{"id":9453,"date":"2007-04-09T14:04:00","date_gmt":"2007-04-09T12:04:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/die-freiheit-zu-sterben\/"},"modified":"2021-08-31T10:14:12","modified_gmt":"2021-08-31T08:14:12","slug":"die-freiheit-zu-sterben","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/196\/publikation\/die-freiheit-zu-sterben\/","title":{"rendered":"Die Freiheit zu sterben"},"content":{"rendered":"<p>Gro&szlig;es Medieninteresse an Fachtagung zu Sterbehilfe und Patientenverf&uuml;gung<\/p>\n<p>Mitteilungen 196, S. 14-17<\/p>\n<div><span class=\"migrated-image\"><a href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/sterbehilfe_Fachtagung.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-4278 size-medium\" 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Februar hat die Humanistische Union gemeinsam mit der Heinrich-B&ouml;ll-Stiftung ihre Fachtagung &#8222;Die Freiheit zu sterben: Selbstbestimmung durch Sterbehilfe und Patientenverf&uuml;gung&#8220; veranstaltet. Das gro&szlig;e &ouml;ffentliche Interesse an diesem Thema zeigte sich bereits im Vorfeld der Tagung. Vielen Interessierten musste leider abgesagt werden, weil der Veranstaltungssaal bereits mit den angemeldeten Besucherinnen &uuml;berf&uuml;llt war. Korrespondenten nahezu aller &uuml;berregionalen Zeitungen waren auf der Tagung anwesend, um sich in Vorbereitung auf die anstehenden Debatten &uuml;ber die gesetzliche Regelung der Patientenverf&uuml;gung Informationen aus erster Hand zu holen.<br \/>Zur Er&ouml;ffnung der Tagung warnte Ralf F&uuml;cks vor zu hohen Erwartungen an den beginnenden parlamentarischen Gesetzgebungsprozess. Unter den Abgeordneten des Bundestages g&auml;be es andere Mehrheitsverh&auml;ltnisse als in der Bev&ouml;lkerung. Diese Kluft zwischen &ouml;ffentlicher und Fachmeinung auf der einen Seite und dem Meinungsbild unter den Bundestagsabgeordneten zeigte sich den Tagungsteilnehmern bei der Abschlussdiskussion am Abend (siehe Bericht auf Seite 12\/13): W&auml;hrend das Publikum der Tagung &ndash; in diesem Punkt durchaus repr&auml;sentativ &ndash; mehrheitlich f&uuml;r eine Liberalisierung und St&auml;rkung der Patientenverf&uuml;gung eintrat, betonten zahlreiche Abgeordnete ihre Bedenken gegen eine Liberalisierung. Die Ursachen dieser Zweifel sah F&uuml;cks in den Erfahrungen mit der so genannten Euthanasie im Dritten Reich und dem bef&uuml;rchteten Mi&szlig;brauch liberaler Sterbehilfe-Regeln. Die beim Thema Sterbehilfe nahezu reflexhaft angestellten Vergleiche mit der gezielten T&ouml;tung durch nationalsozialistische &#8222;Gesundheitsprogramme&#8220; vernebeln jedoch den Blick. Stellt schon die Inanspruchnahme des Begriffs f&uuml;r jene &#8222;S&auml;uberungsprogramme&#8220; die historische und etymologische Bedeutung der euthanas&aacute;&shy;a auf den Kopf, m&uuml;ssen sich heutige Lebenssch&uuml;tzer erst recht die Frage gefallen lassen, warum gerade ein paternalistisch betriebener Schutz der Patienten die geeignete Antwort auf nationalsozialistische T&ouml;tungsverbrechen sein soll. Medizinische oder staatliche &Uuml;bergriffe im Namen &uuml;bergeordneter Gesundheitsziele lassen sich am besten durch eine weitgehende Selbstbestimmung der Betroffenen abwehren.