{"id":9314,"date":"2008-12-18T16:16:00","date_gmt":"2008-12-18T15:16:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/warnungen-fuer-die-gegenwart\/"},"modified":"2021-08-31T10:14:23","modified_gmt":"2021-08-31T08:14:23","slug":"warnungen-fuer-die-gegenwart","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/203\/publikation\/warnungen-fuer-die-gegenwart\/","title":{"rendered":"Warnungen f\u00fcr die Gegenwart"},"content":{"rendered":"<p>Max Kruses Gedanken &uuml;ber die Gefahren der Religion,<\/p>\n<p>Aus: Mitteilungen Nr. 203, S. 22-23<\/p>\n<div><span class=\"migrated-image\"><a href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/cover_kruse1.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-4222 size-medium\" src=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/cover_kruse1-326x450.jpg\" alt=\"Warnungen f&uuml;r die Gegenwart\" width=\"326\" height=\"450\" srcset=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/cover_kruse1-326x450.jpg 326w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/cover_kruse1-768x1062.jpg 768w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/cover_kruse1-543x750.jpg 543w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/cover_kruse1-434x600.jpg 434w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/cover_kruse1-244x337.jpg 244w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/cover_kruse1.jpg 868w\" sizes=\"auto, (max-width: 326px) 100vw, 326px\" \/><\/a><\/span><\/p>\n<p class=\"news-single-imgcaption\">\n<\/div>\n<p>Bereits im M&auml;rz 2007 ver&ouml;ffentlichte Max Kruse, Mitglied des Beirates der Giordano Bruno Stiftung, das religionskritische Buch En(t)dzauberung &ndash; Herbst des Religionszeitalters. Damals erschien es noch unter Pseudonym. Die nun ver&ouml;ffentlichte Ausgabe tr&auml;gt nicht nur den tats&auml;chlichen Autorennamen, sondern wurde zudem in zwei B&auml;nde aufgeteilt: den Briefroman Antworten aus der Zukunft sowie eine Gedankensammlung mit dem Titel GOTT oder NICHTGOTT &ndash; das ist hier die Frage.<\/p>\n<p>Im Jahr 2251 bittet die Studentin Y&uuml;-Ling einen auf der Insel Madeira lebenden Professor um Hilfe bei ihrer Seminararbeit. Das brisante Thema der Arbeit: Die Rolle von Religionen in unserer Gegenwart und ihr Zusammenhang mit Glaubenskriegen im 22. Jahrhundert, welche zwei Drittel der Erdbev&ouml;lkerung das Leben kosten. Viele Jahre sp&auml;ter schickt die mittlerweile alte Dame die gesammelten Antworten des Professors an ihre Nichte. Mit diesem Einstieg in seinen Roman verdeutlicht Kruse, der mit den Urmel-Kinderb&uuml;chern Ber&uuml;hmtheit erlangte, dass er mit Antworten aus der Zukunft seine gesammelten Gedanken &uuml;ber Religionen an die nachfolgenden Generationen weitergeben will. Die Briefe des Professors sind seine Warnungen vor einem Schreckensszenario, das im Roman bereits Geschichte ist. Zwar klingt der Name des Professors, Nepomuk Kasimir, verspielt; doch Antworten aus der Zukunft ist alles andere als ein Kinderbuch. Der Roman ist eine scharfz&uuml;ngige und manchmal aggressive Kritik an Gottesglauben, dem Christentum und der Institution der Kirche. Er ist eine Forderung nach einer Gesellschaft, die ohne Religion ein modernes humanistisches Menschenbild durchsetzen kann. Dass er sich damit auf vielbeackerten Boden begibt, wei&szlig; Kruse. &bdquo;Es wurde schon fast alles bereits gesagt&#8220;, r&auml;umt er ein. Und dennoch h&auml;lt er seinen Beitrag f&uuml;r wichtig, denn &bdquo;lange h&ouml;rte niemand mehr hin&#8220;.