{"id":9141,"date":"2010-10-29T14:30:00","date_gmt":"2010-10-29T12:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/hier-waechst-zusammen-was-nicht-zusammen-gehoert\/"},"modified":"2021-08-30T15:40:55","modified_gmt":"2021-08-30T13:40:55","slug":"hier-waechst-zusammen-was-nicht-zusammen-gehoert","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/210\/publikation\/hier-waechst-zusammen-was-nicht-zusammen-gehoert\/","title":{"rendered":"\u201eHier w\u00e4chst zusammen, was nicht zusammen geh\u00f6rt\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Rede zur Demonstration &#8222;Freiheit statt Angst 2010&#8220;. Mitteilungen Nr. 210 (3\/2010), S. 1\/2<\/p>\n<div><span class=\"migrated-image\"><a href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Fsa2010-verdi-dsc_7186bw-1.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-3453 size-medium\" src=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Fsa2010-verdi-dsc_7186bw-1.jpg\" alt=\"&#8222;Hier w&auml;chst zusammen, was nicht zusammen geh&ouml;rt&#8220;\" width=\"600\" height=\"398\" srcset=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Fsa2010-verdi-dsc_7186bw-1.jpg 600w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Fsa2010-verdi-dsc_7186bw-1-450x299.jpg 450w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><\/span><\/p>\n<p class=\"news-single-imgcaption\">\n<\/div>\n<p><i>(Red.) Am 11. September 2010 fand in Berlin eine neuerliche Datenschutz-Kundgebung &#8222;Freiheit statt Angst&#8220; statt. Nach den Erfolgen der vergangenen Jahre nahmen diesmal &#8211; fernab von Wahlen und bei m&auml;&szlig;igem Wetter &#8211; &#8222;nur&#8220; rund 7.500 Menschen teil. Vorbereitet hatte die Demonstration ein B&uuml;ndnis von 96 Datenschutzorganisationen, Parteien, Gewerkschaften, Studierendenvertretungen und Verb&auml;nden, darunter auch die Humanistische Union (HU). Die HU stellte erneut das Koordinationsb&uuml;ro f&uuml;r die Demonstration und verwaltete die Finanzen des B&uuml;ndnisses. Und wenn sie auch keine Massen mobilisieren kann, so leistet die HU damit einen wichtigen organisatorischen Beitrag zur neuen Datenschutzbewegung. <br \/>Auf der Abschlusskundgebung am Potsdamer Platz sprach die Vorsitzende der Humanistischen Union, Prof. Dr. Rosemarie Will, zu den TeilnehmerInnen. Wir dokumentieren im Folgenden ihre Rede.<\/i><\/p>\n<p>Meine sehr geehrten Damen und Herren, <br \/>liebe Mitstreiterinnen und Mitstreiter,<\/p>\n<p>Wir alle wissen: Unsere Verfassung ist nur so stark, wie die Menschen, die ihre Freiheitsgarantien in Anspruch nehmen und sich diese Rechte erstreiten. Deshalb freuen wir uns als Humanistische Union ganz besonders, was der Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung in den letzten Jahren geschafft hat. Das zehntausende Menschen f&uuml;r den Datenschutz auf die Stra&szlig;e gehen, dass sich Zehntausende an Datenschutzklagen beteiligen, dass der Schutz unserer Privatsph&auml;re zum Politikum wird &#8211; all dies h&auml;tten wir noch vor wenigen Jahren kaum zu hoffen gewagt.<\/p>\n<p>F&uuml;r uns als B&uuml;rgerrechtsorganisation ist das Recht ein wichtiges Instrument, um unsere Anspr&uuml;che auf ein freiheitliches und selbstbestimmtes Leben durchzusetzen. Doch wir d&uuml;rfen uns nicht auf die Gerichte allein verlassen, wenn es um den Schutz unserer Privatsph&auml;re geht. Die Hoffnung, dass Richterinnen und Richter uns vor &uuml;berm&auml;&szlig;iger &Uuml;berwachung besch&uuml;tzen k&ouml;nnten, wurde schon h&auml;ufig getr&uuml;bt. So auch bei der Vorratsdatenspeicherung: Im ber&uuml;hmten Volksz&auml;hlungsurteil von 1983 hatte uns das Bundesverfassungsgericht versprochen, dass eine pauschale Datensammlung, eine Datensammlung