{"id":9525,"date":"2005-12-15T18:50:00","date_gmt":"2005-12-15T17:50:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/buergerrechtsarbeit-in-zeiten-der-grossen-koalition\/"},"modified":"2021-08-31T10:14:02","modified_gmt":"2021-08-31T08:14:02","slug":"buergerrechtsarbeit-in-zeiten-der-grossen-koalition","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/191\/publikation\/buergerrechtsarbeit-in-zeiten-der-grossen-koalition\/","title":{"rendered":"B\u00fcrgerrechtsarbeit in Zeiten der gro\u00dfen Koalition"},"content":{"rendered":"<p>Mitteilungen Nr. 191, S.1-2<\/p>\n<p>Die gro&szlig;e Koalition ist gebildet, die Vereinbarungen dazu zwischen SPD und CDU\/CSU liegen auf dem Tisch. Was bedeuten sie f&uuml;r unsere Arbeit in den n&auml;chsten vier Jahren? Zun&auml;chst sind die Festlegungen der Koalitionsvereinbarungen nicht einfach die &uuml;blichen politischen Ank&uuml;ndigungen. Hinter ihnen steht im Bundestag eine Zweidrittelmehrheit f&uuml;r notwendige Verfassungs&auml;nderungen. Auch im Bundesrat fehlen f&uuml;r die Zweidrittelmehrheit zur Verfassungs&auml;nderung nur die Stimmen der FDP in den jeweils schwarz-gelb regierten Bundesl&auml;ndern. Der Kampf um Verteidigung und Erweiterung der Grundrechte kann deshalb sehr schnell ein Kampf gegen den Abbau der im Grundgesetz garantierten Rechte und rechtsstaatlichen Standards werden.<\/p>\n<p>Seit dem 11. September 2001 und den darauf folgenden Antiterrorgesetzen hat sich der staatliche Sicherheitsbegriff stark ver&auml;ndert. Die Grenzen zwischen innerer und &auml;u&szlig;erer Sicherheit werden aufgehoben. Diese Ver&auml;nderungen werden meines Erachtens am deutlichsten am Luftsicherheitsgesetz, das am 15. Januar 2005 in Kraft getreten ist. In &sect; 14 Absatz 3 erlaubt es der Bundeswehr den Abschuss eines Flugzeuges, wenn davon auszugehen ist, dass das Flugzeug gegen das Leben von Menschen eingesetzt werden soll. Zum ersten Mal wird das Leben unbeteiligter Dritter zur Gefahrenabwehr geopfert. Der Bundesminister der Verteidigung, der den Befehl zum Abschuss gibt, muss Leben gegen Leben abw&auml;gen. Auch die Trennung von polizeilichen und milit&auml;rischen Aufgaben wird bei dieser Gelegenheit aufgegeben. Der Einsatz der Bundeswehr in diesem Fall wirft zudem die Frage auf, ob der Einsatz nach den Vorgaben von Art. 87 a Grundgesetz verfassungsgem&auml;&szlig; ist. Danach d&uuml;rfen Streitkr&auml;fte au&szlig;er zur Verteidigung nur eingesetzt werden, soweit es das Grundgesetz ausdr&uuml;cklich zul&auml;sst. Diese im Luftsicherheitsgesetz deutlich werdenden Tendenzen der Aufgabe von wesentlichen Grundrechtspositionen unbeteiligter Dritter, hier Leben und Menschenw&uuml;rde, der zunehmende Einsatz der Bundeswehr im Inneren, die Vermischung von polizeilichen und milit&auml;rischen Befugnissen, die Zentralisierung der Entscheidungsgewalt bei der Gefahrenabwehr unter Berufung auf die Terrorbek&auml;mpfung sind die wesentlichen zu beobachtenden Tendenzen der neuen Sicherheitspolitik. Hinzu kommt an anderer Stelle noch die Aufhebung der Trennung von Polizei und Geheimdiensten.<\/p>\n<p>Das Luftsicherheitsgesetz wird gegenw&auml;rtig vom Bundesverfassungsgericht auf seine Verfassungsm&auml;&szlig;igkeit gepr&uuml;ft. Nach der m&uuml;ndlichen Verhandlung am 9. November 2005 wird eine Entscheidung im M&auml;rz n&auml;chsten Jahres erwartet. Im Koalitionsvertrag hei&szlig;t es dazu: &bdquo;Wir werden nach der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zum Luftsicherheitsgesetz pr&uuml;fen, ob und inwieweit verfassungsrechtlicher Regelungsbedarf besteht.&#8220;<\/p>\n<p>Daran wird deutlich, dass die Koalition bereit ist, ihre Sicherheitspolitik unter Verletzung bzw. Einschr&auml;nkung und R&uuml;cknahme von Grundrechten fortzusetzen. Dass es dabei nicht um eine vereinzelte Tendenz, sondern um einen grundlegenden Zug k&uuml;nftiger Sicherheitspolitik geht, macht auch eine Reihe anderer wichtiger Vereinbarungen deutlich. Damit Bund und L&auml;nder weitergehende rechtliche Befugnisse f&uuml;r eine gemeinsame Bek&auml;mpfung des Terrors erhalten, ist beabsichtigt,<\/p>\n<ul>\n<li>\n<div align=\"justify\">schnellstm&ouml;glich ein Gesetz zur Errichtung einer gemeinsamen Datei von Polizeibeh&ouml;rden und Geheimdiensten (Anti-Terror-Datei) zu schaffen. Zur&uuml;ckgegriffen werden soll dabei auf einen Vorschlag der Innenministerkonferenz. Dieser sieht eine Volltextdatei und keine Indexdatei vor. Gespeichert werden sollen Namen und Alias-Namen von Verd&auml;chtigen, Alter, Anschrift, Bankverbindungen, Telekommunikation und Unternehmen, mit denen sie in Verbindung stehen. In dieser Datei w&uuml;rden die Erkenntnisse von Bundeskriminalamt und Landeskriminal&auml;mtern, der Verfassungsschutzbeh&ouml;rden, des Milit&auml;rischen Abschirmdienstes, des Bundesnachrichtendienstes und der Zollkriminal&auml;mter zusammenkommen.