{"id":9253,"date":"2009-09-11T12:36:00","date_gmt":"2009-09-11T10:36:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/ein-aufrechter-jurist-und-engagierter-humanist\/"},"modified":"2021-08-30T15:40:40","modified_gmt":"2021-08-30T13:40:40","slug":"ein-aufrechter-jurist-und-engagierter-humanist","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/205-206\/publikation\/ein-aufrechter-jurist-und-engagierter-humanist\/","title":{"rendered":"Ein aufrechter Jurist und engagierter Humanist"},"content":{"rendered":"<p>Aus: Mitteilungen Nr. 205\/206 (2+3\/2009), S. 40-41<\/p>\n<div><span class=\"migrated-image\"><a href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/FritzBauer_cover.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-4181 size-medium\" src=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/FritzBauer_cover-283x450.jpg\" alt=\"Ein aufrechter Jurist und engagierter Humanist\" width=\"283\" height=\"450\" srcset=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/FritzBauer_cover-283x450.jpg 283w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/FritzBauer_cover-472x750.jpg 472w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/FritzBauer_cover-377x600.jpg 377w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/FritzBauer_cover-212x337.jpg 212w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/FritzBauer_cover.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 283px) 100vw, 283px\" \/><\/a><\/span><\/p>\n<p class=\"news-single-imgcaption\">\n<\/div>\n<p><i>Irmtrud Wojak: Fritz Bauer 1903 &#8211; 1968. Eine Biographie. <br \/>2., durchgesehene Auflage 2009, C.H.Beck<br \/>638 S. mit 24 Abbildungen, Leinen<br \/>ISBN 978-3-406-58154-0, 34 Euro<\/i><\/p>\n<p>Einer von jenen, die, vielfach angefeindet, gegen die ger&auml;uschlose Amnestierung von NS-Verbrechern, gegen die t&auml;terfreundliche Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs und die Lethargie der Ermittlungsbeh&ouml;rden k&auml;mpften, hie&szlig; Fritz Bauer.<\/p>\n<p>Als Ankl&auml;ger brachte er den gro&szlig;en Frankfurter Auschwitz-Prozess in Gang, mit dem eine Mauer des Schweigens gebrochen wurde. Nun liegt die erste Biographie des fr&uuml;heren hessischen Generalstaatsanwalts vor.<\/p>\n<p>Am Beginn der Auseinandersetzung mit nationalsozialistischen Verbrechen in der fr&uuml;hen Bundesrepublik steht der Name eines Juristen, der sich das Ringen um den im Dritten Reich bis zur Unmenschlichkeit entstellten demokratischen Rechtsstaat zur Lebensaufgabe machte: Fritz Bauer.<\/p>\n<p>Der &uuml;berzeugte linke Sozialdemokrat und engagierte Jurist, der deutsch-j&uuml;dische Emigrant und unerm&uuml;dliche Workaholic, ist eine Schl&uuml;sselfigur der Nachkriegsgeschichte. Aus dem skandinavischen Exil zur&uuml;ckgekehrt, wollte Bauer in der Justiz bei einem grundlegenden Neubeginn mithelfen, zun&auml;chst in Braunschweig, ab 1956 in Frankfurt am Main.<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\">Fritz Bauer wollte ein Jurist aus &#8218;Freiheitssinn&#8216; werden. Seit Mitte der 20er-Jahre setzte er sich aktiv f&uuml;r die Verteidigung des Rechtsstaates und den Ausbau einer freiheitlichen, demokratischen Staatsordnung ein. In der Weimarer Republik wurde er zum radikal-demokratischen Sozialisten und politischen Akteur, der um die Verwirklichung der Menschenrechte k&auml;mpfte. Und auch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, als Verfolgung, KZ-Haft und zw&ouml;lf Jahre harten Emigrantendaseins hinter ihm lagen, blieb das so. Es ist bezeichnend, dass er den einzigen Aufsatz, in dem er etwas mehr &uuml;ber seine pers&ouml;nliche Entwicklung preisgab, mit dem Titel versah: &#8218;Im Kampf um des Menschen Rechte&#8216;.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Bereits mit 23 Jahren war Bauer Richter am Landgericht seiner Heimatstadt Stuttgart geworden. Nach der R&uuml;ckkehr aus dem Exil war der enge Freund Kurt Schumachers und Willy Brandts einer der wenigen j&uuml;dischen Emigranten, die hohe &Auml;mter in der Justiz bekleideten. Vom ersten Tag an ging es ihm darum &#8211; wie er selbst einmal schreibt &#8211; vor aller Augen offenzulegen, &#8222;wie d&uuml;nn die Haut der Zivilisation war&#8220;.