{"id":9437,"date":"2007-07-12T11:46:00","date_gmt":"2007-07-12T09:46:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/plaedoyers-fuer-die-vielfalt-die-iii-berliner-gespraeche-zum-verhaeltnis-von-staat-religion-und-welt\/"},"modified":"2021-08-31T10:14:14","modified_gmt":"2021-08-31T08:14:14","slug":"plaedoyers-fuer-die-vielfalt-die-iii-berliner-gespraeche-zum-verhaeltnis-von-staat-religion-und-welt","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/197\/publikation\/plaedoyers-fuer-die-vielfalt-die-iii-berliner-gespraeche-zum-verhaeltnis-von-staat-religion-und-welt\/","title":{"rendered":"Pl\u00e4doyers f\u00fcr die Vielfalt &#8211; Die III. Berliner Gespr\u00e4che zum Verh\u00e4ltnis von Staat, Religion und Weltanschauung"},"content":{"rendered":"<p>Mitteilungen Nr. 197, S. 14<\/p>\n<div><span class=\"migrated-image\"><a href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/bg3_referenten.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-4270 size-medium\" src=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/bg3_referenten-600x431.jpg\" alt=\"Pl&auml;doyers f&uuml;r die Vielfalt - Die III. 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April 2007 abgehaltenen dritten Berliner Gespr&auml;che gingen die Bedeutung der Grund- und Menschenrechte f&uuml;r das interkonfessionelle Zusammenleben aus verschiedenen Perspektiven an: Drei Referate und eine abschlie&szlig;ende Podiumsdiskussion variierten rechtsphilosophisch-historische, religionssoziologische und verfassungsrechtliche sowie religionspolitische Zug&auml;nge.<\/p>\n<p>Zum Auftakt beeindruckte Prof. Dr. Dr. h.c. Hasso Hofmann mit einem breit angelegten Rundgang durch die Entstehungsgeschichte einiger Verfassungswerte. Seine Ausgangsfrage, in welcher Weise sich der Einfluss christlicher Traditionen innerhalb der Werteordnung unseres Grundgesetzes wiederfinde, behandelte er an drei Beispielen: der individuellen Freiheit, dem Schutz des menschlichen Lebens und der Menschenw&uuml;rde.<\/p>\n<p>F&uuml;r den Freiheitsbegriff entfaltete Hofmann die beiden Traditionen einer republikanischen, als Teilhabe an der Gesellschaft verstanden Freiheit und deren liberalen Gegenpol, den individualistisch zu verstehenden Freiheitsbegriff der Moderne. &bdquo;Kern des Verfassungswerts der negativen, das Individuum sch&uuml;tzenden, abwehrenden Freiheit, also der Freiheit im Sinne individueller Selbstbestimmung, ist die Glaubens- und Gewissensfreiheit.&#8220; Die Religionsfreiheit bildete sich in den westlichen Kulturen im Zuge der mittelalterlichen Trennung von geistigem und weltlichen Bereich heraus. Wie konfliktreich und langwierig dieser Prozess gewesen ist, zeigte er an den Schwierigkeiten der katholischen Kirche, die erst auf ihrem zweiten vatikanischen Konzil (1965) &ndash; &bdquo;unter h&ouml;rbarem konservativen Z&auml;hneknirschen&#8220; &ndash; die weltlich proklamierte Glaubensfreiheit anerkannte.