{"id":9166,"date":"2010-07-15T17:50:00","date_gmt":"2010-07-15T15:50:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/bulliges-zur-vorratsdatenspeicherung\/"},"modified":"2021-08-30T15:40:51","modified_gmt":"2021-08-30T13:40:51","slug":"bulliges-zur-vorratsdatenspeicherung","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/208-209\/publikation\/bulliges-zur-vorratsdatenspeicherung\/","title":{"rendered":"Bulliges zur Vorratsdatenspeicherung"},"content":{"rendered":"<p>Mitteilungen Nr. 208\/209 (1+2\/2010), S. 7<\/p>\n<p>(Red.) Am 2. M&auml;rz diesen Jahres entschied das Bundesverfassungsgericht &uuml;ber einige Musterbeschwerden gegen die Vorratsdatenspeicherung. Neben der HU, zahlreichen Parteien und Berufsverb&auml;nden hatten mehr als 30.000 B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger gegen das Gesetz geklagt. Mit ihrem Urteil erkl&auml;rten die Verfassungsrichter das deutsche Umsetzungsgesetz zur Speicherung der TK-Verbindungsdaten mehrheitlich f&uuml;r nichtig, unterlie&szlig;en es jedoch, die zugrundeliegende EU-Richtlinie dem Europ&auml;ischen Gerichtshof vorzulegen. Grunds&auml;tzlich sei eine anlasslose Speicherung der Kommunikationsdaten mit dem Grundgesetz vereinbar, so die Richter. Welche Auswirkungen diese Entscheidung f&uuml;r den Datenschutz hat, und wie die Umsetzung der Vorratsdatenspeicherung in Deutschland und Europa weiter geht, dar&uuml;ber berichten wir in der n&auml;chsten Ausgabe der Mitteilungen. An dieser Stelle zun&auml;chst ein Kommentar von unserem Beiratsmitglied Martin Kutscha zu den Diskussionen, die die Entscheidung unter (ehemaligen) Datensch&uuml;tzern ausl&ouml;ste.<\/p>\n<p>Gerade auch von b&uuml;rgerrechtlicher Seite wurde die Hauptsachentscheidung des Bundesverfassungsgerichts zur Vorratsdatenspeicherung mit Spannung erwartet. Das Urteil vom 2. M&auml;rz 2010 bedeutete dann einerseits einen Triumph, weil das Gericht die entsprechenden bundesgesetzlichen Regelungen f&uuml;r verfassungswidrig und nichtig erkl&auml;rte, andererseits aber auch eine Entt&auml;uschung: Das Bundesverfassungsgericht verzichtete darauf, die EG-Richtlinie dem Europ&auml;ischen Gerichtshof wegen Versto&szlig;es gegen EU-Recht vorzulegen, und erkl&auml;rte die Vorratsdatenspeicherung nicht f&uuml;r &#8222;schlechthin unvereinbar&#8220; mit dem im Grundgesetz verankerten Telekommunikationsgeheimnis. Der Abruf und die unmittelbare Nutzung dieser Daten seien vielmehr dann verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig, so das Gericht, &#8222;wenn sie &uuml;berragend wichtigen Aufgaben des Rechtsg&uuml;terschutzes dienen.&#8220; (Urteilstext unter <a href=\"http:\/\/www.bverfg.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.bverfg.de<\/a>). Auf der Grundlage einer entsprechenden gesetzlichen Neuregelung d&uuml;rfen demnach in Zukunft wieder alle Verkehrsdaten der Telekommunikation monatelang gespeichert und unter bestimmten Voraussetzungen von staatlichen Stellen auch abgerufen und ausgewertet werden.<br \/>Die Humanistische Union hat also zu Recht die b&uuml;rgerrechtliche Halbherzigkeit der Karlsruher Richter und Richterinnen in Sachen Vorratsdatenspeicherung angeprangert (Pressemitteilung vom 2.3.2010), ebenso wie einige liberale Journalisten. Auch Hans Peter Bull, Sozialdemokrat, emeritierter Staatsrechtler und in den Jahren von 1978 bis 1983 als erster Bundesdatenschutzbeauftragter im Amt, hat im Editorial der Neuen Juristischen Wochenschrift (NJW), Heft 12\/2010, immerhin der wichtigsten juristischen Fachzeitschrift, heftige Kritik an dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts ge&auml;u&szlig;ert. Die Sto&szlig;richtung dieser Kritik erstaunt allerdings: F&uuml;r ihn geht das Urteil in Sachen Freiheitsschutz zu weit. &#8222;Die Abw&auml;gung der betroffenen Interessen ist ganz einseitig ausgefallen. Dass die Daten zur Strafverfolgung n&ouml;tig sind, wird nicht mit dem gebotenen Gewicht ber&uuml;cksichtigt&#8220;. Und es kommt noch dicker: &#8222;Indem das BVerfG gutgemeinte, aber unbegr&uuml;ndete &Auml;ngste vor einem Umkippen des Rechtsstaats in einen &#8218;repressiven Pr&auml;ventionsstaat&#8216; mit der generellen Einschr&auml;nkung legitimer staatlicher Aktivit&auml;ten beantwortet, l&auml;sst es Zweifel an der Rechtstreue aller anderen Staatsorgane erkennen und gef&auml;hrdet letztlich das Vertrauen in das geltende Recht.