{"id":9188,"date":"2010-07-15T14:30:00","date_gmt":"2010-07-15T12:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/sexueller-missbrauch-von-kindern-eine-durch-die-generationen-weitergegebene-traumatisierung\/"},"modified":"2010-07-15T12:00:00","modified_gmt":"2010-07-15T10:00:00","slug":"sexueller-missbrauch-von-kindern-eine-durch-die-generationen-weitergegebene-traumatisierung","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/208-209\/publikation\/sexueller-missbrauch-von-kindern-eine-durch-die-generationen-weitergegebene-traumatisierung\/","title":{"rendered":"Sexueller Missbrauch von Kindern &#8211; eine durch die Generationen weitergegebene Traumatisierung"},"content":{"rendered":"<p>Mitteilungen Nr. 208\/209 (1+2\/2010), S. 33-35<\/p>\n<p><i>(Red.) Die Humanistische Union wurde in den letzten Jahren mehrfach wegen missverst\u00e4ndlicher Stellungnahmen zum Sexualstrafrecht angegriffen. In der Kritik standen dabei auch \u00c4u\u00dferungen von Beiratsmitgliedern, denen eine verharmlosende oder gar bef\u00fcrwortende Haltung zur P\u00e4dophilie unterstellt wurde. Die aktuellen Anw\u00fcrfe hat Prof. Dr. Thea Bauriedl, Psychoanalytikerin in M\u00fcnchen, zum Anlass genommen, um ihre praktischen und wissenschaftlichen Erfahrungen im Umgang mit Sexualstraft\u00e4tern und mit Opfern sexueller Gewalt darzustellen. In ihrem Beitrag fordert sie einen aktiven Schutz der Kinder vor sexuellem Missbrauch und pl\u00e4diert daf\u00fcr, die Tendenz zur Wiederholung des Missbrauchs durch ehemalige Opfer, die sp\u00e4ter h\u00e4ufig selbst zu T\u00e4tern werden, in aufkl\u00e4render psychotherapeutischer Arbeit zu vermindern.<\/i><\/p>\n<p>Wie in einer anwachsenden Lawine haben sich in letzer Zeit immer mehr Opfer gemeldet, die sexuelle und andere Formen von gewaltt\u00e4tigen \u00dcbergriffen in ihrer Kindheit und Jugend erlitten haben. Fast alle haben diese \u00dcbergriffe in geschlossenen Gemeinschaften, insbesondere in kirchlichen und weltlichen Internaten, \u00fcber sich ergehen lassen m\u00fcssen. F\u00fcr solche Einrichtungen gilt, was auch f\u00fcr Familien gilt, in denen Kinder und Jugendliche sexueller Gewalt ausgeliefert sind, dass die Opfer weder physisch noch psychisch der Gewalt entkommen k\u00f6nnen. Sie sind von ihren Bezugspersonen abh\u00e4ngig und von Natur aus bereit, sich den sie betreuenden Erwachsenen anzuvertrauen. Deshalb nehmen sie erst einmal an, dass das, was mit ihnen geschieht, so in Ordnung ist, ja sie sch\u00e4men und beschuldigen sich oft selbst f\u00fcr das, was ihnen angetan wurde, und tendieren deshalb oft lebenslang dazu, dar\u00fcber zu schweigen und die T\u00e4ter zu sch\u00fctzen.<\/p>\n<h5><span id=\"schutzlose-und-sprachlose-kinder-werden-zu-opfern\">Schutzlose und sprachlose Kinder werden zu Opfern<\/span><\/h5>\n<p>Bisher ging man allgemein davon aus, dass der sexuelle Missbrauch von Kindern vorwiegend im famili\u00e4ren Umfeld stattfindet. Was die Zahl der F\u00e4lle angeht, ist das sicher so. Durch die jetzt massenhaft in die \u00f6ffentliche Wahrnehmung eindringenden F\u00e4lle von sexuellen \u00dcbergriffen in geschlossenen Gemeinschaften au\u00dferhalb der