<\/p>\n<p>Beim &bdquo;Schutz des Lebens und der k&ouml;rperlichen Unversehrtheit&#8220; (Artikel 2 Absatz 2 Satz 1 Grundgesetz) griff Hofmann die zweite Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zum Schwangerschaftsabbruch von 1993 (BVerfGE 88, 203) auf, in der die Verfassungsrichter zu einer naturphilosophischen Auseinandersetzung &uuml;ber den Beginn der Menschwerdung Stellung bezogen. In ihrer Entscheidung betonten sie, dass sich der F&ouml;tus ab dem Zeitpunkt der Befruchtung als Mensch (und nicht zum Menschen) entwickle. In einem kultur- und rechtsphilosophischen Streifzug skizzierte Hofmann das wechselvolle Verh&auml;ltnis zwischen den Vorstellungen &uuml;ber den Beginn menschlichen Lebens und die korrespondierenden Positionen zur Abtreibungsfrage. Die antike Kultur wie das mittelalterliche Recht kannten demnach kein allgemeines Verbot der Abtreibung, sondern regelten lediglich einen &bdquo;Schadensersatz&#8220; f&uuml;r den Fall, dass das Leben der Schwangeren bedroht oder der Abbruch gegen den Willen des Vaters erfolgte. Dies &auml;nderte sich jedoch mit der &Uuml;bersetzung des 2. Buch Mose ins Griechische durch die Septuaginta. Sie r&auml;umte erstmals einen Schutz f&uuml;r den menschlichen F&ouml;tus ein, sofern dieser bereits menschliche Z&uuml;ge aufweise. Die Septuaginta verkn&uuml;pfte die Strafbarkeit des Schwangerschaftsabbruchs mit der Frage nach dem Beginn des Menschseins und stellt die erste Fristenl&ouml;sung f&uuml;r einen abgestuften Schutz des ungeborenen Lebens vor. Mit der Popularisierung pr&auml;formativer Theorien der Genetik, wonach bereits die Eizelle bzw. der Samen s&auml;mtliche Eigenschaften des sp&auml;teren Menschen in sich enthalte, lie&szlig; sich folglich auch ein absolutes Verbot der Abtreibung begr&uuml;nden, wie es erstmals Papst Sixtus V. um 1588 erlie&szlig;. In ihrer zweiten Entscheidung zum Schwangerschaftsabbruch vertraten die Verfassungsrichter kurioserweise jene pr&auml;formative Position der Menschwerdung, die Jahrhunderte lang als Argument f&uuml;r ein absolutes Verbot von Schwangerschaftsabbr&uuml;chen herhalten musste, um am Ende dennoch die Straffreiheit eines innerhalb der 12 Wochen-Frist vorgenommenen Abbruchs verfassungsrechtlich zu best&auml;tigen.<\/p>\n<p>Im dritten Teil seines Vortrags setzte sich Hasso Hofmann mit der Frage auseinander, inwiefern der im Grundgesetz verankerte Begriff der menschlichen W&uuml;rde ein &bdquo;Derivat des Christentums&#8220; (Isensee) sei. Dagegen verwies Hofmann auf den antiken Ursprung der dignitas hominis bei Cicero, der damit die Anteilnahme des Menschen an der umfassenden, den ganzen Kosmos erf&uuml;llenden Weltvernunft beschreibt. In der christlichen Tradition wird aus dieser teilhabenden Menschenw&uuml;rde eine &Auml;hnlichkeitsbeziehung des Menschen mit seinem Sch&ouml;pfer, die Gottesebenbildlichkeit. &bdquo;Die f&uuml;r die Neuzeit charakteristische Frage der Stellung des Menschen im Gemeinwesen und gegen&uuml;ber der Obrigkeit, wie sie aus &#8230; der W&uuml;rde als sittlicher Qualit&auml;t sich ergibt, erscheint in dieser Perspektive nicht. So hat die Kirche, trotz ihrer Lehre von der gleichen Gottesebenbildlichkeit aller, die Menschen &uuml;ber Jahrhunderte durchaus folgenreich nach Christen, Her&auml;tikern und Nichtchristen, sowie nach M&auml;nnern und Frauen unterschiedenen. Und die Sklaverei, vom dunklen Kapitel inquisitorischer Folter zu schweigen, haben die P&auml;pste nach partikul&auml;ren Vorst&ouml;&szlig;en &ndash; keine Versklavung von Christen, kein Sklavenhandel, Anmahnung menschlicher Behandlung der Sklaven &ndash; erst im 19. Jahrhundert definitiv verworfen. Es waren Laien, die die Imago Dei-Lehre, also die Lehre vom Bild Gottes im Menschen, unbefangen schon fr&uuml;her &ndash; gegen die Kirche &ndash; auf die soziale Sph&auml;re bezogen.