{"id":9471,"date":"2006-12-14T21:50:00","date_gmt":"2006-12-14T20:50:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/der-permanente-einsatz-zur-wahrung-der-menschenrechte\/"},"modified":"2021-08-31T10:14:10","modified_gmt":"2021-08-31T08:14:10","slug":"der-permanente-einsatz-zur-wahrung-der-menschenrechte","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/195\/publikation\/der-permanente-einsatz-zur-wahrung-der-menschenrechte\/","title":{"rendered":"Der permanente Einsatz zur Wahrung der Menschenrechte"},"content":{"rendered":"<p>Robert Zagollas Pl&auml;doyer gegen die Folter<\/p>\n<p>Mitteilungen Nr. 195, S. 28-29<\/p>\n<div><span class=\"migrated-image\"><a href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/zagolla.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-4292 size-medium\" src=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/zagolla-284x450.jpg\" alt=\"Der permanente Einsatz zur Wahrung der Menschenrechte\" width=\"284\" height=\"450\" srcset=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/zagolla-284x450.jpg 284w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/zagolla-213x337.jpg 213w, https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/zagolla.jpg 315w\" sizes=\"auto, (max-width: 284px) 100vw, 284px\" \/><\/a><\/span><\/p>\n<p class=\"news-single-imgcaption\">\n<\/div>\n<p>Im 12. Bild seines Theaterst&uuml;cks &bdquo;Leben des Galilei&ldquo;, in der ber&uuml;hmten Ankleideszene, l&auml;sst Bertolt Brecht den Papst Urban VIII. (vormals Kardinal Barberini) einen Dialog mit dem Inquisitor f&uuml;hren. Der Papst weigert sich zun&auml;chst, Galilei durch Folter zum Widerruf seiner astronomischen Entdeckungen zu zwingen, ringt sich schlie&szlig;lich aber zu der Anweisung durch: &bdquo;Das Aller&auml;u&szlig;erste ist, dass man ihm die Instrumente zeigt.&ldquo; &bdquo;Das wird gen&uuml;gen, Eure Heiligkeit&ldquo;, sagt daraufhin der Inquisitor, denn er wei&szlig;: &bdquo;Herr Galilei versteht sich auf Instrumente.&ldquo; Mit einer solchen Drohung oder gar durch die Anwendung der Folter kann man jede Person zu jedem Gest&auml;ndnis zwingen, lautet die Hypothese, und zwar nicht nur einen &bdquo;Genussmenschen&ldquo; wie Galilei, der den &bdquo;k&ouml;rperlichen Schmerz f&uuml;rchtet.&ldquo; Jahre sp&auml;ter kommt Galilei in Brechts St&uuml;ck zu der Erkenntnis, dass er &bdquo;niemals in wirklicher Gefahr schwebte&ldquo;: &bdquo;H&auml;tte ich widerstanden, h&auml;tten die Naturwissenschaftler etwas wie den hippokratischen Eid der &Auml;rzte entwickeln k&ouml;nnen, das Gel&ouml;bnis, ihr Wissen einzig zum Wohle der Menschheit anzuwenden!&ldquo; Stattdessen hat er sein Wissen &bdquo;den Machthabern (&uuml;berliefert), es zu gebrauchen, es nicht zu gebrauchen, es zu missbrauchen, ganz wie es ihren Zwecken diente.&ldquo; In der Tat l&auml;sst sich leicht nachweisen, dass die durch den Einsatz von Folterinstrumenten erzwungenen Gest&auml;ndnisse verh&auml;ngnisvoll bzw. wertlos sind. Robert Zagolla geht in seinem Buch &bdquo;Im Namen der Wahrheit&ldquo; auf den Fall Galilei nicht ein, sondern besch&auml;ftigt sich ausschlie&szlig;lich mit der Folter in Deutschland. Die Geschichte der Folter endet hier nicht mit ihrer Abschaffung per Dekret im 18. und 19. Jahrhundert. 