<br \/>Rosemarie Will wies in ihren einleitenden Worten darauf hin, dass eine gesetzliche Kl&auml;rung der Patientenverf&uuml;gungen l&auml;ngst &uuml;berf&auml;llig sei. 1978 habe die Humanistische Union ihre ersten Patientenverf&uuml;gungen ver&ouml;ffentlicht, sp&auml;testens seit diesem Zeitpunkt gibt es eine Diskussion um die Verbindlichkeit solcher Willenserkl&auml;rungen. Der Gesetzgeber sei bisher jedoch taub geblieben. Die Konsolidierung der Patientenverf&uuml;gungen erfolgte vielmehr durch die Rechtsprechung, wobei verschiedene Interpretationen und zum Teil widerspr&uuml;chliche Urteile eine zunehmende Verunsicherung hervorrufen. Insofern bestehe ein dringender gesetzgeberischer Handlungsbedarf, um den zivilrechtlichen und den strafrechtlichen Rahmen f&uuml;r Patientenverf&uuml;gungen und Sterbehilfe abzugrenzen.<br \/>Das eine strafrechtliche Kl&auml;rung der Sterbehilfe und der Patientenverf&uuml;gung nicht nur den W&uuml;nschen von Juristen entspreche, sondern vor allem f&uuml;r die betroffenen Patienten wichtig sei, unterstrich Torsten Verrel im ersten Referat der Tagung. Der Berichterstatter zum Thema Sterbehilfe f&uuml;r den 66. Deutschen Juristentag im vergangenen Jahr machte die fehlende gesetzliche Regelungen daf&uuml;r verantwortlich, dass ein selbstbestimmtes Sterben in Deutschland schwierig durchzusetzen sei. &#8222;Die Entscheidung &uuml;ber die Vornahme oder Begrenzung lebenserhaltender Ma&szlig;nahmen wird ebenso wie die Effizienz der Schmerzbehandlung in ganz erheblicher Weise von der Furcht vor vermeintlichen strafrechtlichen Konsequenzen bestimmt.&#8220;<br \/>Das die Furcht vor einer strafrechtlichen Verfolgung nicht v&ouml;llig aus der Luft gegriffen ist, konnte Verrel anhand der rechtspolitischen Diskussion und der Rechtsprechung der vergangenen 20 Jahre zeigen. Hierbei traten zahlreiche Widerspr&uuml;che in der straf- und zivilrechtlichen Bewertung&nbsp; sterbebegleitender Ma&szlig;nahmen hervor: W&auml;hrend der Bundesgerichtshof (BGH) mit seiner Kemptener Entscheidung 1994 die Beendigung der k&uuml;nstlichen Ern&auml;hrung auch au&szlig;erhalb der Sterbephase als zul&auml;ssige Form der passiven Sterbehilfe einordnete, sprachen Zivilrichter von einem unmenschlichen Verhungernlassen, das einer aktiven Sterbehilfe gef&auml;hrlich nahe komme und deshalb nicht statthaft sei. W&auml;hrend die Verbindlichkeit einer Patientenverf&uuml;gung strafrechtlich immer wieder best&auml;tigt und auch au&szlig;erhalb der unmittelbaren Sterbephase f&uuml;r bindend angesehen wurde, billigte das Oberlandesgericht M&uuml;nchen sowohl den &Auml;rzten als auch den Pflegern eine eigene Gewissensentscheidung gegen&uuml;ber dem erkl&auml;rten Willen der Patienten und den Betreuern beim Abbruch lebenserhaltender Ma&szlig;nahmen zu, schlie&szlig;lich sei der Arzt kein &#8222;willenloser Spielball einer Patientenverf&uuml;gung&#8220;. Die Entscheidungen des 12. Zivilsenats des BGH in den Jahren 2003 und 2005 haben die Rechtsunsicherheit zum Thema Sterbehilfe schlie&szlig;lich komplettiert, indem sie die Verbindlichkeit der Patientenverf&uuml;gungen entgegen der bisherigen Spruchpraxis nur noch auf die Phase der infausten Prognose beschr&auml;nkten und zugleich eine fehlende strafrechtliche Kl&auml;rung der Sterbehilfe im weiteren Sinne konstatierten.