{"id":9157,"date":"2010-10-29T07:15:00","date_gmt":"2010-10-29T05:15:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/karlsruhe-und-politik\/"},"modified":"2021-08-30T15:40:56","modified_gmt":"2021-08-30T13:40:56","slug":"karlsruhe-und-politik","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/210\/publikation\/karlsruhe-und-politik\/","title":{"rendered":"Karlsruhe und Politik"},"content":{"rendered":"<p>Mitteilungen Nr. 210 (3\/2010), S. 29\/30<\/p>\n<div><span class=\"migrated-image\"><a href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/schloegel.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-4127 size-medium\" src=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/schloegel.jpg\" alt=\"Karlsruhe und Politik\" width=\"286\" height=\"421\" srcset=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/schloegel.jpg 286w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/schloegel-229x337.jpg 229w\" sizes=\"auto, (max-width: 286px) 100vw, 286px\" \/><\/a><\/span><\/p>\n<p class=\"news-single-imgcaption\">\n<\/div>\n<p><i>Schl&ouml;gel, Martina: <br \/>Das Bundesverfassungsgericht im Politikfeld Innere Sicherheit. Peter Lang 2010, 27,80 &#8364;, 160 S.<\/i><\/p>\n<p>Bei der hier zu besprechenden Schrift handelt es sich &#8211; wie bereits der Titel nahe legt &#8211; um eine politikwissenschaftliche Abhandlung. Die Autorin w&auml;hlt deshalb eine Betrachtung der Spruchpraxis des obersten deutschen Gerichts, die der vor allem juristisch gepr&auml;gten Sicht vieler Aktiver der Humanistischen Union auf Karlsruhe allenfalls entfernt &auml;hnelt. Schon deswegen bietet das Buch &#8211; soviel sei vorweggenommen &#8211; eine reizvolle Lekt&uuml;re.<\/p>\n<p>In methodischer Hinsicht umrei&szlig;t Schl&ouml;gel zun&auml;chst die wesentlichen Debatten, die den Untersuchungsgegenstand charakterisieren. Hierzu z&auml;hlt auch eine skizzenhafte Vorstellung der im Politikfeld Innere Sicherheit wichtigen Diskurse. Dies war einleitend erforderlich, weil sodann eine &#8211; ansonsten kaum nachvollziehbare &#8211; Fokussierung auf das Bundesverfassungsgericht als rechtliche Kontrollinstanz der Legislative erfolgt. Diese besteht in der Untersuchung der Frage, auf welche Weise sich seine T&auml;tigkeit im Einzelnen auf (andere?) politische Akteure auswirkt und wie das Selbstverst&auml;ndnis der Verfassungsrichter einzusch&auml;tzen ist. Immerhin war in der j&uuml;ngeren Vergangenheit der Vorwurf selbst aus den Reihen der Karlsruher Richter zu vernehmen, dass das Gericht das Gebot der Zur&uuml;ckhaltung gegen&uuml;ber der gesetzgebenden Gewalt verletzt und sich Kompetenzen angema&szlig;t habe, indem es &uuml;ber den vom Fall her gebotenen Pr&uuml;fungsumfang hinausgegangen sei (so die Richterin Haas in ihrem abweichenden Votum zur Rasterfahndungsentscheidung &#8211; BVerfGE 115, 320 ff.). In diesem Sinne h&auml;tte das Gericht &#8222;judicial activism&#8220; betrieben (S. 36 f.). Mit diesen Er&ouml;rterungen f&uuml;hrt die Autorin den Leser \/ die Leserin auf ihre zentrale Frage hin: Wie politisch ist die Judikatur des Bundesverfassungsgerichts bzw. wie ist sie motiviert?<\/p>\n<p>Einer der Hauptteile der Arbeit befasst sich mit einzelnen Entscheidungen, deren Auswahl sich an der angenommenen Relevanz f&uuml;r diese Leitfrage orientierte (S. 47 ff.). Jeweils wird kurz der diskursive und &#8211; soweit erforderlich &#8211; legislative Kontext einer Entscheidung aufbereitet und sodann ihr Inhalt referiert. Schlie&szlig;lich werden die medialen und rechtswissenschaftlichen Reaktionen auf die Judikatur skizziert. Das gelingt Schl&ouml;gel jeweils auf jeweils drei bis vier Seiten, womit sie gleichzeitig vermittelt, dass es ihr jeweils lediglich auf eine komprimierte Zusammenfassung ankam. Gerade diese Pr&auml;gnanz macht ihre Arbeit aber lesenswert f&uuml;r eine breitere (und eben gerade nicht nur juristisch geschulte) Leserschaft. Aber auch der Jurist sollte dieses Kapitel nur dann &uuml;berbl&auml;ttern, wenn ihm aus fr&uuml;herer Befassung mit dem zweiten Abh&ouml;r-Urteil (BVerfGE 67, 157 ff.) beispielsweise noch gel&auml;ufig ist, dass vor der Einf&uuml;hrung der sog. strategischen Telefon&uuml;berwachung zur Fr&uuml;herkennung von Angriffen auf die BRD erwogen worden war, ein Geheimgesetz vom Bundestag verabschieden zu lassen, dessen Inhalt nicht einmal den Parlamentariern bekannt gewesen w&auml;re (S. 50 f).<\/p>\n<p>In chronologischer Reihenfolge werden zun&auml;chst das Volksz&auml;hlungsurteil und sodann die 14 wichtigsten, auf das Sicherheitsrecht bezogenen Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts bis hin zur einstweiligen Beschr&auml;nkung der Nutzung der Vorratsdaten dargestellt. Dabei h&auml;tte man sich freilich eine wenigstens kurze Begr&uuml;ndung gew&uuml;nscht, weshalb mit der Geburtsstunde des modernen Datenschutzes (BVerfGE 65, 1 ff.) begonnen wurde und fr&uuml;here Entscheidungen, etwa das Erste Abh&ouml;r-Urteil von 1970 (BVerGE 30, 1 ff.) au&szlig;er Betracht bleiben.