1740 verbot beispielsweise Friedrich II. von Preu&szlig;en die Tortur, allerdings nicht ohne Ausnahmen zu machen bei Majest&auml;tsverbrechen, Landesverrat und &bdquo;gro&szlig;en Mordtaten&ldquo;. Das hei&szlig;t, die Abschaffung wurde gr&ouml;&szlig;tenteils nur auf dem Papier vollzogen, in der Wirklichkeit wurde weiter gefoltert. Robert Zagolla stellt am Ende seines Buchs die Frage: &bdquo;Was lehrt nun der historische &Uuml;berblick?&ldquo; Seine Antwort: &bdquo;Vor allem eins: Folter ist kein Ph&auml;nomen, das irgendwann auf gleichsam naturgesetzlichem Weg verschwunden ist, sondern eins, das &uuml;berwunden wurde und das immer wieder neu &uuml;berwunden werden muss.&ldquo; Den Ansto&szlig; zu dem Buch gab der &bdquo;Fall Daschner&ldquo;, durch den &bdquo;die Gewissheit, dass die Geschichte der Folter in Deutschland endg&uuml;ltig zu Ende ist&ldquo;, ins Wanken geriet: &bdquo;Im Jahr 2002 drohte die Frankfurter Kriminalpolizei einem Entf&uuml;hrer mit der Anwendung von Folter, um zu erfahren, wohin er sein Opfer verschleppt hatte. Der Polizeivizepr&auml;sident Wolfgang Daschner, der diese Drohung angeordnet hatte, ging davon aus, dass der Junge in seinem Versteck zu ersticken oder zu verdursten drohte, wenn er nicht bald befreit w&uuml;rde. In Wirklichkeit hatte der Entf&uuml;hrer ihn aber bereits kurz nach der Tat ermordet. In Umfragen zeigten &uuml;ber 60 Prozent der Deutschen zustimmendes Verst&auml;ndnis f&uuml;r die Entscheidung Daschners. (&#8230;) Die Anwendung von &#8218;Rettungsfolter&#8216; durch deutsche Sicherheitskr&auml;fte ist seither, zumindest in der Theorie, kein Tabu mehr. Immer wieder setzen einzelne Politiker und Juristen (bedacht oder unbedacht) Diskussionen &uuml;ber dieses Thema in Gang. In dieser Situation lohnt es sich, noch einmal den Spuren der Folter in Deutschland von den Anf&auml;ngen bis heute nachzugehen.&ldquo; Zagolla bleibt in seiner Darstellung der Geschichte der Folter in Deutschland zur&uuml;ckhaltend und objektiv. Auf keinen Fall m&ouml;chte er mit seinem Buch voyeuristische Gel&uuml;ste befriedigen (was er anhand entsprechender Aufmachung und Darbietung der Exponate dem einen oder anderen Hexen- und Foltermuseum vorwirft). Er beschreibt seine Intention so: &bdquo;Trotz des provokanten Untertitels &#8218;Folter in Deutschland vom Mittelalter bis heute&#8216; soll in diesem Buch weder der Untergang der zivilisierten Rechtskultur beschworen, noch die Bundesrepublik Deutschland als Folterstaat gebrandmarkt werden&ldquo;. Kenntnisreich gibt er einen &Uuml;berblick &uuml;ber die Geschichte der Folter. Er beschreibt anhand der Dokumente, wie die Folter aus dem r&ouml;mischen Recht hervorgegangen ist, in dem sie als &bdquo;k&ouml;rperliches Leiden und Schmerzen definiert wurde, die eingesetzt werden, um die Wahrheit herauszubekommen&ldquo;. Sie wurde in der Antike nur gegen Sklaven und K&ouml;nigsm&ouml;rder angewandt. Der Kreis der Betroffenen wurde dann aber ab dem 14. Jahrhundert enorm erweitert. Das &bdquo;Ende der Privilegien&ldquo; war im 15. Jahrhundert angesagt, ab dem die &bdquo;Folter f&uuml;r alle&ldquo; gelten konnte. Eingehend werden die Praktiken der Inquisition, die Hexenprozesse und auch die Judenpogrome dargestellt. Letztere wurden zumeist mit dem Vorwurf der &bdquo;Brunnenvergiftung&ldquo; begr&uuml;ndet. Die Hexenverfolgungen werden recht ausf&uuml;hrlich