<br \/>Mit der letzten Entscheidung lieferte der BGH ein pauschales R&uuml;ckzugsargument f&uuml;r jede Verweigerung, dem Wunsch nach Abbruch lebenserhaltender Ma&szlig;nahmen vor der unmittelbaren Sterbephase zu folgen. &#8222;Wenn sich schon das h&ouml;chste deutsche Zivilgericht nicht dazu in der Lage sieht, die strafrechtliche Zul&auml;ssigkeit der Einstellung einer k&uuml;nstlichen Ern&auml;hrung bei einem Wachkomapatienten zu beurteilen, wie k&ouml;nnen wir dann von &Auml;rzten, Pflegern, Betreuern und Bevollm&auml;chtigten erwarten, dass sie sich in der Kasuistik der Strafrechtsprechung zurechtfinden&#8230;&#8220;, warnte Verrel.<br \/>Wie gro&szlig; die Rechtsunsicherheit sowohl unter &Auml;rzten als auch unter Juristen &uuml;ber zul&auml;ssige und gebotene Formen des Behandlungsabbruchs bei einem entsprechenden Patientenwunsch ist, verdeutlichte Verrel anhand verschiedener Befragungen. Dabei ordneten zahlreiche Juristen, aber selbst palliativmedizinisch geschulte &Auml;rzte den Abbruch einer Fl&uuml;ssigkeitszufuhr, die Beendigung einer k&uuml;nstlichen Beatmung oder einer k&uuml;nstlichen Ern&auml;hrung falsch der aktiven Sterbehilfe zu. Die Unsicherheiten &uuml;ber die Grenzen von passiver und aktiver Sterbehilfe, von Behandlungswunsch und Behandlungszwang sind nach Einsch&auml;tzung Verrels Ausdruck einer &#8222;Rechtfertigungsmedizin&#8220;, die dem Patientenwillen keinen Raum l&auml;sst und sich in der Behandlung am technisch Machbaren orientiere. Eine gesetzliche Regelung m&uuml;sse deshalb unbedingt zu einer Kl&auml;rung der strafrechtlichen Bedingungen von Sterbehilfe beitragen. Andernfalls sei sie nur &#8222;St&uuml;ckwerk&#8220;, das die Angst von Medizinern wie Angeh&ouml;rigen vor einer strafrechtlichen Verfolgung im Falle einer Behandlungseinstellung nicht abbauen werde.<br \/>Sein Pl&auml;doyer f&uuml;r eine strafrechtliche Kl&auml;rung der Grenzen von Sterbehilfe wollte Verrel jedoch nicht als Beitrag zu einer Legalisierung aktiver Sterbehilfe verstanden wissen. &#8222;Durch die Klarstellung der nach der Rechtsprechung bereits jetzt zugelassenen F&auml;lle von Sterbehilfe soll deutlich gemacht werden, dass in Deutschland gerade kein Bedarf f&uuml;r eine Lockerung des Verbots der T&ouml;tung auf Verlangen besteht.&#8220; Zugleich sprach sich Verrel f&uuml;r eine Versachlichung der Diskussion &uuml;ber (aktive) Sterbehilfe aus: &#8222;Es muss endlich Schluss damit sein, dass diejenigen, die sich f&uuml;r eine eng begrenzte Straffreistellung aktiver Sterbehilfe aussprechen, mit dem Euthanasieprogramm der Nationalsozialisten in Verbindung gebracht werden.