{"id":9345,"date":"2008-08-08T14:43:00","date_gmt":"2008-08-08T12:43:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/auf-dem-weg-zu-einer-bundesgeheimpolizei\/"},"modified":"2021-08-31T10:14:19","modified_gmt":"2021-08-31T08:14:19","slug":"auf-dem-weg-zu-einer-bundesgeheimpolizei","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/201\/publikation\/auf-dem-weg-zu-einer-bundesgeheimpolizei\/","title":{"rendered":"Auf dem Weg zu einer Bundesgeheimpolizei"},"content":{"rendered":"<p>Gesetzentwurf zur Reform des Bundeskriminalamtes. Aus: Mitteilungen Nr. 201, S. 1\/2<\/p>\n<div><span class=\"migrated-image\"><a href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/titelbild2-1.gif\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-3340 size-medium\" src=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/titelbild2-1-468x450.gif\" alt=\"Auf dem Weg zu einer Bundesgeheimpolizei\" width=\"468\" height=\"450\" srcset=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/titelbild2-1-468x450.gif 468w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/titelbild2-1-768x739.gif 768w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/titelbild2-1-780x750.gif 780w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/titelbild2-1-624x600.gif 624w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/titelbild2-1-350x337.gif 350w\" sizes=\"auto, (max-width: 468px) 100vw, 468px\" \/><\/a><\/span><\/p>\n<p class=\"news-single-imgcaption\">\n<\/div>\n<p><i>Am 20. Juni 2008 fand im Deutschen Bundestag die erste Lesung der Novelle des Bundeskriminalamtsgesetzes statt. Die mit dem Gesetz geplante Aufwertung der Beh&ouml;rde stellt f&uuml;r die Bundesregierung eines der gr&ouml;&szlig;ten sicherheitspolitischen Vorhaben dieser Legislaturperiode dar. Demnach soll das BKA f&uuml;r die Abwehr terroristischer Gefahren zust&auml;ndig werden, sofern diese einen internationalen Bezug haben. Dazu werden der Beh&ouml;rde Zwangsbefugnisse und zahlreiche geheimdienstliche Ermittlungsmethoden zugestanden, so auch die umstrittenen Online-Durchsuchungen. Trotz der breiten Kritik, die das Vorhaben bereits im Vorfeld erfuhr, will die gro&szlig;e Koalition das Gesetz im Herbst verabschieden. F&uuml;r September ist eine parlamentarische Sachverst&auml;ndigenanh&ouml;rung geplant, an der mit Prof. Dr. Martin Kutscha und Dr. Fredrik Roggan zwei Vertreter der Humanistischen Union teilnehmen werden.<\/i><\/p>\n<p>Mit dem Gesetz soll erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik eine zentrale Beh&ouml;rde mit Aufgaben der Gefahrenabwehr betraut werden, die zum Teil weit in das Vorfeld konkreter Rechtsgutsbeeintr&auml;chtigungen reichen. W&uuml;rde der gegenw&auml;rtig diskutierte Entwurf zum Gesetz, w&auml;ren in Zukunft mit zahlreichen Ermittlungsbefugnissen b&uuml;rgerrechtliche Risiken auch f&uuml;r unbescholtene B&uuml;rger verbunden &ndash; etwa bei heimlichen &bdquo;Online-Durchsuchungen&#8220; ihrer Computer. Zugleich schw&auml;cht das Gesetz einmal mehr die f&ouml;derale Struktur der Polizeiarbeit in Deutschland, die nach dem Ende der NS-Herrschaft eine machtbegrenzende Funktion erf&uuml;llen sollte. Dabei sind wirkliche Sicherheitsrisiken durch die &bdquo;Kleingliedrigkeit&#8220; der Polizeibeh&ouml;rden bislang nicht zu erkennen.<\/p>\n<h5><span id=\"kompetenzueberschreitungen\">Kompetenz&uuml;berschreitungen<\/span><\/h5>\n<p>Die Kompetenz zu Vorfeldermittlungen ergibt sich im BKA-Gesetzentwurf aus der Aufnahme der Straftatenverh&uuml;tung als Unterfall der Gefahrenabwehr. Das ist nicht nur semantisch verungl&uuml;ckt, sondern widerspricht der im Grundgesetz festgeschriebenen Kompetenzordnung. Denn Artikel 73 Abs.1 Nr. 9a GG spricht von der Abwehr terroristischer Gefahren in (Einzel-) F&auml;llen, nicht aber von deren Verh&uuml;tung. Im Rahmen dieser Straftatenverh&uuml;tung (sog. &bdquo;dritte Polizei-Aufgabe&#8220;) soll das Bundeskriminalamt nach dem Willen der Regierung zahlreiche Befugnisse zur heimlichen Ermittlung im Vorfeld m&ouml;glicher Gefahren\/Straftaten erhalten. Zu diesen &Uuml;berwachungsbefugnissen z&auml;hlen verdeckte Observationen, heimliche Video&uuml;berwachungen, die Auswertung von Telekommunikations-Verbindungsdaten sowie der Einsatz von Ortungstechniken (beispielsweise Peilsendern), V-Leuten und Verdeckten Ermittlern.