geschildert, vielleicht auch deshalb, weil der Autor &uuml;ber dieses Thema promoviert hat. Aber hier h&auml;tte er sich sicherlich k&uuml;rzer fassen k&ouml;nnen, denn dieses Thema &bdquo;aus der Zeit der Verzweiflung&ldquo; (so lautet der Titel einer von Helmut Brackert und anderen herausgegebenen Studie) ist von den Medi&auml;visten, vor allem auch von den Literaturwissenschaftlern, bereits eingehend erforscht worden. Interessant ist in diesem Zusammenhang aber Zagallos Nachweis, dass die Folter mit der Eisernen Jungfrau eine Legende und die Folter insgesamt kein &bdquo;besonderes Wesensmerkmal des Mittelalters&ldquo; ist: &bdquo;Wenn es n&auml;mlich &uuml;berhaupt eine &#8218;klassische&#8216; Zeit der Folter gab, dann lag sie in der Zeit zwischen Reformation und Franz&ouml;sischer Revolution, in jener Zeit also, die Historiker in Ermangelung eines besseren Begriffs als Fr&uuml;he Neuzeit bezeichnen.&ldquo; Vom &bdquo;finsteren Mittelalter&ldquo; &uuml;ber die Reformation und das Zeitalter der Aufkl&auml;rung werden bis zur halbherzigen Abschaffung der Folter im 18. und 19. Jahrhundert die Praktiken und die Argumente der Juristen, Menschenrechtler und Politiker f&uuml;r und gegen die Folter zusammengetragen. Exemplarisch und ausf&uuml;hrlich zeigt Zagolla das Vorgehen der Richter und Folterknechte und die Wirkungsweise der Folterpraktiken anhand der Person des Cornelius Eisenfresser aus dem Jahr 1705 auf, dem vorgeworfen wurde, einen Barbiergesellen in einem Duell erstochen zu haben. Er bilanziert den Fall so: &bdquo;In einem Fall wie dem des Cornelius Eisenfresser wird sogar der heutige Betrachter geneigt sein, die Anwendung der Folter zumindest der Sache nach f&uuml;r gerechtfertigt zu halten, auch wenn die moralische Bewertung vielleicht anders ausf&auml;llt. Offensichtlich traf die Folter hier einen Schuldigen, der sonst seiner Bestrafung entgangen w&auml;re. Aber wie verhielt es sich in anderen F&auml;llen, in denen die Sache nicht ganz so klar auf der Hand lag? Was, wenn der Richter nicht so gerecht und die Sch&ouml;ffen nicht ganz so redlich waren?&ldquo; In einem kurzen Streifzug durch die Literatur (der Romantik) zeigt der Autor auf, wie die Folter in Romanen und Theaterst&uuml;cken dargestellt wurde. Im Kapitel &bdquo;Vom Kaiserreich zur Weimarer Republik&ldquo; stellt er unter anderem dar, wie in den Kolonien gefoltert wurde. Das &bdquo;nationalsozialistische Rechtsempfinden&ldquo; f&uuml;hrte zur R&uuml;ckkehr der Folter im Dritten Reich, wobei f&uuml;r die Gestapo neue Folter-Regeln ausgearbeitet worden sind. Bei der Untersuchung der &bdquo;Grauzone im Stasi- Knast&ldquo; r&uuml;ckt der Autor den &bdquo;schmalen Grat zwischen Misshandlung und Folter&ldquo; in den Mittelpunkt. Schlie&szlig;lich geht er in den Schlusskapiteln den Fragen &bdquo;Folter im Rechtsstaat?&ldquo; und &bdquo;Folter heute&ldquo; nach und versucht zu bilanzieren, &bdquo;was die Geschichte lehrt.&ldquo; Die brisanten Vorg&auml;nge bei der Isolationshaft der RAF-Terroristen werden leider nur gestreift, zuden umstrittenen Anschuldigungen im Zusammenhang mit ihrem Tod nimmt er nicht Stellung. Ausf&uuml;hrlich und aufschlussreich sind hingegen seine Ausf&uuml;hrungen zum Fall Daschner. Dieses Kapitel sollte Pflichtlekt&uuml;re nicht allein f&uuml;r Juristen und Politiker werden, denn schlie&szlig;lich &bdquo;hat die Diskussion um die Folter l&auml;ngst das Forum der Fachliteratur verlassen und wurde zu einer &ouml;ffentlichen Angelegenheit.