&#8220; <br \/>Man reibt sich angesichts solcher drastischen Formulierungen verwundert die Augen. Was sind denn &#8222;gutgemeinte &Auml;ngste&#8220;, die in den Augen Bulls zweifellos unbegr&uuml;ndet sein sollen? Hat das Gericht nur ein Phantom gezeichnet, als es darauf verwies, dass sich aufgrund einer Auswertung der Telekommunikationsverkehrsdaten &#8222;tiefe Einblicke in das soziale Umfeld und die individuellen Aktivit&auml;ten eines jeden B&uuml;rgers gewinnen&#8220; lassen? Und gibt es in der deutschen Geschichte wirklich keinerlei Beispiele f&uuml;r massive staatliche Bespitzelung auch jenseits des Rechts?<br \/>Merkw&uuml;rdig mutet auch der Vorwurf an, das Bundesverfassungsgericht lie&szlig;e &#8222;Zweifel an der Rechtstreue aller anderen Staatsorgane erkennen.&#8220; Schlie&szlig;lich ist doch gerade die Institution der Verfassungsgerichtsbarkeit, ja &uuml;berhaupt die gerichtliche Kontrolle staatlicher Machtaus&uuml;bung Ausdruck des Zweifels, ob der Staat in seinem Handeln die Verfassung und die einfachen Gesetze immer strikt einh&auml;lt. Dass dies nicht der Fall ist und dass sogar elementare Grundrechte missachtet werden, belegt nicht nur unser j&auml;hrlicher Grundrechte-Report, sondern auch eine lange Kette von Entscheidungen der Verwaltungsgerichte sowie des Bundesverfassungsgerichts. Als Bundesdatenschutzbeauftragter war schlie&szlig;lich auch Hans Peter Bull vor vielen Jahren mit der Aufgabe betraut, die Einhaltung der gesetzlichen Grenzen f&uuml;r die Datenverarbeitung zu kontrollieren. Sp&auml;ter war Bull dann allerdings Innenminister des Landes Schleswig-Holstein, und in den letzten Jahren hat er sich u. a. als Gutachter f&uuml;r Privatunternehmen bet&auml;tigt, so z. B. 2005 f&uuml;r die Firma Loyalty Partner GmbH, die Betreiberin des &#8222;Payback&#8220;-Systems. Ihm d&uuml;rfte dabei nicht verborgen geblieben sein, dass beim Betrieb solcher &#8222;Kundenkarten&#8220;-Systeme zahlreiche personenbezogene Daten erhoben, gespeichert und ausgewertet werden. Unser wackerer Gutachter hat damit indessen keine Probleme: &#8222;Datenaskese zu &uuml;ben&#8220;, sei &#8222;nicht nur chancenlos, sondern unangebracht; denn Datenverarbeitung ist im Allgemeinen sozial n&uuml;tzlich&#8220; (Bull, Zweifelsfragen um die informationelle Selbstbestimmung &#8211; Datenschutz als Datenaskese? NJW 2006, S. 1618). Nanu, ist dem ehemaligen Datensch&uuml;tzer das in &sect; 3a des Bundesdatenschutzgesetzes mit guten Gr&uuml;nden verankerte Gebot der Datenvermeidung und Datensparsamkeit nicht bekannt? Jedenfalls hat sich seine Perspektive auf das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung seit der Wahrnehmung seines anspruchsvollen Amtes radikal ver&auml;ndert. Und mit seiner neuesten Philippika gegen das Bundesverfassungsgericht&nbsp; hat er sich endg&uuml;ltig f&uuml;r den n&auml;chsten Big Brother Award qualifiziert. Herzlichen Gl&uuml;ckwunsch, Herr Bull!<br \/>Martin Kutscha lehrt <br \/>Verwaltungsrecht an der Berliner Hochschule f&uuml;r Wirtschaft und Recht<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[736],"autoren":[150],"publikationen":[925],"class_list":["post-9166","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vds-de-recht","autoren-martin-kutscha","publikationen-208-209"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Bulliges zur Vorratsdatenspeicherung - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/208-209\/publikation\/bulliges-zur-vorratsdatenspeicherung\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Bulliges zur Vorratsdatenspeicherung - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Mitteilungen Nr. 208\/209 (1+2\/2010), S. 7 (Red.) 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