{"id":9200,"date":"2010-07-15T10:45:00","date_gmt":"2010-07-15T08:45:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/hu-bremen-humanismus-und-strafvollzug-geht-das-ueberhaupt\/"},"modified":"2010-07-15T12:00:00","modified_gmt":"2010-07-15T10:00:00","slug":"hu-bremen-humanismus-und-strafvollzug-geht-das-ueberhaupt","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/208-209\/publikation\/hu-bremen-humanismus-und-strafvollzug-geht-das-ueberhaupt\/","title":{"rendered":"HU Bremen: Humanismus und Strafvollzug \u0096 geht das \u00fcberhaupt?"},"content":{"rendered":"<p>Mitteilungen Nr. 208\/209 (1+2\/2010), S. 42<\/p>\n<p>31 Personen gingen im Februar ganz freiwillig in die Justizvollzugsanstalt Bremen. Grund war eine Einladung des HU-Landesverbandes Bremen zu einem Vortrag von Prof. Dr. Johannes Feest: &#132;Humanismus und Strafvollzug: Verrechtlichung, Zivilisierung oder Abschaffung?&#147;<\/p>\n<p>Der Veranstaltungsort war bewusst gew\u00e4hlt, um auch Strafgefangenen bzw. Bediensteten die Teilnahme zu erm\u00f6glichen. Diese Hoffnung erf\u00fcllte sich aber nur teilweise . Einige Besch\u00e4ftigte der JVA lauschten den Ausf\u00fchrungen und beteiligten sich an der Diskussion, Gefangene waren leider nicht da. Am Abend wurde bekannt, dass zwei Redakteure der Gefangenenzeitung der JVA (&#132;DISKUS 70&#147;) eine Teilnahme an der Veranstaltung beantragt hatten, dies jedoch von der Anstaltsleitung abgelehnt wurde. Welches Motiv die Anstaltsleiterin hatte, beide Antr\u00e4ge abzulehnen, blieb offen. Teilnehmer bedauerten die Entscheidung: &#132;Ich h\u00e4tte mir etwas mehr Mut von der Anstaltsleiterin gew\u00fcnscht&#147;, so eine Stimme.<\/p>\n<p>Johannes Feest spannte einen gro\u00dfen Bogen bei dem schwierigen Thema. Er zitierte den Direktor der bekannten Vollzugsanstalt &#130;Santa Fu&#145; in Hamburg, Dr. Heinz-Dietrich Stark, der bereits Mitte der 1970er Jahre mit der These auftrat: &#132;Wenn man Menschen wie Tiere behandelt, werden sie sich auch wie Tiere benehmen&#147;.\u00a0 Damit verband er ein eindeutiges Pl\u00e4doyer f\u00fcr einen menschlicheren Strafvollzug.<\/p>\n<p>Ein solcher Strafvollzug kann durch rechtliche Vorgaben unterst\u00fctzt werden. Dabei handelt es sich einerseits um Mindeststandards, durch die absolut unmenschliche Behandlung ausgeschlossen werden sollen &#150; etwa: Folterverbot, Mindestbesuchszeiten, Recht auf t\u00e4glich eine Stunde im Freien etc. Solche Normen garantieren ein zivilisatorisches Minimum. Sie f\u00fchren aber oft dazu, dass h\u00e4ufig nicht mehr getan wird, als der Mindeststandard vorsieht. Was als unterste Grenze gedacht war, wird zum Standard.<\/p>\n<p>Andere rechtliche Vorgaben setzen h\u00f6here Ziele, etwa das Vollzugsziel der Resozialisierung. Gefangene sollen im Vollzug &#132;f\u00e4hig werden, in sozialer Verantwortung, ein Leben ohne Straftaten zu f\u00fchren&#147;, hei\u00dft es dazu im Bundesstrafvollzugsgesetz. Theorie und Praxis klaffen hier allerdings weit auseinander, wie Johannes Feest mit zahlreichen Beispielen belegen konnte. Das zeige sich sich am R\u00fcckgang der Vollzugslockerungen, die dazu dienen sollten, Gefangene auf das Leben in Freiheit vorzubereiten.