<\/p>\n<h5><span id=\"verfassungswidrige-rasterfahndungen\">Verfas&shy;sungs&shy;wid&shy;rige Raster&shy;fahn&shy;dungen<\/span><\/h5>\n<p>Mit der BKA-Novelle erlebt auch die Rasterfahndung eine Renaissance &ndash; eine solche freilich, die mit der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts nicht vereinbar ist. Nach dem Willen der Bundesregierung darf das BKA eine Rasterfahndung beginnen, wenn konkrete Vorbereitungshandlungen die Annahme rechtfertigen, dass Straftaten begangen werden k&ouml;nnten. Das Bundesverfassungsgericht stellte in seiner Entscheidung vom 4. April 2006 zur Rasterfahndung in Nordrhein-Westfalen aber fest, dass diese nur bei einer &bdquo;konkreten Gefahr f&uuml;r hochrangige Rechtsg&uuml;ter&#8220; zul&auml;ssig sei. Davon kann bei Vorbereitungshandlungen aber noch keine Rede sein, denn bei ihnen handelt es sich eben nicht um (selbstst&auml;ndige) Gefahren. Ob aus ihnen jemals ein konkretes Gefahrenpotential erw&auml;chst, l&auml;sst sich zu diesem Zeitpunkt naturgem&auml;&szlig; &uuml;berhaupt noch nicht feststellen. Unabh&auml;ngig davon h&auml;tte es nahe gelegen, auf die Rasterfahndungen ganz zu verzichten. Die zweifelhafte Methode hat ihre Erfolglosigkeit bereits mehrfach unter Beweis gestellt.<\/p>\n<h5><span id=\"verzicht-auf-praeventive-online-durchsuchungen\">Verzicht auf pr&auml;ventive &bdquo;Onli&shy;ne-&shy;Durch&shy;su&shy;chungen&ldquo;<\/span><\/h5>\n<p>Als neue Befugnis soll das BKA verdeckt auf informationstechnische Systeme zugreifen d&uuml;rfen, womit die sog. Online-Durchsuchungen gemeint sind. Das Bundesverfassungsgericht hat mit seiner Entscheidung zum Nordrhein- Westf&auml;lischen Verfassungsschutzgesetz dieser Ausforschung der digitalen Privatsph&auml;re allerdings enge Grenzen gesetzt. Als Voraussetzung verlangt es tats&auml;chliche Anhaltspunkte f&uuml;r die Entstehung (zuk&uuml;nftiger) konkreter Gefahren (BVerfG, NJW 2008, 822 [831]). <br \/>Durch den heimlichen Zugriff auf Computer und andere informationstechnische Systeme werden regelm&auml;&szlig;ig nicht nur gefahrenbezogene Erkenntnisse, sondern auch tiefe Einblicke in die &bdquo;digitale Privat- und Intimsph&auml;re&ldquo; der durchsuchten Personen gewonnen. Hierbei l&auml;sst es sich in vielen F&auml;llen nicht vermeiden, dass die Ermittlungen auch den Kernbereich privater Lebensgestaltung verletzen. Dar&uuml;ber hinaus wird eine heimliche Ausforschung regelm&auml;&szlig;ig auch andere Personen (als die Zielperson) betreffen, deren Daten, aus welchen Gr&uuml;nden auch immer, auf dem &bdquo;Zielcomputer&ldquo; gespeichert sind. Wer mit einer Zielperson von Online-Durchsuchungen im Kontakt steht, kann also seiner digitalen Privatsph&auml;re schnell verlustig gehen. Schon diese &bdquo;Streubreite&#8220; der Ma&szlig;nahme sollte Anlass sein, Online-Durchsuchungen grunds&auml;tzlich infrage zu stellen.<\/p>\n<p>Dar&uuml;ber hinaus trifft der vorliegende Gesetzentwurf keinerlei Vorkehrungen daf&uuml;r, um die Durchsuchung des &bdquo;richtigen&#8220; Computers zu garantieren. Online-Durchsuchungen unterscheiden sich von Lauschangriffen oder auch Telekommunikations&uuml;berwachungen, bei denen die Orte bzw. die Gelegenheiten der &Uuml;berwachung &ndash; von tats&auml;chlichen Irrt&uuml;mern abgesehen &ndash; mit Gewissheit feststehen. Bei Online-Durchsuchungen hingegen besteht ein erhebliches Risiko, dass Unverd&auml;chtige betroffen werden, wenn die Infiltration des Zielsystems &bdquo;von au&szlig;en&#8220; (&uuml;ber eine Internetverbindung) bewirkt wird. In der m&uuml;ndlichen Verhandlung vor dem Bundesverfassungsgericht wurde das nicht unerhebliche Risiko einer Ausforschung des falschen Rechners &ndash; unfreiwillig &ndash; durch den Pr&auml;sidenten des BKA best&auml;tigt: Auf die Frage danach, wann und wie die Ermittler erkennen k&ouml;nnen, dass sie den &bdquo;richtigen&#8220; Computer durchsuchen, lie&szlig; er durch einen Mitarbeiter antworten, dass dies dann der Fall sei, wenn die gesuchten Informationen gefunden wurden. W&uuml;rde der vorliegende Entwurf also zum Gesetz, geh&ouml;rte die irrt&uuml;mliche Durchsuchung der Rechner von Unverd&auml;chtigen demn&auml;chst zum gesetzlich akzeptierten &bdquo;Kollateralschaden&#8220;.