{"id":9303,"date":"2008-12-18T18:41:00","date_gmt":"2008-12-18T17:41:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/buergerrechtlicher-humanismus\/"},"modified":"2022-05-19T10:32:46","modified_gmt":"2022-05-19T08:32:46","slug":"buergerrechtlicher-humanismus","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/203\/publikation\/buergerrechtlicher-humanismus\/","title":{"rendered":"B\u00fcrgerrechtlicher Humanismus"},"content":{"rendered":"<p>Aus: Mitteilungen Nr. 203, S. 7-9<\/p>\n<div>\n<p><span class=\"migrated-image\"><a href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/jahaupt.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-4216 size-medium\" src=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/jahaupt-411x450.jpg\" alt=\"B\u00fcrgerrechtlicher Humanismus\" width=\"411\" height=\"450\" srcset=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/jahaupt-411x450.jpg 411w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/jahaupt-768x841.jpg 768w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/jahaupt-685x750.jpg 685w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/jahaupt-548x600.jpg 548w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/jahaupt-308x337.jpg 308w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/jahaupt.jpg 900w\" sizes=\"auto, (max-width: 411px) 100vw, 411px\" \/><\/a><\/span><\/p>\n<p class=\"news-single-imgcaption\">\n<\/div>\n<p>(Redaktion) Am 15.\/16. November veranstaltete die Humanistische Akademie Deutschlands (HAD) zusammen mit der Akademie f\u00fcr Politische Bildung der Friedrich-Ebert-Stiftung (fes) eine Konferenz zum Thema \u201eWas ist heute Humanismus?\u201c. Die Beitr\u00e4ge der Tagung behandelten sowohl die philosophisch-historische Begr\u00fcndung des Humanismus als auch neuere Str\u00f6mungen eines Humanismus als integrativer Wissenschaft und Weltanschauung.<br \/>\nJohann-Albrecht Haupt hielt als Vertreter der Humanistischen Union auf dieser Tagung das nachfolgend wiedergegebene Referat \u00fcber das b\u00fcrgerrechtliche Verst\u00e4ndnis des Humanismus. Daneben hatten die Veranstalter Vertreter eines Modernen Humanismus (Prof. Dr. Frieder Otto Wolf), Dr. Michael Schmidt-Salomon als Verfechter eines Evolution\u00e4ren Humanismus, f\u00fcr ein weltliches Verst\u00e4ndnis des Humanismus Dr. Dr. Joachim Kahl und Prof. Dr. Armin Pfahl-Traughber als Vertreter eines Demokratischen Humanismus eingeladen.<\/p>\n<p>Die Freiheit des religi\u00f6sen und weltanschaulichen Bekenntnisses ist unverletzlich, sagt das Grundgesetz (Art. 4 Abs. 1). Daran f\u00e4llt nicht nur die Parallelisierung von Religion und Weltanschauung auf, die auf die Weimarer Reichsverfassung zur\u00fcckgeht (Art. 137 Abs. 7), sondern auch die Annahme, dass anthropologisch zum Menschsein offenbar\u00a0 so etwas wie Weltanschauung (oder Religion) geh\u00f6rt. Ob das so ist, will ich als Vertreter der Humanistischen Union bei dieser Veranstaltung\u00a0 nicht n\u00e4her untersuchen. Denn der Humanismus, den wir in unserem Namen tragen, ist jedenfalls kein weltanschaulicher Humanismus. So k\u00f6nnen wir auch nicht den Anspruch erheben, dass\u00a0 das Grundgesetz in seinem Art. 4 unseren Humanismus, auf den ich sogleich zu sprechen komme, gegen staatliche Eingriffe sch\u00fctzt.