&#8220;<br \/>Einen Schritt weiter ging der fr&uuml;here Bundesvoorsitzende der Humanistischen Union, Till M&uuml;ller-Heidelberg. In seinem Kommentar appellierte er zun&auml;chst daran, angesichts der elaborierten, aber auch widerspr&uuml;chlichen juristischen Differenzierungen des Themas Sterbehilfe nicht den gesunden Menschenverstand aus dem Blick zu verlieren. F&uuml;r Nicht-Juristen sei kaum nachvollziehbar, warum die Beihilfe zur Selbstt&ouml;tung straffrei, die anschlie&szlig;end unterlassene Hilfe jedoch strafbewehrt sei oder worin der Unterschied zwischen einer Beihilfe zur Selbstt&ouml;tung und zur T&ouml;tung auf Verlangen liege. Jede L&ouml;sung dieser Fragen m&uuml;sse sich letztlich am Grad der Selbstbestimmung messen lassen, den sie den Betroffenen zugesteht. Warum sollte die Selbstbestimmung &uuml;ber das eigene Leben und den Tod erst ab dem Zeitpunkt einer infausten Prognose oder w&auml;hrend einer schweren Erkrankung gelten? Diese Forderung ist nicht neu: Bereits 1983 hat der damalige HU-Vorsitzende Ulrich Klug in seiner Stellungnahme vor dem Rechtsausschuss des Deutschen Bundestages die Auffassung vertreten, dass die Regelung des &sect; 216 Strafgesetzbuch (&#8222;T&ouml;tung auf Verlangen&#8220;) gegen die Achtung der menschlichen W&uuml;rde und der Selbstbestimmung versto&szlig;e und deshalb verfassungswidrig sei.<br \/>F&uuml;r die Darstellung der zivilrechtlichen Fragen skizzierte Volker Lipp von der Universit&auml;t G&ouml;ttingen zun&auml;chst die rechtliche Struktur des Arzt-Patienten-Verh&auml;ltnisses. Ob, wann und wie lange bestimmte Behandlungen angewandt werden d&uuml;rfen, unterliege neben der &auml;rztlichen Indikation dem aktuellen Wunsch bzw. fr&uuml;heren Willenserkl&auml;rungen des Patienten. Lipp betonte, dass die Anwendung einer Patientenverf&uuml;gung im konkreten Fall meist mehrerer Interpretationen bed&uuml;rfe: einerseits m&uuml;sse erschlossen werden, welche Konsequenzen sich aus der (u.U. narrativ verfassten) Vorausverf&uuml;gung konkret f&uuml;r die vorliegende Situation ergeben. Au&szlig;erdem sei zu pr&uuml;fen, ob nach der Abfassung der Patientenverf&uuml;gung Indizien f&uuml;r eine &Auml;nderung des festgehaltenen Wunsches auszumachen sind. Schlie&szlig;lich ist zu entscheiden, ob die in der Patientenverf&uuml;gung beschriebenen Umst&auml;nde f&uuml;r einen Behandlungsabbruch vorliegen. F&acute;&frac14;r eine umfassende Vorsorge empfiehlt es sich deshalb, eine Patientenverf&uuml;gung mit einer Betreuungsverf&uuml;gung bzw. einer Vorsorgevollmacht zu kombinieren, um Problemen bei der Umsetzung der verf&uuml;gten Nicht-Behandlungsw&uuml;nsche vorzubeugen. F&uuml;r den rechtlichen Umgang mit Patientenverf&uuml;gungen beschrieb Lipp folgende Streitfragen:<br \/>&bull;&nbsp;Reichweitenfrage: In welchen Situationen wird ein in der Patientenverf&uuml;gung festgehaltener (Nicht-)Behandlungswunsch wirksam?<br \/>&bull;&nbsp;Beratungspflicht: Soll eine Patientenverf&uuml;gung nur wirksam werden, wenn ihr eine (&auml;rztliche) Beratung vorausgegangen ist?<br \/>&bull;&nbsp;Formerfordernis: Ist die Wirksamkeit der Patientenverf&uuml;gung an bestimmte Dokumentationsformen (schriftlich, notarielle Beglaubigung&#8230;) gebunden?