{"id":9179,"date":"2010-07-15T16:00:00","date_gmt":"2010-07-15T14:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/kirchenvertraege-undemokratische-vorzugsbehandlung-2\/"},"modified":"2021-08-30T15:40:52","modified_gmt":"2021-08-30T13:40:52","slug":"kirchenvertraege-undemokratische-vorzugsbehandlung-2","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/208-209\/publikation\/kirchenvertraege-undemokratische-vorzugsbehandlung-2\/","title":{"rendered":"Kirchenvertr\u00e4ge \u0096 Undemokratische Vorzugsbehandlung?"},"content":{"rendered":"<p>Referate bei den 4. Berliner Gespr&auml;chen. Mitteilungen Nr. 208\/209 (1+2\/2010), S. 23<\/p>\n<h5><span id=\"worum-geht-es\">Worum geht es?<\/span><\/h5>\n<p>Alle Bundesl&auml;nder haben Vertr&auml;ge bzw. Konkordate mit der evangel. Kirche, dem Heiligen Stuhl und oft auch mit den j&uuml;dischen Gemeinden geschlossen. Jenseits der konkret vereinbarten Leistungen soll mit den Vertr&auml;gen eine besondere Form staatlicher Anerkennung der Gemeinschaften verbunden sein. Nach der herrschenden Meinung des Staatskirchenrechts sollen sie den Status v&ouml;lkerrechtlicher Vereinbarungen besitzen.<\/p>\n<p>In den Vertr&auml;gen vereinbaren Staat und Religionsgemeinschaften die Regeln ihrer Kooperation. Da der staatliche Einfluss auf die Gesch&auml;fte der Religionsgemeinschaften von Verfassungs wegen beschr&auml;nkt ist, beinhalten die Vertr&auml;ge v.a. staatliche Verpflichtungen: Neben den freien Staatsleistungen garantieren sie weitere zweckgebundene Zuwendungen (etwa Finanzierung theologischer Fakult&auml;ten), den kirchlichen Einfluss bei der Besetzung &ouml;ffentlicher Gremien (z.B. Rundfunkr&auml;te) und den Religionsunterricht an &ouml;ffentlichen Schulen.<\/p>\n<p>Staatskirchenvertr&auml;ge werden auf unbestimmte Dauer geschlossen. Bisher wurde in der Bundesrepublik noch kein Vertrag gek&uuml;ndigt. Offen ist, welche (Selbst-)Bindung die Vertr&auml;ge f&uuml;r den Staat entfalten, ob und wann sie k&uuml;ndbar sind. Mit der zunehmenden Vielfalt religi&ouml;s\/weltanschaulicher Gruppierungen in unserer Gesellschaft verst&auml;rkt sich das Problem der Gleichbehandlung: Soll oder muss der Staat mit allen vergleichbare Vertr&auml;ge abschlie&szlig;en? Bisher gibt es keine Vertr&auml;ge mit muslimischen Verb&auml;nden\/Gemeinden, lediglich Hamburg hat entsprechende Verhandlungen &uuml;ber den Abschluss eines Staatskirchenvertrags aufgenommen.<\/p>\n<p>Eine &Uuml;bersicht aller Staatskirchenvertr&auml;ge findet sich beim Bundesministerium des Innern: <br \/><a href=\"http:\/\/www.bmi.bund.de\/cln_156\/DE\/Themen\/PolitikGesellschaft\/KirchenReligion\/StaatReligion\/StaatReligion_node.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.bmi.bund.de\/cln_156\/DE\/Themen\/PolitikGesellschaft\/KirchenReligion\/StaatReligion\/StaatReligion_node.html<\/a><\/p>\n<h5><span id=\"rechtliche-grundlagen\">Rechtliche Grundlagen<\/span><\/h5>\n<p>keine<\/p>\n<h5><span id=\"auszuege-aus-den-referaten\">Ausz&uuml;ge aus den Referaten<\/span><\/h5>\n<p><i><b>Prof. Dr. Dirk Ehlers<\/b><br \/>Westf&auml;lische Wilhelms-Universit&auml;t, Institut f. &ouml;ffentl. Wirtschaftsrecht<\/i><\/p>\n<p>&#8222;Rechtliche Bedenken gegen den Abschluss von Staatskirchenvertr&auml;gen k&ouml;nnen allenfalls bestehen, wenn solche Vertr&auml;ge das K&ouml;nnen und D&uuml;rfen des Gesetzgebers in demokratiewidriger Weise beschr&auml;nken w&uuml;rden. Dies ist indessen nicht der Fall&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Der Verfassungsstaat hat &#8230; eine Verantwortung daf&uuml;r, dass &#8230; die Grundrechtsverwirklichung nicht aus der &Ouml;ffentlichkeit verbannt in einen privaten Raum abgeschoben wird.