<br \/>\nDie 5 Kurzvortr\u00e4ge \u00fcber Humanismus, die heute Nachmittag vorgesehen sind, haben die Veranstalter jeweils mit einem sie charakterisierenden Beiwort versehen. Mir ist der b\u00fcrgerrechtliche Humanismus sozusagen zugeteilt worden. Daf\u00fcr danke ich, da diese Beschreibung f\u00fcr die von mir zu vertretende Haltung\u00a0 zutrifft.<br \/>\nB\u00fcrgerrechtlicher Humanismus ist eine Haltung mit Blick auf Staat und Gesellschaft, die sich auf die Tradition der Aufkl\u00e4rung bezieht und die f\u00fcr mich aus drei wesentlichen Elementen besteht:<\/p>\n<ol>\n<li>Das Wagnis des Selbstdenkens<\/li>\n<li>Der Verzicht auf Ausschlie\u00dflichkeitsanspr\u00fcche<\/li>\n<li>Die Akzeptanz unterschiedlicher weltanschaulicher, auch religi\u00f6ser Positionen, soweit diese B\u00fcrgerrechte und Verfassung respektieren.<\/li>\n<\/ol>\n<p><b>1. Das Wagnis des Selbstdenkens<br \/>\n<\/b>Das Recht jedes Einzelnen, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen und sein Verhalten danach auszurichten, musste sich im Abendland bis in die j\u00fcngste Zeit in scharfem Kontrast sowohl zu den obrigkeitlichen Anforderungen des Staates\u00a0 als auch zu den religi\u00f6sen Anforderungen der Kirchen entwickeln. Der Einzelne sollte gehorchen unter Zur\u00fcckstellung eigener \u00dcberlegungen. Subordination ohne Mitspracherecht. Noch im 20. Jahrhundert tritt in m\u00f6rderischer Form wiederholt Bevormundung an die Stelle der Selbstbestimmtheit, haben der kommunistische wie der faschistische Staat die Errungenschaften der Aufkl\u00e4rung und des Liberalismus beseitigt. Die Stationen der Befreiung aus der \u201eselbstverschuldeten Unm\u00fcndigkeit\u201c sind oft und eingehend beschrieben worden. Das will ich hier nicht wiederholen, Im politischen Bereich markieren die Entwicklung der Menschen- und B\u00fcrgerrechte und die Einf\u00fchrung des allgemeinen Wahlrechts die wichtigsten Stationen.<\/p>\n<p>Im konfessionellen Bereich ist der Syllabus errorum von Papst Pius IX. von 1864 ein Beispiel f\u00fcr die spirituelle Bevormundung der Gl\u00e4ubigen: die in ihm enthaltenen kirchenamtlichen Denkverbote und Verdammungen von aufgekl\u00e4rten Positionen wirkten jedenfalls bis zum Zweiten Vaticanum, partiell auch noch bis heute nach, auch wenn manchem die Inhalte heute schlicht l\u00e4cherlich vorkommen m\u00f6gen.<\/p>\n<p>Das Individuum in seiner Funktion als B\u00fcrger, n\u00e4mlich Citoyen: Staatsb\u00fcrger, kann nach Auffassung des b\u00fcrgerrechtlichen Humanismus nur akzeptieren, was er selbst als richtig erkennt, wof\u00fcr er die Gr\u00fcnde beizubringen in der Lage ist und wof\u00fcr er selbst deshalb die Verantwortung tragen zu k\u00f6nnen meint. Dies ist\u00a0 ein ungeheurer Anspruch, ein Wagnis, aber auch so etwas wie eine Chance. Vor allem geh\u00f6rt zu einer solchen Haltung Mut, wie Kant in seiner Schrift \u201eWas ist Aufkl\u00e4rung\u201c gleich anfangs betont: \u201eHabe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen\u201c[1]. Mut nicht nur im Hinblick auf die jeweiligen gesellschaftlichen und weltanschaulich-religi\u00f6sen \u201eherrschenden\u201c Auffassungen, die erdr\u00fcckend wirken, weil sie Abweichungen von den Hauptstr\u00f6mungen\u00a0 mit sozialer und beruflicher \u00c4chtung bedrohen. Mut auch gegen sich selbst, weil der selbst denkende Mensch immer auch selbstkritisch gegen sich selbst sein muss; denn nat\u00fcrlich w\u00e4re es im Blick auf die Verantwortung f\u00fcr die Folgen des eigenen Handelns entlastender, sich auf Autorit\u00e4ten zu st\u00fctzen, als sich \u201enur\u201c seines eigenen Verstandes zu bedienen.