Familie wird deutlich, wie auch hier, in der nahen Umgebung der Opfer, diese \u00dcbergriffe zumeist nicht wahrgenommen, verharmlost, verschwiegen oder vertuscht werden. Mitwissende wollen zumeist nicht in Schwierigkeiten kommen und &#132;opfern&#8220; deshalb selbst ein Kind oder mehrere Kinder durch Wegschauen und Geschehen-Lassen. Wegen dieses Verschweigens und Vertuschens in der nahen Umgebung wiegen die regelm\u00e4\u00dfig mit solchen Erfahrungen verbundenen psychischen Folgen besonders schwer. Da ist zumeist niemand, der eindeutig Stellung bezieht und grunds\u00e4tzlich sagt: &#132;Dieses Kind braucht Schutz, es darf nicht missbraucht werden&#8220;. Da ist niemand, der Verantwortung \u00fcbernimmt, wenn er sieht, was dem Kind geschieht, und der erkennt, da\u00df der sexuelle Missbrauch in ganz besonderer Weise das Selbstbestimmungsrecht und das Schutzbed\u00fcrfnis des Kindes missachtet. Das f\u00fchrt dazu, da\u00df das Kind ein Leben lang dazu tendieren wird, sein eigenes Schutzbed\u00fcrfnis und damit sich selbst als Person zu missachten. Regelm\u00e4\u00dfig sind schwere psychische Erkrankungen die lebenslange Folge.<\/p>\n<h5><span id=\"die-misshandlung-wird-weitergegeben-die-wiederholung-als-heilungsversuch\">Die Misshand&shy;lung wird weiter&shy;ge&shy;ge&shy;ben: <br \/>die Wieder&shy;ho&shy;lung als Heilungs&shy;ver&shy;such<\/span><\/h5>\n<p>Auch wenn inzwischen bekannt ist, dass die sp\u00e4teren T\u00e4ter in der Regel als Kinder selbst Opfer von \u00e4hnlichen Vorg\u00e4ngen waren, kann diese Erkenntnis nicht zur Entschuldigung oder Verharmlosung ihrer Taten f\u00fchren. Sie macht vielmehr darauf aufmerksam, dass solche &#132;Traditionen&#8220; eindeutig und sorgf\u00e4ltig unterbrochen werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Um zu verstehen, auf welche Weise die Weitergabe einer schweren psychischen Sch\u00e4digung grunds\u00e4tzlich unterbrochen werden kann, muss man sich mit der Frage befassen, welchen subjektiven Gewinn die Wiederholung von sexuellen \u00dcbergriffen gegen Kinder und andere abh\u00e4ngige Personen f\u00fcr den T\u00e4ter mit sich bringt. Ohne solche \u00dcberlegungen w\u00fcrde man vielleicht meinen, dass die fr\u00fcheren Opfer von sexueller Gewalt aufgrund der eigenen leidvollen Erfahrung nun als Erwachsene alles daran setzen w\u00fcrden, dass den ihnen anvertrauten Personen nicht dasselbe geschieht, was ihnen selbst geschehen ist. Nicht selten rechtfertigen die T\u00e4ter und Personen, die ein Interesse daran haben, dass entsprechende Taten als harmlos angesehen werden, &#132;p\u00e4dophile&#8220; Phantasien als naturgegebene &#132;Eigenschaft&#8220; eines Menschen, eventuell als ein &#132;genetisch bedingtes&#8220; Bed\u00fcrfnis, das danach dr\u00e4ngt, in reale Handlungen umgesetzt zu werden. Wenn sich dabei die Kinder nicht wehren, weil man vorsichtig oder liebevoll mit ihnen umgeht, dann wird die Wehrlosigkeit des Kindes von diesen Personen oft als Zustimmung oder gar als Beweis f\u00fcr ein eigenes sexuelles Bed\u00fcrfnis des Kindes uminterpretiert.