<\/p>\n<p>Ich war vorhin in einem Caf&eacute; und habe gefr&uuml;hst&uuml;ckt. Am Nebentisch sa&szlig; eine Frau, vielleicht 30, 35, 40, und wie sie den Kaffee getrunken hat, dann rutschte ihr Pullover nach oben und ich sah die Auschwitz- Nummer. Das ist doch nun eine der Tatsachen, die uns durch Mark und Bein gehen m&uuml;ssen: Da ist ne junge Frau &#8211; sie lebt -, gestempelt wie ein Tier. Wir alle in Deutschland m&uuml;ssen doch erkennen, es gibt Grenzen, die jeder sieht, f&uuml;hlen muss: Hab Achtung vor Deinem Mitmenschen. Also, solche Dinge d&uuml;rfen nicht mehr geschehen, da darfst Du nicht mitmachen.<\/p>\n<p>Die &#8222;Endl&ouml;sung&#8220; sollte vor Gericht. Daf&uuml;r grub sich Bauer in Tag- und Nachtarbeit durch Aktenberge, hielt Vortr&auml;ge, publizierte und trieb seine Frankfurter Beh&ouml;rde zu immer neuen H&ouml;chstleistungen, bis an die Grenzen der Belastbarkeit.<br \/>Detailliert beschreibt Irmtrud Wojak Bauers Spurensuche nach Eichmann, Bormann und Mengele &#8211; im Fall Eichmann war es Bauer, der dem Mossad den entscheidenden Hinweis auf den Aufenthalt des Massenm&ouml;rders zuspielte und auf den Zugriff der Israelis setzte, weil er f&uuml;rchtete, dass die Vorbereitung eines Verfahrens in Deutschland Eichmann durch ein Leck in der eigenen Beh&ouml;rde zugetragen werden k&ouml;nnte.<\/p>\n<p>Bereits 1958 hatte Fritz Bauer begonnen, die Strafsache gegen Mulka und andere vorzubereiten und, wie er schrieb, &#8222;das unvorstellbare Grauen von Auschwitz&#8220; zu dokumentieren. Der erste Auschwitz-Prozess, der mit 24 Angeklagten und hunderten Zeugen von Dezember 1963 bis August 1965 in Frankfurt stattfand, markiert einen Wendepunkt im Umgang mit den Straftaten des NS-Regimes. Dabei ging es Bauer, den Irmtrud Wojak nicht nur &ouml;rtlich in die N&auml;he der gleichfalls nach Frankfurt zur&uuml;ckgekehrten Emigranten Horkheimer und Adorno r&uuml;ckt, um mehr als nur die Bestrafung der T&auml;ter.<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\">Ich glaube, wir sollten &#8211; um ein Wort aufzugreifen &#8211; ich glaube, wir sollten den Hitler in uns selber finden und erkennen, was Ursachen daf&uuml;r waren, dass diese ungeheuren, in der Geschichte einzigartigen Verbrechen geschehen konnten. Aufgabe all dieser Prozesse ist im Grunde genommen nicht nur, Geschichte zu schreiben, sondern &#8211; wenn es auch vielleicht vermessen klingt &#8211; Geschichte zu machen.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Ausschlaggebend war f&uuml;r Fritz Bauer, so seine Biographin, dass die Vergegenw&auml;rtigung des Grauens nicht auf den Gerichtssaal beschr&auml;nkt blieb, sondern nach drau&szlig;en wirkte.<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\">Der Sinn der NS-Prozesse bestand f&uuml;r Fritz Bauer in der Wiederherstellung des Rechts und somit in der Anerkennung des Leids und Martyriums der Opfer der Gewaltherrschaft. Dies konnte nur durch das Aufdecken der Verbrechen geschehen. Zudem hoffte er, dass die Prozesse dazu beitragen k&ouml;nnten, die vielf&auml;ltigen sozialen Mechanismen und Denkweisen aufzukl&auml;ren, die zu der Eskalation der Gewalt und der Verbrechen gef&uuml;hrt hatten. Vielleicht waren die von Ersch&uuml;tterung sprechenden Presseberichte &uuml;ber die von Bauer auf den Weg gebrachten NS-Prozesse ein Anzeichen daf&uuml;r, dass sich das Bewusstsein seiner Zeitgenossen &#8211; wenn auch nur unmerklich &#8211; doch ver&auml;ndert hatte.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Vom Ausgang des ersten Auschwitz-Prozesses war Bauer entt&auml;uscht. Er hatte auf ein Moment der Selbstreflexion, auf ein Schuldeingest&auml;ndnis der T&auml;ter gehofft.