlag, ISSN 1864-6492<br \/>Einzelheft: 16,80 &#8364;, Jahresabo (2 Hefte): 27,60 &#8364; \/ erm&auml;&szlig;igt 13,80 &#8364;<br \/>Redaktionsanschrift: c\/o N&uuml;rnberger Menschenrechtszentrum, Adlerstra&szlig;e 40, 90403 N&uuml;rnberg <br \/><\/i><a href=\"mailto:zfmr%40menschenrechte.org\"><i>zfmr@menschenrechte.org<\/i><\/a><br \/><a href=\"http:\/\/www.zeitschriftfuermenschenrechte.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><i>www.zeitschriftfuermenschenrechte.de<\/i><\/a><\/p>\n<p>Vor drei Jahren startete der Wochenschau-Verlag ein f&uuml;r heutige Zeiten gewagtes Unterfangen: die Gr&uuml;ndung einer neuen Zeitschrift, noch dazu einer zum Thema Menschenrechte. Unter der Leitung des N&uuml;rnberger Menschenrechtszentrums fand sich ein Kreis von Herausgebern aus Forschung und Lehre, Politik und Zivilgesellschaft. Mit zwei Ausgaben pro Jahr wollen sie den interdisziplin&auml;ren Austausch zwischen den verschiedenen B&uuml;hnen des Menschenrechtsdiskurses vorantreiben, denn, so Heiner Bielefeldt in seinem Vorwort zur Erstnummer, es fehle oft der Austausch zwischen rechtsdogmatischen &Uuml;berlegungen, institutionellen Erfahrungen, philosophischen Begr&uuml;ndungszusammenh&auml;ngen und empirischen Studien zur Durchsetzbarkeit der Menschenrechte. Wie weit dieser Austausch gediehen ist, l&auml;sst sich an der nunmehr siebten Ausgabe der &#8222;Zeitschrift f&uuml;r Menschenrechte&#8220; zum Thema &#8222;Menschenw&uuml;rde&#8220; nachvollziehen.<\/p>\n<p>Heike Baranzke widmet sich einleitend dem Streit um den subjektiv-\/objektivrechtlichen Status der Menschenw&uuml;rde und deren Verh&auml;ltnis zum positiven Recht, die Matthias Herdegen mit seiner Kommentierung von Artikel 1 Absatz 1 Grundgesetz angesto&szlig;en hat. In ihrer historischen und rechtsvergleichend angelegten Betrachtung legt Baranzke besonderen Wert darauf, dass das Konzept einer jeglichen Abw&auml;gungen entzogenen Menschenw&uuml;rde im Kontext der internationalen Rechtsentwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg zu verstehen, die Unantastbarkeitsregel mitnichten &#8222;ein inkommunikabler deutscher Sonderweg&#8220; sei.<\/p>\n<p>Eine detaillierte Darstellung historischer Konzeptionen der Menschenw&uuml;rde liefert Arnd Pollmann. Er macht vier Etappen des W&uuml;rdebegriffs aus (Antike, Christentum, Neuzeit, Nachkriegs&auml;ra), deren jeweilige Aspekte sich in den aktuellen Debatten um W&uuml;rde munter vermischen. Pollmann weist darauf hin, dass erst nach dem &#8222;Gattungsbruch&#8220; von 1945 jener begr&uuml;ndungstheoretische Zusammenhang zwischen Menschenw&uuml;rde und Menschenrechten hergestellt wird, an dem sich heute Philosophen wie Juristen abarbeiten. Exemplarisch f&uuml;r diese Diskussion sind die Beitr&auml;ge der beiden philosophischen Ethiker Marcus D&uuml;well (Utrecht) und Ralf Stoecker (Potsdam).<\/p>\n<p>D&uuml;well formuliert zun&auml;chst aus philosophischer Perspektive die Anforderungen, die ein gehaltvolles Konzept der Menschenw&uuml;rde zu erf&uuml;llen habe: es m&uuml;sse den Zusammenhang zwischen Rechten und W&uuml;rde, die Tr&auml;gerschaft (bzw. ihre Aberkennung), den normativen Gehalt und die Bedingungen ihrer Existenz (ihren Schutz) erkl&auml;ren. In seiner Skizze fasst er die Menschenw&uuml;rde als normativen Rahmen, mit dessen Hilfe die Abw&auml;gung verschiedener Rechtsg&uuml;ter (etwa: Nahrung, Bildung, Meinungsfreiheit) erfolge. Die Menschenw&uuml;rde wird damit zum Kern menschenrechtlichen Empowerments: sie beschreibt, welche Ressourcen in der jeweiligen Situation f&uuml;r ein selbstbestimmtes Leben n&ouml;tig resp. welche Rechtsanspr&uuml;che nicht verwirklicht sind.