&ldquo; Die Stellungnahme des Journalisten Heribert Prantl, die Robert Zagolla zitiert, sollte jeder kennen und bei seinen eigenen &Uuml;berlegungen zum Thema Folter ber&uuml;cksichtigen: &bdquo;Der Rechtsstaat ist ein Rechtsstaat, wenn und weil er sich bestimmte Methoden verbietet. Ansonsten m&uuml;sste man demn&auml;chst ein &#8218;Rettungsfoltergesetz&#8216; erlassen wie folgt: &#8218;Wenn mit Folter ein Mensch gerettet werden kann, darf ein bisschen gefoltert werden. Sind zehn Menschen bedroht, darf die Folter massiver ausfallen. Wird eine ganze Stadt oder ein ganzes Land bedroht, ist die ganz gro&szlig;e Folter erlaubt.&#8216; Indes: Ein Rechtsstaat foltert nicht. Aber davon ist die aufgekl&auml;rte Gesellschaft von heute &auml;hnlich schwer zu &uuml;berzeugen wie vor 200 Jahren die Majest&auml;ten.&ldquo; Zagolla gibt zu bedenken: &bdquo;Auch wenn in Entf&uuml;hrungsf&auml;llen das Mitleid mit dem unschuldigen Opfer den Wunsch nach Folterung des T&auml;ters wach ruft: K&ouml;nnen wir uns eine Polizei w&uuml;nschen, die im Zweifelsfall foltern darf? Werden nicht immer wieder Zweifelsf&auml;lle auftauchen? Wird man nicht in Versuchung kommen, auch g&auml;nzlich Unschuldige zu foltern, wenn sie den mutma&szlig;lichen Aufenthaltsort eines Verbrechers kennen? Was passiert aber mit den Folterern, wenn sich das Verbrechensopfer gar nicht in Lebensgefahr befand, oder wenn die Aussage des Verd&auml;chtigen falsch war, oder wenn es sich vielleicht gar nicht um den wahren T&auml;ter handelte? Wie werden solche F&auml;lle rechtlich beurteilt, und wie wird ein Beamter psychologisch betreut, der m&ouml;glicherweise einen unschuldigen Menschen gepr&uuml;gelt oder auf andere Weise gequ&auml;lt hat?&ldquo; Angesichts der ge&auml;nderten Umfragewerte und der Zustimmung der Mehrheit zur Anwendung der Folter nach dem &bdquo;Fall Daschner&ldquo; war es dringend notwendig, eine solche Studie vorzulegen. Robert Zagolla hat also ein wichtiges Thema bearbeitet. Erfreulich ist, dass er eindeutig Stellung bezieht, aber nicht einseitig argumentiert. Das Buch gewinnt dadurch ungemein an &Uuml;berzeugungskraft.<\/p>\n<p>Erhard J&ouml;st<\/p>\n<p><i>Robert Zagolla: Im Namen der Wahrheit. Folter in Deutschland vom Mittelalter bis heute. be.bra-verlag Berlin 2006, 239 Seiten ISBN 3-89809-067-1 22 Euro<\/i><\/p>\n","protected":false},"featured_media":4292,"template":"","categories":[],"tags":[842,791],"autoren":[601],"publikationen":[918],"class_list":["post-9471","publikation","type-publikation","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","tag-folter","tag-rezension","autoren-erhard-joest","publikationen-918"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Der permanente Einsatz zur Wahrung der Menschenrechte - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/195\/publikation\/der-permanente-einsatz-zur-wahrung-der-menschenrechte\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Der permanente Einsatz zur Wahrung der Menschenrechte - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Robert Zagollas Pl&auml;doyer gegen die Folter Mitteilungen Nr. 195, S. 28-29 Im 12. 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