<\/p>\n<p><b>2. Der Verzicht auf Ausschlie\u00dflichkeitsanspr\u00fcche<\/b><br \/>\nDer b\u00fcrgerrechtliche Humanismus nimmt f\u00fcr sich selbst nicht in Anspruch, eine Heilsbotschaft auf dem Weg zum eigenen oder zum allgemeinen Gl\u00fcck zu sein, weder eine diesseitige noch gar eine aus einer \u00fcberweltlichen Gewissheit abgeleitete und auf ein Jenseits zielende Heilsbotschaft. Insbesondere stellt der b\u00fcrgerrechtliche Humanismus nicht die Sinn- und die Wahrheitsfrage. Nicht weil diese Frage\u00a0 f\u00fcr falsch, entbehrlich oder gar f\u00fcr unzul\u00e4ssig gehalten wird, sondern weil die Sinnfrage au\u00dferhalb des\u00a0 so verstandenen humanistischen Anspruchs liegt.\u00a0 Dieser Anspruch ist ein strikt sozialer: die Menschen sollen \u2013 in der gegenw\u00e4rtigen historischen Situation \u2013 in der Gesellschaft in einer Weise wirken, dass die Voraussetzungen f\u00fcr eine menschenw\u00fcrdiges Leben mit gleichen Teilhabem\u00f6glichkeiten f\u00fcr m\u00f6glichst viele geschaffen oder bewahrt werden. Dazu geh\u00f6rt die umfassende Beachtung der Menschen- und B\u00fcrgerrechte aller Menschen ebenso wie die Bek\u00e4mpfung von Privilegien, der Schutz und die Bewahrung der Lebensgrundlagen und \u2013 nicht zuletzt \u2013 die kontinuierlich, gleichm\u00e4\u00dfige und wirksame Teilhabe am politischen Prozess. Dieser Humanismus \u2013 wie vermutlich jeder \u2013 endet nicht an den Grenzen eines Landes, einzelner gesellschaftlicher Gruppen und nimmt vor allem auch Bedacht auf zuk\u00fcnftige Generationen.<\/p>\n<p>Zugleich wendet sich der b\u00fcrgerrechtliche Humanismus aber auch gegen weltanschauliche oder religi\u00f6se Ausschlie\u00dflichkeitsanspr\u00fcche anderer, die mit Wirkung f\u00fcr oder gegen jedermann von anderen vertreten werden. Es liegt offenbar im Wesen des Religi\u00f6sen, Exklusivit\u00e4t f\u00fcr sich in Anspruch zu nehmen, die eigenen Wahrheiten f\u00fcr\u00a0 ewig und unverr\u00fcckbar zu halten. Die h\u00e4ufig genug blutigen konfessionellen Auseinandersetzungen in Geschichte und Gegenwart bis hin zur Enzyklika Ut unum sint von Papst Johannes Paul II. bieten daf\u00fcr reiches Anschauungsmaterial. Der b\u00fcrgerrechtliche Humanismus wendet sich gegen alle Bestrebungen, die jeweilige Glaubens\u00fcberzeugung als allgemeine Regel f\u00fcr alle rechtlich oder gesellschaftlich verbindlich zu machen. Sagen Sie nicht, eine solche Geisteshaltung\u00a0 gebe es heute in Deutschland nicht mehr. Im Staatskirchenrecht\u00a0 etwa finden sich noch immer starke Tendenzen dieser Art. In seinem Aufsatz \u201eWie viel Christentum braucht, wie viel Christentum vertr\u00e4gt der Staat des Grundgesetzes\u201c [2] dekretiert der einflussreiche Bonner Rechtslehrer Christian Hillgruber: \u201eDer Staat braucht das Christentum\u201c, und zwar weil das Christentum der \u201eseidene Faden\u201c sei, an dem die unantastbare W\u00fcrde des Menschen h\u00e4nge.