{"id":9521,"date":"2006-03-28T09:09:00","date_gmt":"2006-03-28T07:09:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/journalistische-interventionen\/"},"modified":"2006-03-28T12:00:00","modified_gmt":"2006-03-28T10:00:00","slug":"journalistische-interventionen","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/192\/publikation\/journalistische-interventionen\/","title":{"rendered":"Journalistische Interventionen"},"content":{"rendered":"<p>Interview mit dem neuen Redakteur der vorg\u00e4nge, Dieter Rulff<\/p>\n<p>Mitteilungen Nr. 192, S.22-23<\/p>\n<p>F\u00fcr seine West-Berliner Sendung &#132;Radio Glasnost&#8220; lie\u00df Dieter Rulff unter abenteuerlichen Bedingungen Schriften von DDR-B\u00fcrgerrechtlern \u00fcber die Grenze schmuggeln, um der im Westen weitgehend unbekannten B\u00fcrgerbewegung eine Stimme zu geben. Sp\u00e4ter kommentierte er bei der taz und der Hamburger Zeitung Die Woche das politische Geschehen in der Bundesrepublik. Nun \u00fcbernimmt der 53-J\u00e4hrige die Redaktionsleitung der Zeitschrift vorg\u00e4nge. Sein erkl\u00e4rtes Ziel auch diesmal: Intervenieren. Mit dem Berliner Journalisten sprach Antje Wegwerth.<\/p>\n<p>AW: Die zur\u00fcckliegenden 15 Jahre Ihrer beruflichen Biografie im Schnelldurchlauf: Ab 1991 Redakteur und politischer Kommentator der taz, dann Wechsel zu Die Woche, wo Sie das Ressort Politik leiten. Im M\u00e4rz 2002 wird Die Woche eingestellt, Sie arbeiten als freier Journalist f\u00fcr \u00fcberregionale Zeitungen.<\/p>\n<p>DR: Ja, von FAZ bis taz.<\/p>\n<p>AW: Ende des vergangenen Jahres dann das Angebot, den Redakteursposten der viertelj\u00e4hrlich erscheinenden vorg\u00e4nge zu \u00fcbernehmen. Haben Sie gleich &#132;Ja&#8220; gesagt?<\/p>\n<p>DR: Ja. Ich habe mich sehr gefreut, dass dieses Angebot an mich herangetragen wurde.<\/p>\n<p>AW: Warum?<\/p>\n<p>DR: Aus zwei Gr\u00fcnden. Der eine sind die vorg\u00e4nge selbst, die ich f\u00fcr ein sehr gutes, themenzentriertes, aber auch breit politisch angelegtes Blatt halte. Der zweite Grund: Es passt zu meinem Arbeitsrhythmus. Ich kann mich sozusagen voll darauf einlassen.<\/p>\n<p>AW: Sie wollen parallel weiter als freier Journalist arbeiten?<br \/><i>DR:<\/i> Ich werde nebenher wahrscheinlich das eine oder andere frei schreiben. Zumal die Themen\u00fcberschneidungen da sind.<\/p>\n<p>AW: In der Vergangenheit haben Sie vielfach \u00fcber die Entwicklung der bundesdeutschen Parteien geschrieben.<\/p>\n<p>DR: Die bundesdeutschen Parteien sind eine meiner Leidenschaften. Ich befasse mich in letzter Zeit allerdings mehr mit den gesellschaftlichen Hintergr\u00fcnden, auf denen Politik stattfindet. Das ist im Moment sogar noch spannender als das, was in den Parteien passiert.<\/p>\n<p>AW: Wird das ein programmatischer Schwerpunkt der vorg\u00e4nge werden?<\/p>\n<p>DR: Das war es auch schon in der Vergangenheit und das wird es weiterhin geben. Ich denke zum Beispiel an die Tendenzen zur Exklusion innerhalb der Gesellschaft, die nicht mit den fr\u00fcheren Begriffen von Randst\u00e4ndigkeit oder Unterschichten gleichzusetzen sind, sondern sehr viel weitgehender in die Gesellschaft, also auch in h\u00f6here, vermeintlich sozial sichere Gruppen eingreifen und dort f\u00fcr erhebliche Reibungen sorgen. Wie man dem begegnet, welche Abwehrstrategien es gibt, das ist eine Diskussion, die in Deutschland erst am Anfang ist. Dort meinungsbildend t\u00e4tig zu werden, ist sicher auch eine Aufgabe der vorg\u00e4nge.