<\/p>\n<p>Die P\u00e4dophilie ist aber Ausdruck einer psychischen Erkrankung, die dadurch gekennzeichnet ist, dass die Betroffenen kontinuierlich von sexuellen Phantasien mit Kindern bedr\u00e4ngt werden. Gleichzeitig haben diese Phantasien durch ihre sexuelle Stimulation eine euphorisierende und damit antidepressive Wirkung, weshalb sie auch zur Abwehr von Wertlosigkeitsgef\u00fchlen dienen. Solche Phantasien haben in der Regel den Charakter und die Funktion eines Suchtmittels, was sich auch in der derzeit zunehmenden &#150; oder zunehmend deutlich werdenden &#150; Zahl von kinderpornographischen Abbildungen im Internet zeigt.<\/p>\n<p>Zum Gl\u00fcck wird das suchtartige Ausleben solcher Phantasien in unserer Gesellschaft immer eindeutiger als Straftat gesehen. Dies folgt der Einsicht, dass den Kindern durch sexuelle \u00dcbergriffe &#150; auch wenn sie ohne Gegenwehr des Kindes erfolgen &#150; ein schwerer psychischer Schaden zugef\u00fcgt wird, der von der Allgemeinheit nicht toleriert werden darf. Das subjektive Gef\u00fchl von Freiheit, das der T\u00e4ter dabei suchtartig erlebt, wird in unserer Gesellschaft nur noch von denjenigen als ein &#132;Menschenrecht&#8220; angesehen, die selbst ein Interesse daran haben, in \u00e4hnlicher Weise auf Kosten anderer leben zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Weitergabe der Verletzung des Grundrechts auf sexuelle Selbstbestimmung durch die ehemaligen Opfer f\u00fchrt dazu, dass wiederum die psychische und physische Unversehrtheit eines Kindes zutiefst verletzt wird, und sein Bed\u00fcrfnis nach Schutz und Sicherheit in der menschlichen Gemeinschaft missachtet wird. Das Opfer solcher Misshandlungen macht die schwerwiegende Erfahrung, dass man keinem Menschen &#150; und damit auch sich selbst nicht &#8211; wirklich vertrauen kann.<\/p>\n<p>Solche Erfahrungen f\u00fchren in aller Regel dazu, dass die einst selbst missbrauchten Kinder als Erwachsene dieselben &#132;Szenen&#8220; wiederholen, denen sie als Kinder ausgeliefert waren. Ihr durch die eigene Sch\u00e4digung schwer verletztes Selbstwertgef\u00fchl verlangt nach &#132;Heilung&#8220;. Dieser &#132;Heilungsversuch&#8220; besteht dann leider oft darin, dass das fr\u00fchere Opfer dieselbe Gewaltszene, der es selbst einst hilflos ausgeliefert war, nun als T\u00e4ter wiederholt. Jetzt erlebt der T\u00e4ter ein oft rauschartiges Gef\u00fchl von &#132;Freiheit&#8220;, einer Freiheit, die auf der \u00dcberlegenheit \u00fcber ein hilfloses und orientierungsloses Kind und auf der Verf\u00fcgbarkeit dieses Kindes beruht. Das gleichzeitig im T\u00e4ter entstehende Gef\u00fchl einer vermeintlichen N\u00e4he zum missbrauchten Kind unterst\u00fctzt seine Phantasie, dass die Verlorenheit und Einsamkeit in seiner eigenen Kindheit auf diesem Wege beseitigt oder &#132;wieder gut gemacht&#8220; werden kann. Freilich bringt dieser Versuch, sich selbst auf Kosten eines anderen zu retten, dem T\u00e4ter nicht wirklich die Wiederherstellung eines unzerst\u00f6rten psychischen Zustands.