{"id":9690,"date":"2002-09-19T17:40:00","date_gmt":"2002-09-19T15:40:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/der-monotheismus-des-1-psalms\/"},"modified":"2002-09-19T12:00:00","modified_gmt":"2002-09-19T10:00:00","slug":"der-monotheismus-des-1-psalms","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/mitteilungen\/179\/publikation\/der-monotheismus-des-1-psalms\/","title":{"rendered":"Der Monotheismus des 1. Psalms"},"content":{"rendered":"<p>Mitteilungen Nr. 179, S.57-58<\/p>\n<p>Die Grundlage allen biblischen Denkens und Schreibens ist die Landnahme der St\u00e4mme Israels. Sie wird von den Erz\u00e4hlern verstanden als das Geschenk der Freiheit und in Analogie gebracht zu der Geburt eines Kindes, dem damit das Leben geschenkt wird. Wo ein Sachverhalt als ein Geschenk verstanden wird, kann die Frage nach dem Schenkenden nicht unbeantwortet bleiben, obwohl sie zweitrangig ist. Der Analogie entsprechend kommt hier Elterliches und der Zeit entsprechend nur V\u00e4terliches in Frage. Sein Verhalten als Liebeswerben gedeutet, f\u00fchrt zu dem Namen JHWH (&#132;Der leidenschaftlich Liebende&#147; &#150; Vater). In dieser Analogie zur Geburt des Kindes hat auch die eigent\u00fcmliche Einseitigkeit des &#132;Bundes&#147; JHWHs mit Israel seine Quelle. Wie in der Analogie ist das Geschenk nicht mit Auflagen verbunden, weder der nach Dankbarkeit oder der nach Gehorsam und Abh\u00e4ngigkeit. In den Sch\u00f6pfungsgeschichten wird diese Sicht der Landnahme auf die ganze Menschheit \u00fcbertragen. Dem Menschen gilt das Liebeswerben dieses JHWH. Er will sich in ihm &#132;vollkommen&#147; vervielf\u00e4ltigen. Wie die Menschen sich in ihren Kindern zu vollkommenen Menschen vervielf\u00e4ltigen: &#132;Gottebenbildlichkeit&#147;! Seine Intelligenz soll ihre Intelligenz, seine Freiheit ihre Freiheit sein. Unter David kommt die Bundeslade mit den beiden Gesetzestafeln in die Betreuung der St\u00e4mme Judas und Benjamins. Als H\u00fcter des Gesetzes erheben diese einen Vormachtanspruch an den St\u00e4mmeverbund. David und Salomo gelingt diese Konzentration. Es kommt zum Tempelbau, zur Apotheose JHWHs des v\u00e4terlich herrschaftsfeindlichen Befreiers zum Adon, dem Herren dieser Gesetze und zur \u00dcberarbeitung des vorhandenen, anders gedachten schriftlichen Materials. Der patriarchische, janusk\u00f6pfige Monotheismus hat sein Netz \u00fcber die St\u00e4mme Israels geworfen. Es kommt zum monotheistischen Gottesdienst, in dem das ganze Leben dem &#132;Gesetz&#147; unterworfen wird, zur theologischen Existenz in einer &#132;geschlossenen Gesellschaft&#147;. Der &#132;Wille zur Macht&#147; in den Regierungsformen der umliegenden Gro\u00dfm\u00e4chte Israels wird \u00fcbernommen. Der aber ist animalischen Ursprungs und spaltet die Menschheit grunds\u00e4tzlich in loyale und inloyale Staatsb\u00fcrger (Psalm 1!). Exkurs: Animalisch = Rudelinstinkt unter F\u00fchrung eines Leittiers. In jedem einzelnen Tier wohnt ein unb\u00e4ndiger Freiheitswillen. Im Schutz des Rudels mu\u00df es darauf verzichten. Dem entspricht auf menschlicher Seite die Burg der Gesellschaft. In dieser Burg mu\u00df Burgfriede herrschen, soll der Schutz nicht aufs Spiel gesetzt werden (Familie, Stamm, Fraktionszwang, Parteidisziplin, Nationalismus, Konfessionalismus). Es m\u00fcssen Gesetze her, die den B\u00fcrgern die Regeln ihres Zusammenlebens bewu\u00dft machen. Aber wer gibt diese Gesetze? Das Leittier oder die Vollversammlung der B\u00fcrger? Der Herrgott so sagt man bis jetzt bei uns und meint damit die biblische Ethik des Patriarchates Gottes als Muster f\u00fcr Staat, Kirche und Familie (der Dekalog). Die Evolution hingegen, dieser gewaltige, nat\u00fcrliche Fortschritt des Lebens, bestimmt die Grundtendenz als sieghaftes Vordringen des Lebens ins Leblose bis zum Menschen und seiner Intelligenz, der sie dann die Fortsetzung \u00fcbergeben kann. Die Gesetze des Burgfriedens sollten Allgemeingut der B\u00fcrger sein. Sie schr\u00e4nken ihr unb\u00e4ndiges Freiheitsverlangen ein, weil er sonst den Schutz der Gemeinschaft zerst\u00f6ren w\u00fcrde. Dadurch wird die B\u00fcrgerschaft in zwei Lager geteilt: In Loyale und in Inloyale, Ungehorsame und folgerichtig aus der Sicht des Gesetzgebers in gute und in b\u00f6se B\u00fcrger. Das gilt sowohl f\u00fcr die Patriarchatsethik, wie f\u00fcr die Evolutionsethik (die zweite Tafel des Dekalogs) mit dem Unterschied, dass es kaum noch einen Menschen geben wird, der sich in seinem Verhalten am Leben vergeht, wenn er wei\u00df, dass weder ein Gott, noch Sonne und Erde ihm die Verantwortung f\u00fcr den Fortbestand des Lebens auf dieser Erde abnimmt. Dem verweigern sich nach dem Tode Salomons zehn der zw\u00f6lf St\u00e4mme Israels, ihre freiheitliche Ebenb\u00fcrtigkeit rettend. Es ist die Geburtsstunde des Antimonotheismus und des Aufbegehrens gegen das monotheistische Netzwerk in der theologischen Existenz des Menschen. Weder dem einen noch dem anderen der beiden Reiche bleibt in der Folgezeit der harte Zugriff des Willens zur Macht der Gro\u00dfm\u00e4chte ihrer Umgebung erspart. Unter r\u00f6mischer Herrschaft tritt dieser Jesus von Nazareth auf. Er entdeckt die Unvereinbarkeit des fr\u00fchisraelitischen JHWH mit dem davidischen Adon und seiner theologischen Existenz des Menschen unter dem Gesetz. Er verweigert sich diesem Gottesdienst und dem Ansinnen, Messias zu sein. Damit verprellt er sich Freund und Feind. Er lebte &#132;vollkommen&#147; den Menschen, in den nach Meinung der fr\u00fchisraelitischen Erz\u00e4hler JHWH sich vervielf\u00e4ltigen wollte, nicht als Gottesdienstler, sondern als &#132;Kind&#147; ganz und gar seiner Selbstbestimmung und Intelligenz geschenkt. Darum mu\u00dfte er sterben. Das &#132;Gesetz und die Propheten&#147; bem\u00e4chtigen sich in den Herzen seiner J\u00fcnger des Toten und zwingen ihn in die Rolle des Messias. Damit entsteht auf der Grundlage und in dem Volk des ersten ein zweiter fast identischer Monotheismus mit Messias. Im Netz der theologischen Existenz sind beide. Der Wille zur Macht hier und der dort sind von Anfang an sch\u00e4rfste Konkurrenten. Die R\u00f6mer entledigen sich der damaligen Aufs\u00e4ssigkeit Israels mit seiner Ausweisung aus Pal\u00e4stina. Das Christentum erobert kraft seiner Hinwendung zu den Unterdr\u00fcckten und Entrechteten in Windeseile den Raum ums Mittelmeer und kraft des Willens zur Macht das R\u00f6mische Reich bis hoch in den Norden Europas. Das Netz der theologischen