<br \/>Argumentativ wird dem Briefroman durch die Einteilung der Kapitel in gr&ouml;&szlig;ere Themenkomplexe ein roter Faden verliehen. Den Einstieg bildet ein Abschnitt mit dem Titel &bdquo;Das Ph&auml;nomen des Glaubens&#8220;, in dem Gottesglauben als gef&auml;hrliche (Selbst-)T&auml;uschung dargestellt wird. Aber ausgerechnet in diesem ersten Kapitel sieht sich der Leser mit radikal religionsfeindlichen Behauptungen konfrontiert, die nicht immer befriedigend begr&uuml;ndet werden. Manchmal sind es ungl&uuml;ckliche Formulierungen, die den Autor angreifbar machen. Beispielsweise spricht er vom &bdquo;Tempel des pulsierenden Weltalls&#8220;, der nach der Trennung von der Kirche den Verlust von &bdquo;Gemeinschaftserlebnisse[n]&#8220; wieder wett machen soll. Solche Andeutungen wecken den Verdacht, dass christlicher Gottglauben lediglich durch eine quasireligi&ouml;se Wissenschaftsideologie ersetzt werden soll. <\/p>\n<p>H&auml;ufig k&ouml;nnen aber auch die Argumente nicht &uuml;berzeugen. Etwa moniert der fiktive Professor aus seiner Zukunftsperspektive, dass auch noch im 21. Jahrhundert die Existenz eines Gottes gepredigt wurde. Darum fordert er einen Paragraphen, der es verbietet, &bdquo;etwas zu behaupten, was nicht bewiesen werden kann.&#8220; Aber was l&auml;sst sich im strengen Sinn beweisen? Die Unsinnigkeit eines solchen Paragraphen beweist Kruse ungewollt selbst, indem er zu seiner Unterst&uuml;tzung Descartes mit der gleichen Forderung zitiert. Dass f&uuml;r den franz&ouml;sischen Philosophen der Gottesbeweis einer der sichersten Beweise &uuml;berhaupt war, verschweigt er allerdings. Sind solche Manipulationen wirklich n&ouml;tig, um f&uuml;r eine Trennung von Kirche und Staat zu argumentieren?<\/p>\n<p>Nachdem sich der Leser an den angriffslustigen und stilistisch holprigen Ton im ersten Kapitel gew&ouml;hnt hat, fallen die meisten der folgenden Abschnitte deutlich st&auml;rker aus. Mit einem beeindruckenden Wissensstand prangert Kruse sowohl die Ungereimtheiten und Grausamkeiten des Alten, als auch des Neuen Testaments an, wendet sich dann Jesus, dem Christentum und den Kirchen zu. Danach entfernt er sich etwas von blo&szlig;er Religionskritik, indem er versucht, s&auml;kulare Antworten auf Fragen zu geben, mit denen sich viele Menschen vor allem an die Kirche wenden. In einem Kapitel &uuml;ber Sexualit&auml;t und S&uuml;nde beweist der 86-J&auml;hrige, wie geistig jung er noch immer ist. Das Gesamtbild bleibt allerdings durchwachsen. Immer wieder l&auml;sst der Autor seinen Professor Aussagen machen, die nicht mit gen&uuml;gend Sorgfalt behandelt werden. Ein Beispiel ist die Forderung, Ethik auf &bdquo;humane[r] Vernunft pur&#8220; aufzubauen. Dabei ist keineswegs selbstverst&auml;ndlich, dass Vernunft und G&uuml;te Hand in Hand gehen oder dass so etwas wie reine Vernunft &uuml;berhaupt erreichbar ist. <\/p>\n<p>Der zu grobe logische Aufbau des Werkes f&uuml;hrt zu vielen st&ouml;renden Wiederholungen; all zu oft verf&auml;llt Kruse in einen Ton, der ihn wie den w&uuml;tenden Alten wirken l&auml;sst, der er nicht sein will und der er sicher nicht ist. Zudem bleibt die fiktionale Ebene des Romans weitgehend auf der Strecke. Nur sp&auml;rlich s&auml;t der Professor Informationen &uuml;ber jenen furchtbaren Krieg, den die Religionen vermeintlich heraufbeschworen haben. Auch sonst erf&auml;hrt der Leser wenig &uuml;ber die fiktive Zukunft, in welcher die Handlung angesiedelt ist. Fast genauso blass wie die Welt des 