<\/p>\n<p>Trotzdem versuchen die fr\u00fcheren Opfer einerseits durch die Wiederholung der \u00dcbergriffe gegen Kinder, sich selbst zu best\u00e4tigen, dass Sexualit\u00e4t mit Kindern ein ganz &#132;normaler&#8220; und deshalb &#132;harmloser&#8220; Vorgang ist, ja dass die Kinder wom\u00f6glich nichts dagegen haben, wenn man sie so &#132;in die Sexualit\u00e4t einf\u00fchrt&#8220;. Die Kinder w\u00fcrden sich ja sonst wehren &#150; sie selbst haben sich als Kinder ja auch nicht gewehrt. Andererseits versuchen sie, das in der eigenen Kindheit erlebte Gef\u00fchl, hilflos ausgeliefert zu sein, dadurch zu beseitigen, dass sie als Erwachsene in derselben Szene nun die handelnde Rolle einnehmen: Der T\u00e4ter bestimmt, was mit dem Opfer geschieht. Er definiert das Opfer als &#132;willig&#8220; und den \u00dcbergriff als &#132;harmlos&#8220;. So versuchen die einstigen Opfer nun als T\u00e4ter aus dem ihr ganzes Leben bestimmenden Zustand der &#132;Gef\u00fchllosigkeit f\u00fcr sich selbst&#8220;, der Hilflosigkeit und des Ausgeliefertseins herauszufinden: Wenn sie dasselbe tun, was ihnen selbst als Kindern angetan wurde, dann kann die damalige Verletzung ihrer pers\u00f6nlichen Integrit\u00e4t doch nicht so schlimm gewesen sein &#150; so die Phantasie. Im Gegenteil, die jetzt empfundene k\u00f6rperliche Lust scheint ein Beweis daf\u00fcr zu sein, dass die Sexualit\u00e4t zwischen Erwachsenen und Kindern etwas ganz Nat\u00fcrliches ist.<\/p>\n<p>Die einst so schwer besch\u00e4digten T\u00e4ter haben sich damals als Opfer vor den Erwachsenen und vor deren sexueller Bed\u00fcrftigkeit gef\u00fcrchtet. Sie erleben jetzt (selbst erwachsen) eine Sexualit\u00e4t, in der sie sich scheinbar frei und ohne Angst f\u00fchlen k\u00f6nnen. Vor kleinen Jungen und M\u00e4dchen m\u00fcssen sie sich nicht f\u00fcrchten, wie ehemals vor den erwachsenen M\u00e4nnern oder Frauen, von denen sie selbst (faktisch oder in den Phantasie) missbraucht worden sind. Jetzt k\u00f6nnen sie sexuelle Anziehung, Erregung und Befriedigung scheinbar ohne Angst erleben &#150; die Angst wird ja jetzt von dem abh\u00e4ngigen Kind erlebt. Von diesem Kind erwarten sie nun selbst die Zustimmung, zu der sie einst gezwungen waren. Die scheinbare &#132;Zustimmung&#8220; des Kindes, die auf seinem Gef\u00fchl der Wehrlosigkeit beruht, dient f\u00fcr die T\u00e4ter gleichzeitig zur Entlastung von der heutigen Schuld und zur Verharmlosung dessen, was ihnen selbst als Kindern angetan worden ist.<\/p>\n<p>Man kann trotz der hier dargestellten Erkenntnisse \u00fcber die Weitergabe der Traumatisierung nicht behaupten, da\u00df alle T\u00e4ter einst Opfer der selben Art von \u00dcbergriffen waren und deshalb umgekehrt alle Opfer sp\u00e4ter T\u00e4ter im Sinne einer genauen Wiederholung solcher \u00dcbergriffe sein werden. Wie man aus den Krankengeschichten von in der Kindheit missbrauchten\u00a0 Frauen und M\u00e4nner sieht, sind die Bew\u00e4ltigungsmechanismen von psychischer und physischer Gewalt in der Kindheit vielf\u00e4ltig. Menschen, die Kinder sexuell missbrauchen, sind aber in jedem Fall psychisch schwer besch\u00e4digte Menschen.<\/p>\n<h5><span id=\"wie-kann-man-mit-den-wiederholungen-und-den-folgen-des-missbrauchs-hilfreich-umgehen\">Wie kann man mit den Wieder&shy;ho&shy;lungen und den Folgen des Missbrauchs hilfreich umgehen?