Existenz im Monotheismus hat sich \u00fcber das &#132;Gesetz und die Propheten&#147; hinaus um das trinitarische Dogma erweitert. Um 600 kommt dann mit Mohamed die dritte Variante des biblischen Monotheismus ins Spiel und erobert das &#132;Heilige Land&#147;, der Christen und der Juden geistige Heimat. Um das Jahr 1000 versuchen die Christen in 6 bis 7 Kreuzz\u00fcgen dieses dem Islam wieder zu entrei\u00dfen, ohne bleibenden Erfolg. Der christliche Monotheismus beherrscht Europa und in Analogie zu ihm versteht sich Herrschaft vom Kaiser, \u00fcber F\u00fcrsten und Grafen bis zum Familienvater als &#132;Patriarchat&#147; und spaltet die Menschheit in Gehorsame und Ungehorsame. (Psalm 1). Kolumbus entdeckt 1492 Amerika. Der Monotheismus wirft sein Netz \u00fcber die Neue Welt. 1517 mit der Revolution gewinnt das Aufbegehren gegen das Patriarchat der Kirche Oberhand und mit der Bibel\u00fcbersetzung schiebt die Aufkl\u00e4rung ihren Fu\u00df in die T\u00fcr. Der Anfang der Kolonisation ist gemacht. Dem Beispiel Spaniens und Portugals folgen fast alle europ\u00e4ischen Staaten bis die Bev\u00f6lkerung der ganzen Erde von den Europ\u00e4ern kolonialisiert und missionarisiert ist. Der Monotheismus hat unter Beseitigung aller Andersdenkenden die Welt erobert. Im Gefolge der Aufkl\u00e4rung gewinnt das Aufbegehren gegen das Patriarchat von Kirche und Staat im 19. und 20. Jahrhundert an Boden. Die franz\u00f6sische Revolution von 1789 ist ein tiefer Einschnitt in die Geschichte des Monotheismus. Der Atheismus (die &#132;Gottlosen&#147;, Psalm 1) betritt die B\u00fchne in der Gestalt der &#132;G\u00f6ttin der Vernunft&#147;. Nach einem kurzen Aufb\u00e4umen des monotheistischen Patriarchats von Napoleon bis Kaiser Wilhelm II. bildet das Ende des 1. Weltkrieges wieder einen Bruch in der Geschichte des Monotheismus. Frankreich, Deutschland und Ru\u00dfland entledigen sich der Monarchie. Noch ehe sich die jetzigen Demokratien in Europa recht etablieren k\u00f6nnen, meldet sich der Atheismus zu Wort. Hitler setzt an die Stelle Gottes &#132;Rasse, Blut und Boden&#147; als die das Leben bestimmenden Werte. Lenin und sp\u00e4ter Stalin sehen in der &#132;Herrschaft des Proletariats&#147; die Zukunft der Menschheit. Beide, das ist \u00fcberraschend, kommen daher in der R\u00fcstung des Monotheismus: Der Wille zur Macht hat offenbar keine andere Wahl. Dem macht im Westen der Monotheismus der Verb\u00fcndeten ein Ende. Im Osten f\u00e4llt die Diktatur des Proletariats auf dem Boden der orthodoxen Kirche in sich zusammen. Die Demokratie w\u00e4hnt sich als Befreiung vom Joch des Adels. Aber auch ihre Struktur bleibt mit dem Willen zur Macht dem Monotheismus verhaftet. In ihr herrscht die Mehrheit und deren Sprecher bestimmen die Richtlinie der Politik. Sein Spalten findet in der Philosophie eine fragw\u00fcrdige Br\u00fccke in der Zusammenstellung von &#132;These, Antithese und Synthese&#147;. Diese Handhabung wird von den Demokratien zum Arbeitsprinzip erhoben, in Gestalt der Aufspaltung des Parlaments in Regierungspartei und Opposition. Deren Machtk\u00e4mpfe landen letztendlich beim Bundesverfassungsgericht, wo \u00fcber loyal und inloyal entschieden wird. Der Monotheismus zerst\u00f6rt auch hier mit seinem