{"id":9242,"date":"2009-09-11T15:29:00","date_gmt":"2009-09-11T13:29:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/ein-wenig-licht-fuer-die-blinden-waechter-stellungnahme-zu-den-gesetzentwuerfen-ueber-die-parlamenta\/"},"modified":"2021-08-30T15:40:39","modified_gmt":"2021-08-30T13:40:39","slug":"ein-wenig-licht-fuer-die-blinden-waechter-stellungnahme-zu-den-gesetzentwuerfen-ueber-die-parlamenta","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/205-206\/publikation\/ein-wenig-licht-fuer-die-blinden-waechter-stellungnahme-zu-den-gesetzentwuerfen-ueber-die-parlamenta\/","title":{"rendered":"Ein wenig Licht f\u00fcr die blinden W\u00e4chter. Stellungnahme zu den Gesetzentw\u00fcrfen \u00fcber die parlamentarische Kontrolle der Nachrichtendienste"},"content":{"rendered":"<p>Aus: Mitteilungen Nr. 205\/206 (2+3\/2009), S. 16-17<\/p>\n<p><i>(Red.) Noch bevor der sog. BND-Untersuchungsausschuss am 18. Juni seine Ergebnisse &uuml;ber die Verstrickungen deutscher Geheimdienste in den Irakkrieg und rechtswidrige Praktiken im Anti-Terror-Kampf vorlegte, schaffte eine erweiterte Koalition aus CDU\/CSU, SPD und FDP bereits Fakten: Als Antwort auf offensichtliche Kontrolldefizite reichten die drei Fraktionen im M&auml;rz einen Gesetzentwurf zur parlamentarischen Kontrolle der Geheimdienste im Parlament ein.<\/i><\/p>\n<p><i>Der Vorschlag von Regierungskoalition und FDP (BT-Drs. 16\/12412 und 16\/12411) sah vor, das Bundeskriminalamt in die Kontrolle durch das Parlamentarische Kontrollgremium (PKGr) aufzunehmen &#8211; was m&ouml;glicherweise die offene Kontrolle seiner Aktivit&auml;ten erschweren k&ouml;nnte. Daneben schlug der Entwurf vor: erweiterte Informationspflichten der Regierung gegen&uuml;ber dem Gremium; das Recht auf Aktenherausgabe (und nicht blo&szlig; die Dokumenteneinsichtnahme); die Befugnis f&uuml;r Angeh&ouml;rige der Geheimdienste, sich direkt an die Mitglieder des PKGr zu wenden.<\/i><\/p>\n<p><i>Ein alternativer Entwurf von B&uuml;ndnis 90\/Die Gr&uuml;nen (BT-Drs. 16\/12189) zielte auf mehr Transparenz in der Arbeit der Kontrolleure, indem die Unterrichtung des eigenen Fraktionsvorstandes sowie der &Ouml;ffentlichkeit erleichert werden sollten. Zudem schlugen die Gr&uuml;nen eine Streichung der generellen Ausnahmeklausel des Informationsfreiheitsgesetzes f&uuml;r die Nachrichtendienste (&sect; 3 Nr. 8 IFG) vor.<\/i><\/p>\n<p><i>Ein Antrag und ein Gesetzentwurf der Linksfraktion zielten darauf, die aktuelle geheimdienstliche &Uuml;berwachung von Abgeordneten dieser Fraktion durch den Verfassungsschutz zu beenden (BT-Drs. 16\/5455) bzw. ein Minderheitenveto einzuf&uuml;hren, womit ein F&uuml;nftel der Mitglieder des PKGr&nbsp; eine solche &Uuml;berwachung stoppen k&ouml;nnte (BT-Drs. 16\/12374).<\/i><\/p>\n<p><i>Alle Vorschl&auml;ge wurden am 25. Mai gemeinsam in einer Sachverst&auml;ndigenanh&ouml;rung des Innenausschusses im Bundestag er&ouml;rtert. Daran nahm u.a. unser Beiratsmitglied Prof. Dr. Martin Kutscha teil, dessen Stellungnahme wir hier dokumentieren. Die Quellenangaben finden sich in der Online-Ausgabe (<a href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Kutscha_StellungnahmeGeheimdienstkontrolle.pdf\">PDF-Version<\/a>).<\/i><\/p>\n<p>1. Verfassungsstaaten wie die Bundesrepublik Deutschland unterliegen dem &#8222;allgemeinen &Ouml;ffentlichkeitsprinzip der Demokratie&#8220;. Daraus folgt, dass heimliche Eingriffe der Staatsgewalt in die Grundrechte der B&uuml;rger, wie sie den Nachrichtendiensten gesetzlich zugestanden wurden, die Ausnahme darstellen m&uuml;ssen und jeweils besonderer Rechtfertigung bed&uuml;rfen. Die fehlenden Rechtsschutzm&ouml;glichkeiten der von solchen Eingriffsma&szlig;nahmen Betroffenen k&ouml;nnen nur durch eine wirksame Kontrolle auf anderem Wege ein St&uuml;ck weit kompensiert werden. Aus Gr&uuml;nden sowohl rechtlicher als auch tats&auml;chlicher Art ist die parlamentarische Kontrolle in Deutschland allerdings defizit&auml;r. So sind die Kontrolleure zur Aus&uuml;bung ihrer Aufgaben ganz wesentlich auf die Informationen derjenigen angewiesen, welche sie zu &uuml;berwachen haben. Das ern&uuml;chternde, aber gleichwohl zutreffende Fazit des Kollegen Gusy lautet denn auch: &#8222;Die parlamentarischen Kontrollinstanzen sind nicht nur blinde W&auml;chter; sie sind auch W&auml;chter ohne Schwert&#8220; . Die Schaffung der gesetzlichen Voraussetzungen f&uuml;r eine effektivere Kontrolle ist deshalb auch aus der Sicht des Verfassungsrechtlers dringend geboten.