\u00a0 Eine solche f\u00fcr alle verbindliche christliche Grundlegung des Staates kann nach Auffassung des b\u00fcrgerrechtlichen Humanismus nicht akzeptiert werden, weil damit weltanschaulich anders orientierte Menschen ausgeschlossen werden.<\/p>\n<p>Der Richter des Bundesverfassungsgerichts Fabian von Schlabrendorff erfand 1972 in einem dissenting vote das \u201ereligi\u00f6se Minimum, auf das kein Staat ohne Gefahr seiner Existenz verzichten darf\u201c und befand: \u201eJeder Mensch und jeder Staat glaubt an Gott. Der Mensch, der Gott leugnet, glaubt an seinen Abgott. Das gleiche gilt vom Staat.\u201c Er warf in diesem Zusammenhang nicht nur dem Kl\u00e4ger in dem Verfassungsgerichtsverfahren (es ging um die Frage, ob von einem evangelischen Pfarrer eine Eidesleitung, und sei es auch ohne Anrufung Gottes, erzwungen werden kann), sondern auch seinen Richterkollegen, die ihn \u00fcberstimmt hatten, eine offensichtliche Fehlinterpretation der Bergpredigt (Mt. 5, 33 \u2013 37) vor. Wie gesagt: Nicht als gl\u00e4ubiger Privatmann argumentiert Schlabrendorff, sondern in seiner Richtereigenschaft anl\u00e4sslich eines Urteils des Bundesverfassungsgerichts. [3]<\/p>\n<p>\u201eWerte gibt es nur mit Gott\u201c plakatierte die Evangelische Kirche in Deutschland vor wenigen Jahren in der gesamten Bundesrepublik und erkl\u00e4rte damit Millionen Atheisten, dass sie wertelos seien. Gegen solche in den staatlichen und gesellschaftlichen Bereich mit Verbindlichkeitsanspruch hineinwirkenden religi\u00f6sen Verabsolutierungen wendet sich der b\u00fcrgerrechtliche Humanismus.<\/p>\n<p><b>3. Akzeptanz unterschiedlicher weltanschaulicher, auch religi\u00f6ser Positionen, soweit diese B\u00fcrgerrechte und Verfassung respektieren<br \/>\n<\/b>Andererseits ist es wichtigstes Anliegen des b\u00fcrgerrechtlichen Humanismus daf\u00fcr einzutreten, dass weltanschauliche Positionen uneingeschr\u00e4nkt vertreten werden d\u00fcrfen. Die Weltanschauungsfreiheit, welche die Religionsfreiheit einschlie\u00dft, und zwar auch und gerade eine solche mit Absolutheitsanspruch, ist wie andere Freiheitsrechte ein Teil der Werteordnung, von welcher das Bundesverfassungsgericht mit Blick auf das Grundgesetz verschiedentlich gesprochen hat. Das ist die Grundlage auch des b\u00fcrgerrechtlichen Humanismus, der gerade nicht religions- oder glaubensfeindlich ist, sondern \u00fcberall und immer die Aus\u00fcbung der Weltanschauungs- und Glaubensfreiheit\u00a0 ebenso wie alle anderen b\u00fcrger- und menschrechtlichen Freiheitsrechte verteidigt.<\/p>\n<p>Wir bestehen jedoch darauf: Religion und Weltanschauung sind Privatsache. Diese Aussage ist aber himmelweit entfernt von\u00a0 jener negativen Konnotation, welche\u00a0 die staatskirchenfrommen Religionsfunktion\u00e4re mit dem vermeintlichen Schimpfwort Laizismus versehen, wobei sie unterstellen, die Laizisten wollten Glaubensangelegenheiten ebenso wie die Aktivit\u00e4ten und Erscheinungsformen der Kirchen aus dem \u00f6ffentlichen Raum verdr\u00e4ngen oder gar unterdr\u00fccken. Ganz im Gegenteil: Nach dieser unserer Auffassung gelangen Religion und Weltanschauung als Angelegenheiten