<\/p>\n<p>AW: Haben Sie ein konkretes Themenheft vor Augen?<\/p>\n<p>DR: Ich k\u00f6nnte mir vorstellen, zu der Frage der Ausgeschlossenen der Gesellschaft ein Schwerpunktheft zu machen. Weitere Themen, die ich gleicherma\u00dfen spannend finde, sind die Folter, oder was sehr nahe liegt, die Frage der Selbstbestimmung des Menschen am Ende oder auch am Anfang seines Lebens. Was begrenzt das Leben? Und vor allem: Wer begrenzt es? Das sind gerade in einer \u00e4lter werdenden Gesellschaft Probleme, mit denen jeder konfrontiert ist.<\/p>\n<p>AW: In der n\u00e4chsten Ausgabe der vorg\u00e4nge geht es um eine weitere, aktuelle gesellschaftspolitische Debatte: &#132;Religion und moderne Gesellschaft&#8220;. Ein brennendes Thema, das jetzt durch den Karikaturenstreit an Brisanz gewonnen hat. Wird der Karikaturenstreit im Heft aufgegriffen?<\/p>\n<p>DR: Soweit ich wei\u00df nicht. Die Themenfindung war vor meiner Zeit. Hier gab es wohl eine nicht beabsichtigte Koinzidenz zwischen der Themensetzung und dem Karikaturenstreit.<\/p>\n<p>AW: Ihr Vorg\u00e4nger, Alexander Cammann, hat sich um Texte von bekannten Pers\u00f6nlichkeiten bem\u00fcht, die Experten auf ihrem Gebiet sind, aber nicht unbedingt Journalisten. Wie wollen Sie es machen?<\/p>\n<p>DR: Ich achte darauf, dass die Autoren bekannt sind und ihr Ansatz lesenswert und originell ist. Nat\u00fcrlich sollte der Autor auch auf eine Art und Weise schreiben k\u00f6nnen, die f\u00fcr jemanden, der nicht vom Fach ist, verst\u00e4ndlich ist. Das ist bei wissenschaftlichen Texten manchmal schwierig.<\/p>\n<p>AW: Blickt man etwas weiter in Ihrer Biografie zur\u00fcck, f\u00e4llt auf, dass Sie erst sp\u00e4t zum Journalismus gefunden haben. Nach Ihrem Politikstudium arbeiteten Sie zun\u00e4chst in einer Drogenberatungsstelle. Dann folgte etwas sehr Spannendes: Sie haben das West-Berliner Radio 100 mitbegr\u00fcndet und waren verantwortlicher Redakteur der Sendung Radio Glasnost, die B\u00fcrgerrechtlern der DDR schon zwei Jahre vor dem Mauerfall ein Forum geboten hat. Wie kam es zu dieser Idee?<\/p>\n<p>DR: Die Idee war gleichzeitig naheliegend und fern. Naheliegend insofern, als das Radio nat\u00fcrlich das ideale Medium war, das Anliegen der B\u00fcrgerbewegungen einem breiten Publikum in der DDR zu vermitteln. Fern war die Idee, weil die Mauer noch stand und es zun\u00e4chst ungewohnt war, ein Verh\u00e4ltnis zu dieser Bewegung zu haben. Ich bin dann im Laufe der Arbeit der B\u00fcrgerbewegung mit all ihren Problemen und Impulsen, die sie in sich trug, n\u00e4her gekommen. Das Produzieren war nat\u00fcrlich schwierig, weil ich die Absender der Beitr\u00e4ge, die bei uns ankamen, teilweise nicht kannte.<\/p>\n<p>AW: Die kamen per Post?<\/p>\n<p>DR: Die kamen nicht per Post. Die kamen auf verschiedenen Wegen zu uns.<\/p>\n<p>AW: \u00dcber Mittelsleute?<\/p>\n<p>DR: \u00dcber Mittelsleute, \u00fcber diverse Transporteure. Wir haben garantiert, dass wir die Beitr\u00e4ge, so, wie wir sie bekommen, auch abstrahlen, ohne eine irgendwie geartete inhaltliche Zensur. Was manchmal, das muss man dazu sagen, auf Kosten der H\u00f6rbarkeit ging. Aber das war die Grundlage der Zusammenarbeit. Uns gegen\u00fcber bestand nat\u00fcrlich auch das Misstrauen, wir w\u00fcrden die Sachen nicht so senden, wie es intendiert war.