{"id":9399,"date":"2007-11-29T14:36:00","date_gmt":"2007-11-29T13:36:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/es-geht-noch-mehr\/"},"modified":"2021-08-31T10:14:17","modified_gmt":"2021-08-31T08:14:17","slug":"es-geht-noch-mehr","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/199\/publikation\/es-geht-noch-mehr\/","title":{"rendered":"Es geht noch mehr &#8230;"},"content":{"rendered":"<p>Technische Standards zur Vorratsdatenspeicherung ebnen Weg f&uuml;r noch umfangreichere Erfassung, Mitteilungen Nr. 199, Seite 9 &#8211; 10<\/p>\n<p>Die Umsetzung der Vorratsdatenspeicherung (VDS) in Deutschland ist beschlossen, doch wie sollen die entstehenden Datenberge durchsucht werden? Schlie&szlig;lich soll f&uuml;r sechs Monate gespeichert werden, wer wann mit wem von wo aus wie lange telefonierte, wer wann im Internet war und wem wann E-Mails geschrieben hat. Ohne einen entsprechenden&nbsp; technischen Standard zum Durchsuchen und &Uuml;bermitteln der Informationen schafft die VDS nur einen Datenberg, der keinen Nutzen haben kann, also schon im ersten Stadium einer Verh&auml;ltnism&auml;&szlig;igkeitspr&uuml;fung scheitern muss. Doch sowohl die Richtlinie selbst als auch das Umsetzungsgesetz schweigen zu Fragen der genauen technischen Durchf&uuml;hrung. Nachdem bereits Ende September Entw&uuml;rfe f&uuml;r einen solchen technischen Standard zur Umsetzung der VDS bekannt wurden, sind Mitte November Teile der endg&uuml;ltigen Spezifikation ver&ouml;ffentlicht worden. Sie stammen vom European Telecommunications Standards Institute (ETSI), einer der drei von der EU anerkannten regionalen Standardisierungsinstitutionen. Von ihm stammt z.B. der Mobilfunkstandard UMTS. Standards f&uuml;r die &Uuml;berwachung von Telekommunikation werden bei ihm &#8211; hinter verschlossenen T&uuml;ren &#8211; vom Lawful Interception Committee erarbeitet. Die interessante Frage hier ist nun, ob die Spezifikation technisch eine Erfassung und&nbsp; &Uuml;bermittlung von Daten erm&ouml;glicht, die rechtlich nicht gedeckt ist &#8211; mit anderen Worten: Kann sie mehr als sie darf? Daher soll nun erstens dargestellt werden, nach welchen Kriterien die Datenberge durchsucht werden k&ouml;nnen und zweitens, welche Daten vorgehalten und bei einem Treffer &uuml;bermittelt werden sollen. Die Kriterien, nach denen gesucht werden k&ouml;nnen soll, sind &#8211; jeweils mit der zus&auml;tzlichen Angabe eine Zeitpunktes oder Zeitfensters &#8211;&nbsp; die folgenden:<\/p>\n<ul>\n<li>Netzwerk- oder Dienstadresse (z.B. Telefonnummer oder IP-Adresse)<\/li>\n<li>Hardware-Nummer eines Ger&auml;tes (Bsp.: Mobiltelefone haben eine weltweit einmalige Seriennummer, die IMEI<\/li>\n<li>Netzwerkelement (z.B. eine Funkzelle)<\/li>\n<li>Name und Adresse eines Teilnehmers (inkl. eventuell abweichenden Rechnungsadressen u.&Auml;.)<\/li>\n<li>Herkunft oder Ziel einer Verbindung (bestimmt z.B. &uuml;ber Telefonnummer, IMEI, IP-Adresse)<\/li>\n<li>Positionsinformationen (z.B. Funkzelle)<\/li>\n<\/ul>\n<p>Bemerkenswert ist dabei, dass f&uuml;r jedes der Kriterien nicht nur nach einem einzelnen Wert, sondern auch nach mehreren Werten oder einem Bereich von Werten gesucht werden kann. Diese Suche mit &bdquo;Wildcards&#8220; erlaubt Abfragen, die zum Beispiel auf unvollst&auml;ndigen Telefonnummern oder verschiedenen Schreibweisen von Namen basieren. Ein Beispiel w&auml;re die Suche nach einem Teilnehmer &bdquo;Otto M??er&#8220; mit der Telefonnummer &bdquo;12??56&#8243;. Zu den Abfragekriterien hei&szlig;t es in den Dokumenten lapidar, dass nicht jede nach den technischen Vorgaben m&ouml;gliche Suche und &Uuml;bermittlung auch notwendigerweise in jedem Staat, der die Richtlinie anwendet, legal sein m&uuml;sse. Dies zu kl&auml;ren, sei Sache der einzelnen Staaten.