<\/p>\n<p>Ohnehin hat die Bundesregierung bisher keinen Nachweis daf&uuml;r erbracht, dass pr&auml;ventive Online-Durchsuchungen unverzichtbar seien. Der blo&szlig;e Hinweis auf &ndash; nicht zu bestreitende &ndash; terroristische Bedrohungen reicht hierf&uuml;r allein nicht aus. Es bed&uuml;rfte vielmehr des Nachweises, dass das bisherige Instrumentarium heimlicher &Uuml;berwachungsmethoden nicht ausreicht und mithin nur Online-Durchsuchungen in der Lage sind, zuk&uuml;nftige Gefahren zu bew&auml;ltigen.<\/p>\n<h5><span id=\"rueckkehr-zu-einer-rationalen-sicherheitspolitik\">R&uuml;ckkehr zu einer rationalen Sicher&shy;heits&shy;po&shy;litik<\/span><\/h5>\n<p>Die Bundesregierung verpasst mit dem Gesetzentwurf einmal mehr die Gelegenheit, zu einer rationalen Sicherheitspolitik zur&uuml;ckzukehren. Vielmehr versucht sie auf gesetzlicher Ebene einmal mehr &bdquo;das Menschenm&ouml;gliche&#8220; (Innenminister Sch&auml;uble), um uns vor angeblich drohenden Attentaten zu sch&uuml;tzen. Zur Demokratie geh&ouml;rt aber auch, dass es R&auml;ume gibt, die nicht &uuml;berwacht werden d&uuml;rfen und Kommunikationen, die niemand belauschen darf. Der Anspruch, absolute Sicherheit gew&auml;hrleisten zu wollen, tr&auml;gt totalit&auml;re Z&uuml;ge. Eine rechtsstaatliche Sicherheitspolitik muss die Existenz von Gef&auml;hrdungen anerkennen, die um den Preis einer Aufrechterhaltung kontrollierbarer Sicherheitsapparate bestehen und immer bestehen werden. Hiermit sind insbesondere Ermittlungsbefugnisse unvertr&auml;glich, die planm&auml;&szlig;ig das Risiko der Ausforschung von Unbeteiligten eingehen, wie das im geplanten BKA-Gesetz der Fall ist.<\/p>\n<p><i>Fredrik Roggan<br \/>war Prozessbevollm&auml;chtigter einer Verfassungsbeschwerde gegen die Online-Durchsuchungen und ist stellvertretener Bundesvorsitzender der Humanistischen Union<\/i><\/p>\n<p><b>Hintergrund:<\/b><\/p>\n<p>Fraktionen der CDU\/CSU und der SPD, Entwurf eines &bdquo;Gesetz zur Abwehr von Gefahren des internationalen Terrorismus durch das Bundeskriminalamt&#8220; vom 17.6.2008, BT-Drs. 16\/9588, abrufbar unter:<br \/><a href=\"http:\/\/dip21.bundestag.de\/dip21\/btd\/16\/095\/1609588.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/dip21.bundestag.de\/dip21\/btd\/16\/095\/1609588.pdf<\/a><\/p>\n<p>Nils Leopold, Bundesverfassungsgericht und Rasterfahndung: Nach 30 Jahren zur&uuml;ck in die B&uuml;chse? In: Mitteilungen Nr. 193, S. 2-3<\/p>\n<p>Zur Vergangenheit des BKA hat der <a href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/veranstaltungen\/buergerrechtspreise\/fritz_bauer_preis\/2003\/\">Fritz-Bauer-Preistr&auml;ger <\/a>des Jahres 2003, Dieter Schenk, eine Dokumentation ver&ouml;ffentlicht:<br \/>Dieter Schenk (2003), Die braunen Wurzeln des BKA. Frankfurt a.M. (Fischer Taschenbuch)<\/p>\n","protected":false},"featured_media":3340,"template":"","categories":[],"tags":[793,2530],"autoren":[207],"publikationen":[934],"class_list":["post-9345","publikation","type-publikation","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","tag-bka-reform-2008","tag-online-durchsuchung","autoren-fredrik-roggan","publikationen-934"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Auf dem Weg zu einer Bundesgeheimpolizei - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/201\/publikation\/auf-dem-weg-zu-einer-bundesgeheimpolizei\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Auf dem Weg zu einer Bundesgeheimpolizei - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Gesetzentwurf zur Reform des Bundeskriminalamtes. 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