{"id":9567,"date":"2005-05-20T19:10:00","date_gmt":"2005-05-20T17:10:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/kulturkampf-gegen-gemeinsamen-werteunterricht-in-berlin\/"},"modified":"2005-05-20T12:00:00","modified_gmt":"2005-05-20T10:00:00","slug":"kulturkampf-gegen-gemeinsamen-werteunterricht-in-berlin","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/189\/publikation\/kulturkampf-gegen-gemeinsamen-werteunterricht-in-berlin\/","title":{"rendered":"Kulturkampf gegen gemeinsamen \u201eWerteunterricht\u201c in Berlin"},"content":{"rendered":"<p>Mitteilungen Nr. 189, S.8-9<\/p>\n<p>In Berlin tobt ein Kulturkampf, vorgetragen vor allem von den Kirchen, der CDU und der FDP. Gegner in diesem Kampf sind die Berliner Regierungsparteien und all jene, die sich f\u00fcr einen gemeinsamen Unterricht aller Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler zu Wertefragen und Religionskunde und gegen die Umwandlung des Religionsunterrichts in ein staatliches Wahlpflichtfach aussprechen. Die Auseinandersetzung begann, als sich Ende Februar 2005 abzeichnete, dass es auf dem SPD-Bildungsparteitag im April eine deutliche Mehrheit der Delegierten f\u00fcr ein integratives Unterrichtsfach und gegen eine Abmeldem\u00f6glichkeit davon geben wird. Kurz vor und nach dem Parteitag am 9. April 2005, auf dem drei Viertel der Delegierten f\u00fcr einen gemeinsamen Unterricht stimmten, erreichte die Auseinandersetzung ihren H\u00f6hepunkt.<\/p>\n<p>Die Grundsatzdebatte &#132;Gemeinsamer Werteunterricht versus Wahlpflichtbereich Religion\/Ethik&#147; ist bekanntlich nicht neu. Seit mehr als 15 Jahren wird darum gestritten. Neu ist allerdings die Ma\u00dflosigkeit, mit der die Gegner eines gemeinsamen Werteunterrichts diejenigen diffamieren, die sich daf\u00fcr einsetzen, dass Jugendliche gemeinsam \u00fcber die Grundwerte sprechen k\u00f6nnen, die unsere Gesellschaft tragen und lebensf\u00e4hig erhalten, dass sie sich eine Grundbildung zu Kulturen, Religionen und Weltanschauungen aneignen und lernen, trotz unterschiedlichster kultureller Pr\u00e4gungen, religi\u00f6ser bzw. weltanschaulicher Auffassungen miteinander in den Dialog zu kommen. Der bisher freiwillige Religions- und Weltanschauungsunterricht soll ausdr\u00fccklich weiter bestehen und weiter gef\u00f6rdert werden. Obwohl Berlin nach dem Grundgesetz &#150; und einem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom Februar 2000 &#150; nicht verpflichtet ist, Bekenntnisunterricht an den Schulen zuzulassen, wird dieser Unterricht seit Jahrzehnten gro\u00dfz\u00fcgig unterst\u00fctzt. Die Bekenntnisgemeinschaften erhalten die Personalkosten zu 90 Prozent erstattet &#150; bei f\u00fcr staatliche F\u00e4cher erstrebenswerten Gruppengr\u00f6\u00dfen von unter 20 Sch\u00fcler\/innen.<\/p>\n<p>Ein gemeinsamer Unterricht wird von seinen Bef\u00fcrwortern nicht zuletzt wegen der enormen Pluralit\u00e4t von Kulturen, Religionen und Weltanschauungen in Berlin als m\u00f6gliches Medium der Verst\u00e4ndigung \u00fcber freiheitlich-demokratische Grundwerte und interkulturellen Lernens unterst\u00fctzt. In Berlin gibt es eine Vielzahl von Nationalit\u00e4ten und mehr als 360 Religions- bzw. Bekenntnisgemeinschaften. Mehr als die H\u00e4lfte der Berliner Bev\u00f6lkerung geh\u00f6rt keiner Bekenntnisgemeinschaft an. Derzeit gibt es bereits acht verschiedene Angebote von Religions- bzw. Weltanschauungsunterricht in Berlin. Weitere Religionsgemeinschaften \u00fcberlegen, ob sie den Zugang zu den Schulen beantragen.