<br \/>&bull;&nbsp;Position der Betreuer\/Bevollm&auml;chtigten: Welche Bindung an den Patientenwillen legt die Patientenverf&uuml;gung dem Betreuer bzw. Bevollm&auml;chtigten auf und wann ist eine Abweichung vom vorverf&uuml;gten Patientenwillen m&ouml;glich?<br \/>In seinem weiteren Vortrag widmete sich Lipp mit dem Problem des Patientenwohls vor allem auf dem letzten Punkt. Die Patientenautonomie sei nur dann gew&auml;hrleistet, so Lipp, wenn die Wohlgrenze m&ouml;glichst weit nach hinten verlagert werde: &#8222;Meiner Auffassung nach ist die Grenze des Wohls [des Patienten] hier wie folgt zu verstehen, dass dort die Wunschbefolgungspflicht endet, wo dieser Wunsch des Patienten krankheitsbedingt ist, das hei&szlig;t, gerade auf die Krankheit oder den Zustand zur&uuml;ckzuf&uuml;hren ist, wegen dessen die Betreuung eingerichtet, der Betreuer bestellt worden ist.&#8220;<br \/>In ihrem Kommentar betonte die Vertreterin des Bundesjustizministeriums, Andrea Mittelst&auml;dt, welcher Umbruch im Arzt-Patienten-Verh&auml;ltnis sich aus einer Reichweitenbegrenzung von Patientenverf&uuml;gungen ergebe. W&auml;re die Ablehnung einer (lebenserhaltenden) medizinischen Ma&szlig;nahme nur bei einer infausten Prognose verbindlich, w&uuml;rde dies die Patientenautonomie entscheidend einschr&auml;nken. Dem Arzt w&uuml;rde dadurch ein eigenst&auml;ndiges Behandlungsrecht einger&auml;umt, das dem (Nicht-)Behandlungswillen des Patienten &uuml;bergeordnet w&auml;re. F&uuml;r die &auml;rztlich indizierten Ma&szlig;nahmen best&uuml;nde damit eine Behandlungspflicht. &#8222;Bejaht man eine Behandlungspflicht &#8230; zwingt man den Patienten nicht nur, sich einem medizinischen Eingriff zu unterziehen, dem er sich nicht unterziehen will, sondern man zwingt ihn nat&uuml;rlich auch, die Risiken dieses Eingriffs zu tragen &#8230;&#8220;<br \/>&Uuml;ber diese grunds&auml;tzlichen Einw&auml;nde hinaus zeigen sich zahlreiche Schwierigkeiten f&uuml;r die praktische Umsetzung einer Reichweitenbegrenzung. Dazu griff Mittelst&auml;dt den Reichweitenvorschlag der Enquete-Kommission &#8222;Ethik und Recht der modernen Medizin&#8220; des Deutschen&nbsp; Bundestages auf. Diese hatte folgende Begrenzung vorgeschlagen: &#8222;Eine medizinisch indizierte oder &auml;rztlicherseits vorgeschlagene lebenserhaltende Ma&szlig;nahme darf nur abgelehnt werden, wenn das Grundleiden irreversibel ist und trotz medizinischer Behandlung nach &auml;rztlicher Erkenntnis zum Tode f&uuml;hren wird.&#8220; Anhand eines Schlaganfall-Patienten zeigte Mittelst&auml;dt, dass auch bei so objektiven Kriterien f&uuml;r eine Reichweitenbegrenzung letztlich kein Weg darum herum f&uuml;hre, den (mutma&szlig;lichen) Willen des Betroffenen zu ermitteln, auch wenn dies in manchen F&auml;llen schwierig oder im Einzelfall gar unm&ouml;glich sei.<br \/>Im dritten Referat der Tagung erl&auml;uterte Ulf K&auml;mpfer die verfassungsrechtlichen Spielr&auml;ume und Grenzen der Sterbehilfe. An den Anfang seines Vortrages stellte er dabei eine zentrale Frage, die jeder Patient an das Grundgesetz stelle: &#8222;Habe ich das Recht, &uuml;ber den Zeitpunkt meines Todes zu bestimmen?