<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\">Also, ich muss Ihnen sagen, die Welt w&uuml;rde aufatmen, ich glaube, Deutschland w&uuml;rde aufatmen, und die gesamte Welt, und die Hinterbliebenen derer, die in Auschwitz gefallen sind, und die Luft w&uuml;rde gereinigt, wenn endlich einmal ein menschliches Wort fiele. Es ist nicht gefallen, und es wird auch nicht fallen.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Die Morddrohungen und Anfeindungen, die Bauer seit Beginn des Auschwitz-Prozesses erlebt hatte, lie&szlig;en ihn zunehmend zweifeln, ob die Deutschen zu jener &#8222;geistigen Revolution&#8220; des Erinnerns f&auml;hig sein w&uuml;rden, auf die er so rastlos hinarbeitete. Mit der Absicht, Vertreter der eigenen Zunft anzuklagen, machte er sich im Vorfeld der Euthanasieprozesse noch mehr Feinde, als er ohnehin schon hatte. Er erwog eine erneute Emigration. Und doch ging es ihm noch immer um die Zukunft, um Recht und Demokratie. Mit noch heute revolution&auml;r anmutenden kriminologischen und rechtstheoretischen Positionen stritt er f&uuml;r eine durchgreifende Reform des Strafrechts und des Strafvollzugs, gab den Ansto&szlig; zur Gr&uuml;ndung der Zeitschrift &#8222;Kritische Justiz&#8220;, deren erstes Erscheinen er nicht mehr erleben sollte.<\/p>\n<p>Am 1. Juli 1968 wurde er tot in seiner Wohnung gefunden. Bauer starb allein, wie er gelebt hatte. &#8222;Ein Emigrant zu Hause&#8220;, wie der Schriftsteller Horst Kr&uuml;ger in einem Nachruf schrieb, &#8222;Ein Fremdling in der eigenen Stadt&#8220;. Vor allem aber war der furchtlose Ankl&auml;ger Bauer ein unerm&uuml;dlicher Anwalt des Rechts.<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\">Immer wieder sollte in Erinnerung gebracht werden, dass es &#8211; nicht erst im Unrechtsregime, sondern auch im demokratischen Staat &#8211; das Recht und die Pflicht eines jeden ist, Widerstand zu leisten, wenn Unrecht geschieht oder gar die W&uuml;rde des Menschen verletzt wird. Bauer sah darin keine Gewissensfrage, vielmehr die Verantwortung des Einzelnen in einem auf Achtung und Menschenw&uuml;rde gr&uuml;ndenden Staat, in dem &#8218;Gl&auml;ubiger des Rechts&#8216; nicht nur der Staat, sondern auch der B&uuml;rger gegen&uuml;ber seinem Mitb&uuml;rger ist.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Mit ihrer ausgezeichneten Biographie bringt Irmtrud Wojak eine der pr&auml;gendsten Pers&ouml;nlichkeiten der deutschen Nachkriegsgeschichte in Erinnerung, einen aufrechten Juristen und engagierten Humanisten, einen gro&szlig;en Deutschen. In den detailreich und spannend erz&auml;hlten Zeitl&auml;ufen seines Lebens begegnet Fritz Bauer dem Leser als scharfsichtiger Idealist, der an der Menschheit zu verzweifeln drohte, den Menschen aber nie aufgab.<\/p>\n<p><i>Alexandra Kemmerer<br \/>ist Juristin und verfasst als freie Journalistin regelm&auml;&szlig;ig <br \/>Beitr&auml;ge f&uuml;r die Zeit, die FAZ und andere Medien.<\/i><\/p>\n<p><i>Die Rezension wurde erstmals in &#8222;Andruck &#8211; Das Magazin f&uuml;r Politische Literatur&#8220; (Deutschlandfunk, montags 19.15 Uhr) am 30. M&auml;rz 2009 gesendet. Wir danken Autorin &amp; Redaktion f&uuml;r die Genehmigung zum Wiederabdruck.<\/i><\/p>\n","protected":false},"featured_media":4181,"template":"","categories":[],"tags":[791,2525],"autoren":[1619],"publikationen":[929],"class_list":["post-9253","publikation","type-publikation","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","tag-rezension","tag-verband-hu-geschichte","autoren-alexandra-kemmerer","publikationen-205-206"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Ein aufrechter Jurist und engagierter Humanist - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/205-206\/publikation\/ein-aufrechter-jurist-und-engagierter-humanist\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Ein aufrechter Jurist und engagierter Humanist - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Aus: Mitteilungen Nr. 205\/206 (2+3\/2009), S. 40-41 Irmtrud Wojak: Fritz Bauer 1903 &#8211; 1968. 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