\u00a0 Beurlaubungen aus der Haft sind in der Zeit 1998 bis 2008 um 60 % zur\u00fcckgegangen. \u00c4hnliches gilt f\u00fcr den offenen Vollzug. Bundesweit werden die materiellen und finanziellen Ressourcen gek\u00fcrzt. Kein Wunder, dass die R\u00fcckfallzahlen so hoch sind wie eh und je. Dies liegt auch daran, dass in unserer Gesellschaft das Bewusstsein daf\u00fcr schwindet, dass ein resozialisierender Strafvollzug die beste Kriminalpr\u00e4vention ist. Haftstrafen k\u00f6nnen nun einmal nicht ausgleichen, was an Sozialpolitik vers\u00e4umt wurde.<\/p>\n<p>Zwischen Minimal- und Maximalstandards gibt es verschiedene Modellprojekte, die mindestens zu einer Zivilisierung des Strafvollzuges beitragen k\u00f6nnten. Als besonders gutes Beispiel wurde die Bildhauerwerkstatt genannt, die es in der JVA Bremen seit 1978 gibt. Dort arbeiten Gefangene unter Anleitung professioneller K\u00fcnstler. In diesem Projekt (meist werden Skulpturen aus Stein hergestellt) geht es um k\u00fcnstlerische Arbeit als Alternative zur Pflichtarbeit.<\/p>\n<p>Von Humanisten (auch solchen aus der Humanistischen Union) sind zahlreiche zivilisatorische Impulse f\u00fcr den Strafvollzug ausgegangen. Als Beispiele wurden u.a. die Anstaltsleiter Helga Einsele und Heinz-Dietrich Stark genannt, die f\u00fcr ihre Verdienste von der Humanistischen Union mit dem Fritz-Bauer-Preis ausgezeichnet wurden. Sie haben versucht, die Institution in positiver Richtung zu ver\u00e4ndern und sind oft daf\u00fcr selbst diszipliniert worden. Leider ist die traurige Wahrheit, dass die totale Institution Gef\u00e4ngnis diese Reformer relativ unbesch\u00e4digt \u00fcberlebt hat.<\/p>\n<p>Die schrittweise Abschaffung der Gef\u00e4ngnisinstitution selbst w\u00e4re daher ein konsequenter Schritt zur Humanisierung des Strafwesens. Die gesellschaftliche Entwicklung driftet aber zur Zeit in die entgegensetzte Richtung. Die Privatisierung bzw. Kommerzialisierung tr\u00e4gt eher zum Ausbau als zu seinem Abbau bei. Johannes Feest pl\u00e4dierte daf\u00fcr, eine weitere Verrechtlichung und Zivilisierung des Gef\u00e4ngnisses voranzutreiben, was zugleich einen weitgehenden Abbau der Institution impliziere. In der anschlie\u00dfenden Diskussion traf dieser Gedanken nicht auf ungeteilte Zustimmung.\u00a0 Es gab auch &#150; insbesondere wegen der Gewalttaten gegen\u00fcber Frauen &#150; die Auffassung, dass Strafvollzug ein notwendiges \u00dcbel bleibe.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[695],"autoren":[1613],"publikationen":[925],"class_list":["post-9200","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-veranstaltungen-berichte","autoren-heinz-luene","publikationen-208-209"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>HU Bremen: Humanismus und Strafvollzug \u0096 geht das \u00fcberhaupt? - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/208-209\/publikation\/hu-bremen-humanismus-und-strafvollzug-geht-das-ueberhaupt\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"HU Bremen: Humanismus und Strafvollzug \u0096 geht das \u00fcberhaupt? - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Mitteilungen Nr. 208\/209 (1+2\/2010), S. 42 31 Personen gingen im Februar ganz freiwillig in die Justizvollzugsanstalt Bremen. 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