&#8220; In seinem Beitrag widmete sich K&auml;mpfer zwei Themen: Worin der grundrechtliche Schutzbereich bei einer Selbstbestimmung &uuml;ber den eigenen Tod bestehe und wie der mit dem Verbot aktiver Sterbehilfe verbundene staatliche Eingriff in dieses Grundrecht zu rechtfertigen sei.<br \/>Zur Frage des Schutzbereiches f&uuml;hrte K&auml;mpfer zun&auml;chst aus, dass der Schutz der Menschenw&uuml;rde (Artikel 1 Absatz 1 Grundgesetz) nicht den Kern des Eingriffs treffe: Die Verletzung der menschlichen W&uuml;rde bei ungewollten lebensverl&auml;ngernden Ma&szlig;nahmen bestehe ja nicht in den medizinischen Ma&szlig;nahmen selbst (weil diese per se menschenunw&uuml;rdig seien), sondern darin, dass sie gegen den Willen des Patienten erfolgen, dem Patienten die Selbstbestimmung verweigert werde. &#8222;Entscheidend f&uuml;r die Menschenw&uuml;rdigkeit medizinischer Behandlung ist also das Ma&szlig; des Respekts, der den W&uuml;nschen und Bed&uuml;rfnissen und damit der Selbstbestimmung des Patienten entgegengebracht wird.&#8220; Der Schutz vor ungewollten medizinischen Behandlungen erschlie&szlig;e sich daher &ndash; so K&auml;mpfer weiter &ndash; aus dem Recht auf k&ouml;rperliche Unversehrtheit (Artikel 2 Absatz 2 Grundgesetz). Der Gehalt dieses Grundrechtes werde h&auml;ufig auf den Schutz des eigenen Lebens, auf die Sicherstellung der k&ouml;rperlichen Unversehrtheit verk&uuml;rzt. Das Recht auf k&ouml;rperliche Unversehrtheit enthalte dar&uuml;ber hinaus aber auch einen Autonomieanspruch, der die Disposition &uuml;ber das eigene Leben einschlie&szlig;e. Daraus ergebe sich auch die M&ouml;glichkeit, dass der Anspruch auf k&ouml;rperliche Unversehrtheit und der Schutz des Lebens in ein Spannungsverh&auml;ltnis geraten k&ouml;nnen.<br \/>Was Menschen unter einem menschenw&uuml;rdigen Tod verstehen ist ebenso verschieden wie die Gr&uuml;nde, die dazu f&uuml;hren, ob, wann und wie jemand sterben will. Von Kritikern einer liberalen Sterbehilferegelung wird immer wieder hervorgebracht, dass sich Menschen aufgrund fehlender Zuwendung ihrer N&auml;chsten oder aus der Furcht heraus, niemandem zur Last fallen zu wollen, f&uuml;r eine vorzeitige Beendigung ihres Lebens entscheiden k&ouml;nnten. Nat&uuml;rlich ist diesen Kritikern darin zuzustimmen, dass alles getan werden muss, um zu vermeiden, dass Menschen in solche Zwangslagen geraten. Worin aber besteht die Alternative? Sollen &Auml;rzte, Angeh&ouml;rige oder Betreuer in einem solchen Fall entscheiden, dass derjenige aufgrund widriger Umst&auml;nde nicht sterben darf? K&auml;mpfer unterstrich den Anspruch, dass gem&auml;&szlig; der freiheitlichen Konzeption des Grundgesetzes die Entscheidung &uuml;ber den eigenen Tod &#8211; bei allen Widrigkeiten der Umst&auml;nde &#8211; beim Patienten verbleiben muss. Die allgemeine Verf&uuml;gungsfreiheit &uuml;ber das eigene Leben beinhalte auch die Entscheidungen dar&uuml;ber, ob, wann und wie jemand sterben wolle. Es geh&ouml;re zu den Merkmalen einer solchen Freiheitsordnung, dass diese auch die M&ouml;glichkeit beinhalte, in den Augen anderer unvern&uuml;nftige Entscheidungen zu treffen.