&#8220; Sie wandten sich dabei auch gegen eine protestantische Tradition, derzufolge der Mensch seine W&uuml;rde vor Gott durch den S&uuml;ndenfall verloren habe. Die neuzeitliche Entwicklung der Idee menschlicher W&uuml;rde habe deshalb au&szlig;erhalb der christlichen Theologie, &bdquo;teilweise sehr entschiedenen gegen sie&#8220;, im Humanismus der fr&uuml;hen Neuzeit und der neuzeitlichen Philosophie stattgefunden. Erst der kantianischen Begriff der Menschenw&uuml;rde, die als sittliches Grundverh&auml;ltnis jeder Person zukomme und deren wechselseitige moralische Anerkennung sichere, bringe rechtsphilosophische und theologische Traditionen wieder einander n&auml;her.<\/p>\n<p>Wozu eine derartige Arbeit an den historischen Bedeutungsschichten unserer Verfassungswerte n&uuml;tzlich sein kann, wurde in der Diskussion des Vortrags deutlich. Zun&auml;chst einmal kann der historische Blick zu einer &bdquo;Entzauberung&#8220; einiger aufkl&auml;rerischer Selbstgewissheiten (etwa Freiheit und Gleichheit) beitragen, die bei n&auml;herem Hinsehen ihre christlich-religi&ouml;sen Wurzeln offenbaren. Er sch&uuml;tzt damit auch vor einem schematischen Dualismus zwischen religi&ouml;sem Glauben und aufkl&auml;rerisch-fortschrittlichen Denken, der die bei allen Differenzen und gegenseitigen Kritiken vorhandenen &Uuml;berschneidungen und Kontinuit&auml;ten &uuml;bersieht. Die durchaus kritische W&uuml;rdigung christlicher Einfl&uuml;sse auf die westliche Verfassungskultur bedeutet auch, &uuml;ber eine blo&szlig;e Duldung religi&ouml;ser Anschauungen (i.S.v. negativer Toleranz) hinaus zu gelangen und deren positive Beitr&auml;ge zur kulturellen, gesellschaftlichen (und nicht zuletzt auch wissenschaftlich-aufkl&auml;rerischen) Entwicklung anzuerkennen. Hasso Hofmann wies in seinem Vortrag auf eine besondere St&auml;rke einer Werteordnung hin, die auf individuelle Grundrechte und deren gegenseitige Anerkennung zielt: &bdquo;Der Verfassungswert der Menschenw&uuml;rde ist ein Beispiel daf&uuml;r, dass sich von verschiedenen feststehenden Ausgangspositionen her Folgerungen entwickeln k&ouml;nnen, die die Bildung sich &uuml;berlappender gesellschaftlicher Konsense erm&ouml;glichen. Dieser Befund bedeutet keine Schw&auml;che der Verfassungswerte. Im Gegenteil: In der pluralistischen Gesellschaft muss die Verfassung f&uuml;r das Leben nach unterschiedlichen Moralen Verbindlichkeit beanspruchen. Und das kann sie um so erfolgreicher, je mehr Motive der Folgebereitschaft sie anspricht, je mehr Raum sie verschiedenen Grund&uuml;berzeugungen l&auml;sst. Verfassungswerte in einer lehrhaft strengen Weise auf bestimmte einzelne Traditionselemente festzulegen, st&auml;rkt die Verfassung daher nicht, sondern schw&auml;cht sie.