{"id":9602,"date":"2004-11-03T18:10:00","date_gmt":"2004-11-03T17:10:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/verleihung-des-fritz-bauer-preises-2004-an-susanne-von-paczensky\/"},"modified":"2004-11-03T12:00:00","modified_gmt":"2004-11-03T11:00:00","slug":"verleihung-des-fritz-bauer-preises-2004-an-susanne-von-paczensky","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/publikation\/verleihung-des-fritz-bauer-preises-2004-an-susanne-von-paczensky\/","title":{"rendered":"Verleihung des Fritz-Bauer-Preises 2004 an Susanne von Paczensky"},"content":{"rendered":"<p>Mitteilungen Nr. 187, S,10-11<\/p>\n<p>[&#8230;] Liebe Freundinnen und Freunde!<\/p>\n<p>Geboren wurde diese erstaunliche Person 1923 als Susanne Czapski. Da\u00df der Vater Volkswirt und die Mutter Lyrikerin war, wu\u00dfte das Kind. Aber da\u00df die Mutter zu den Ariern z\u00e4hlte, und ihr Vater als Jude galt, war ihr nicht bewu\u00dft. Das erfuhr sie erst, als 1933 die ersten Hetzparolen gegen Juden am Stra\u00dfenrand auftauchten. [&#8230;] Nach dem Abitur gab es f\u00fcr eine Halbj\u00fcdin keinen Studienplatz. Das Fr\u00e4ulein Czapsky [&#8230;] zog nach Freiburg und f\u00e4lschte sich kurzentschlossen, um studieren zu k\u00f6nnen, einen Ariernachweis. Juristin wollte sie werden.<\/p>\n<p>1943 meldete sich die Studentin zu einem Arbeitseinsatz nach Litauen. Eigentlich sollte sie dort Deutsch unterrichten, aber in Wahrheit wollte sie nach Familienmitgliedern forschen, die nichts mehr von sich h\u00f6ren lie\u00dfen. Vor Ort fand sie heraus, da\u00df der Onkel verschollen und die geliebte Kusine erschossen worden war. Diese Nachricht, die Bilder vom Ghetto in Wilna, die zerlumpten Gestalten, die aufgeh\u00e4ngten Juden &#8211; all das hat sie tief ersch\u00fcttert und ihr Leben ver\u00e4ndert. Noch kurz vor Kriegsende flog die Arierf\u00e4lschung auf und sie mu\u00dfte in einem Dorf untertauchen. [&#8230;]<\/p>\n<p>Ich denke, diese Jugend und diese Ereignisse sind das Fundament, auf dem diese bewundernswerte Frau fest steht. (F\u00fcr sie wird das ganz Pers\u00f6nliche sp\u00e4ter ganz Politisch.) Diese Erfahrungen sind ihr zum lebenslangen Antrieb geworden f\u00fcr ihren leidenschaftlichen Einsatz f\u00fcr die Menschenrechte.<\/p>\n<p>Jetzt, nach 1945, beginnt ein neues und freies Leben f\u00fcr Susanne Czapski. An Studium ist erst einmal nicht zu denken (viel sp\u00e4ter, mit \u00fcber 50, promoviert sie in Soziologie). Die 22 J\u00e4hrige bewirbt sich bei den Amerikanern f\u00fcr die Nachrichtenagentur Dana &#8211; wird angenommen und nach nur 3 Monaten Journalistenlehrzeit wird sie zur Berichterstattung beim N\u00fcrnberger Proze\u00df ausgew\u00e4hlt, als einzige Frau. Neun Monate lang berichtet sie t\u00e4glich von den Gr\u00e4ueltaten der Hauptverantwortlichen. F\u00fcr sie ist diese harte Aufgabe auch zugleich eine Herausforderung &#8211; sie wird sich immer daf\u00fcr einsetzen, da\u00df das nicht vergessen wird.<\/p>\n<p>Nach dem Proze\u00df geht sie zur neugegr\u00fcndeten Tageszeitung DIE WELT. Sie heiratet einen Kollegen und hei\u00dft jetzt Susanne von Paczensky. Gemeinsam wird das Paar als Auslandskorrepondenten nach London, sp\u00e4ter nach Paris entsendet. Sie bekommen zwei Kinder &#8211; beide sind heute hier. [&#8230;]<\/p>\n<p>Im Jahr 1969 h\u00f6rt man aus den USA von den dort rebellierenden Frauen. Susanne von Paczensky, die immer Neugierige, will dabei sein und f\u00e4hrt doch glatt zur ersten gro\u00dfen Frauendemo nach New York. Das wird die Initialz\u00fcndung. Jetzt geh\u00f6rt sie zur beginnenden deutschen Frauenbewegung, gr\u00fcndet mit anderen in Hamburg die Frauengruppe F.R.A.U. Sie beteiligt sich am Bekenntnisaufruf des Stern &#8222;Ich habe abgetrieben&#8220; und sp\u00e4ter bei der bundesweiten &#8222;Frauen-Initiative 6. Oktober&#8220;. Nat\u00fcrlich spiegeln sich solche Aktivit\u00e4ten in ihrer journalistischen