<\/span><\/h5>\n<p>Wie kann nun diese Kette der so h\u00e4ufigen Wiederholungen von sexuellen und anderen gewaltt\u00e4tigen \u00dcbergriffen prinzipiell unterbrochen werden? Ganz sicher hilft hier weder Verharmlosung noch Geheimhaltung oder Vertuschung. Auch die Rechtfertigung als harmlose &#132;Liebe zum Kind&#8220; ist Teil der Vertuschung eines schwerwiegenden Verbrechens. Der Staat und die n\u00e4here Umgebung der Opfer m\u00fcssen daf\u00fcr sorgen, dass sexuelle \u00dcbergriffe &#150; in welchem Zusammenhang auch immer &#8211; als das gesehen werden, was sie sind: Schwere Verletzungen der Integrit\u00e4t von Abh\u00e4ngigen, die schwere psychische Sch\u00e4den zur Folge haben.<\/p>\n<p>Zu einem heilsamen Umgang mit den hier dargestellten Szenen des Missbrauchs von Abh\u00e4ngigen, insbesondere von Kindern, geh\u00f6rt in dem Bewusstsein der Umgebung grunds\u00e4tzlich die folgende Trias:<\/p>\n<p><i>Alles, was diesem Kind geschehen ist, ist wahr. <br \/>Alles, was diesem Kind geschehen ist, war schlimm.\u00a0 <br \/>Alles, was diesem Kind geschehen ist, wollte es nicht. <\/i><\/p>\n<p>Alle Positionen zu diesem Geschehen, die behaupten, dass der Missbrauch vielleicht gar nicht geschehen ist, dass er doch nicht so schlimm gewesen sein kann, und dass das Kind doch einverstanden war oder selbst den Erwachsenen verf\u00fchrt habe, wiederholen und verst\u00e4rken die Traumatisierung.<\/p>\n<p>Die &#132;Lawine&#8220; derer, die sich derzeit ihrer eigenen Leidenszeit erinnern und es wagen, \u00f6ffentlich zu erkl\u00e4ren, was ihnen geschehen ist, weist darauf hin, dass aktuell in unserer Gesellschaft eine Bereitschaft besteht, solche Vorg\u00e4nge f\u00fcr wahr zu halten und sie ernst zu nehmen. Ein solches Klima der Aufmerksamkeit f\u00fcr ein Geschehen, das seit Jahrhunderten latent zu unserer Kultur geh\u00f6rt, bietet eine Chance daf\u00fcr, dass in der \u00d6ffentlichkeit und damit f\u00fcr alle Betroffenen klar wird, dass der Missbrauch wirklich geschehen ist, dass er eine schlimme Grenzverletzung darstellt und dass die Kinder &#150; oder andere Abh\u00e4ngige, denen \u00c4hnliches angetan wurde &#150; dies nicht wollten. Wenn dies anerkannt wird, m\u00fcssen sich die Opfer vielleicht weniger sch\u00e4men oder sich nicht mehr selbst f\u00fcr das beschuldigen, was ihnen angetan wurde.<\/p>\n<p>Da es so viele ehemalige Opfer sind, die sich jetzt &#132;bemerkbar&#8220; machen, erleben sie au\u00dferdem, dass sie nicht alleine sind, und dass sie in dieser Situation eine Chance haben, in ihrem Leiden akzeptiert und verstanden zu werden. Wir alle haben jetzt eine Chance, mit den Opfern zusammen zu bedauern und zu betrauern, was ihnen geschehen ist. Den Missbrauch wahrzunehmen und ihn als schwere Verletzung eines Kindes zu verstehen, ist ein wichtiges Prinzip, das &#150; zumindest grunds\u00e4tzlich &#150; die Tendenz zur Wiederholung in der n\u00e4chsten Generation vermindern kann. Dazu braucht man im Einzelfall viel pers\u00f6nlichen Mut, vielleicht auch die Unterst\u00fctzung anderer Personen, die jetzt durch die \u00f6ffentliche Debatte \u00fcber die massenhaft bekannt gewordenen Verletzungen der Integrit\u00e4t von Kindern ebenfalls