&#8220; Er hat &#8222;ein legitimes Interesse an der F&ouml;rderung gemeinwohldienlichen Wirkens der gesellschaftlichen Kr&auml;fte &uuml;ber die blo&szlig;e Freiheitsgew&auml;hrleistung hinaus.&#8220;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n<p>Verfassungsrechtliche Grenzen des Kirchenvertragswesens: <br \/>1. &#8222;Der Staat kann seiner &#8230; Friedenssicherungsfunktion und Gemeinwohlverantwortung nur gerecht werden, wenn er in der Lage bleibt, Religionsgemeinschaften einseitige Grenzen zu ziehen&#8230;&#8220; ; <br \/>2. &#8222;vertragliche Verst&auml;ndigung [darf] kein Vehikel sein, staatliche und religionsgemeinschaftliche Aufgabenwahrnehmungen untrennbar miteinander zu vermischen&#8220;; <br \/>3. &#8222;darauf zu achten, dass der Staatskirchenvertrag nicht zu einer Festschreibung der geregelten Verh&auml;ltnisse f&uuml;r alle Zeiten f&uuml;hrt.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Der demokratische Gesetzgeber unterliegt aber nicht nur der Vertragsbindung. Er ist zugleich von Verfassungs wegen verpflichtet, das Gemeinwohl stets neu zu konkretisieren.&#8220;&nbsp; Im Konfliktfall &#8222;ist verfassungsrechtlich abzuw&auml;gen und zu entscheiden, ob die Religionsgemeinschaften unter Abw&auml;gung mit dem &ouml;ffentlichen Interesse Vertrauensschutz beanspruchen k&ouml;nnen.&#8220;<\/p>\n<p><i><b>Dr. Gerhard Czermak<\/b><br \/>Verwaltungsrichter, Schriftsteller, Beirat d. Giordano-Bruno-Stiftung <\/i><\/p>\n<p>Staatskirchenvertr&auml;ge sind nicht erforderlich: &#8222;Dies umso mehr, als sich die Verfassungsrechtler einig sind: alle Staat-Kirche-Vertr&auml;ge d&uuml;rfen nur solche Regelungen enthalten, die der Staat auch einseitig treffen d&uuml;rfte, d.h. ohne kirchliche Mitwirkung.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Unbestreitbares Hauptmotiv f&uuml;r Kirchenvertr&auml;ge und Konkordate ist jedenfalls auf kirchlicher Seite die &Uuml;berzeugung, der Vertrag begr&uuml;nde eine besondere Bestandsfestigkeit der Regelungen, die jeder Verfassungs- und Gesetzesnorm &uuml;berlegen ist.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Es bedarf keines Vertrages und Vertragsgesetzes, um den Staat zus&auml;tzlich auf die Selbstverst&auml;ndlichkeit zu verpflichten, dass er seine eigene Verfassungs- und Rechtsordnung auch gegen&uuml;ber den Kirchen einhalten muss.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Dem Parlament bleibt regelm&auml;&szlig;ig nur ein Ja oder Nein zu dem textlich bereits feststehenden Vertrag. Das brisante Verh&auml;ltnis von Staat und Kirche wird der politischen Willensbildung im Parlament weitgehend entzogen und gleichzeitig vor der &Ouml;ffentlichkeit abgeschirmt.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Mit einer vertraglichen Regelung wird einem k&uuml;nftigen, anders zusammengesetzten Parlament die &Auml;nderung der einmal getroffenen Entscheidung im Hinblick auf den zu erwartenden Vorwurf des Vertragsbruchs politisch und psychologisch erschwert&#8230; Mit dem Sinn der Demokratie und der W&uuml;rde des Parlaments ist das unvereinbar.&nbsp; So kommen teilweise Regelungen zustande, die einem Selbstkontrahieren nahekommen.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[],"autoren":[328],"publikationen":[925],"class_list":["post-9179","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","autoren-dokumentation","publikationen-208-209"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Kirchenvertr\u00e4ge \u0096 Undemokratische Vorzugsbehandlung? - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/208-209\/publikation\/kirchenvertraege-undemokratische-vorzugsbehandlung-2\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Kirchenvertr\u00e4ge \u0096 Undemokratische Vorzugsbehandlung? - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Referate bei den 4. 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