ohne konkreten Verdacht nicht zul&auml;ssig sei. Der Staat d&uuml;rfe keine Informationen &uuml;ber uns erfassen, wenn wir nicht wissen, ob und wof&uuml;r diese Daten sp&auml;ter einmal benutzt werden. Genau das aber passiert bei der Vorratsdatenspeicherung. Zwar gab das Verfassungsgericht der Massenbeschwerde des AK Vorrat statt &#8211; dar&uuml;ber haben wir uns gefreut. Doch dieser Sieg hat einen bitteren Beigeschmack. Denn das Gericht lie&szlig; eine Hintert&uuml;r offen, wonach eine verfassungskonforme Vorratsdatenspeicherung m&ouml;glich w&auml;re.<\/p>\n<p>Weil wir schon h&auml;ufiger solche Erfahrungen gemacht haben, ist es wichtig, dass wir die Auseinandersetzung um den Datenschutz, um den Schutz unserer Kommunikation auch politisch f&uuml;hren. Viel zu oft haben die Politiker in den letzten Jahre die anstehenden Datenschutz-Aufgaben in Karlsruhe erledigen lassen. Politik hei&szlig;t aber nicht, das der Staat alles, was das Verfassungsgericht f&uuml;r zul&auml;ssige Eingriffe in die Privatsph&auml;re h&auml;lt, auch machen soll. Unsere Freiheit sollte darin bestehen, dass wir auf bestimmte Formen der &Uuml;berwachung, auf das letzte Quentchen Effektivit&auml;t in der Verwaltung verzichten. Deshalb sind wir heute hier, um uns diese Freiheit zu erstreiten.<\/p>\n<p>Die Vorratsdatenspeicherung ist beileibe nicht das einzige Datenmonster, welches uns derzeit vorgesetzt wird. Inzwischen kennen wir alle ELENA, die elektronische Gesundheitskarte, INDECT, die Anti-Terror-Datei, zahllose Datenbanken der Sicherheitsbeh&ouml;rden, biometrische P&auml;sse und Ausweise und, und, und. Die Politik der Daten lautet scheinbar: &#8222;Hier w&auml;chst zusammen, was nicht zusammen geh&ouml;rt.&#8220; Auch das wollten die Gerichte einst verhindern. Im erw&auml;hnten Volksz&auml;hlungsurteil findet sich das Verbot einer Personenkennziffer. Eine solche Ziffer ist die Voraussetzung daf&uuml;r, dass der Staat verstreute Informationen &uuml;ber uns zusammenf&uuml;hren kann. Seit zwei Jahren haben wir eine solche Ziffer &#8211; sie nennt sich jetzt Steuer-ID und erlaubt genau das, was die Verfassungsrichter 1983 noch als schwarze Utopie an die Wand malten. In dieser Woche lehnte das Finanzgericht K&ouml;ln in der ersten Instanz die Klagen gegen die Steuer-ID ab. Die Finanzrichter meinten, dass es sich bei der Steuer-ID nur um ein beh&ouml;rdeninternes Ordnungsmerkmal handelt. Dass eine Personenkennziffer selbst keine brisanten Informationen enth&auml;lt, sondern &#8216;nur&#8217; dazu dient, die verschiedenen Daten &uuml;ber mich zu sortieren und miteinander zu vernetzen &#8211; genau darauf zielten die Warnungen. In Wahrheit greift die scheinbar harmlose Steuer-ID das Prinzip der Zweckbindung an. Wenn Daten miteinander abgleichbar werden, werden diejenigen nicht lange auf sich warten lassen, die diesen Abgleich unbedingt durchf&uuml;hren wollen. Wir sind nicht bereit, f&uuml;r ein bisschen vereinfachte Steuerverwaltung ein zentrales Fundament des Datenschutzes aufzugeben. Deshalb werden wir unsere Klagen gegen die Steuer-ID fortf&uuml;hren.<\/p>\n<p>Seit unserer letzten Demonstration &#8222;Freiheit statt Angst&#8220; vor einem Jahr hat sich etwas bewegt: Erstmals finden wir ein Kapitel zum Datenschutz im Koalitionsvertrag, der Bundestag hat eine Enquetekommission eingerichtet, eine Stiftung Datenschutz ist im Gespr&auml;ch. &Uuml;berall ist Reformeifer in Sachen Datenschutz und Netzpolitik zu sehen. Allerdings: Hier werden Probleme schon wieder verschoben. Immer wieder wird behauptet, die Probleme im Datenschutzrecht h&auml;tten etwas damit zu tun, dass die Gesetze aus einer Zeit stammen, als es noch kein Internet und keine E-Mails gab. Es stimmt: 