&#8220;<\/p>\n<h5 align=\"center\"><span id=\"i\">&ndash;<\/span><\/h5>\n<p>Wesentlich polarisierender wirkte der zweite Vortrag zu &bdquo;Religionen in der pluralistischen Gesellschaft&#8220; von <i>Prof. Dr. Rolf Schieder<\/i>, Theologe an der Humboldt-Universit&auml;t zu Berlin. Seine These,&nbsp; wonach sich Religion und Politik gegenseitig bed&uuml;rfen, stie&szlig; auf ein geteiltes Echo. Zun&auml;chst wollte er einige Missverst&auml;ndnisse &uuml;ber den R&uuml;ckgang des Religi&ouml;sen ausr&auml;umen. Dazu verwies er auf den Umstand, dass es sich bei der S&auml;kularisierung um einen &bdquo;europ&auml;ischen Ausnahmefall&#8220; handle. Der von vielen&nbsp; als Folge westlicher Modernisierungsprozesse prognostizierte Niedergang der Religionen k&ouml;nne so nicht festgestellt werden. Die religi&ouml;se Verteilung in Deutschland sei relativ stabil geblieben, eine nennenswerte religi&ouml;se Pluralisierung gebe es nur als Folge der Migration. Jedoch r&auml;umte Schieder ein, dass in Deutschland &ndash; im Gegensatz zu den USA &ndash; jeder, der seinen Kummer in der Kneipe im Alkohol ertr&auml;nke, genau soviel Anerkennung genie&szlig;e wie jemand, der Gott in der Kirche sein Leid klagt. &bdquo;Noch hat sich die Einsicht nicht durchgesetzt, dass Religi&ouml;s-Sein eine ebenso rationale Wahl darstellt, wie die Wahl, an den Fortschritt, an die Demokratie oder an die Natur zu glauben.&#8220; Bei allen politischen wie religi&ouml;s-weltanschaulichen &Uuml;berzeugungen handle es sich um sinnstiftende, zielwahlorientierende Gewissheiten &ndash; religi&ouml;ser Glaube k&ouml;nne deshalb auch nicht im Gegensatz zu wissenschaftlichen Formen des Wissens gesehen werden. Eine solche Vergleichbarkeit von Glauben und Wissen mag von ihrer individuellen Bedeutung her sicher vorstellbar sein, allerdings ging Schieder nicht auf die recht unterschiedlichen Verfahren der Entwicklung von Glaubenssystemen und wissenschaftlichen Theorien ein.<\/p>\n<p>In Anlehnung an Wolfgang B&ouml;ckenf&ouml;rdes ber&uuml;hmten Satz betonte Schieder, dass Gleiches auch f&uuml;r die Religionen gelte: &bdquo;Religionen in einem pluralistisch verfassten Gemeinwesen leben von Vorraussetzungen, die sie selbst nicht garantieren k&ouml;nnen. Die elementarste Vorraussetzung des Religi&ouml;sen in einem Gemeinwesen ist die Religions- und Gewissensfreiheit. Ohne dies staatliche Garantie g&auml;be es auch kein bl&uuml;hendes Leben im Lande. Ohne Religionsfreiheit &#8211; zugespitzt formuliert &ndash; g&auml;be es keine Religion. Wenn das aber so ist, dann&nbsp; m&uuml;ssen alle Religionsgemeinschaften ein&nbsp; Interesse daran haben, dass die Religions- und Weltanschauungsfreiheit aller &ndash; eben auch der Konkurrenten &#8211; gesch&uuml;tzt und gew&auml;hrleistet wird. Wie wir wissen, hatten die Kirchen daran nicht immer ein Interesse.&#8220; Sein Pl&auml;doyer f&uuml;r zivile Religionen versah Schieder jedoch sogleich mit einer Warnung vor einem falsch verstandenen Pluralismus: Mit Blick auf die Diskussion um Religions-, Ethik- und Lebenskunde-Unterricht warnte er davor, den berechtigten Anspruch nach einem religi&ouml;sen-weltanschaulichen Pluralismus durch ein religionskundliches Fach erf&uuml;llen zu wollen (wie dies die Humanistische Union mehrfach gefordert hat). Werde die Positionalit&auml;t des Religionsunterrichts gegen eine Vielfalt des LER-\/Ethikunterrichts ausgespielt, w&uuml;rde dies den Pluralismus entleeren. Religion an sich lasse sich so wenig lehren wie man nur &#8222;&Auml;pfel, Birnen und Bananen essen [kann], und nicht Fr&uuml;chte &uuml;berhaupt.