<\/p>\n<p>Viele haben die heftige Debatte in Berlin \u00fcber die Medien mitverfolgen k\u00f6nnen. Ich m\u00f6chte die Art und Weise, wie hier seitens der Kirche\u00a0 diffamiert wurde, am Beispiel von Dr. Wolfgang Huber darstellen, Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und Vorsitzender des Rates der EKD. Er erwies sich in dem ma\u00dfgeblich von ihm verantworteten Kulturkampf als fragw\u00fcrdiger Meister der Manipulation \u00f6ffentlicher Meinung. So gab er einem vergleichsweise moderat formulierten Aufruf zur Unterst\u00fctzung des kirchlich favorisierten Modells eines Wahlpflichtbereiches Religion\/Ethik einen Begleitbrief mit faustdicken L\u00fcgen und Unterstellungen bei (www.ekibb.de &#150; 4. April 2005). Unter anderem behauptete er nach der zutreffenden Feststellung &#132;114.000 Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler besuchen den evangelischen und katholischen Religionsunterricht in Berlin&#147;: &#132;Die regierenden Parteien wollen dies in Zukunft verhindern. Der Religionsunterricht soll ein f\u00fcr alle Mal aus der Schule verbannt werden.&#147; In Wahrheit haben weder die SPD noch die PDS die Absicht ge\u00e4u\u00dfert, den Religionsunterricht in Berlin abzuschaffen oder seine finanzielle F\u00f6rderung einzustellen. Weiter hei\u00dft es, nun offener diffamierend: &#132;Die Religionsfreiheit in der Schule, die sich in der Wahlfreiheit von Lehrangeboten widerspiegelt, wird abgeschafft. Der Staat etabliert sich als Wertevermittler. Dies ist mit Blick auf die deutsche Vergangenheit ein gef\u00e4hrliches und verantwortungsloses Vorgehen.&#147; (Eine \u00e4hnliche Formulierung hat \u00fcbrigens auch der Erzbischof der Katholischen Kirche Georg Sterzinsky gebraucht.) In Wahrheit bleibt die Wahlfreiheit beim bekenntnisgebundenen Religions- und Weltanschauungsunterricht auch in Zukunft erhalten. Niemand wird gezwungen, einen Bekenntnisunterricht zu besuchen bzw. sich von ihm abzumelden. Das Recht des Staates auf die Einrichtung von Pflichtf\u00e4chern auch im ethischen Bereich ist kein Versto\u00df gegen die Religionsfreiheit, sondern sein verfassungsgegebenes Recht.<\/p>\n<p>Der Bezug auf die &#132;deutsche Vergangenheit&#147; bei Bischof Huber wird in der Berlin-Brandenburgischen evangelischen Wochenzeitung &#132;Die Kirche&#147; (Nr. 12 vom 20.3.2005) durch Reimar von Wedel, Gr\u00fcnder des &#132;Notbundes f\u00fcr den evangelischen Religionsunterricht&#147; auf die Spitze getrieben, indem er die aktuelle Situation in Berlin direkt mit der zur Zeit des Nationalsozialismus vergleicht. Er schreibt: &#132;Viele, die unseren Aufruf zur Bewahrung des Religionsunterrichts begr\u00fc\u00dft haben, stellen die Frage, warum dieser Vergleich: So schlimm wie 1934, als Niem\u00f6ller den Pfarrernotbund gr\u00fcndete, ist es doch heute nicht. Das ist richtig, aber es kann so werden und manches ist schon heute vergleichbar.&#147;<\/p>\n<p>Trotz der lautstarken und demagogisch agierenden Front der Gegner hat das Vorhaben, in Berlin ein neues integratives Unterrichtsfach zu Wertfragen und interkultureller Bildung einzuf\u00fchren, nicht nur in Berlin eine klare parlamentarische Mehrheit, sondern auch viele Organisationen und Pers\u00f6nlichkeiten gefunden, die es bef\u00fcrworten.