<\/p>\n<p>2. Zu begr&uuml;&szlig;en ist vor diesem Hintergrund zun&auml;chst die Absicht, das parlamentarische Gremium zur Kontrolle der nachrichtendienstlichen T&auml;tigkeiten des Bundes durch einen neuen Art. 45d auf der Ebene der Verfassung zu verankern (BT-Drs. 16\/12412). Es erstaunt allerdings, dass dann alles Weitere wie insbesondere die Regelung der Zusammensetzung sowie der Befugnisse dieses parlamentarischen Gremiums dem mit einfacher Mehrheit beschlie&szlig;enden Gesetzgeber &uuml;berlassen werden soll. In diesem Punkt w&auml;ren n&auml;here Vorgaben schon im Grundgesetz angezeigt. Auch vermag der Verweis auf den &#8222;besonders schutzw&uuml;rdigen Gegenstand der Kontrolle&#8220;&nbsp; nicht zu rechtfertigen, dass das Parlamentarische Kontrollgremium nicht den Status eines Bundestagsausschusses mit dem ihm zustehenden Rechten haben soll. Auch solche Aussch&uuml;sse haben sich nicht selten mit brisanten und teilweise der Geheimhaltung unterliegenden Gegenst&auml;nden zu befassen; die Ausschussberatungen sind deshalb grunds&auml;tzlich nicht &ouml;ffentlich, &sect; 69 I GOBT.<\/p>\n<p>3. Die wesentlichen Unterschiede zwischen einem &#8222;normalen&#8220; Ausschuss des Deutschen Bundestages sowie dem Kontrollgremium f&uuml;r die Nachrichtendienste erschlie&szlig;en sich erst bei einem Blick in das bereits geltende Kontrollgremiumgesetz (PKGrG) einschlie&szlig;lich der nach der BT-Drucksache 16\/12411 beabsichtigen &Auml;nderungen dieses Gesetzes: Danach ist das Kontrollgremium auch weiterhin nicht anteilig nach der St&auml;rke der Bundestagsfraktionen zu besetzen, wie dies die &sect;&sect; 57, 12 GOBT f&uuml;r die Bundestagsaussch&uuml;sse bestimmen, sondern aufgrund einer Wahl durch die Mehrheit der Mitglieder des Bundestages, &sect; 2 III PKGrG. Damit hat es die Regierungsmehrheit im Bundestag in der Hand, nur ihr politisch genehme Abgeordnete in das Kontrollgremium zu entsenden und damit ihr missliebige Angeh&ouml;rige der Opposition von der Kontrollt&auml;tigkeit auszuschlie&szlig;en. Die Richtermehrheit des erkennenden Zweiten Senats des Bundesverfassungsgerichts hat diese Praxis bezogen auf die Haushaltskontrolle der Nachrichtendienste in ihrem Urteil vom 14. 1. 1986 zwar gebilligt . Verfassungsrechtlich &uuml;berzeugender sind allerdings die Minderheitsvoten der Verfassungsrichter Mahrenholz und B&ouml;ckenf&ouml;rde, in denen diese Praxis zu Recht als Versto&szlig; gegen das Gebot der Gleichheit in Art. 38 I GG gewertet wird. B&ouml;ckenf&ouml;rde verweist mit gutem Grund auf das in Art. 38 I GG ebenfalls verankerte Prinzip der Gesamtrepr&auml;sentation durch alle Abgeordneten, das es verbiete, verschiedene Klassen von Abgeordneten mit jeweils unterschiedlichen Kontrollrechten zu schaffen.<\/p>\n<p>4. Die Anerkennung eines Rechts der Parlamentsmehrheit, dar&uuml;ber zu bestimmen, welche Mitglieder der Oppositionsfraktionen ihr f&uuml;r die Kontrolle der Nachrichtendienste als &#8222;vertrauensw&uuml;rdig&#8220; erscheinen und welche nicht, l&auml;sst das Konzept einer parlamentarischen Kontrolle der Exekutive im Ergebnis zur Farce werden: Im heutigen parlamentarischen Regierungssystem &uuml;berwacht schlie&szlig;lich &#8222;in erster Linie nicht die Mehrheit die Regierung, sondern diese Aufgabe wird vorwiegend von der Opposition &#8211; und damit in der Regel von einer Minderheit &#8211; wahrgenommen&#8220;. Wegen des Interessengegensatzes zwischen regierungstragender Mehrheit und oppositioneller Minderheit ist die Kontrollfunktion des Parlaments mithin wesentlich von den Wirkungsm&ouml;glichkeiten der Minderheit abh&auml;ngig .