Mut fassen und auch selbst weniger wegschauen wollen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist auch die Unterst\u00fctzung von entsprechenden Fachleuten und von deren spezifischer Fortbildung eine wichtige Voraussetzung f\u00fcr ein verbessertes Hilfsangebot in unserer Gesellschaft. Die sogenannten &#132;P\u00e4dophilen&#8220; und auch die straff\u00e4llig gewordenen T\u00e4ter brauchen gute psychotherapeutische Hilfe, und sie haben Gl\u00fcck, wenn es ihnen m\u00f6glich ist, solche Hilfe anzunehmen. Das f\u00e4llt ihnen leichter, wenn ihre Betreuer wie auch ihre Psychotherapeuten eindeutig mit ihnen und ihren Taten umgehen. Die Eindeutigkeit besteht darin, dass man die Tat &#150; oder die Tendenz zu entsprechenden Taten &#150; wahr nimmt und ernst nimmt und gleichzeitig die schwere psychische Verletzung der &#150; potentiellen oder tats\u00e4chlichen &#150; Straft\u00e4ter sieht.<\/p>\n<p>Auf Seiten der Betreuer und Psychotherapeuten kommt es darauf an, dass sie den Ver\u00e4nderungswunsch in diesen schwer besch\u00e4digten Personen sehen und mit diesem Wunsch nach anderen Lebensm\u00f6glichkeiten zusammenarbeiten. Das ist oft sehr schwierig, weil man in dieser Arbeit immer wieder in Gefahr ist, sich entweder mit der Tendenz zur Verleugnung und Verharmlosung zu verb\u00fcnden, die in den (potentiellen) T\u00e4tern genauso vorhanden ist wie in ihrer Umgebung. Oder man ger\u00e4t auf die Seite der Verfolger, die die T\u00e4ter zusammen mit ihren Taten verteufeln, um sich selbst vor der &#132;Ansteckung&#8220; durch die Missbrauchsszene zu retten. Ein verst\u00e4ndnisvolles berufliches Umfeld und die Unterst\u00fctzung durch qualifizierte Supervision machen es f\u00fcr die Helfer leichter, immer wieder zu sehen, wie die T\u00e4ter, die ehemals sprachlosen Opfer, sich jetzt dringend mitteilen wollen. Soweit es gelingt, mit den Opfer-T\u00e4tern gemeinsam deren Sprachlosigkeit aufzul\u00f6sen und ihre eigenen Verletzungen und die damit verbundene Einsamkeit und Hilflosigkeit in Verbindung mit ihren Taten zu verstehen, kann es m\u00f6glich werden, dass sie ges\u00fcndere Formen des Zusammenlebens entwickeln, was die Gefahr vermindert, dass sie weiterhin Kinder missbrauchen. Trotz allem muss man sehen, dass diese Bem\u00fchungen, den Opfer-T\u00e4tern dabei zu helfen, ihr Suchtverhalten zugunsten anderer Lebensm\u00f6glichkeiten aufzugeben, wie jede Behandlung einer Suchtkrankheit sehr aufwendig und schwierig sind. Die Kunst besteht darin, dass es m\u00f6glich wird, die Person gleichzeitig als Opfer und als T\u00e4ter zu sehen und zu behandeln.<\/p>\n<p>Das gro\u00dfe Bed\u00fcrfnis der Opfer, sich mitzuteilen und Verst\u00e4ndnis f\u00fcr ihr Leiden zu finden, wird derzeit besonders deutlich, weil sich so viele ehemalige Opfer \u00f6ffentlich zu Wort melden, da die &#132;Schleusen&#8220; in unserer Gesellschaft nun daf\u00fcr ge\u00f6ffnet sind. Das war in unserer Gesellschaft lange Zeit nicht so, und es ist in vielen Familien immer noch nicht so. In Familien f\u00fcrchtet man zumeist, dass das eigene Nest beschmutzt werden k\u00f6nnte, oder dass der notd\u00fcrftig aufrecht erhaltene