<br \/>Im weiteren Verlauf widmete sich K&auml;mpfer einer verfassungsrechtlichen Pr&uuml;fung des gesetzlichen Verbots aktiver Sterbehilfe. Die zentrale Begr&uuml;ndung f&uuml;r ein Verbot der Sterbehilfe bestehe darin, dass nur so ein staatlicher Schutz vor ungewollter T&ouml;tung aufrecht zu erhalten sei. Nach einer Freigabe der Sterbehilfe &#8211; so wird auch immer wieder von Kritikern einer Legalisierung gewarnt &#8211; steige die Gefahr, dass das allgemeine Tabu der Fremdt&ouml;tung durchbrochen und die Zahl der T&ouml;tungsdelikte steigen k&ouml;nne, die dann m&ouml;glicherweise unter dem Deckmantel der Sterbehilfe stattfinden (&#8222;Dammbruch-Argument&#8220;). Um das generelle T&ouml;tungsverbot aufrecht zu erhalten und das Leben aller zu sch&uuml;tzen, m&uuml;sse deshalb am Verbot der Sterbehilfe (die nur f&uuml;r wenige in Frage komme) festgehalten werden. Zudem werde das Verbot der Sterbehilfe dadurch abgefedert, dass der assistierte Suizid straffrei sei.<br \/>Ob das Verbot der Sterbehilfe jedoch erforderlich ist, um den allgemeinen Schutz vor T&ouml;tungsdelikten sicher zu stellen, m&uuml;sste im Rahmen einer verfassungsrechtlichen Pr&uuml;fung empirisch ermittelt werden. Diese empirische Pr&uuml;fung f&uuml;hrte Ulf K&auml;mpfer in seinem Vortrag nicht aus. Zumindest f&uuml;r den Bereich der medizinischen Behandlungen zeigt sich bisher aber ein anderes Bild, als es die Warnungen vor einem Dammbruch vermuten lassen. Die Ergebnisse einer britischen Untersuchung [1] zeigen, dass in allen L&auml;ndern, die am Verbot der Sterbehilfe festhalten, h&auml;ufiger lebensbeendende medizinische Ma&szlig;nahmen ohne Zustimmung der Patienten vorgenommen werden, als dies in den L&auml;ndern mit erlaubter aktiver Sterbehilfe (wie in den Niederlanden) der Fall ist. Mit der Legalisierung der Sterbehilfe kann also auch eine gegens&auml;tzliche Entwicklung angesto&szlig;en werden, indem die Selbstbestimmung von Patienten nicht nur in der Sterbephase, sondern auch bei sonstigen medizinischen Behandlungen st&auml;rker ber&uuml;cksichtigt wird. Sollten sich derartige Ergebnisse durch weitere Untersuchungen manifestieren lassen, geh&ouml;rte das als notwendiger Preis des Schutzes vor T&ouml;tungsverbrechen deklarierte Verbot der Sterbehilfe unbedingt auf den Pr&uuml;fstand.<br \/>Mit seinem Kommentar wandte sich Oliver Tolmein von der verfassungsrechtlichen Debatte ab und forderte eine breite, politische Diskussion &uuml;ber die Rahmenbedingungen des w&uuml;rdevollen, selbstbestimmten Sterbens in unserer Gesellschaft. Er warnte davor, die Patientenautonomie auf die Formel &#8222;Jetzt ist Schluss!&#8220; zu begrenzen. Selbstbestimmung sei nicht nur ein Abwehrrecht sondern k&ouml;nne auch durch bessere Versorgungsm&ouml;glichkeiten erreicht werden. Als Beispiel nannte Tolmein den mit der j&uuml;ngsten Gesundheitsreform erreichten Anspruch der Patienten auf eine angemessene palliativmedizinische Versorgung.