<\/p>\n<p>5. Vor diesem Hintergrund ist auch die Ausgestaltung der Kontrollrechte in &sect; 5 des Entwurfs der BT-Drs. 16\/12411 bedenklich, wenngleich die St&auml;rkung dieser Kontrollbefugnisse grunds&auml;tzlich zu begr&uuml;&szlig;en ist. Nach dieser Bestimmung sollen diese Befugnisse lediglich dem Parlamentarischen Kontrollgremium als Ganzes zustehen, womit die auch im Ausschuss &uuml;ber die Mehrheit verf&uuml;genden Abgeordneten der die Regierung tragenden Fraktionen die Untersuchungst&auml;tigkeit des Gremiums ma&szlig;geblich zu steuern verm&ouml;gen. Dem gegen&uuml;ber verdient der Regelungsvorschlag f&uuml;r den &sect; 2a in der BT-Drs. 16\/12189 den Vorzug, weil er das Einsichtsrecht auch den einzelnen Mitgliedern des Kontrollgremiums zugesteht und damit auch den Repr&auml;sentanten der Oppositionsfraktionen eigene Kontrollrechte einr&auml;umt.<\/p>\n<p>6. Ebenso deutlich wird das Festhalten an der dominanten Stellung der parlamentarischen Mehrheit in &sect; 10 II des Gesetzentwurfs der BT-Drs. 16\/12411, wonach nur eine Mehrheit von zwei Dritteln der anwesenden Mitglieder des Parlamentarischen Kontrollgremiums einen Dispens von der Geheimhaltungspflicht erteilen und den einzelnen Mitgliedern des Gremiums die Ver&ouml;ffentlichung von Sondervoten erlauben kann. Somit d&uuml;rfte es auch nach der Verabschiedung dieses Entwurfs der Regierungsfraktionen sowie der FDP-Fraktion dabei bleiben, dass die Vertreter der Opposition im Parlamentarischen Kontrollgremium weitgehend dazu verdammt sind, nur als &#8222;blinde W&auml;chter ohne Schwert&#8220;&nbsp; zu agieren. Die Effektivit&auml;t ihrer Kontrolle bleibt abh&auml;ngig von der Bereitschaft der Mitglieder der parlamentarischen Mehrheit, Licht in einen Arkanbereich exekutivischen Handelns mit hoher Grundrechtsrelevanz dringen zu lassen. Dem gegen&uuml;ber verdient eine Ausgestaltung der Rechte der Minderheit im Kontrollgremium den Vorzug, die sich an den Minderheitsrechten in parlamentarischen Untersuchungsaussch&uuml;ssen orientiert.<\/p>\n<p>7. Die BT-Drucksachen 16\/5455 und 16\/12374 geben wieder einmal Anlass, vor der Gefahr zu warnen, dass in der T&auml;tigkeit von deutschen Nachrichtendiensten die Verfassungsordnung mit dem politischen Status quo gleichgesetzt und unter dem Signum der Bek&auml;mpfung von &#8222;Verfassungsfeinden&#8220; mit amtlicher Autorit&auml;t der politische Gegner diskreditiert wird. Die &Uuml;berwachung der Privatsph&auml;re und schlie&szlig;lich auch die Ver&ouml;ffentlichung von Namen und Organisationen in den Verfassungsschutzberichten, die einer hoheitlichen Verrufserkl&auml;rung gleichkommt, greifen tief in die Grundrechte der davon Betroffenen ein und bed&uuml;rfen besonderer, den verfassungsrechtlichen Anforderungen gen&uuml;genden Rechtfertigung.<\/p>\n<p><i>Martin Kutscha<br \/>lehrt Staats- und Verwaltungsrecht an der <br \/>Hochschule f&uuml;r Wirtschaft und Verwaltung Berlin<\/i><\/p>\n<p><i>Der Gesetzentwurf von CDU\/CSU, SPD und FDP wurde in einer leicht ge&auml;nderten Fassung (s. Ausschuss-Drs. 16(4)624) vom Bundestag am 29. Mai verabschiedet und trat als &#8222;Gesetz zur Fortentwicklung der parlamentarischen Kontrolle der Nachrichtendienste des Bundes&#8220;&nbsp; (BGBl. I Nr. 49, S. 2346 ff.) am 4. August 2009 in Kraft. Alle weitergehenden Vorschl&auml;ge der Oppositionsfraktionen wurden mehrheitlich abgewiesen.<\/i><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[706],"autoren":[150],"publikationen":[929],"class_list":["post-9242","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-geheimdienste","autoren-martin-kutscha","publikationen-205-206"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Ein wenig Licht f\u00fcr die blinden W\u00e4chter. 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