Arbeit wieder. Mehr und mehr schreibt sie \u00fcber die Themen der Frauenbewegung. Das f\u00fchrte nun wiederum dazu, da\u00df sie 1978 ausgew\u00e4hlt wird, f\u00fcr den Rowohlt Verlag die Reihe rororo &#8222;Frauen aktuell&#8220; herauszugeben. Im Vorwort zu der Reihe postuliert sie das politische Motto f\u00fcr diese B\u00fccher (ich zitiere):<\/p>\n<p>&#8222;Wir gehen davon aus, da\u00df der Kampf um Menschenrechte notwendig auch ein Kampf um Frauenrechte sein mu\u00df. Wir wissen, da\u00df Frauen speziellen Formen der Unfreiheit und der Ungerechtigkeit unterworfen sind, da\u00df ihre Beteiligung am politischen Handeln auf besondere Hindernisse st\u00f6\u00dft. Diese Hindernisse sichtbar zu machen, wo m\u00f6glich abzubauen &#8211; durch Erfahrungsberichte, Erkl\u00e4rungsversuche und L\u00f6sungsvorschl\u00e4ge &#8211; ist das Ziel von Frauen aktuell.&#8220; [&#8230;]<\/p>\n<p>Es war ihr Ehrgeiz, einen ganz neuen Typ von Sachb\u00fcchern zu schaffen: bei allem politischen Ernst sollten sie wenn m\u00f6glich auch locker und vergn\u00fcglich zu lesen sein. Und das ist ihr immer wieder gelungen. Sie hat ihre Autorinnen sanft und erfolgreich dazu ermutigt, lebendig zu schreiben. Und wie viele Frauen hat sie angeregt, \u00fcberhaupt ihr erstes Buch zu machen! Unter anderem auch mich! Eigentlich sollte es ein Buch \u00fcber mein damaliges HU-Projekt, das Antidiskriminierungsgesetz werden. Wir waren zum ersten Mal auf dem Flughafen verabredet, musterten uns von weitem und fielen uns dann gleich um den Hals &#8211; Liebe auf den ersten Blick! Es wurde dann ein ganz anderes Buch &#8211; aber seitdem sind wir Freundinnen. Zahlreiche der damaligen Autorinnen sind noch heute mit Susanne befreundet. Das ist ja auch eine der wunderbaren Folgen der Frauenbewegung &#8211; die vielen vielen Frauenbegegnungen !<\/p>\n<p>In der Reihe erschienen immer wieder Titel zum Thema Schwangerschaftsabbruch. Einer hie\u00df: &#8222;Die neuen Moralisten&#147;. Ja, die Moralisten! Junge Leute heute k\u00f6nnen sich wohl gar nicht mehr vorstellen, welche Feindschaft uns Frauen damals entgegen schlug, wenn wir die Abschaffung des \u00a7 218 forderten. Ich erinnere mich an Nonnen, die unser Flugblatt erst zerrissen, dann zerkn\u00fcllten und dann mit ihren schwarzen Schuhen zornig darauf herumtraten, wie um es in den Boden zu stampfen.<\/p>\n<p>Unsere Devise hie\u00df: ersatzlose Streichung. Eine so klare Forderung klang f\u00fcr viele unglaublich radikal. Sogar auch f\u00fcr die HU. Eine Reform &#8211; ja. Eine Fristenregelung &#8211; ja. Aber Abschaffung? Ersatzlose Streichung? Im Bundesvorstand stritten wir erbittert. Ich sehe noch die beiderseitige Fassungslosigkeit, als mir entgegengehalten wurde, man k\u00f6nne doch nicht im Ernst den Frauen ganz allein diese Entscheidung \u00fcberlassen. [&#8230;]<\/p>\n<p>Der Gegenwind war stark. In der \u00d6ffentlichkeit kam der Widerstand vor allem von der Kirche. Das katholische Frauenbild und dazu das Mutterideal des dritten Reiches &#8211; eine unheilige Allianz. Uns wurde Leichtfertigkeit vorgeworfen, bis hin zum Vorwurf &#132;M\u00f6rderinnen&#147;. [&#8230;]<\/p>\n<p>S.v.P. l\u00e4\u00dft ihrer \u00dcberzeugung jetzt auch Taten folgen: 1982 plant und gr\u00fcndet sie &#8211; mit anderen &#8211; das Hamburger Familienplanungszentrum (FPZ). Hier k\u00f6nnen Frauen, die ungewollt schwanger sind, den Abbruch machen lassen. Zwei Dinge sind dabei revolution\u00e4r:<\/p>\n<p>1.) Krankenh\u00e4user bevorzugten damals noch die rabiatere Ausschabung und bestanden immer auf mehrt\u00e4gigem Aufenthalt. Hier wurde der Abbruch legal und von \u00c4rzten mit der schonenden Absaugmethode ambulant vorgenommen und,<\/p>\n<p>2.) das scheint mir ebenso wichtig &#8211; die Frauen wurden in ihrer Entscheidung respektiert und anteilnehmend begleitet. Die freundliche Atmosph\u00e4re dort bedeutete eine ungeheure Erleichterung f\u00fcr Frauen, die im Krankenhaus bestenfalls feindliche Duldung erwarten konnten, wie ich sie z.B. in bayerischen Krankenh\u00e4usern erfahren habe. [&#8230;]<\/p>\n<p>\u00dcber den Vorgang selbst, \u00fcber den Abbruch, gab es damals keinerlei Dokumentation, au\u00dfer den von der katholischen Kirche verbreiteten Hetzfilmen mit zerst\u00fcckelten Babybeinchen. S.v.P. initiierte den ersten sachlichen Aufkl\u00e4rungsfilm, er wurde im FPZ gedreht. Er hei\u00dft &#8222;Ein kurzer Film \u00fcber den Schwangerschaftsabbruch&#8220;.