<\/div>\n<\/li>\n<li>\n<div align=\"justify\">dem Bundeskriminalamt Pr&auml;ventivbefugnisse zu &uuml;bertragen<\/div>\n<\/li>\n<li>\n<div align=\"justify\">die Regelungen des Datenschutzes insoweit zu &uuml;berpr&uuml;fen, als sie einer &bdquo;effektiven Bek&auml;mpfung des Terrorismus und der Kriminalit&auml;t&#8220; entgegenstehen.<\/div>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>Der repressive Grundzug der vereinbarten Sicherheitspolitik findet sich bei den geplanten &Auml;nderungen des Strafrechts. Der Schutz vor gef&auml;hrlichen Straft&auml;tern soll verbessert werden durch &Auml;nderungen im Bereich des Ma&szlig;regelvollzugs. Die nachtr&auml;gliche Sicherheitsverwahrung soll auch bei Straft&auml;tern verh&auml;ngt werden k&ouml;nnen, die nach dem Jugendstrafrecht verurteilt wurden. Auch soll die Kronzeugenregelung wieder eingef&uuml;hrt werden. Es wird gepr&uuml;ft, ob Absprachen im Strafrecht geregelt werden sollen. &Uuml;ber die geplante grundlegende Reform des Sexualstrafrechts findet sich im Koalitionsvertrag noch wenig. Es steht aber zu bef&uuml;rchten, dass es nicht um eine Liberalisierung geht, sondern dass eine Versch&auml;rfung geplant ist.<\/p>\n<p>Was ist jenseits der Sicherheitspolitik f&uuml;r die Themenfelder unserer B&uuml;rgerrechtsarbeit vereinbart worden? Die EU-Gleichbehandlungsrichtlinien sollen, das ist &uuml;berf&auml;llig, in nationales Recht umgesetzt werden. Nachdem die Opposition der letzten Legislaturperiode mit Kr&auml;ften dagegen angek&auml;mpft hat, wird es nun darauf ankommen, wie auch wir uns f&uuml;r den vorliegenden Gesetzentwurf einsetzen werden. &Auml;hnliches gilt f&uuml;r das Thema Patientenverf&uuml;gung und Rechtsberatung. In der Koalitionsvereinbarung hei&szlig;t es nur, dass die Diskussion &uuml;ber eine gesetzliche Absicherung der Patientenverf&uuml;gung fortgef&uuml;hrt und abgeschlossen wird. Wir hatten uns f&uuml;r die Regelungen zur Patientenverf&uuml;gung, die das Betreuungsgesetz vorsah, stark gemacht. Es h&auml;tte die Linie unserer Patientenverf&uuml;gung weitergef&uuml;hrt. Ob die schon diskutierten Regelungen nun kommen und wir diesen Teil unserer Arbeit fortf&uuml;hren k&ouml;nnen mit Aktionen zur Liberalisierung von &sect; 216 StGB, bleibt abzuwarten. Nichts zu erwarten ist von der geplanten Reform der Rechtsberatung. Nach der Koalitionsvereinbarung soll sie die Qualit&auml;t der anwaltlichen Beratung sichern. Damit w&auml;ren Forderungen, wie sie Helmut Kramer diesbez&uuml;glich auch in unserem Namen erhebt, keineswegs abgedeckt.<\/p>\n<p>B&uuml;rgerrechtsarbeit in Zeiten der gro&szlig;en Koalition hei&szlig;t, schon wegen der Mehrheitsverh&auml;ltnisse, dass es auf B&uuml;rgerrechtler\/-innen und B&uuml;rgerrechtsbewegungen ankommt. Dabei ist zu erwarten, dass nun versucht wird, die seit langem angek&uuml;ndigten Versch&auml;rfungen und Restriktionen im Bereich der Sicherheitspolitik umzusetzen. Wir werden dem nur erfolgreich entgegentreten k&ouml;nnen, wenn wir beginnen, uns auch wieder st&auml;rker au&szlig;erparlamentarisch zu organisieren.<\/p>\n<p>Weiterf&uuml;hrende Informationen:<\/p>\n<p>Koalitionsvertrag zwischen CDU\/CSU und SPD unter <a href=\"http:\/\/www.cducsu.de\/upload\/koavertrag0509.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.cducsu.de\/upload\/koavertrag0509.pdf<\/a><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[46,24],"tags":[739,671,807],"autoren":[137],"publikationen":[943],"class_list":["post-9525","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","category-anti-terror-kampf","category-innere-sicherheit","tag-anti-terror-kampf","tag-innere-sicherheit","tag-strafen","autoren-rosemarie-will","publikationen-943"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>B\u00fcrgerrechtsarbeit in Zeiten der gro\u00dfen Koalition - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/191\/publikation\/buergerrechtsarbeit-in-zeiten-der-grossen-koalition\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"B\u00fcrgerrechtsarbeit in Zeiten der gro\u00dfen Koalition - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Mitteilungen Nr. 191, S.1-2 Die gro&szlig;e Koalition ist gebildet, die Vereinbarungen dazu zwischen SPD und CDU\/CSU liegen auf dem Tisch. 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