<\/p>\n<p>AW: Kam dieses Misstrauen aus der Erfahrung mit der Zensur in der DDR?<\/p>\n<p>DR: Nein, man kannte in der DDR so eine Art der Zusammenarbeit nicht. Es war eine Zusammenarbeit zwischen Unbekannten. Die kannten uns nicht pers\u00f6nlich und wir kannten sie nicht. Viele, deren Positionen wir gesendet haben, habe ich erst nach dem Fall der Mauer pers\u00f6nlich kennen gelernt, etwa Reinhard Schult oder Wolfgang Templin. Insofern war es ein blindes Vertrauen, was man zueinander hatte.<\/p>\n<p>AW: Die Beitr\u00e4ge waren auch anonymisiert? Sie wussten nicht, von wem die Beitr\u00e4ge waren, die gesendet wurden?<\/p>\n<p>DR: Wir wussten jeweils, dass die Quellen sicher waren. Wir mussten uns nat\u00fcrlich absichern, dass uns nicht irgendwelches Material der Stasi zugespielt wurde. Das war garantiert. Von daher kannten wir \u00fcber Mittelsleute auch immer die Quellen.<\/p>\n<p>AW: Stellten Sie in dieser Zeit f\u00fcr sich fest, dass Journalismus genau das ist, was Sie m\u00f6chten?<\/p>\n<p>DR: Das war ja nun eine ganz spezielle Form des Journalismus, die wir betrieben haben. Ich fand es eine der besten und spannendsten, die ich je gemacht habe, mit der klaren politischen Intention, die B\u00fcrgerbewegung in der DDR zu st\u00e4rken. Was vor 1989 im Westen keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit war.<\/p>\n<p>AW: Auch Ihre heutige Arbeit hat eine starke politische Intention. Sie sind jemand, der Ereignisse nicht nur wertneutral begleiten und beschreiben will, sondern kommentiert, meinungsbildend wirken m\u00f6chte.<\/p>\n<p>DR: Es ist eine der Attraktivit\u00e4ten des Journalismus, dass man damit intervenieren kann. Nat\u00fcrlich in der passenden Form, nicht in Nachrichtentexten, sondern in Kommentaren und Essays.<\/p>\n<p>AW: Das planen Sie in den vorg\u00e4nge-Heften weiterzuf\u00fchren?<\/p>\n<p>DR: Ich begreife die vorg\u00e4nge als Zeitschrift, die auf reflektierte Art und Weise Position zu gesellschaftspolitischen Themen beziehen will, die gute Texte zur Verf\u00fcgung stellt, auf deren Basis sich jeder \u00fcber einen Sachverhalt eine eigene Position erarbeiten kann.<\/p>\n<p>AW: Vielen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[797,770],"autoren":[1637],"publikationen":[942],"class_list":["post-9521","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-publikationen-ankuendigungen","tag-verbandsnachrichten","autoren-antje-wegwerth","publikationen-942"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Journalistische Interventionen - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/192\/publikation\/journalistische-interventionen\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Journalistische Interventionen - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Interview mit dem neuen Redakteur der vorg\u00e4nge, Dieter Rulff Mitteilungen Nr. 192, S.22-23 F\u00fcr seine West-Berliner Sendung &#132;Radio Glasnost&#8220; lie\u00df Dieter Rulff unter abenteuerlichen Bedingungen Schriften von DDR-B\u00fcrgerrechtlern \u00fcber die Grenze schmuggeln, um der im Westen weitgehend unbekannten B\u00fcrgerbewegung eine Stimme zu geben. 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