Zusammenhalt der Familie gest\u00f6rt w\u00fcrde, wenn deutlich w\u00fcrde, was geschehen ist und was geschieht. Deshalb besteht weiterhin die Gefahr, dass die &#132;Schleusen&#147; wieder geschlossen werden, vor allem im famili\u00e4ren Nahraum, in dem es die Opfer auch jetzt zumeist noch nicht wagen k\u00f6nnen, sich zu erinnern und \u00fcber ihr Leiden zu sprechen. Kinder wollen ihre Eltern sch\u00fctzen, denn sie f\u00fcrchten, dass das &#132;famili\u00e4re Dach&#8220; \u00fcber ihnen zusammenbrechen k\u00f6nnte, wenn deutlich w\u00fcrde, was unter ihm geschehen ist und eventuell noch geschieht. Sie versuchen auch zu verhindern, dass sich ihre Eltern sch\u00e4men oder schuldig f\u00fchlen m\u00fcssen, weil sie ihr Kind nicht gesch\u00fctzt oder auch selbst schwer verletzt haben. So wird die aufkl\u00e4rende, betreuende und psychotherapeutische Arbeit an diesen Problemen trotz des aktuell vermehrten \u00f6ffentlichen Interesses an solchen Vorg\u00e4ngen immer weiter n\u00f6tig sein.<\/p>\n<p>Wahrscheinlich wird die \u00d6ffentlichkeit ihre Aufmerksamkeit nach einiger Zeit von den jetzt sichtbar gewordenen psychischen Katastrophen wieder abwenden. Es scheint oft leichter zu sein, sich nicht mit diesen &#132;schmutzigen&#147; und \u00e4ngstigenden Dingen zu besch\u00e4ftigen. Deshalb ist es so wichtig, gerade in dieser der Aufkl\u00e4rung bed\u00fcrftigen und f\u00fcr die Aufkl\u00e4rung zug\u00e4nglichen Situation auch kollektive Tendenzen zur Verharmlosung sexueller und anderer gewaltt\u00e4tiger \u00dcbergriffe gegen\u00fcber abh\u00e4ngigen Personen deutlich zu sehen und offen zu legen. Aus meiner Sicht w\u00e4re es besonders wichtig, den Begriff der &#132;P\u00e4dophilie&#8220; als verharmlosende Bezeichnung einer vielleicht doch normalen sexuellen Orientierung aufzukl\u00e4ren, wie ich das in dieser kurzen Darstellung versucht habe. Es handelt sich hier um Personen, die selbst schwer besch\u00e4digt wurden und deshalb eine eindeutige Stellungnahme und fachkundige Hilfe brauchen, damit sie ihre eigene Sch\u00e4digung nicht wiederholend an andere abh\u00e4ngige Personen weitergeben.<\/p>\n<p><i>Prof. Dr. Thea Bauriedl ist Psychotherapeutin\u00a0 <br \/>und Mitglied des Beirats der Humanistischen Union<\/i><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[48],"tags":[765],"autoren":[1611],"publikationen":[925],"class_list":["post-9188","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","category-sexualstrafrecht","tag-sexualstrafrecht","autoren-thea-bauriedl","publikationen-208-209"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Sexueller Missbrauch von Kindern - eine durch die Generationen weitergegebene Traumatisierung - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/208-209\/publikation\/sexueller-missbrauch-von-kindern-eine-durch-die-generationen-weitergegebene-traumatisierung\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Sexueller Missbrauch von Kindern - eine durch die Generationen weitergegebene Traumatisierung - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Mitteilungen Nr. 208\/209 (1+2\/2010), S. 33-35 (Red.) 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