1949 konnte niemand ahnen, welche M&ouml;glichkeiten die digitale Vernetzung unseres Lebens einmal bieten w&uuml;rden. Aber: das ist nur die halbe Wahrheit. Manche L&uuml;cken im Datenschutzrecht, die wir heute kritisieren, sind so alt wie das Datenschutzrecht selbst. Eine dieser L&uuml;cken ist das so genannte Listenprivileg. Um dieses Privileg haben wir bereits 1976 gestritten, als das erste Mal ein Bundesdatenschutzgesetz verhandelt wurde. Das Listenprivileg stellt die Grunds&auml;tze des Datenschutzrechts auf den Kopf. Es besagt, dass ich prinzipiell zwar eine Erlaubnis der Betroffenen ben&ouml;tige, um ihre pers&ouml;nlichen Daten weitergeben zu d&uuml;rfen. Diese Regel gelte aber nur, wenn ich Daten einer Person weitergebe. Sobald ich dagegen die Daten vieler Personen, in automatisierter Form weitergebe, und daf&uuml;r vielleicht auch noch Geld bekomme, ist das Ganze legal, selbst wenn ich keine Einverst&auml;ndniserkl&auml;rung der Betroffenen habe. Das Listenprivileg ist die ultimative Aufforderung, den Datenmissbrauch wenn, dann im gro&szlig;en Stil zu begehen. Es legalisiert eine verbotene Handlung dadurch, dass ich sie massenhaft begehe. So eine Aufforderung zu kriminellem Handeln gibt es nur im Datenschutzrecht. Deshalb gilt, was die Humanistische Union bereits 1976 gefordert hat: Das Listenprivileg ist ersatzlos zu streichen! Und zwar sofort!<\/p>\n<p>Die Bundesregierung fordern wir deshalb auf: Bevor neue Datensammlungen angelegt werden, bevor ihr den B&uuml;rger immer durchsichtiger machen wollt, ist erst einmal L&ouml;schen angesagt! Neue Datensammlungen darf es nur noch geben, wenn daf&uuml;r an anderer Stelle gel&ouml;scht wird. Es geht nicht an, dass die Vernetzung der Daten mit den Techniken des 21. Jahrhunderts betrieben wird, aber der Rechtsschutz dagegen auf dem Niveau des mittelalterlichen Gnadengesuchs verharrt. Wir fordern eine l&uuml;ckenlose Information aller &uuml;berwachten Personen, ein staatliches Verwertungsverbot f&uuml;r alle illegal erlangten Informationen und eine umfassende Reform des Datenschutzrechts, die uns eine freie Nutzung neuer Medien erlaubt und uns vor der Rundum&uuml;berwachung durch Arbeitgeber sch&uuml;tzt!<\/p>\n<p><i>Demonstrationsaufruf, Informationen zum Demob&uuml;ndnis und zur Vorbereitung der Veranstaltung finden sich im Blog von &#8222;Freiheit statt Angst 2010&#8220; unter <\/i><a href=\"http:\/\/blog.freiheitstattangst.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><i>http:\/\/blog.freiheitstattangst.de\/<\/i><\/a><i>.<br \/>Die Reden, Bild- und Videomaterial der Kundgebung sind im Pressecenter des AK Vorratsdatenspeicherung dokumentiert:<br \/><\/i><a href=\"http:\/\/wiki.vorratsdatenspeicherung.de\/Pressecenter\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><i>http:\/\/wiki.vorratsdatenspeicherung.de\/Pressecenter<\/i><\/a><\/p>\n","protected":false},"featured_media":3453,"template":"","categories":[],"tags":[734],"autoren":[137],"publikationen":[927],"class_list":["post-9141","publikation","type-publikation","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","tag-vds-hu-aktivitaeten","autoren-rosemarie-will","publikationen-927"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>\u201eHier w\u00e4chst zusammen, was nicht zusammen geh\u00f6rt\u201c - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/210\/publikation\/hier-waechst-zusammen-was-nicht-zusammen-gehoert\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"\u201eHier w\u00e4chst zusammen, was nicht zusammen geh\u00f6rt\u201c - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Rede zur Demonstration &#8222;Freiheit statt Angst 2010&#8220;. 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