<br \/>Oliver Tolmein ist sicher darin zuzustimmen, dass jede individuelle Entscheidung &uuml;ber das Sterben in einem sozialpolitischen Umfeld stattfindet. Dessen (nicht vorhandene) Angebote f&uuml;r Pflege, Zuwendung und Betreuung sterbenskranker oder -williger Patienten beeinflusst deren Entscheidungen. W&auml;hrend des Vortrags beschlich einen jedoch der Eindruck, Tolmein wolle die sozialpolitische Gestaltung des Sterbeumfeldes gegen die Bedingungen einer selbstbestimmten Entscheidung ausspielen. Warum beides nicht miteinander zu verbinden sein soll, diese Antwort blieb er genauso schuldig wie die Diskutanten der anschlie&szlig;enden Podiumsdiskussion.<\/p>\n<p>[1] C. Seale (2006), National Survey of End-of-Life-Decisions&#8230; Palliative Medicine 20, pp.3-10<br \/>Die hier zitierten Vortr&auml;ge und Kommentare der Tagung &#8222;Die Freiheit zu sterben&#8220; k&ouml;nnen auf der Internetseite der Humanistischen Union geh&ouml;rt werden: <a href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/themen\/bioethik\/\">https:\/\/www.humanistische-union.de\/bioethik\/<\/a>.&nbsp;<\/p>\n<h5>Dokumentation:<\/h5>\n<p>Die Referate und Kommentare der Tagung wurden aufgezeichnet und k&ouml;nnen hier angeh&ouml;rt werden:<\/p>\n<p><b>Er&ouml;ffnung<\/b><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/2007.02_sterbehilfe0-1.wma\">Ralf F&uuml;cks<br \/>Prof. Dr. Rosemarie Will<\/a><\/p>\n<p><b>Strafrecht<\/b><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/2007.02_sterbehilfe1a-1.wma\">Prof. Dr. Torsten Verrel<\/a><br \/><a href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/2007.02_sterbehilfe1b-1.wma\">Dr. Till M&uuml;ller-Heidelberg<\/a><\/p>\n<p><b>Zivilrecht<\/b><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/2007.02_sterbehilfe2a-1.wma\">Prof. Dr. Volker Lipp<\/a><br \/><a href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/2007.02_sterbehilfe2b-1.wma\">Andrea Mittelst&auml;dt<\/a><\/p>\n<p><b>Verfassungsrecht<\/b><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/2007.02_sterbehilfe3a-1.wma\">Dr. Ulf K&auml;mpfer<\/a><br \/><a href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/2007.02_sterbehilfe3b-1.wma\">Dr. Oliver Tolmein<\/a><\/p>\n<p>Eine gedruckte Dokumentation zur Tagung ist erschienen und kann im <a href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/shop\/buecher\/\">Online-Shop <\/a>der Humanistischen Union bestellt werden.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":4278,"template":"","categories":[8],"tags":[767,751],"autoren":[139],"publikationen":[939],"class_list":["post-9453","publikation","type-publikation","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category-bioethik","tag-bioethik","tag-veranstaltungsberichte-audio","autoren-sven-lueders","publikationen-939"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Die Freiheit zu sterben - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/196\/publikation\/die-freiheit-zu-sterben\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Die Freiheit zu sterben - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Gro&szlig;es Medieninteresse an Fachtagung zu Sterbehilfe und Patientenverf&uuml;gung Mitteilungen 196, S. 14-17 Am 27. 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