&#8220;<\/p>\n<h5 align=\"center\"><span id=\"i-2\">&ndash;<\/span><\/h5>\n<p>Prof. Dr. Bernhard Schlink gab mit seinem Referat einen &Uuml;berblick &uuml;ber den status quo des deutschen Staatskirchen- bzw. Staatsreligionenrechts. Angesichts zahlreicher neuer religi&ouml;ser Gruppen und Bewegungen sah er zwei Gefahren: &bdquo;Zum einen ist die Gefahr, dass es [das Staatskirchenrecht] den Besonderheiten der neuen religi&ouml;sen Bewegungen und nicht-christlichen Weltreligionen vor unserem traditionellen Hintergrund her nicht gerecht wird. Das also Anforderungen, gar nicht explizit aber implizit, erhoben werden, mit denen sich diese neuen Gemeinschaften nicht erfassen lassen. &#8230; Die andere Gefahr ist, dass wir, weil wir allem gerecht werden wollen, das Staatskirchen- oder Religionenrecht an die Beliebigkeit preisgeben. Wenn alles, was sich als religi&ouml;s bezeichnet, oder alles, was sich als Religionsgesellschaft selbst versteht, Religion bzw. Religionsgesellschaft ist, dann hat sich das Staatskirchen- oder Religionenrecht selbst preisgegeben.&#8220; Deshalb beharrte Schlink darauf, dass die Unterscheidung zwischen weltlichem und religi&ouml;sem Bereich eine staatliche bleibe. Was eine Religionsgemeinschaft im Sinne der Verfassung sei und was nicht, m&uuml;sse von Seiten des Staates bzw. der Gerichte entschieden werden. Das Rechtsprechung sehe eine Religions- oder Weltanschauungsvereinigung dann als gegeben an, wenn es sich um eine Vereinigung handelt, die ihre bekennenden Mitglieder &bdquo;zur allseitigen Erf&uuml;llung der durch das gemeinsame Bekenntnis gestellten Aufgaben verbindet.&#8220; <br \/>Im Anschluss skizzierte Schlink die Grenzen der positiven wie der negativen Religionsfreiheit. F&uuml;r die Frage, inwieweit andersgl&auml;ubige bzw. konfessionsfreie Menschen religi&ouml;se Symbole und Riten in der &Ouml;ffentlichkeit akzeptieren m&uuml;ssten (z.B. Schulgebet und Kruzifixe), warb Schlink daf&uuml;r, anstelle einer einfachen Entscheidung f&uuml;r oder gegen die betreffende Symbolik nach alternativen L&ouml;sungen zu suchen. Schlie&szlig;lich k&ouml;nne es nicht darum gehen, eine &bdquo;wall of separation&#8220; in der Gesellschaft zu errichten. So lie&szlig;e sich der Streit um Kruzifixe in Klassenzimmern auch dadurch entsch&auml;rfen, indem beispielsweise das Kruzifix mit anderen Ikonen, etwa einem Bild von Karl Marx, erg&auml;nzt werde. Letztlich gehe es bei solchen Auseinandersetzung immer um die Frage: &bdquo;In was f&uuml;r einer Gesellschaft wollen wir leben?&#8220; Schlinks Antworten darauf waren von einem konsequenten Pluralismus gepr&auml;gt.<\/p>\n<p>In der Diskussion erinnerte Schlink angesichts der Debatten um die Anerkennung islamischer Religionsgemeinschaften oder den Bau muslimischer Moscheen an die allt&auml;glichen &bdquo;Religionsk&auml;mpfe&#8220; zwischen Katholiken und Protestanten, die noch in der Nachkriegszeit das Bild der Bundesrepublik pr&auml;gten. Den anwesenden Vertretern islamischer Verb&auml;nde empfahl er deshalb, noch etwas Geduld zu haben, bis sich die Menschen in Deutschland an den Anblick von Minaretten gew&ouml;hnt haben. Ein anderer Teilnehmer erinnerte daran, dass noch vor zwei Generationen in katholischen Gegenden Deutschlands Frauen ohne Kopftuch in der &Ouml;ffentlichkeit f&uuml;r viel Aufsehen sorgten und ein gemeinsamer Schwimmunterricht f&uuml;r M&auml;dchen und Jungen genauso undenkbar war, wie sich dies heute f&uuml;r islamische Mitb&uuml;rger darstelle.