{"id":9213,"date":"2009-12-17T12:52:00","date_gmt":"2009-12-17T11:52:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/islamischer-religionsunterricht-eine-information-ueber-den-derzeitigen-stand\/"},"modified":"2021-08-30T15:40:44","modified_gmt":"2021-08-30T13:40:44","slug":"islamischer-religionsunterricht-eine-information-ueber-den-derzeitigen-stand","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/207\/publikation\/islamischer-religionsunterricht-eine-information-ueber-den-derzeitigen-stand\/","title":{"rendered":"Islamischer Religionsunterricht \u0096 eine Information \u00fcber den derzeitigen Stand"},"content":{"rendered":"<p>Aus: Mitteilungen Nr. 207 (Heft 4\/2009), S.20-21<\/p>\n<h5><span id=\"i\">I.<\/span><\/h5>\n<p>Anders als f&uuml;r Schulkinder christlicher Konfessionen gibt es bisher f&uuml;r die sch&auml;tzungsweise rd. 0,7 Mio. schulpflichtigen muslimischen Kinder und Jugendliche in Deutschland (BT-Drs. 16\/5033, S. 45) keinen Religionsunterricht im Sinne von Artikel 3 Absatz 3 Grundgesetz. Das Bundesverwaltungsgericht hat zwar bereits im Februar 2005 in einem nordrhein-westf&auml;lischen Verfahren einen Anspruch auf Einrichtung islamischen Unterrichts prinzipiell bejaht und auch einen islamischen Dachverband unter bestimmten Voraussetzungen f&uuml;r geeignet gehalten, die Voraussetzungen einer &#8222;Religionsgemeinschaft&#8220; im Sinne der grundgesetzlichen Vorschrift zu erf&uuml;llen. Eine vollst&auml;ndige konfessionelle Homogenit&auml;t sei ebenso wenig erforderlich wie eine f&ouml;rmliche Mitgliedschaft, die dem Islam bekanntlich fremd ist; es reiche aus, wenn die Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler konkret zu einem bestimmten islamischen Unterricht angemeldet werden bzw. sich anmelden (Urteil vom 23.2.2005 BVerwGE 123, 48).<\/p>\n<p>Bereits in der Islamdebatte des Deutschen Bundestages am 17. Mai 2001 sagte der damalige Parlamentarische Staatssekret&auml;r im Bundesinnenministerium: &#8222;In &Uuml;bereinstimmung mit den christlichen Kirchen &#8211; auch das sollte gesagt werden &#8211; besteht partei&uuml;bergreifend Konsens, dass die Einf&uuml;hrung eines regul&auml;ren islamischen Religionsunterrichts durch den Staat an staatlichen Schulen sehr w&uuml;nschenswert w&auml;re.&#8220; (Protokolle 14. Wahlperiode, S. 16653). Im gleichen Sinn sprach sich 2001 die Ministerpr&auml;sidentenkonferenz aus. Gleichwohl ist es bisher in Deutschland noch in keinem Bundesland zu einem &#8222;echten&#8220; islamischen Religionsunterricht gekommen, also<\/p>\n<ul>\n<li>zu einem bekenntnisgebundenen Pflichtunterricht&nbsp;<\/li>\n<li>mit versetzungsrelevanten Noten&nbsp;<\/li>\n<li>aufgrund verbindlicher staatlicher Lehrpl&auml;ne, denen eine Religionsgemeinschaft nach Artikel 7 Abs. 3 Grundgesetz in der erw&auml;hnten Interpretation des Bundesverwaltungsgerichts zugestimmt hat,&nbsp;<\/li>\n<li>erteilt von Lehrkr&auml;ften mit entsprechender Ausbildung und islamischer Lehrerlaubnis. <\/li>\n<\/ul>\n<p>Die St&auml;ndige Konferenz der Kultusminister der L&auml;nder hat am 15. Mai 2008 auf der Grundlage einer Ausarbeitung &uuml;ber &#8222;Verfassungsrechtliche Rahmenbedingungen eines islamischen Religionsunterrichts&#8220; (Professor Heinrich de Wall f&uuml;r die AG 2 der Deutschen Islamkonferenz) den L&auml;ndern mehrheitlich empfohlen, &#8222;wegen der besonderen Bedeutung des Religionsunterrichts&nbsp; f&uuml;r die Religionsfreiheit&#8220; die Einf&uuml;hrung des islamischen Religionsunterrichts nicht daran scheitern zu lassen, dass die Qualifikation einer Religionsgemeinschaft noch nicht endg&uuml;ltig feststeht; vielmehr solle man &#8211; nach Pr&uuml;fung der besonderen landesspezifischen Situation &#8211; &#8222;mit im Land verbreiteten Organisationen kooperieren&#8220;, in der Erwartung, dass diese in absehbarer Frist alle Merkmale einer Religionsgemeinschaft &#8222;unzweifelhaft erf&uuml;llen&#8220;.