<br \/>Wenn nun eine solche Suche einen oder mehrere Treffer ergibt, sollen nach dem Standard folgende Daten &uuml;bermittelt werden:<\/p>\n<p>Daten zu Quelle, Ziel und Art der Kommunikation:<\/p>\n<ul>\n<li>Netzwerk- oder Servicenummer (z.B. IP-Adresse, E-Mail-Adresse)<\/li>\n<li>Hardwarenummer (z.B. IMEI)<\/li>\n<li>Namen, Adressen, Benutzerkennungen der registrierten Teilnehmer<\/li>\n<li>Beginn und Ende eines Kommunikationsvorgangs<\/li>\n<li>Beginn und Ende der Verbindung mit einem Dienst&nbsp; (z.B. Einwahl in das Internet)<\/li>\n<li>Daten zur Bestimmung der Art des Kommunikationsvorgangs (Telefongespr&auml;ch, SMS-Versand, E-Mail-Versand, Chat etc.)<\/li>\n<\/ul>\n<p>Daten zur Positionsbestimmung bei mobilen Endger&auml;ten:<\/p>\n<ul>\n<li>Position bei Beginn der Kommunikation (z.B. Ort der aktuellen Funkzelle)<\/li>\n<li>Ort (z.B. &uuml;ber Postleitzahl) oder IP-Adresse bei Zugang zu einem &ouml;ffentlichen drahtlosen Netzwerk <\/li>\n<li>Ort und Zeit der ersten Aktivierung von Prepaid-Diensten, Ort und Zeit der Aufladevorg&auml;nge (letzteres optional).<\/li>\n<li>(optional) Positionsdaten unabh&auml;ngig von einem Kommunikationsvorgang, z.B. beim Wechsel von Funkzellen oder auf einer periodischen Basis, sowie Daten zum Status des Ger&auml;ts (im Netz eingeloggt oder nicht)<\/li>\n<\/ul>\n<p><b>Wo gehen diese Bestimmungen &uuml;ber die Vorratsdaten-Richtlinie hinaus?<\/b><\/p>\n<p>Der wichtigste Punkt ist die m&ouml;gliche Erfassung von Standortdaten bei Mobilger&auml;ten. Die europ&auml;ische Richtlinie zur Vorratsdatenspeicherung schreibt vor, dass der Standort eines Mobilger&auml;tes zu Beginn eines Kommunikationsvorganges festgestellt wird. Nach dem ETSI-Standard soll es aber auch m&ouml;glich sein, die Daten abzufragen, wenn keine Kommunikation im allt&auml;glichen Sinne stattfindet, also beim Wechsel von Funkzellen und bei den regelm&auml;&szlig;ig durchgef&uuml;hrten &bdquo;Location Updates&#8220;, bei denen sich das Telefon kurz beim n&auml;chsten Funkmast meldet. Nach der europ&auml;ischen Richtlinie d&uuml;rften solche Standortdaten nicht gespeichert werden. Der ETSI-Standard sieht hier eine folgenreiche Erweiterung vor: W&auml;hrend die Bestimmungen der Richtlinie die Erstellung von einigerma&szlig;en pr&auml;zisen Bewegungsprofilen nur bei Vieltelefonierern erlaubt, erm&ouml;glicht der technische Standard die Erstellung solcher Profile f&uuml;r alle Besitzer von Mobiltelefonen, selbst wenn sie nicht telefonieren, sondern ihr Ger&auml;t nur im eingeschalteten Zustand mit sich herumtragen. Auch die m&ouml;gliche Erfassung von Ort und Zeit des Aufladens von Prepaid-Diensten ist nicht &uuml;ber die Richtlinie gedeckt.