<\/p>\n<p>Vor dem Hintergrund der bioethischen Debatten diskutiert Ralf Stoecker die philosophischen Vorbehalte gegen&uuml;ber dem Begriff der Menschenw&uuml;rde: Er werde meist polemisch bis denunziatorisch gebraucht (&#8222;moralisches Totschlagargument&#8220;), oft von religi&ouml;sen Minderheiten in Beschlag genommen und biete keinen systematischen Bedeutungsgewinn gegen&uuml;ber Begriffen wie Autonomie\/Selbstbestimmung&nbsp; oder Menschenrechten. Den Zweifeln am theoretischen Mehrwert setzt Stoecker die politische Bedeutung des Begriffs in bioethischen Debatten um pflegebed&uuml;rftige Menschen und Insasssen psychiatrischer Einrichtungen entgegen: Hier w&uuml;rden zentrale Anspr&uuml;che der Betroffenen (etwa: Schutz der Intimsph&auml;re, achtungsvoller Umgang, Hilfe zur Selbsthilfe) stets mit Verweis auf die Menschenw&uuml;rde formuliert. Er pl&auml;diert deshalb f&uuml;r eine Konzeption der Menschenw&uuml;rde, die ihren konkreten, sozialen Charakter im Alltag der Menschen aufnimmt.<\/p>\n<p>In weiteren Beitr&auml;gen des Heftes werden philosophische Probleme des W&uuml;rdebegriffs diskutiert: etwa die Vereinbarkeit von Menschenw&uuml;rde und politischen Anspr&uuml;chen (Martha Nussbaum) oder die Frage der Unver&auml;u&szlig;erlichkeit der eigenen Menschenw&uuml;rde &#8211; die als solche auch zur moralischen Pflicht und Last werden kann (Peter Schaber). Ein Gespr&auml;ch zwischen den Sinologen Philippe Brunozzi und Heiner Roetz sowie dem Vorsitzenden der Deutschen China-Gesellschaft Gregor Paul wirft einen Blick &uuml;ber den westlichen Tellerrand und greift die Frage des &#8222;chinesischen Sonderwegs&#8220; bei den Menschenrechten auf. Angesichts der heftigen Auseinandersetzungen um eine kulturalistische Relativierung der Menschenrechte h&auml;tte sich der Rezensent hier eine systematische Betrachtung zur fern&ouml;stlichen Sicht auf die Menschenw&uuml;rde gew&uuml;nscht.<\/p>\n<p>Dennoch: Die Zeitschrift f&uuml;r Menschenrechte pr&auml;sentiert mit diesem Themenheft ein lehrreiches wie interessantes Beispiel f&uuml;r gelungene Interdisziplinarit&auml;t. Trotz eines leichten philosophischen &Uuml;bergewichts vermittelt die Ausgabe einen facettenreichen &Uuml;berblick &uuml;ber den menschenrechtspolitischen Diskurs. Quer durch alle Beitr&auml;ge zieht sich der Befund, dass die Menschenw&uuml;rde ein &auml;u&szlig;erst kontingenter Begriff ist. Einen religionssoziologischen Zugang zum Verst&auml;ndnis dieser Kontingenz bietet schlie&szlig;lich ein Interview mit dem Erfurter Soziologen Hans Joas: Er sieht im neuzeitlichen Rechtssubjekt (der Person) und der ihm zugeschriebenen W&uuml;rde eine moderne Form des Sakralen. Denn auch f&uuml;r die Menschenw&uuml;rde gelte: &#8222;Das heilige Objekt darf nicht ber&uuml;ht werden &#8211; und wenn, dann nur von ganz bestimmten Personen und nach fest vorgeschriebenen rituellen Vorkehrungen.&#8220; Dabei nimmt er die Menschenw&uuml;rde sowohl gegen christliche Vereinnahmungsversuche in Schutz, und verweist zugleich auf die Elemente des Heiligen im universalistischen Konzept der Pers&ouml;nlichkeit. Also doch kein Zufall, dass die Errungenschaft der Religionsfreiheit zur historischen Geburtsstunde der Menschenrechte wurde? Zumindest macht der Blick auf die sakralen Elemente der Menschenw&uuml;rde plausibel, warum der Begriff trotz seiner zentralen Bedeutung im zeitgen&ouml;ssischen Diskurs&nbsp; der Menschenrechte so vage bleibt. Eben unverletzlich und dennoch schutzbed&uuml;rftig.<\/p>\n<dl>\n<dt>Links<\/dt>\n<dd>Webauftritt der Zeitschrift f&uuml;r Menschenrechte<\/dd>\n<\/dl>\n","protected":false},"featured_media":4111,"template":"","categories":[],"tags":[791],"autoren":[139],"publikationen":[926],"class_list":["post-9134","publikation","type-publikation","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","tag-rezension","autoren-sven-lueders","publikationen-926"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Unverletzlich und doch sch\u00fctzenswert \u0096 ein Themenheft zur Menschenw\u00fcrde in Politik, Wissenschaft und Praxis - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/211\/publikation\/unverletzlich-und-doch-schuetzenswert-ein-themenheft-zur-menschenwuerde-in-politik-wissenschaft-und\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Unverletzlich und doch sch\u00fctzenswert \u0096 ein Themenheft zur Menschenw\u00fcrde in Politik, Wissenschaft und Praxis - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Mitteilungen Nr. 211 (4\/2010), S. 19\/20 &#8222;Menschenw&uuml;rde&#8220;. 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