<\/p>\n<h4><span id=\"ii\">II.<\/span><\/h4>\n<p>Ungeachtet dessen findet, teilweise bereits seit mehreren Jahren, in vielen Bundesl&auml;ndern inzwischen so etwas wie &#8222;Islamischer Religionsunterricht&#8220; statt, soweit bekannt jedoch nirgends fl&auml;chendeckend. In der Regel handelt es sich um einen von den L&auml;ndern als (Schul-)Versuch gekennzeichneten Unterricht, weil ein echter Religionsunterricht noch nicht m&ouml;glich sei: Auf der Seite des &#8222;Islam&#8220; als nicht verfasster vielf&auml;ltiger Religionsgemeinschaft fehle weiterhin ein verl&auml;sslicher und geeigneter Kooperationspartner, k&ouml;nne also f&uuml;r den Religionsunterricht nicht die erforderliche &Uuml;bereinstimmung mit den &#8222;Grunds&auml;tzen dieser Religionsgemeinschaft&#8220; im Sinne des Artikel 7 Absatz 3 Grundgesetz hergestellt werden. Womit der &#8222;schwarze Peter&#8220; den in sich zerstrittenen Muslimen und ihren Organisationen zugeschoben wurde. Im Einzelnen sind die Akteure in den L&auml;ndern&nbsp; in unterschiedlichen Formen aktiv geworden (s. Infokasten).<\/p>\n<h5><span id=\"iii\">III.<\/span><\/h5>\n<p>&Uuml;ber die Frage, was der Religionsunterricht eigentlich den Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;lern &#8222;bringt&#8220;, welchen &#8222;Wert&#8220; er hat und welche Wertsch&auml;tzung er genie&szlig;t, wird beim christlich-konfessionellen Religionsunterricht bekanntlich gestritten, es kommt auf den Standpunkt an. Vor diesem Hintergrund ist man neugierig, wie der islamische Religionsunterricht beurteilt wird. Da es sich um Schul- bzw. Modellversuche handelt, m&uuml;sste eine Evaluation oder eine wissenschaftliche Begleitung des jeweiligen Versuchs selbstverst&auml;ndlich sein. Bekannt geworden sind bisher lediglich zwei Auswertungen:<\/p>\n<p>1.&nbsp;Zum Modellversuch Islamunterricht in Erlangen\/N&uuml;rnberg wird in einem Arbeitsbericht des Staatsinstituts f&uuml;r Schulqualit&auml;t und Bildungsforschung M&uuml;nchen von 2008 (<a href=\"http:\/\/www.isb.bayern.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.isb.bayern.de<\/a>) berichtet, dass nahezu alle muslimischen Kinder angemeldet wurden (dazu bestand keine Verpflichtung) und dass Lehrkr&auml;fte und Elternsprecher dem Unterricht&nbsp; ausgesprochen positiv gegen&uuml;ber stehen.<\/p>\n<p>2. &nbsp;Zum nieders&auml;chsischen Schulversuch gibt es eine 15-seitige Antwort der Landesregierung auf eine Kleine Anfrage dreier Abgeordneter der &#8222;Gr&uuml;nen&#8220; (LT-Drs. 16\/1484). Dort findet man neben allerhand quantitativen Angaben interessante Informationen &uuml;ber die Qualifikation der derzeitigen und die Ausbildung der k&uuml;nftigen Lehrkr&auml;fte, die von ihnen erwarteten Kompetenzen und Unterrichtsinhalte. Dem bis 2013 befristeten Schulversuch wird bereits jetzt Erfolg bescheinigt, weil die muslimischen Kinder sich als gleichgestellt empf&auml;nden, die gesellschaftliche Teilhabe der Kinder und der Eltern zugenommen habe, separatistische Bestrebungen abgenommen h&auml;tten, der Unterricht unver&auml;ndert hohe Akzeptanz habe und zu einer generellen Steigerung der deutschen Sprachkompetenz bei den Teilnehmenden gef&uuml;hrt habe.<\/p>\n<h5><span id=\"iv\">IV.<\/span><\/h5>\n<p>Nach geltendem Verfassungsrecht haben (im Geltungsbereich des Artikel 7 Absatz 3 Grundgesetz) die Muslime in gleichem Umfang wie die christlichen Religionsgemeinschaften und andere Weltanschauungsgemeinschaften Anspruch auf &#8222;ihren&#8220; Religionsunterricht. F&uuml;r Privilegien der christlichen Kirchen ist in der Schule ebenso wenig Raum wie andernorts. Eine andere Frage ist die, ob Religionsunterricht&nbsp; verfassungspolitisch w&uuml;nschenswert ist. Die Humanistische Union vertritt seit&nbsp; jeher die Auffassung, dass die Garantie des Religionsunterrichts als prinzipienwidrige Ausnahme vom Grundsatz der Trennung von Staat und Religionsgemeinschaften, als &#8222;Fremdk&ouml;rper in der grundgesetzlichen Ordnung des Verh&auml;ltnisses von Staat und Kirche&#8220; (Erwin Fischer, Trennung von Staat und Kirche, 3. Aufl. 1984, S. 288) abgeschafft werden sollte. Von dieser Forderung sollten wir nicht ablassen, auch wenn&nbsp; derzeit politisch Verb&uuml;ndete eher selten zu finden sein d&uuml;rften. Hoffnungsvoll stimmt, dass die Erosion des Religionsunterrichts in seiner katholischen wie evangelischen Spielart vermutlich voranschreiten wird. Das bef&uuml;rchten wohl auch die Amtskirchen. Sie setzen sich nach anf&auml;nglicher vehementer Ablehnung seit einigen Jahren zunehmend f&uuml;r den islamischen Religionsunterricht ein, wohl in der Hoffnung, dadurch eine st&auml;rkere Legitimation f&uuml;r den Religionsunterricht &uuml;berhaupt zu erreichen. Ob die Hoffnung tr&auml;gt oder tr&uuml;gt: Wir werden es aufmerksam beobachten.<\/p>\n<p><i>Johann-Albrecht Haupt<br \/>ist im Bundesvorstand der Humanistischen Union <br \/>f&uuml;r den Themenbereich Staat &amp; Kirche verantwortlich<\/i><\/p>\n<h5><span id=\"islamischer-religionsunterricht-in-den-laendern\">Islamischer Religi&shy;ons&shy;un&shy;ter&shy;richt in den L&auml;ndern<\/span><\/h5>\n<p><b>Baden-W&uuml;rttemberg<\/b>: Modellprojekt Islamischer Religionsunterricht an 12 Grundschulen seit 2006<\/p>\n<p><b>Bayern<\/b>: an Grund- und Hauptschulen islamische Unterweisung in t&uuml;rkischer und in deutscher Sprache ab 2005 und Modellversuch Islamunterricht in Erlangen (eine Grund- und Hauptschule)&nbsp; und N&uuml;rnberg (eine Realschule)<\/p>\n<p><b>Berlin<\/b>: hier gilt die Berliner Klausel (Art. 141 Grundgesetz), findet also kein staatlicher Religionsunterricht statt, demzufolge auch kein staatlicher islamischer Religionsunterricht. Islamischer Unterricht wird an den &ouml;ffentlichen Schulen &#8211; wie auch von den christlichen Kirchen &#8211; von der umstrittenen Islamischen F&ouml;deration (diese hatte sich das Recht dazu gerichtlich erstritten &#8211; OVG Berlin, Urteil v. 4.11.1998, NVwZ 1999, S. 786) und den Aleviten angeboten.<\/p>\n<p><b>Bremen<\/b>: Staatliche Islamkunde an einem Standort<\/p>\n<p><b>Niedersachsen<\/b>: seit 2003 Schulversuch &#8222;Staatlicher deutschsprachiger Religionsunterricht f&uuml;r Muslime&#8220; an anfangs 8, inzwischen 37 Grundschul-Standorten<\/p>\n<p><b>Nordrhein-Westfalen<\/b>: Schulversuch Islamkunde seit 1999 an derzeit 128 Schulen, Islamkunde als Teil des muttersprachlichen Unterrichts seit 1986. (Lt. Pressemitteilung des Integrationsministers v. 1.7.2009 plant NRW die fl&auml;chendeckende Einf&uuml;hrung islamischen Religionsunterrichts in der Form eines &#8222;landesweiten Schulversuchs&#8220;)<\/p>\n<p><b>Rheinland-Pfalz<\/b>: Islamischer&nbsp; Religionsunterricht als Modellprojekt an zun&auml;chst einem Standort (Grundschule in Ludwigshafen seit 2003), demn&auml;chst an weiteren Standorten (auch des Sekundarbereichs)<\/p>\n<p><b>Schleswig-Holstein<\/b>: Islamkundlicher Unterricht ab 2007 an einigen Standorten<\/p>\n<p>(<i>Quelle: Rundschreiben 185\/2008 des KMK-Sekretariats v. 15.5.08<\/i>)<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[746],"autoren":[183],"publikationen":[928],"class_list":["post-9213","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-religion-schule","autoren-johann-albrecht-haupt","publikationen-928"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Islamischer Religionsunterricht \u0096 eine Information \u00fcber den derzeitigen Stand - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/207\/publikation\/islamischer-religionsunterricht-eine-information-ueber-den-derzeitigen-stand\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Islamischer Religionsunterricht \u0096 eine Information \u00fcber den derzeitigen Stand - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Aus: Mitteilungen Nr. 207 (Heft 4\/2009), S.20-21 I. 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