Spalten den Frieden. Am Ende zerst\u00f6rt er sich selbst. Die Abl\u00f6sung dieses monotheistischen Prinzips im Zusammenleben der Menschen w\u00e4re eine D\u00e4mharmonie oder eine D\u00e4msymphonie wie sie nach dem 1. Weltkrieg im V\u00f6lkerbund und nach dem 2. Weltkrieg in der UNO versucht wurden. Wie k\u00f6nnte das Selbstverst\u00e4ndnis des Parlaments einer D\u00e4mharmonie in Analogie zu einem Symphonieorchester aussehen? Im Weltsicherheitsrat sind die 15 m\u00e4chtigsten Staaten der UNO beisammen, jeder mit einer Stimme. Was nicht einstimmig beschlossen wird, kann nicht in die Tat umgesetzt werden. Jeder einzelne Staat versagt sich der Macht \u00fcber einen der anderen Staaten. Der Umgang mit den Parlamentariern miteinander m\u00fc\u00dfte auf der Basis der Menschenrechte und der Menschenw\u00fcrde stattfinden, die im Gegen\u00fcber den Menschen sieht, dessen Recht und W\u00fcrde auch im Parlament nicht verletzt werden darf. Parlieren hei\u00dft miteinander reden, aber nicht mit Worten aufeinander einschlagen, verd\u00e4chtigen, mit Dreck beschmei\u00dfen. Zur W\u00fcrde des Menschen geh\u00f6rt seine Intelligenz. Sie ist das Besondere, Menschliche in seiner animalischen Selbstbestimmung. Letztere ist wie bei den Tieren mit &#132;Zuckerbrot und Peitsche&#147; auch als Zuckerbrot-Peitsche k\u00e4uflich. Verf\u00fchrung und Bedrohung zielen darauf ab, dem Menschen seine Selbstbestimmung, das Animalische in ihm zu kaufen, seine Intelligenz au\u00dfer Acht lassend. Die Zuckerbrotpeitsche: Unsere Postboten machen ihre Arbeit zur Zeit im Laufschritt. Auf mein Befragen hin antworteten sie: Je schneller sie ihre Arbeit verrichtet h\u00e4tten, umso fr\u00fcher h\u00e4tten sie Feierabend. Wer das versucht, vergeht sich an der Menschenw\u00fcrde. Der Monotheismus nach Psalm 1 verletzt die Menschenw\u00fcrde, weil er die Menschheit vor die Wahl stellt, entweder zu denen zu geh\u00f6ren, die &#132;in seinen Gesetzen wandeln und reden von seinen Gesetzen Tag und Nacht&#147;. Oder zu den &#132;Gottlosen&#147;, den &#132;S\u00fcndern&#147; und &#132;Sp\u00f6ttern&#147;, die dem Todesurteil unterliegen: &#132;sie bleiben nicht im Gericht, noch in der Gemeinschaft der Gerechten&#147; und &#132;ihr Weg vergeht&#147;. &#132;Extra ecclesiam nulla salus&#147;! &#132;tertium non datur&#147;. Durch die Brille sehen die drei Religionen biblischen Ursprungs die Menschheit und einander. So kommt es zu der gegenw\u00e4rtigen Selbstzerfleischung gleicher Glaubenshaltung in der einer den anderen zum &#132;Gottlosen&#147; stempelt und ihn auszurotten oder missionieren zu m\u00fcssen meint, oder Einer dem Anderen das Missionieren bei sich verbietet. Der Antijudaismus ist im Grunde ein Antimonotheismus, in dem der unb\u00e4ndige Freiheitswille des Menschen sich\u00a0dagegen wehrt, an seiner Intelligenz vorbei etwas denken, entscheiden und tun zu sollen.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[656],"autoren":[635],"publikationen":[955],"class_list":["post-9690","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-religion","autoren-otto-wilhelmy","publikationen-955"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Der Monotheismus des 1. 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