23. Jahrhunderts bleiben ihre Bewohner. Die Chance, durch den einseitig dargestellten Briefwechsel beim Leser eine Identifikation mit der Studentin Y&uuml;-Ling zu erwirken, oder ihr durch den Spiegel der Antworten des Professors Leben einzuhauchen, bleibt ungenutzt. Beinahe jeder Brief beginnt mit unmotivierten S&auml;tzen &uuml;ber die Sch&ouml;nheit der Natur auf der Heimatinsel des Professors, dann folgt eine gestelzte &Uuml;berleitung zum Thema Religion. Der Schleier, mit dem Kruse den Professor als sein Sprachrohr verdeckt, ist so d&uuml;nn, als w&auml;re er gar nicht da. Kruses Roman erschafft kein lebendes Universum, sondern nur den Aufh&auml;nger f&uuml;r ein Sachbuch aus der Zukunft. Es ist ein mutiger Roman, bei dem man sp&uuml;rt, dass es der Autor ehrlich und ernst meint. &Uuml;berzeugen kann er leider nicht.<\/p>\n<p>In ganz anderer Form pr&auml;sentiert sich der kurze Band Gott oder Nichtgott. &bdquo;Gedankenschritte&#8220;, die optisch wie Prosaverse wirken, reihen hier lose miteinander verkn&uuml;pfte Gedanken zu Gott aneinander. Ungl&uuml;cklicherweise ist das Buch von Kleinlichkeiten durchsetzt. Kruse z&auml;hlt Ungereimtheiten der Bibel auf, die sich bei fundamentalistischster Lesart des &bdquo;Heiligen Buches&#8220; ergeben. Wenn es sein muss, unterstellt er Christen das kindlich vereinfachte Gottesbild vom alten Mann mit Bart oder mischt wissenschaftliche Weltbilder frei mit denen von Gl&auml;ubigen, um sie dadurch vermeintlich ad absurdum zu f&uuml;hren. Wenn er ernsthaft fragt, wo denn der Himmel sei, in dem sich die verstorbenen Seelen aufhalten und wie lange sie dorthin vom K&ouml;rper unterwegs seien, grenzt das ans L&auml;cherliche. Nat&uuml;rlich gibt es christliche Fundamentalisten, die &bdquo;das Buch der B&uuml;cher&#8220; w&ouml;rtlich auslegen. Aber ist es wirklich notwendig, seitenweise deren offensichtliche Denkfehler aufzuzeigen? Sollte das Anliegen s&auml;kularer Humanisten nicht viel grunds&auml;tzlicher sein? W&auml;re es nicht wichtiger, zu zeigen, warum auch moderne Formen des Glaubens nichts in der Politik zu suchen haben? Vielleicht sind das die Fragen, die uns die Zukunft zuerst beantworten muss.<\/p>\n<p><b>Max Kruse: Antworten aus der Zukunft.<br \/><\/b>Angelika Lenz Verlag 2008, Neustadt am R&uuml;benberge, 243 S., 19,90 &euro;. ISBN 978-3-933037-70-1<\/p>\n<p><b>Max Kruse: GOTT oder NICHTGOTT &#8211; das ist hier die Frage. <\/b>Reflexionen.Angelika Lenz Verlag 2008, Neustadt am R&uuml;benberge, 143 S., 9,90 &euro;.ISBN 978-3-933037-71-8<\/p>\n","protected":false},"featured_media":4222,"template":"","categories":[],"tags":[791],"autoren":[1625],"publikationen":[931],"class_list":["post-9314","publikation","type-publikation","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","tag-rezension","autoren-robert-lehnert","publikationen-931"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Warnungen f\u00fcr die Gegenwart - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/203\/publikation\/warnungen-fuer-die-gegenwart\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Warnungen f\u00fcr die Gegenwart - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Max Kruses Gedanken &uuml;ber die Gefahren der Religion, Aus: Mitteilungen Nr. 203, S. 22-23 Bereits im M&auml;rz 2007 ver&ouml;ffentlichte Max Kruse, Mitglied des Beirates der Giordano Bruno Stiftung, das religionskritische Buch En(t)dzauberung &ndash; Herbst des Religionszeitalters. 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