des B\u00fcrgers, des Individuums wie als Teil der Gesellschaft, erst frei von staatlicher Ingerenz zu ihrer jeweils eigenen und eigentlichen W\u00fcrde und Entfaltung. Nur in dieser vom Staat und der staatlichen Sph\u00e4re getrennten Privatheit ist das Grundrecht der Glaubens- und Gewissensfreiheit Bestandteil der Wertordnung\u00a0 des Grundgesetzes. Und die gro\u00dfartigen Sch\u00f6pfungen und Kulturleistungen des abendl\u00e4ndischen Christentums (Kirchenbauten, Musik, Literatur und Kunst) genie\u00dfen ebenso unsere Hochachtung und Verehrung wie entsprechende Werke und Erscheinungsformen anderer Religionen und Kulturen. Nur: Privilegien leiten sich daraus nicht ab.<\/p>\n<p>Es versteht sich, dass alle Weltanschauungen in gleicher Weise den Schutz genie\u00dfen, wobei f\u00fcr uns die Betonung auf dem Zusatz \u201ein gleicher Weise\u201c liegt. Hier bestehen m.E. die gr\u00f6\u00dften Defizite zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Das Lippenbekenntnis zur religionsrechtlichen Parit\u00e4t nicht nur zwischen den christlichen Konfessionen, sondern zwischen den etablierten Religionsgemeinschaften (den Kirchen) und allen anderen weltanschaulichen Str\u00f6mungen und Denominationen ist wohlfeil und wird auch von den starrsten Vertretern des \u00fcberlieferten staatskirchenrechtlichen Denkens proklamiert. In der Wirklichkeit sind die rechtlichen und tats\u00e4chlichen Einschr\u00e4nkungen un\u00fcbersehbar, eine F\u00fclle von Privilegien der christlichen Kirchen wird im Widerspruch zum Geist der Verfassung von der Staatspraxis gest\u00fctzt auf die sog. herrschende Meinung in Literatur und Rechtsprechung\u00a0 nicht nur beibehalten und verteidigt, sondern st\u00e4ndig erneuert und verfeinert. Aus der Vielzahl der Beispiele m\u00f6chte ich als Beleg aus neuerer Zeit nur nennen: die Vertr\u00e4ge zwischen dem Land Baden-W\u00fcrttemberg und den dortigen Landeskirchen und Di\u00f6zesen aus dem Jahr 2007, welche jedenfalls f\u00fcr den w\u00fcrttembergischen Landesteil erstmals eine Rechtsgrundlage f\u00fcr die Zahlung von Staatsleistungen an die Kirchen kreiert haben. [4] Hier werden die Kirchen materiell privilegiert (nicht zu knapp [5]), eine eklatante Ungleichbehandlung. In Bayern werden die Kirchen, namentlich die katholische, durch die das Kruzifix-Urteil des BVerfG offensichtlich missachtende Regelung von 1995 im Gesetz \u00fcber das Erziehungs- und Unterrichtswesen [6] bevorzugt, indem das christliche Hauptsymbol in einer schwer \u00fcberwindbaren Weise von Staats wegen in allen Schulklassen als Wandschmuck verordnet wird. Dass diese sozusagen ideologische Privilegierung und Parteinahme f\u00fcr die st\u00e4ndig wachsende Zahl von weltanschaulich anders orientierten B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger eine Provokation ist oder jedenfalls sein kann, liegt auf der Hand. Mit Neutralit\u00e4t hat das nichts zu tun.