<\/p>\n<p>In all ihren B\u00fcchern, in allen Diskussionen, in diesem Film &#8211; immer wieder hat S.v.P. ihre \u00dcberzeugung vertreten: der Mensch beginnt mit der Geburt und endet mit dem Tod. Noch heute wird ja viel Verwirrung gestiftet, indem man f\u00fcr den Embryo dieses neblige Wort vom menschlichen Leben benutzt, um zu suggerieren, es sei eben doch schon ein Mensch. Damals spricht S.v.P. ganz sachlich von einem &#8222;L\u00f6ffelchen Schleim&#8220;, das bei einem rechtzeitigen Abbruch abgesaugt wird. In diesem Sinne ist der Film ein Schritt zur Entd\u00e4monisierung eines Abbruchs. [&#8230;]<\/p>\n<p>Und nun komme ich am Schlu\u00df noch zu einer direkten Verbindung zwischen S.v.P und der Humanistischen Union. Es war 1989, die Vereinigung mit der DDR stand vor der T\u00fcr. In der Pr\u00e4ambel des Grundgesetzes war festgelegt, dieses &#8211; provisorische &#150; Grundgesetz gilt nur, bis die beiden deutschen Staaten vereinigt sind. Erst dann soll es eine deutsche Verfassung geben. Uns war klar, da\u00df sich jetzt die einmalige Chance bot, in eine neue Verfassung endlich die Forderungen der Frauen an die Grundrechte einzuf\u00fcgen. Stellen Sie sich vor, am Fr\u00fchst\u00fcckstisch stecken drei Frauen die K\u00f6pfe zusammen, um diese Forderungen auszuhecken: S.v.P, Renate Sadrozinski und ich. F\u00fcr unsere Forderungen fanden wir auch gleich den z\u00fcndenden Titel: Frauen in bester Verfassung.<\/p>\n<p>Die HU \u00fcbernimmt unsere Forderungen und tr\u00e4gt durch eine breite \u00d6ffentlichkeitsarbeit wesentlich dazu bei, da\u00df &#8211; immerhin &#8211; eine Forderung auch tats\u00e4chlich in das Grundgesetz \u00fcbernommen wurde &#8211; die Erg\u00e4nzung des Artikel 3, Abs.2 GG. &#8222;Der Staat f\u00f6rdert die tats\u00e4chliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und M\u00e4nnern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.&#8220; Allzu eifrig hat sich der Staat in dieser Beziehung allerdings seitdem noch nicht gezeigt. [&#8230;]<\/p>\n<p>Als Fazit m\u00f6chte ich ihr Motto f\u00fcr die Buchreihe auf ihr eigenes Leben \u00fcbertragen: Der Kampf um Menschenrechte war f\u00fcr S.v.P. notwendig auch ein Kampf um Frauenrechte. Frauen sind speziellen Formen der Unfreiheit und Ungerechtigkeit unterworfen, ihre Beteiligung am politischen Handeln st\u00f6\u00dft auf besondere Hindernisse. Diese Hindernisse sichtbar zu machen und wo m\u00f6glich abzubauen, das war ihr Ziel &#8211; und das ist ihr gelungen.<\/p>\n<p><i>Die Laudatio hielt<\/i><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[775,695],"autoren":[504],"publikationen":[871],"class_list":["post-9602","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-termine-fritz-bauer-preis","tag-veranstaltungen-berichte","autoren-heide-hering","publikationen-mitteilungen"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Verleihung des Fritz-Bauer-Preises 2004 an Susanne von Paczensky - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/publikation\/verleihung-des-fritz-bauer-preises-2004-an-susanne-von-paczensky\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Verleihung des Fritz-Bauer-Preises 2004 an Susanne von Paczensky - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Mitteilungen Nr. 187, S,10-11 [&#8230;] Liebe Freundinnen und Freunde! 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