<\/p>\n<h5 align=\"center\"><span id=\"i-3\">&ndash;<\/span><\/h5>\n<p>In der abschlie&szlig;enden Podiumsdiskussion wollte Dr. Till M&uuml;ller-Heidelberg von den Vertretern der gro&szlig;en Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften sowie des humanistischen Spektrums erfahren, welche Bedeutung speziell ihre Werte und Anschauungen f&uuml;r das Zusammenleben in unserer pluralistisch-multikulturellen Gesellschaft haben. In der Frage klang der Zweifel an, ob unsere Gesellschaft auf (religi&ouml;sen) Werten aufbauen m&uuml;sse oder ob nicht der zivilgesellschaftliche common sense unseres Grundgesetzes f&uuml;r das Zusammenleben ausreiche. Die Antworten der religi&ouml;s-weltanschaulichen Vertreter konnten diese Zweifel nicht zerstreuen: Zwar wurde betont, welchen Beitrag etwa islamische Wertvorstellungen einst zur Zivilisierung arabischer Kulturen geleistet haben oder wie sich inzwischen auch in der katholischen Werteordnung die Anerkennung eines weltlichen Staates durchgesetzt habe. Jedoch benannte keiner der anwesenden Religionsvertreter konkrete Wertvorstellungen, die das zivilgesellschaftliche Fundament des Grundgesetzes erweitern k&ouml;nnten. Der sich daraus ergebenden Einsch&auml;tzung, dass religi&ouml;sen Werten vor allem unter der historischen Perspektive ein zivilisierender Beitrag zugemessen werden k&ouml;nne, widersprach Michael Schmidt-Salomon von der Giordano-Bruno-Stiftung aufs Sch&auml;rfste. Einerseits w&uuml;rden heutzutage zunehmend politische Konflikte religi&ouml;s besetzt. Meinungsfreiheit, Demokratie und friedliches Zusammenleben werden vielerorts durch religi&ouml;se &Uuml;berzeugungen gef&auml;hrdet. Andererseits wies er auf ein weiteres Fundament (westlicher) Gesellschaften hin, das in der Wertediskussion oft &uuml;bersehen wird: der Wahrheitsanspruch eines aufkl&auml;rerisch-wissenschaftlichen Denkens. &#8222;Auf diesen gesicherten Prinzipien des Denkens beruht unsere Gesellschaft in mindestens genauso starkem Ma&szlig;e wie auf den normativen Werten&#8230;&#8220; Sie w&uuml;rden jedoch durch eine Popularisierung religi&ouml;s gepr&auml;gter Weltsichten (etwa: Kreationismus) und die damit einhergehende Relativierung wissenschaftlicher Anschauungen infrage gestellt.<\/p>\n<p><i>Sven L&uuml;ders<\/i><\/p>\n<p><i>Die Beitr&auml;ge der III. Berliner Gespr&auml;che stehen als Audiomitschnitt bzw. Filme auf der Webseite der Humanistischen Union zum Abruf bereit: (<\/i><i>www.humanistische-union.de\/berlinergespraeche<\/i><i>), die gedruckte Dokumentation wird Anfang kommenden Jahres erscheinen.<\/i><\/p>\n","protected":false},"featured_media":4270,"template":"","categories":[4],"tags":[723,695],"autoren":[139],"publikationen":[938],"class_list":["post-9437","publikation","type-publikation","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category-berliner-gespraeche","tag-berliner-gespraeche","tag-veranstaltungen-berichte","autoren-sven-lueders","publikationen-938"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Pl\u00e4doyers f\u00fcr die Vielfalt - Die III. 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