<\/p>\n<p>Schlie&szlig;lich gelangt Schl&ouml;gel zum eigentlichen Kern ihrer Untersuchung: Der Frage danach, welche Wechselbeziehungen zwischen politischem Raum einerseits und Verfassungsrichtern andererseits bestehen. Hier wendet sie sich zun&auml;chst theoretischen Erkl&auml;rungsmodellen zu und erl&auml;utert zun&auml;chst &#8211; offenbar in Ermangelung europ&auml;ischer Untersuchungen &#8211; mit dem &#8222;spieltheoretischen Ansatz&#8220; des us-amerikanischen Politologen Vanberg, der &#8211; kurz gefasst &#8211; davon ausgeht, dass Verfassungsrichter, indem sie eine Entscheidung f&auml;llen, hoffen, Einfluss auf das jeweilige Politikfeld nehmen zu k&ouml;nnen, oder zumindest den politischen Rahmen beeinflussen zu k&ouml;nnen (S. 101 f.). Letztlich liefe dies auf ein kalkuliertes Wechselspiel zwischen politischen Mehrheiten bzw. der Legislative und Verfassungsgerichtsbarkeit hinaus. Im Anschluss hieran wird eine Weiterentwicklung dieses Ansatzes beschrieben, die in der &#8211; kaum zu bestreitenden &#8211;&nbsp; Erkenntnis besteht, dass das Bundesverfassungsgericht als Institution seinerseits mehr oder weniger stark von seinem politischen Umfeld beeinflusst wird und seine M&ouml;glichkeit, Politik zu gestalten, letztlich von der F&auml;higkeit der Verfassungsrichter abh&auml;nge, ihre Entscheidungen an das politische Umfeld anzupassen. Hierzu sei das Gericht durchaus auf eine gesellschaftliche Wertsch&auml;tzung angewiesen (S. 106 ff.). Ein letzter, von Schl&ouml;gel referierter Ansatz will letztgenannte &#8222;Aktivierung der &ouml;ffentlichen Unterst&uuml;tzung&#8220; ausblenden, weil schon das Verh&auml;ltnis zwischen diffuser und spezifischer, also entscheidungsbezogener Unterst&uuml;tzung der Institution weitgehend unbekannt sei (S. 110 ff.).<\/p>\n<p>Mit diesen theoretischen Ans&auml;tzen gelangt Schl&ouml;gel auf die Zielgerade ihrer Untersuchung und betrachtet 14 Entscheidungen im Hinblick auf die m&ouml;gliche Motivation der Verfassungsrichter (S. 115 ff.). Bei den Freiheitsrechten (die Zust&auml;ndigkeit liegt insoweit prim&auml;r bei dem ersten Senat des Bundesverfassungsgerichts) sieht sie eine &#8222;geringe Zur&uuml;ckhaltung&#8220; der Karlsruher Kontrolleure, und zwar speziell seit der Entscheidung zum Lauschangriff vom 3.3.2004 (BVerfGE 109, 279 ff.). Und schlie&szlig;lich fragt sie nach den Gr&uuml;nden eines von vielen Rechtswissenschaftlern konstatierten Wandels in der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts und speziell des Ersten Senats. Hierbei greift sie auch auf Interviews mit amtierenden und ehemaligen Richtern des Bundesverfassungsgerichts zur&uuml;ck und &uuml;berpr&uuml;ft deren Aussagen anhand der theoretischen Erkl&auml;rungsmodelle. Schl&ouml;gels Ergebnis: Die Richterinnen und Richter sehen sich durchaus als Wahrer des Rechtsstaats und scheuen weder in pers&ouml;nlicher Hinsicht noch institutionell einen Widerspruch zu legislativen Entscheidungen. Zugleich weichen sie nach Schl&ouml;gel aber regelm&auml;&szlig;ig der offenen Konfrontation mit dem Gesetzgeber aus (S. 130).<\/p>\n<p>Der Autorin gelingt mit ihrer Arbeit der Einstieg in einen Diskurs, der auch in der Humanistischen Union gelegentlich zu Kontroversen f&uuml;hrt: Wie sehr darf sich eine B&uuml;rgerrechtsorganisation auf Karlsruhe &#8222;verlassen&#8220; bzw. die Judikatur der &#8222;Roten Roben&#8220; zum Ausgangspunkt ihrer Arbeit machen? Eine Antwort auf diese Frage gibt Schl&ouml;gel selbstverst&auml;ndlich nicht. Aber sie leistet einen wichtigen Beitrag zu einem erst am Anfang stehenden Diskurs &uuml;ber die Stellung, Funktion und Funktionsweise des Bundesverfassungsgerichts im Politikfeld Innere Sicherheit.<\/p>\n<p><i>Fredrik Roggan <br \/>ist stellv. Bundesvorsitzender der HU<br \/><\/i><\/p>\n","protected":false},"featured_media":4127,"template":"","categories":[],"tags":[791],"autoren":[207],"publikationen":[927],"class_list":["post-9157","publikation","type-publikation","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","tag-rezension","autoren-fredrik-roggan","publikationen-927"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Karlsruhe und Politik - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/210\/publikation\/karlsruhe-und-politik\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Karlsruhe und Politik - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Mitteilungen Nr. 210 (3\/2010), S. 29\/30 Schl&ouml;gel, Martina: Das Bundesverfassungsgericht im Politikfeld Innere Sicherheit. 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