&nbsp; Gleiches gilt f&uuml;r die Erfassung von zus&auml;tzlichen Postanschriften der Kunden und deren &Auml;nderungen. Die Richtlinie nennt an Internetdiensten, deren Nutzung protokolliert werden soll, abschlie&szlig;end Internettelefonie und E-Mail. Der ETSI-Standard hingegen fordert generell eine Erfassung des genutzten Internetdienstes &ndash;&nbsp; also auch von anderen Diensten wie einem Internet Relay Chat (IRC). Die Erfassung umfangreicherer Standortdaten sowie die Erfassung von Adresswechseln sind&nbsp; optional. Allerdings ist zu bef&uuml;rchten, dass Daten, die erhoben werden k&ouml;nnen, fr&uuml;her oder sp&auml;ter auch erhoben und verwendet werden. Was technisch m&ouml;glich ist, wird auch rechtliche Begehrlichkeiten bei der Exekutive wecken &ndash; die Diskussion um den Einsatz von Mautdaten zur Strafverfolgung kann hier als Beispiel dienen. Doch warum gehen die technischen M&ouml;glichkeiten &uuml;berhaupt &uuml;ber die rechtlichen hinaus? Eine erste Antwort darauf liefert die Zusammensetzung des Lawful Interception Committee. Einige seiner Mitglieder haben Verbindungen zu Herstellern von Telekommunikationstechnik, zu Geheimdiensten und zu Strafverfolgungsbeh&ouml;rden. Interessant ist auch die starke Beteiligung von Vertretern, die ihren T&auml;tigkeitsschwerpunkt au&szlig;erhalb der Europ&auml;ischen Union haben, etwa des US-Unternehmens VeriSign und der Australischen Kommunikations- und Medienagentur &ndash; ein Schelm, wer B&ouml;ses dabei denkt.<br \/>Owe Langfeldt ist Student der Politikwissenschaft und arbeitet als freier Mitarbeiter f&uuml;r das Unabh&auml;ngige Landeszentrum f&uuml;r Datenschutz Schleswig-Holstein in Kiel.<\/p>\n<p>Quellen:<br \/>Handover interface for the request and delivery of retained data V0.2.1 &#8211; technische Spezifikation der &Uuml;bergabeschnittstelle [Entwurf], <a href=\"http:\/\/www.quintessenz.at\/d\/000100003928\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.quintessenz.at\/d\/000100003928<\/a>&nbsp; <br \/>Requirements of Law Enforcement Agencies for handling Retained Data V0.4.0 &#8211; Pflichtenheft f&uuml;r Telekommunikationsanbieter [Entwurf],<br \/><a href=\"http:\/\/www.quintessenz.at\/d\/000100003929\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.quintessenz.at\/d\/000100003929<\/a> &#8211;&nbsp; Lawful Interception (LI); Retained Data V1.1.1 &#8211; Pflichtenheft f&uuml;r Telekommunikationsanbieter&nbsp; [endg&uuml;ltige Version],<br \/><a href=\"http:\/\/webapp.etsi.org\/action%5CPU\/20071113\/ts_102656v010101p.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/webapp.etsi.org\/action%5CPU\/20071113\/ts_102656v010101p.pdf<\/a><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[738],"autoren":[549],"publikationen":[937],"class_list":["post-9399","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vds-meldungen","autoren-owe-langfeldt","publikationen-937"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Es geht noch mehr ... - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/199\/publikation\/es-geht-noch-mehr\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Es geht noch mehr ... - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Technische Standards zur Vorratsdatenspeicherung ebnen Weg f&uuml;r noch umfangreichere Erfassung, Mitteilungen Nr. 199, Seite 9 &#8211; 10 Die Umsetzung der Vorratsdatenspeicherung (VDS) in Deutschland ist beschlossen, doch wie sollen die entstehenden Datenberge durchsucht werden? 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