<\/p>\n<p>Die Akzeptanz weltanschaulich-religi\u00f6ser Positionen hat\u00a0 nach unserer Auffassung ihre Grenze dort, wo der jeweilige \u2013 legitime \u2013 Absolutheitsanspruch \u00fcber den Binnenbereich der Religion oder Glaubensgemeinschaft hinausgreift und bestrebt ist, den Freiheitsbereich anderer zu beeintr\u00e4chtigen. Die Anerkennung der Universalit\u00e4t der Menschenrechte durch alle Rechtsunterworfenen, auch die, deren Weltanschauung oder Religion einen Exklusivit\u00e4tsanspruch vertreten, ist unverzichtbare Bedingung f\u00fcr den b\u00fcrgerrechtlichen Humanismus. Nicht vereinbar mit dem b\u00fcrgerrechtlichen Humanismus sind auch weltanschaulich-religi\u00f6se Auffassungen, welche bestrebt sind,\u00a0 die weltanschauliche Neutralit\u00e4t des Staates in Frage zustellen bzw. zu beseitigen, wie sie offenbar im Islam anzutreffen sind.<\/p>\n<p>\u2014<\/p>\n<p>Zum Ende meiner Ausf\u00fchrungen komme ich auf den Anfang zur\u00fcck, auf die Tradition der Aufkl\u00e4rung. Von dieser sagt Kant in seiner Schrift: \u201eBeantwortung der Frage: Was ist Aufkl\u00e4rung?\u201c, dass zur Aufkl\u00e4rung nichts anderes erforderlich als die unsch\u00e4dlichste aller Freiheiten, \u201en\u00e4mlich die: von seiner Vernunft in allen St\u00fccken \u00f6ffentlichen Gebrauch zu machen.\u201c\u00a0\u00a0 Dies ist es, was \u2013 wenn ich es auf den Punkt bringen sollte \u2013 b\u00fcrgerrechtlichen Humanismus ausmacht.<\/p>\n<p><i>Johann-Albrecht Haupt<br \/>\nist Mitglied des Bundesvorstandes der Humanistischen Union und dort f\u00fcr die Themen Staat, Religion &amp; Weltanschauung zust\u00e4ndig.<br \/>\n<\/i><\/p>\n<p>Anmerkungen:<br \/>\n[1] Immanuel Kant, Werke in sechs B\u00e4nden, hrsg. v. Wilhelm Weischedel 1964, Bd. VI S. 53<br \/>\n[2] In: Rechtsstaat und Grundrechte, Festschrift f\u00fcr Detlev Merten, hsg. V. Ferdinand Kirchhof u.a., Heidelberg 2007 S. 23 ff.<br \/>\n[3] BVerfGE 33, 23\/37 und 41<br \/>\n[4] Gesetz v. 8.1.2008 (GBl. BW S. 1)<br \/>\n[5] Im Jahre 2008 erh\u00e4lt die evangelische Kirche 51.340.043 Euro, die katholische Kirche 50.424.400 Euro<br \/>\n[6] Gesetz v. 23.12.1995 (BayGBl. S. 850)<br \/>\n[7] Immanuel Kant, Werke in sechs B\u00e4nden, hsg. v. Wilhelm Weischedel 1964, Bd. VI S. 55<\/p>\n<p>Zur Diskussion um den Humanismus-Begriff der HU siehe auch:<br \/>\n<b>Rosemarie Will: Humanismus als Weltanschauung?<\/b> Mitteilungen Nr. 200, S. 16\/17<br \/>\n<b>Till M\u00fcller-Heidelberg: Von der antiklerikalen Aufkl\u00e4rung <\/b>zur B\u00fcrgerrechtsbewegung. Die Humanistische Union, Mitteilungen Nr. 162, S. 35-39<br \/>\nund aus einer ganz anderen Perspektive:<br \/>\nUlrich Becke, <b>F\u00fcr einen christlich begr\u00fcndeten Humanismus der HU<\/b>. Mitteilungen Nr. 94, S. 7 (mit anschlie\u00dfender Diskussion)<\/p>\n","protected":false},"featured_media":4216,"template":"","categories":[2995],"tags":[2539],"autoren":[183],"publikationen":[931],"class_list":["post-9303","publikation","type-publikation","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category-vereinsnachrichten","tag-humanismus","autoren-johann-albrecht-haupt","publikationen-931"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>B\u00fcrgerrechtlicher Humanismus - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/203\/publikation\/buergerrechtlicher-humanismus\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"B\u00fcrgerrechtlicher Humanismus - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Aus: Mitteilungen Nr. 203, S. 7-9 (Redaktion) Am 15.\/16. 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