<\/p>\n<p>Inzwischen zeichnet sich ab, dass die Einf\u00fchrung des neuen Schulfaches ab dem Schuljahr 2006\/2007 beginnend in den 7. Klassen erfolgen soll &#150; \u00fcbrigens eine R\u00fccksichtnahme auf die Bekenntnisgemeinschaften, deren Teilnehmer am Unterricht zu mehr als 70 Prozent in der Grundschule zu finden sind! Dabei ist der Name des integrativen Faches noch offen: Der SPD-Parteitag hat sich f\u00fcr &#132;Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde&#147; (LER) ausgesprochen, die PDS favorisiert &#132;Interkulturelle Bildung&#147;.<\/p>\n<p>Bundesweite Bedeutung des Berliner Vorhabens<\/p>\n<p>Die seitens der Kirchen betriebene Hetze, von der sich viele Kirchenmitglieder distanzierten, zeugt von einem bedenklichen Niedergang kirchlicher Werte und zugleich von gro\u00dfer Nervosit\u00e4t. Aus meiner Sicht ist ein wesentlicher Erkl\u00e4rungsansatz daf\u00fcr, dass die Kirchen(leitungen) so unchristlich &#132;aus der Rolle fallen&#147;, in der nicht unbegr\u00fcndeten Furcht zu suchen, das neue Berliner Modell integrativen werteorientierten Unterrichts k\u00f6nnte bundesweit Schule machen. Denn sp\u00e4testens seit dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts zum Ethikunterricht in Baden-<\/p>\n<p>W\u00fcrttemberg vom 17. Juni 1998 ist klar, dass selbst in den alten Bundesl\u00e4ndern (!) ein Pflichtfach Ethik f\u00fcr alle Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler eingerichtet werden darf und Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler, die konfessionellen Religionsunterricht besuchen wollen, dies dann zus\u00e4tzlich tun m\u00fcssen (BVerwG 6 C 11.97). Neuere bundesweite Umfragen weisen im \u00dcbrigen auf eine wachsende Akzeptanz f\u00fcr integrative Ethikf\u00e4cher hin. Der kulturk\u00e4mpferische Protest der Kirchen gegen das Vorhaben wird aber dennoch wohl in den n\u00e4chsten Jahren nicht beendet sein. Den Berliner Regierungsparteien und den Gr\u00fcnen ist Kraft und Konsequenz zu w\u00fcnschen, dass sie trotz des anhaltenden Get\u00f6ses der Kirchen, der CDU und der FDP (voraussichtlich auch im 2006er Wahlkampf) im Gespr\u00e4ch mit allen dazu bereiten gesellschaftlichen Gruppen die Konzipierung, die gesetzliche Verankerung und die Einf\u00fchrung des neues Schulfaches vorantreiben.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[746],"autoren":[625],"publikationen":[924],"class_list":["post-9567","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-religion-schule","autoren-gerd-eggers","publikationen-924"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Kulturkampf gegen gemeinsamen \u201eWerteunterricht\u201c in Berlin - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/189\/publikation\/kulturkampf-gegen-gemeinsamen-werteunterricht-in-berlin\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Kulturkampf gegen gemeinsamen \u201eWerteunterricht\u201c in Berlin - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Mitteilungen Nr. 189, S.8-9 In Berlin tobt ein Kulturkampf, vorgetragen vor allem von den Kirchen, der CDU und der FDP. 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